Die Krönung der Schöpfung, Teil 1 von 3

Es begann damit, daß die Militärjet-Piloten seit geraumer Zeit über starke Beschwerden klagten. Gleichgültig ob jung oder alt, nach den Landungen spielten die Muskeln verrückt, von den Gelenken ganz zu schweigen. Und diese Kopfschmerzen! Zwar steckten sie alle in jenen teuren, in den USA entwickelten Anti-Gravitationsanzügen, die verhindern sollten, daß bei engen Kurvenflügen das Blut in die Beine gepreßt wird, was zu einer Blutleere im Kopf und somit zu plötzlichen Ohnmachtsanfällen führen konnte. Dazu trugen sie federleichte Spezialhelme, die ihnen sowohl eine Sicht nach vorne als auch in die entgegengesetzte Richtung erlaubten; wie es ihnen die bunten Chamäleons so unnachahmlich vorführten. Allein, glücklich wurden die Piloten damit nicht.

Vieles wurde getestet. Myriaden von Mitarbeitern in technischen Labors und Versuchsanstalten mühten sich, diese Anzüge zu optimieren. Manche wurden dort mit Flüssigkeiten gefüllt, andere mit Helium. In Momenten der Unachtsamkeit geschah es zuweilen, daß sich einer dieser gasgefüllten Overalls unerlaubt von der Druckanlage entfernte, hektisch durch die Labors düste – wie eine wildgewordene aufblasbare Gummipuppe aus einem S e x s h o p, der man unversehens den Stöpsel herausgezogen hat – und dabei Geräusche von sich gab, die bei allem Wohlwollen nicht mehr als salonfähig zu bezeichnen waren. Andere Modelle füllte man mit einem Gel, das ihnen ein Aussehen verlieh, als bestünden sie aus Wackelpudding.

Es half alles nichts. Die neueste Generation der Flugzeuge war derart wendig, ließ so viel G-Beschleunigung im positiven wie im negativen Bereich zu, daß der fragile menschliche Leib mit der Aufgabe, ein solch hochmodernes Flugzeug bis an seine Belastungsgrenzen zu fliegen, schlicht überfordert war.

Die Konstrukteure dieser Wunderwaffen gerieten außer sich. Hatten sie doch ihr Mögliches getan, die Technik auszureizen; und nun versagte der Mensch. Schwächlinge. Alle.

Noch außersicher zeigten sich die Politiker, die jene unglaublich teuren Maschinen bestellt und, nachdem der Kostenvoranschlag vom tatsächlichen Endpreis – wie gewöhnlich – mühelos um das Dreifache übertroffen worden war, mit Steuergeldern bezahlten, die sie – wie gewöhnlich – noch gar nicht eingenommen hatten.

Am außersichsten jedoch waren die Militärs. Die Piloten sollten sich gefälligst am Riemen reißen und ihren Inneren Schweinehund bekämpfen, legte General Mordekai Luft-Ikus ihnen nahe, Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Die Replik folgte auf dem Fuße. Die toptrainierten Flieger empfahlen jenem Polemiker, er möge doch zu aller erst seinen eigenen – äußeren – Schweinehund zu bändigen suchen.

Vier-Sterne-General Luft-Ikus zerriß daraufhin in einem Anfall von Schwermut seine schönste Parade-Uniform in feine Streifen, griff beherzt in den Kamin und streute heiße Asche auf sein Haupt; was ihn die letzten Haare kostete. Denn auf sein Betreiben hin waren diese Kampfjets angeschafft worden; kurz vor seiner Pensionierung hatte er sich noch ein Denkmal setzen wollen.

Die Gazetten berichteten ausgiebig über das Desaster. Manch einer, der zu dem Zeitpunkt gar keinen Hut besaß, mußte wohl oder übel einen erwerben, um denselben hernach zu nehmen und sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Eine führende Militär-Nation lag am Boden, es war eine Katastrophe. In den Hangars stand eine Unzahl hypermoderner Flieger, die kein Mensch adäquat zu steuern wußte.

Eine Zeitung brachte es auf der ersten Seite mit folgender Schlagzeile auf den Punkt: Hat sich die Technik selbst überholt? Bauen wir Fahrzeuge, die niemand mehr fahren und kostspielige Flugzeuge, die kein Mensch mehr bezahlen, geschweige denn fliegen kann?

Am Frühstückstisch bei Schwarzbrot, Marmelade und Grünem Tee saß Professor Neulich, seines Zeichens Biologe, Ornithologe und Leiter eines Forschungslabors für ‚Kommunikation zwischen unterschiedlichen Arten’. Er hatte die Zeitung auf dem Schoß und grübelte. Kein Mensch? Immer wieder murmelte er kauend diese beiden Worte vor sich hin. Kein Mensch … Seine Gattin warf ihm einen fragenden Blick zu. In letzter Zeit bekam sie ihn selten zu Gesicht.

In seinem renommierten Uni-Labor war es erstmalig gelungen, die Sprache einiger Vogelarten zu entschlüsseln und so in intellektuellen Kontakt zu treten mit den gefiederten Leichtgewichten. Und es war eine Menge, was die zu erzählen hatten. Die Meisen z. B. beklagten sich darüber, als hauptsächliche Pflanzenesser während der Brutzeiten ständig fleischliche Kost an ihren Nachwuchs verfüttern zu müssen. Denn manche Raupen schmeckten – gewöhnungsbedürftig. Die Raben forderten mehr Respekt gegenüber ihren durchdringenden Lautäußerungen. Schließlich krächzten sie nicht aus freien Stücken so nervtötend. Die Eulen räumten ein für allemal mit der gängigen Meinung auf, ‚ihre Augen funktionierten bei Tage nicht so gut und sie benötigten eine Brille’. Alles Quatsch, stand auf einer Petition, die sie gemeinsam verfaßt hatten. Und so weiter.

So tief war Professor Neulich seinen Forschungsarbeiten verhaftet, daß er beinahe selbst schon als Vogel hätte gelten können. Ausgestattet mit einem grauen Haarschopf, dem eines afrikanischen Sekretärs nicht unähnlich, und einer Nase, die so manchem Seeadler zu Ehren gereicht hätte, stolzierte er mit seinen dünnen Storchenbeinen in seinen heiligen Hallen einher, als imitierte er seine Versuchsobjekte.

Aber Professor Neulich tat alles andere als dies. Seine Computer verfügten über Batterien ausgetüftelter Sprachprogramme, eigens entwickelt für die ihm anvertrauten fliegenden Probanden – einzigartig auf der Welt. Seit Monaten verbrachte der Ornithologe die meiste Zeit mit seinen Vögeln in freier Wildbahn. Käfige waren verpönt, die hatte er gleich zu Beginn abgeschafft. Kein Tier brachte einem Menschen auch nur das geringste Vertrauen entgegen, wenn es eingesperrt war. Der Wissenschaftler ließ seinen Schützlingen alle Freiheiten. Sie durften sich paaren, wann und mit wem sie wollten, konnten fliegen wohin sie Lust verspürten und kehrten immer wieder freiwillig in sein Labor zurück. Dort gefiel es ihnen ausgezeichnet.

Darüber hinaus waren sie angehalten, ihre Speisen selbst zu bestimmen. Bei den Rabenvögeln war demnach zweimal die Woche Pizza-Quattro-Stagioni angesagt, und die Eulen schwärmten für Thunfischsalat mit Mayonnaise. Nichts war dem Professor zu teuer für seine Tiere, zuweilen zweifelte er sogar an jenen Klassifizierungen, die Menschen und Tiere so gnadenlos trennten. Sie waren etwas zu überheblich geraten, wie er meinte.

Wenn sie sich in die Lüfte erhoben und er mit ihnen in Verbindung trat, über Funk seine Wünsche äußerte, die – meist – prompt erfüllt wurden, dann sollte man die Aktionen in seinem Beisein lieber nicht als Dressurakte bezeichnen. Diesen Begriff mochte der Ornithologe gar nicht.

Eine Dressur war seiner Ansicht nach eine Zirkusvorführung, während der ein tonnenschwerer indischer Elefant vor staunendem Publikum auf überfüllten Tribünen voller Würde in die Arena trat, mit beiden Vorderbeinen lässig auf ein graziles Podest dirigiert wurde, um den Rüssel in Richtung der Zirkuskuppel zu recken. Hierbei ließ er zuweilen- simultan und mit ebensoviel Würde – aus seinem hinteren ‚Rüssel’ einen halben Hektoliter Flüssigkeit im Sägemehl der Arena versickern, begleitet von dampfenden Ballen undefinierbarer Couleur. Das war eine Dressurleistung sondergleichen.

Neulichs Vögel jedoch taten exakt, was er ihnen sagte. Worum er sie bat – um genau zu sein. Denn die Tiere akzeptierten keinen Zwang; wie das im übrigen kein Lebewesen gerne tut. Ergo bat der Professor den Waldkauz, ganz dicht über dem Boden zu fliegen und mit seinen Schwingen die Halme der Wiesen zu streicheln. Der tat das mit Vergnügen, bekam er doch stets eine frische Maus zu seinem Thunfischsalat gereicht. Der Sperber flog auf Wunsch in Rückenlage über die Bäume, und die Meisen zeigten eine Formation, wie man sie sonst nur bei Enten auf dem Flug gen Süden beobachten konnte. Neulich war unsagbar stolz auf seine Freunde, wie er sie nannte. Und gegen ihre Akrobatik erwies sich jene der besten Kunstflieger auf diesem Planeten als eher dilettantisches Manöver.

Erneut schaute Professor Neulich auf die Schlagzeile der Samstagszeitung und faßte einen Entschluß. Er fuhr in sein Labor, wie er es jeden Tag zu tun pflegte, gleichviel ob ein Werktag oder ein Sonntag im Kalender zu verzeichnen war. Seine Schützlinge waren seine Kinder, und dies galt erst recht an den Wochenenden.

Im Labor wurde er lautstark empfangen. Ein vielstimmiger Chor schallte ihm schon entgegen, als er seinen Wagen auf den Parkplatz lenkte. Vögel verfügen über ein ausgezeichnetes Gehör. Manche waren gar in der Lage die menschliche Stimme zu benutzen. Mit jenen Vögeln kommunizierte der Universitätsprofessor ohne fremde Hilfsmittel. Von Mund zu Ohr quasi. Und dann klang das Krächzen der Krähen überhaupt nicht mehr so schaurig.

Lange unterhielt sich der Professor mit seinen Freunden, brachte das Problem der Luftwaffe aufs Tapet und erntete zu Beginn zur mitleidiges Gezwitscher. Er hatte nichts anderes erwartet; seine Vögel waren eben sehr kluge Wesen. Aber es gelang ihm schließlich, sie für seine Absicht zu begeistern, indem er ihnen in Aussicht stellte, sie dürften dazu beitragen, die Krönung der Schöpfung, die Flieger dieser künstlichen Vögel – und mit ihnen das Militär – bis auf die Knochen zu blamieren.

Tags darauf wurde Professor Neulich bei der Luftwaffe vorstellig, ließ sich die modernsten Fluggeräte vorführen und deren Leistungsdaten zeigen. Die Verantwortlichen wußten zunächst nicht so recht, was der Biologe von ihnen wollte. Dabei war es offensichtlich, daß er nichts haben wollte, sondern etwas zu geben gedachte. Als er gegen Ende seinen kühnen Plan kundtat, sorgte er für einige Verwirrung.

„Sie machen sich über uns lustig!“ warf ihm General Luft-Ikus barsch vor.

Aber der Forscher war in dieser Hinsicht ziemlich humorlos, ging es doch auch um das Wohlbefinden seiner Schutzbefohlenen. Schließlich plauderte er über seine Erfolge, sah sich genötigt, den Anwesenden ein Video vorzuführen, was sie zwar nicht überzeugte, aber doch ihre Neugierde weckte. Nichts anderes war seine Absicht gewesen.

Am Schluß lud er die Herrschaften für die nächste Woche zu sich an die Uni ein, ihnen ein paar Lektionen zu erteilen. Widerstrebend willigten sie ein. Vielleicht war ja doch etwas dran an den Geschichten dieses Vogel-Narren.

Wenige Tage später zeigte der Biologe ranghohen Militärs unter freiem Himmel, was er unter gekonnten Flugmanövern verstand; und seine Piloten enttäuschten nicht.

„Schön und gut“, raunte ihm General Mordekai Luft-Ikus nach der Vorführung ins Ohr, das noch immer etwas angesengte Haupt eitel mit einer Mütze bedeckt und ein überhebliches Grinsen im Gesicht, „wie aber sollen sie“, und nun konnte er ein Lachen doch nicht mehr unterdrücken, „wie sollen sie ein – Flugzeug fliegen?“

„Unsere Software wird dafür sorgen“, entgegnete ruhig der Professor. „Wir haben bereits Verbindungen zwischen den Gehirnen der Vögel und kompliziertesten Bedienungselementen geschaffen. D. h. alles, was ein Vogel zu tun beabsichtigt, wird einen Wimpernschlag später ausgeführt. Kein Mensch kann so schnell reagieren wie ein Vogel.“

– Fortsetzung folgt –

Abb: © Marcel Gerber / pixelio.de

Abb: © Marcel Gerber / pixelio.de

Teil 2: http://www.tiergeschichten.de/2014/07/09/die-kroenung-der-schoepfung-teil-2-von-3/
Teil 3: http://www.tiergeschichten.de/2014/07/09/die-kroenung-der-schoepfung-teil-3-von-3/




Autor: Francesco Lupo

Franz.wolf@krdnet.de


Fotograf/Künstler: © Marcel Gerber / www.pixelio.de

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