Maya Seidensticker: We love fashion – Röhrenjeans und Schulterpolster (12 – 15 Jahre)

Maya Seidensticker: We love fashion – Röhrenjeans und Schulterpolster, Bindlach 2014, Loewe Verlag, ISBN 978-3-7855-7884-1, Klappenbroschur, 191 Seiten, Format: 21,1 x 13,4 x 2,2 cm, Buch: EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A), Kindle Edition: EUR 7,99.

Abbildung: (c) Loewe-Verlag

Abbildung: (c) Loewe-Verlag

Mode liegt den Schwestern Hanna (17) und Lucy (15) im Blut. Hanna ist bereits auf der Bernstein-Modeschule einem exklusiven Internat, das weitab vom Schuss in Brandenburg liegt. Lucy, die jüngere Schwester, ist derzeit ebenfalls dort, um sich für die Aufnahmeprüfung vorzubereiten. 6 Wochen hat sie Zeit, eine Modenschau mit allem Drum und Dran auf die Beine zu stellen – mit 3 typischen Outfits der 80er Jahre. Jedes Modell muss als farbige Skizze präsentiert werden und – selbst genäht! – mit einem Model auf dem Laufsteg. Natürlich mit passender musikalischer Untermalung.

80er Jahre also. Mehr als Dauerwelle und Schulterpolster fällt Lucy nicht dazu ein. Wie soll man auch den Geist dieser Zeit einfangen, wenn man selbst erst Ende der 90er Jahre geboren wurde?

Auf die leichte Schulter darf Lucy die Prüfung nicht nehmen, denn es sind vier Bewerber und es gibt nur zwei Plätze. Mitbewerber Lasse scheint ja ganz nett zu sein, Konkurrent Ben nimmt die Sache nicht sonderlich ernst und Laetizia, Lucys Zimmergenossin, ist derart ehrgeizig, dass sie sogar bereit ist, zu unlauteren Mitteln zu greifen.

Eine 80er-Jahre-Party in einem Club soll den Schwestern die nötige Inspiration bringen. Doch irgendwie ist diese Veranstaltung authentischer als vermutet. Bald stellt sich heraus, dass Hanna und Lucy tatsächlich im Jahr 1985 gelandet sind! Das ist als Anschauungsmaterial für die Modenschau natürlich ideal. Aber vordringlich sind im Moment ganz andere Fragen: Wie, zum Geier, ist das passiert? Und wie kommen die Schwestern wieder zurück in die Gegenwart? Moderne Gegenstände wie ihre Handys wurden nicht mittransportiert. Ein Anruf aus einer Telefonzelle, angesichts derer sich zunächst mal die Frage stellt, wie überhaupt eine Wählscheibe funktioniert, bringt nichts, weil es die Schule im Jahr 1985 noch gar nicht gegeben hat. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Die Bahn zurück ins Internat gibt es auch noch nicht. Und was das allerkrasseste ist: Die Berliner Mauer steht noch!

Den Schwestern kommt der Verdacht, dass all die phantasievollen Geschichten, die ihnen ihre Oma immer erzählt hat, gar keine Märchen waren. Sie ist tatsächlich durch diese Epochen gereist und muss ihnen diese Fähigkeit vererbt haben. Wenn Oma es geschafft hat, stets in ihre eigene Zeit zurückzukehren, muss dieses Phänomen steuerbar sein. Fragt sich nur, wie. Die Großmutter hätte ihren Enkelinnen aber auch eine Gebrauchsanweisung zu diesem Talent mitgeben können! So müssen sie sich das notwendige Wissen selbst erarbeiten.

Ob und wie sie das Zeitreisen meistern und was das für die Aufnahmeprüfung, erzählt uns (das Autorenduo) Maya Seidensticker auf spannende und amüsante Weise.

Abgesehen von dem Schrecken, den wohl jeder empfände, wenn er sich auf einmal in einer anderen Zeit als in der Gegenwart wiederfände, ist es schon lustig, was diese Reise in die Vergangenheit für Teenager von heute bedeutet: Die Mode ist aus heutiger Sicht lächerlich, die Filme und Songs, die damals en vogue waren, kennen sie als Oldies oder gar nicht. Der Jugendslang ist ganz anders als der von heute, und sie müssen dauernd auf ihre Worte achten. Und vor allem ist es eine Kultur, die ohne Internet und Handy funktioniert. Wie genau, ist den beiden ein Rätsel. In einem Jahrzehnt, das die Eltern- und Großelterngeneration miterlebt hat, fühlen sie sich so fremd wie auf einem anderen Planeten.

Auch Zeitzeugen erscheint manches exotisch, nicht nur im Rückblick. Hatte man damals wirklich einen Hang zu albernen Wortspielen?. Und New Romantic? Nie gehört! Es kommt wohl sehr darauf an, wie alt man damals war und in welcher Szene man sich bewegt hat. Hätten Hanna und Lucy mich in den 80er Jahren besucht, hätten sie strickende Studenten vorgefunden, langhaarige junge Frauen in Jeans oder Latzhosen, in Männerhemden oder selbstgestrickten Rundpassenpullovern, friedensbewegt, frauenbewegt und im Umweltschutz aktiv. Auch das waren die 80er. Zugegeben: Modisch gesehen hätte das die zwei nicht viel weitergebracht. Kulturell wahrscheinlich auch nicht: Wir hörten die Musik der Neuen Deutschen Welle und sahen uns im Fernsehen DALLAS und DIE SCHWARZWALDKLINIK an.

Zeitreisen sind ein faszinierendes Thema! Das vorliegende Buch ist der erste Band einer Reihe. Es wird Lucy und Hanna also noch in andere Epochen verschlagen. Sind sie eigentlich die einzigen, die diese Gabe haben oder werden sie irgendwann anderen Reisenden begegnen? Es gibt sicher Meilensteine der Weltgeschichte, die für Zeitreisende regelrechte Pilgerstätten sind. Manches Ereignis war in Wirklichkeit bestimmt ganz anders, als es in den Geschichtsbüchern steht. Und das weiß man dann und kann es niemandem erzählen. Wie sollte man auch erklären, dass man dabei gewesen ist? Ja, das Reisen durch die Zeit hat schon seinen ganz eigenen Charme.

Ein bisschen ins Schleudern kommt der Leser möglicherweise mit all den Leuten, die an der Schule herumwuseln. Dem Thema „Mode“ entsprechend wird jeder mit seinem Look beschrieben. Ich konnte mir mit Müh und Not Lucy vorstellen – und die Direktorin Lilian Eastbrook. Die erinnerte mich an Anna Wintour. Aber das Aussehen der Haupt- und Nebenfiguren ist auch nicht das Wichtigste. Ihre Beziehungen untereinander sind es. In der Hauptsache geht es um Freundschaft und Rivalität. Da gibt es Überschneidungen, und das führt zu Konflikten. Und natürlich geht’s auch um die schrägen Zeitreise-Abenteuer, bei denen grundsätzlich alles möglich ist. Auch dass man plötzlich als Backgroundtänzerin für Donna Summer vor der Fernsehkamera steht …

Man darf gespannt sein, was die beiden Schwestern noch alles erleben. Sie sollen ihre Gabe zur Zeitreise nur gut nutzen, denn sie werden sie voraussichtlich eines Tages verlieren …

Die Autorinnen
Hinter Maya Seidensticker verbirgt sich das Autorinnenteam Heike Abidi und Tanja Janz, die gemeinsam mit ihren Leserinnen in vergangene Modejahrzehnte eintauchen.

Heike Abidi, Jahrgang 1965, entdeckte schon sehr früh ihre Liebe zu Büchern und zum Schreiben. Nach dem Abitur studierte sie in Gießen Sprachwissenschaften und arbeitet heute als freiberufliche Werbetexterin und Autorin. Mit Mann, Sohn und Hund lebt sie in der Nähe von Kaiserslautern.

Tanja Janz gehört zur Generation der Kassettenkinder und wollte schon als Kind Schriftstellerin werden. Nachdem sie ihren großen Traum mit 11 Jahren zunächst einmal begraben und später eine Karriere als Lehrerin gestartet hatte, lockten sie die Geschichten nach einer Weile doch wieder. Seitdem schreibt sie und kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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3 Kommentare

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    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 16. Juni 2014 at 09:07
    • Antworten

    Wenn man sieht, wie abhängig die junge Generation vom Handy ist, möchte man am liebsten ALLEN eine Zeitreise verordnen. Wie „altbacken“ das jetzt klingt…?! Aber ist es nicht so? Zum Thema Mode, das mich schon immer wenig interessiert: Kommende Generationen werden sich tot lachen über Erscheinungen heutiger Zeit. Zum Beispiel über dicke, schwarze Brillengestelle, die schon seit Monaten als „chic“(??!) gelten. Oder Ringe in der Nase, oder…oder…oder. Der Mensch ist zu jeder Scheußlichkeit bereit, wenn sie nur als „IN“ gilt.

    1. Meine Mutter war Schneiderin, ich bin zwischen Nähmaschinen, Kurzwaren, Kundinnen und Klamotten aufgewachsen. Mode interessiert mich schon … vor allem die Geschichte der Mode. Wer trug wann was und warum? Die Klamottenfrage ist immer im gesellschaftlichen Zusammenhang zu betrachten. Meist kapiert man aber erst hinterher, was da lief. In den 80-er Jahren dachte ich allen Ernstes, dieses Jahrzehnt habe gar nichts Charakteristisches. Wenn man mittendrin steckt, kommen einem Dauerwellen, Karottenhosen, Neonfarben und Schulterpolster tatsächlich normal vor. 😀

  1. Was sicher auch noch interessant ist: Wenn man das gedruckte Buch gekauft hat, bekommt man ein e-book gratis dazu. Im Buch ist eine URL und ein Link genannt, wo man das dann herunterladen kann.
    (Klappt sowas? Ruft das keine Trittbrettfahrer und Leistungserschleicher auf den Plan, die Fremdcodes abfotofrafieren und selber nutzen?)

  1. […] Rezension zu “We love Fashion, Band 1″ im Buchblog Tiergeschichten […]

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