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Ulrike Renk: Das Miezhaus – Roman

Ulrike Renk: Das Miezhaus, München 2014, Feelings/Verlagsgruppe Droemer Knaur, ISBN 978-3-426-42524-4, Seitenzahl der Printausgabe: 277, Kindle Edition: EUR 4,99.

Abbildung: (c) feelings

„Du machst ein Miezhaus auf“, sagte Sam lachend.
„Ein Miezhaus?“ Judith sah ihn mit großen Augen an und kicherte dann. „Das ist ein herrlicher Name für eine Tierpension.“ Dann wurde sie wieder ernst. „Ich weiß nicht. Da muss ich mal in Ruhe drüber nachdenken. (…)“

Die ganze Familie hat ihr Leben im Griff, nur Graphik-Designerin Judith Sommer, Mitte/Ende 30, hat’s vermasselt. Vielleicht hat sie auch nur Pech gehabt: Mann weg, Haus weg, Job weg. Geblieben ist ihr ihre 14-jährige Tochter Esther, Hund Aputi, die Katzen Coonibert und Penelope – und zum Glück die Unterstützung ihres Vaters Jakob Weynreicher. In dem Mehrfamilienhaus, das ihrem Vater und ihrer Tante Ruth gehört, ist sie mit ihrem Anhang erst einmal untergekommen. Ein Job ist leider nicht in Sicht und ihrer Familie auf der Tasche liegen will Judith auch nicht. Wie soll es nur weitergehen?

Ihren ganzen Frust kriegt ein wildfremder Mann ab, der gar nichts für den Schlamassel kann: Dr. Alexander Naumann, der neue Mieter im Haus. Was stellt der aber auch so dreist sein protziges Auto auf ihren Parkplatz und lässt sein Gerümpel so dämlich im Hausgang herumstehen, dass Judith darüber stolpert und stürzt? Und überhaupt! Sie will keine Fremden im Haus. Immer haben hier nur Verwandte gewohnt!

Der arme Mieter weiß gar nicht, was die kratzbürstige Nachbarin gegen ihn hat. Er hat auch gerade ganz andere Sorgen: Seine Noch-Ehefrau und ihr neuer Lebenspartner haben Pläne, die es ihm sehr schwer machen werden, weiter Kontakt zu seinem Sohn Max zu halten.

Zunächst aus Jux, doch dann immer ernsthafter, brüten Judith und und ihr Cousin Sam eine Geschäftsidee aus: Judith, die so gut mit Hunden und Katzen umgehen kann, könnte doch eine Tierpension eröffnen. Das Geld für die nötigen Investitionen würde man in der Familie zusammenkratzen, und Sam hat ein paar Handwerker in seinem Bekanntenkreis, die ihm sicher einen Freundschaftspreis machen würden. Die Idee zum MIEZHAUS ist geboren. Doch so einfach, wie Sam sich das vorstellt, ist die Sache nicht. Es gibt eine Million Vorschriften. Und wenn die Familie Geld für ein Projekt locker machen soll, dann will sie erst einmal einen Businessplan sehen. Da sind die sind so streng wie eine Bank.

Während Judith und Sam an Miezhausplan werkeln, integriert sich Alex Naumann so ganz allmählich in die Hausgemeinschaft, nicht zuletzt dank seines bezaubernden kleinen Sohnes, der öfter mal zu Besuch ist. Hier im Haus ist man überaus gesellig und gastfreundlich. Judith kocht gern und gut, und wer immer gerade reinschneit, darf mitessen. So langsam kommt Alex zu dem Schluss, dass Judith Sommer gar nicht so übel ist. Und ziemlich attraktiv ist sie obendrein. Schade nur, dass sie mit diesem Nachbarn da liiert ist! Damit meint er ihren Vetter Sam. Anscheinend hat Alex, was die Leute im Haus angeht, so zwei, drei entscheidende Dinge noch nicht mitgekriegt …

Judith geht es ähnlich: Alex ist Tierarzt? Und er arbeitet in der Tierklinik, in der sie jetzt ihr Praktikum antritt? Das ist ja ein Zufall! Eigentlich ist er ja ganz nett. Aber er hat etwas gegen Tierpensionen. Das wird den nachbarschaftlichen Frieden nicht gerade fördern, wenn ihm Judith eine solche vor die Nase setzt. Was dann geschieht, kompliziert die Verhältnisse allerdings noch viel mehr …

„Eine Geschichte mit Herz und Tieren“, hat die Autorin DAS MIEZHAUS einmal genannt. Und das trifft es sehr gut. Man hofft mit den Menschen im Buch, dass für sie alles gut wird: dass Judith wieder auf die Beine kommt … dass Alex seinen Sohn nicht verliert … dass die Scheidungskinder Esther und Max die Enttäuschungen, Streitereien und ständigen Veränderungen gut verkraften – und dass das liebenswert-chaotische Mehrgenerationenhaus, in dem Judith wohnt, seinen Frieden und seinen Charme bewahrt.

Köstlich sind die zwei älteren Herrschaften, Jakob und seine Schwester Ruth. Wenn die auftauchen, gibt es immer was zu lachen. Jakob und der glücklose Klempner. Oder die Installation des Faxgeräts, an der die beiden so grandios scheitern … 😀 Die Geschwister sind zwar schon im Ruhestand, fechten aber immer noch die Rivalitäten ihrer Kindheit aus, nur geht es jetzt es eben um andere Themen als früher. Sie schreien, sie streiten, sie konkurrieren und sie haben ganz alberne Heimlichkeiten voreinander. Aber wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen wie Pech und Schwefel.

Judiths Familie ist liebevoll, großzügig und hilfsbereit – aber Diskretion und Distanz hat sie nicht gerade erfunden. Wenn sie etwas interessiert, mischen sie sich ein. Was ihnen durch die Birne rauscht, wird gesagt. Und wenn Essensdüfte durchs Haus wabern, weil Judith kocht, fallen sie ein wie die Heuschrecken und futtern ihr auch schon mal alles weg. Sie sind schon ein schräger Haufen und durchaus gewöhnungsbedürftig. Kein Wunder also, dass Dr. Alexander Naumann sich manchmal fragt, auf was für einem Planeten er hier gelandet ist. Man hätte ihm das gleich sagen können, aber was hätte ihm ein Etikett schon genutzt? Wie die „Aliens“ dieser multinationalen Großfamilie ticken, das muss er selbst herausfinden. Und so hat das ganze auch noch den Hauch einer Kulturclash-Komödie.

Dass Außenstehende sich über solche Familiengeschichten köstlich amüsieren, ist keine Frage. Das ist in diesem Buch ganz genau so. Doch um so eine Familie tagtäglich ertragen zu können, muss man schon hineingeboren sein. Oder man muss ihr beizeiten Grenzen setzen, denn sie selbst kennt keine. Wäre schon interessant zu sehen, wie Alex sich da weiter schlägt. Und wie das Miezhaus auf dem Markt einschlägt, das wüsste man auch gern …

Die Autorin
Ulrike Renk wurde 1967 in Detmold geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Dortmund und begann schon früh, ihre Leidenschaft für das Kochen zu entdecken. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften, Soziologie und Anglistik kocht sie nun am Niederrhein ihr Süppchen – und wenn sie das gerade nicht tut, schreibt sie genauso leidenschaftlich gerne historische Romane, Krimis und Jugendbücher.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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2 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    Eine Tierpension ist ja schon eine feine Sache—für die Tiere. Aber für die Nachbarschaft ? Kein Wunder, dass es viele Vorschriften gibt, bevor ein Katzen- oder Hundehotel entstehen kann.

    1. edithtg
      edithtg

      Erstens das – und man will als Tierhalter ja auch sicher gehen, dass man qualifizierten Menschen seine Tiere überlässt. So gesehen sind die Vorschriften natürlich sinnvoll.

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