Emma Brockes: Sie ging nie zurück – Die Geschichte eines Familiendramas

Emma Brockes: Sie ging nie zurück – Die Geschichte eines Familiendramas, München 2014, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-26016-9, Klappenbroschur, 351 Seiten mit zahlreichen s/w-Fotos, Format: 21 x 13,6 x 3,2 cm, Buch: EUR 15,90 (D), EUR 16,40 (A), Kindle Edition: EUR 13,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

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„Pass auf“, sagte mein Vater.
„Warum?“, schnaubte ich. „Gefährlich kann es nicht sein. Alle Beteiligten sind tot.“
„Nein“, sagte er. „Ich meine, pass auf, wie viel von dieser Geschichte du wissen willst.“
(Seite 79)

Emma Brockes wächst behütet in einer britischen Mittelschichtsfamilie auf. Ihr Vater ist Rechtsanwalt, ihre Mutter arbeitet in Teilzeit als Buchhalterin bei einem Juwelier. So weit, so normal. Wenn auch die Mutter einen Hang zum Drama hat, auf die Engländer herabsieht und von ihrer Jugend nur in vagen Andeutungen spricht. Sie ist als älteste von 8 Geschwistern in Südafrika aufgewachsen. 1960 kam sie nach London, änderte ihren Vornamen in Paula und heiratete irgendwann John. Wenn sie von Südafrika erzählt, dann nur witzige Anekdoten oder Geschichten über die Natur und die Tierwelt.

Einmal rutscht ihr die Bemerkung heraus: „Mein Vater war ein gewalttätiger Alkoholiker und Kinderschänder.“ (Seite 34) Viel mehr weiß auch ihr Mann nicht. Und die Tochter traut sich nun nicht mehr nachzufragen. Erst nach Paulas Tod macht sich die nun 27jährige Journalistin Emma auf den Weg nach Südafrika um ihre Verwandten zu finden – und die Geschichte ihrer Mutter.

Ihre südafrikanische Familie ist riesig, untereinander zerstritten und skurril bis leicht gesindelich. Onkel Tony ist ein alkoholkranker Esoterikspinner, der in einer Garage haust. Tante Doreen, die Künstlerin, hat so ziemlich alles an Sekten durch, was der Markt hergibt und wohnt mal hier, mal da. Onkel Mike, Paulas bester Freund in der Familie, ist mit Anfang 40 an den Folgen seiner Alkoholsucht gestorben. Onkel John lebt in Kalifornien und will mit der ganzen Mischpoche nichts mehr zu tun haben. Tante Fay (Faith) und Onkel Steven, der einsiedlerische Psychologe, sind relativ normal. Vom unüberschaubaren Geschwader der (Ex-)Partner, Stiefkinder, Vettern und Cousinen sitzt der eine oder andere im Knast.

Wenn die Onkel und Tanten auch vieles vergessen oder verdrängt haben und/oder nicht mehr ganz bei Sinnen sind: Als Journalistin stellt Emma die richtigen Fragen und recherchiert auch unabhängig von der Familie bei Freunden der Mutter und in offiziellen Quellen. Nach und nach ergibt sich ein bestürzendes Bild einer dysfunktionalen Großfamilie, in der Gewalt an der Tagesordnung war.

Paula, die Älteste, hat stets ihr Möglichstes getan, ihre sieben Halbgeschwister vor den Übergriffen ihres brutalen Vaters zu beschützen. Wenn sie schon misshandelt und missbraucht worden war, wollte sie wenigstens ihren jüngeren Brüder und Schwestern vor diesem Schicksal bewahren. (Stief-)Mutter Marjorie hatte nicht das Format, ihrem tyrannischen Mann entgegenzutreten. Paula ist es, die ihn vor Gericht bringt. Der Verlauf und der Ausgang des Prozesses sind ein Skandal. Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste! Emma stößt auf einen weiteren dunklen Punkt in ihres Großvaters Vergangenheit. Davon wussten noch nicht einmal ihre Onkel und Tanten. Und sie erfährt, warum ihre Mutter wirklich das Auswandern als vorletzten Ausweg gesehen hat.

Jetzt erst ergibt Paulas exzentrisches Verhalten einen Sinn. Bleibt noch die Frage, wie sie es gemeint hat, wenn sie immer sagte, ihre Geschwister Fay und Steven seien ihre Babys …

Je mehr Emma über die Vergangenheit ihrer Mutter erfährt, desto unfassbarer erscheint es ihr, dass Paula all diese schrecklichen Erlebnisse für sich behalten hat. Konnte sie nicht darüber sprechen oder unternahm sie eine übermenschliche Anstrengung, um ihre Vergangenheit zu verschweigen?

„Wenn du eine schlimme Kindheit hattest“, sagt Emmas Patenonkel Edward Mendelsohn, „beeinflusst das dein ganzes späteres Leben. Im besten Fall entwickelst du die Fähigkeit, dafür zu sorgen, dass dein eigenes Kind von den Erfahrungen verschont bleibt, die du gemacht hast. Manche Menschen sind jedoch zu gebrochen um das zu können.“ (Seite 340) Paula hatte die Kraft. Und dafür hat Edward sie immer bewundert.

Edward ist wohl der Mensch, Paula am besten verstand. 10 Jahre war er alt, als er als Flüchtling mit dem Kindertransport aus Wien nach England kam. Er hat das vom Krieg zerrissene Europa erlebt und „nicht nur die Familie sondern auch ein Land und eine Art zu Leben verloren“. (Seite 340) Paula und er waren beide Überlebende und Emigranten. Dass Paula all ihre traumatischen Jugenderinnerungen vor der Welt verschließen, in einem anderen Land noch einmal von vorn anfangen und sogar glücklich werden konnte, ist in der Tat eine beachtliche Leistung. Ihre Geschwister hatten da weit weniger Glück.

Emma Brockes geht nicht voyeuristisch ins Detail. Was sie andeutet oder aus nüchternen Gerichtsprotokollen zitiert, ist entsetzlich und albtraumhaft genug. Und wie das so ist bei Geschichten, die das Leben schrieb: Man kann der Verfasserin nicht die Schuld an den Taten der Personen geben. „Wie konnte er nur …?“ und „Da hätte man doch …!“ nutzen hier nichts. Die Menschen gab oder gibt es und sie haben das getan, was wir hier lesen, wie unbegreiflich es uns auch erscheinen mag.

Auch für die Anzahl der in die Geschichte verstrickten Personen ist die Autorin nicht verantwortlich. Die Familie DeKiewit hatte nun mal 8 (überlebende) Kinder. Doch man wird fast irre bei dem Versuch, beim Lesen den Überblick über die verwandtschaftlichen Beziehungen zu behalten. Zumal die Anzahl der Geschwister nicht mit der Erzählung übereinstimmt. Es hat 4 Schwestern und 4 Brüder gegeben, doch eine Schwester kommt in der Geschichte gar nicht vor. Die Rede ist immer nur von Paula, Fay und Doreen. Und von den Brüdern Mike, Tony, John und Steven. Zahlenfreaks macht sowas nervös. Ich hab wie wild vor- und zurückgeblättert um die fehlende Schwester zu finden. Aber sie wird nirgends erwähnt. Auf dem Foto von Seite 289 ist sie abgebildet. Es gab sie wirklich und sie hieß Kay. Das erfährt man aber erst aus einem Stammbaum im Internet. Vielleicht wollte sie nicht im Buch genannt werden und man dachte, bei den vielen Leuten merkt der Leser sowieso nicht, wenn da eine Person fehlt …

In diesem Buch wäre ein gezeichneter Stammbaum überaus hilfreich gewesen.

Gut – genug der Erbsen- bzw. Schwesternzählerei: SIE GING NIE ZURÜCK beschreibt eindrucksvoll eine verstörende Spurensuche und zeichnet liebevoll das Porträt einer starken und mutigen Frau.

Die Autorin
Emma Brockes schreibt für den ‚Guardian‘, die ‚New York Times‘, ‚Vogue‘, ‚Harper’s Bazaar‘ u.a. Sie wurde mit mehreren journalistischen Preisen ausgezeichnet und lebt in New York.

Ein Interwiew mit der Autorin (englisch):




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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1 Kommentar

  1. Das Zitat am Anfang zwingt dich den Artikel zu lesen. :O Top!

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