Susanne Gerdom: Aethersturm (14 – 17 Jahre)

Susanne Gerdom: Aethersturm, Berlin 2014, Ueberreuter, ISBN 978-3-7641-7012-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 398 Seiten, Format: 22,2 x 13,4 x 3,4 cm, Buch: EUR 16,95 (D), EUR 17,50 (A), Kindle Edition: EUR 13,99.

Abbildung: (c) Ueberreuter

„Die Engel standen vor Wien, der Zeitlose Orden war angegriffen worden und hatte sich unerreichbar verschanzt, Horatius Tiez war verschwunden, sein labyrinthisches Haus war in einem Zeitwirbel verschlungen worden, als der endlose Korridor kollabierte, ihre Mutter wurde nach und nach von einem Aetherleck verschlungen, das zuerst nur ihre Hand gefressen hatte (…).“ (Seite 94)

Der Engelskrieg
Wien 1885 – aber nicht so, wie wir es kennen. Die Menschen decken ihren Energiebedarf, indem sie Elementarwesen aus dem Stillen Land versklaven. Das ruft andere Bewohner dieser Sphäre auf den Plan, die Leukoi, denen der Schwund an Elementaren große Probleme bereitet. „Engel“ werden die Leukoi wegen ihrer äußeren Erscheinung genannt, aber so friedfertig sind sie nicht. Sie haben den Menschen den Krieg erklärt und verlangen die sofortige Befreiung der Elementare.

Professor Horatius Tiez, der uralte Zeitmeister, ist an diesen Entwicklungen nicht ganz unschuldig. Er sähe den Krieg nur zu gerne beendet, aber wenn die Elementare in ihre Sphäre zurückkehren, sitzt die Menschheit in Kälte und Dunkelheit. Das geht auch nicht. Alternative Energien müssten her…

Die Unterwelt
Der 14-jährige Jenö ist ein Halbengel. Seinen menschlichen Vater kennt er nicht. Seit dem gewaltsamen Tod seiner Mutter schlägt er sich mit Hilfe seiner vier Elementar-Gefährten in der Wiener Unterwelt durch. Das ist hier wörtlich zu verstehen: In der Kanalisation der Stadt existiert eine Parallelgesellschaft, regiert vom Strotterkönig, dem Oberpani Emmerich Kalk und seinen Mannen. Die Strotter sehen den stetigen Flüchtlingszustrom seit Kriegsbeginn mit Sorge.

Der Zeitkorridor
Auch Jenö und seine Gefährten sind in der Unterwelt nicht willkommen. Also sucht er den Zeitmeister Professor Horatius Tiez in seinem Kramladen in der Kleeblattgasse auf. Dort ist Magie allgegenwärtig. Ständig verändern die Nebenräume Lage, Inhalt und Größe. Professor Tiez soll Jenö sagen, wie er in die Sphäre der Leukoi überwechseln kann. Das Gespräch verläuft so unerquicklich, dass der Junge wegläuft.

Als er wenig später nochmal zurückkehrt, ist der Professor verschwunden. Stattdessen trifft er auf Josip Grünwald, den übel beleumundeten ehemaligen Bruder Guardianus des Zeitlosen Ordens. „Der Zeitkorridor ist kollabiert“, eröffnet ihm Grünwald. Wenn Tiez nicht zurückkommt, um den Schaden zu beheben, bedeutet das das Ende der Welt. Jetzt kampiert Grünwald im Laden, um wenigstens zu verhindern, dass gefährliche Wesen aus dem Korridor kommen.

Da hier keine Hilfe zu erwarten ist, sucht sich Jenö den Weg ins Stille Land selber und geistert durch die verschlungenen Nebenräume des Ladens. Doch seine Gefährten und er landen nicht in der Heimat der Leukoi sondern in der Landesirrenanstalt am Brünnlfeld. Dort trifft er auch auf Professor Tiez, der an einer Maschine werkelt, die den Krieg beenden soll. Will er damit etwa die Engel vernichten? Oder erfüllt der Apparat einen ganz anderen Zweck? Vielleicht ist auch alles nur Mumpitz, weil der Professor nicht mehr Herr seiner Sinne ist.

Nach und nach tauchen weitere Personen in Tiez‘ Laden auf. Die Milvus-Brüder suchen ein Ersatzteil für ihr havariertes Aetherschiff, Katharina „Kato“ von Mayenburg erhofft sich Hilfe für ihre schwer verletzte Mutter, die kaiserliche Geheimagentin Katalin Nagy. Katalins Lebensgefährte Jewgenij Danilowitsch Sorokin erscheint, um Grünwald seine Hilfe anzubieten …

Die Landesirrenanstalt am Brünnlfeld
Bald wird eine weitere Rettungsmission notwendig. Erzherzogin Marie-Louise, genannt Mizzi, gelingt die Flucht aus der Hofburg, wo Reichskriegsminister von Windesberg sie festgesetzt hatte. Sie schlägt sich in die Unterwelt zu Katalin Nagy und Kato von Mayenburg durch und bittet um Hilfe für ihre Eltern und ihren Bruder, die in der Irrenanstalt am Brünnlfeld gefangen gehalten werden.

Die Milvus-Brüder, Kato, Mizzi und der Strotterprinz Luca Kalk machen sich auf den Weg, die kaiserliche Familie zu befreien. Doch Eifersucht und amouröse Verwicklungen belasten das Rettungsteam. Das sind nicht die besten Voraussetzungen für eine so gefährliche Mission.

  • Wird die Befreiungsaktion trotzdem gelingen?
  • Wird es Heilung geben für die schwer verletzte Katalin Nagy? • Ist Ex-Pater Josip Grünwald tatsächlich ein Verräter?
  • Kann Professor Tiez‘ Maschine wirklich den Krieg beenden? Und was genau macht das Ding?
  • Ist das überhaupt noch von Bedeutung? Denn wenn Tiez die Sache mit dem kollabierenden Zeitkorridor nicht in den Griff kriegt, geht die Welt sowieso unter.

Uff! Gar nicht so einfach darzulegen, worum es hier geht, zumal AETHERSTURM die Fortsetzung von AETHERMAGIE ist und man hier mal fix das ganze Roman-Universum erklären muss. Das heißt auch, dass es sinnvoll ist, Band 1 zeitnah gelesen zu haben, ehe man sich an Band 2 macht, weil man sonst möglicherweise die Personalkrise kriegt. (Woher kennen sich nochmal Josip und Jewgenji? Und was ist mit Katos Mutter passiert? Und mit dem Zeitlosen Orden? Ach, und Katalins Kollegen und die Leute von der Hofburg …). An die vier Varianten des Namens Katharina, mit denen man hier klarkommen muss, gewöhnt man sich recht schnell. Jetzt gibt’s noch einen dreifachen Eugen. 😉

Diese Komplexität ist eine Nebenwirkung der wunderbar phantasievollen, vielschichtigen und wohl durchdachten Steam-Fantasy-Welt, die uns hier präsentiert wird. Was inhaltlich einen gewissen Anspruch hat, erfordert eben auch ein wenig Konzentration. Für Leute, die nur häppchenweise zum Lesen kommen, ist das nicht immer einfach.

Sehr erfreulich: Die Frauen sind hier keine Tussis, nicht mal die Prinzessinnen! Sie bleiben nicht jammernd in ihrer Komfortzone sitzen und warten auf die Hilfe eines Prinzen. Sie ziehen selbstbewusst und entschlossen los und retten sich selber – und ein paar andere noch dazu.

Die Sprache in dem Roman ist bildhaft und wunderschön – ein Genuss! Und ein paar handfeste Überraschungen hat die Autorin auch noch für uns. Wir erfahren, was die Elementare für die Leukoi wirklich bedeuten. Und wir entdecken, dass nicht jeder der ist, für den wir ihn die ganze Zeit gehalten haben. Diese AETHER-Romane sind schon etwas Besonderes. Nicht nur für jugendliche Leser!

Die Autorin
Susanne Gerdom lebt, wohnt und arbeitet im Familienverband mit vier Katzen und zwei Menschen in einer kleinen Stadt am Niederrhein, bezeichnet sich selbst als „Napfschnecke“, die ungern ihr Haus verlässt, und ist während ihrer wachen Stunden im Internet zu finden. Wenn sie nicht gerade schreibt. Manchmal auch, während sie schreibt. Sie schreibt Fantasy für Jugendliche und Erwachsene für die Verlage Piper, ArsEdition und Ueberreuter. Man findet sie dort auch unter den Pseudonymen Frances G. Hill und Julian Frost.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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