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Franz Wolf

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Der verliebte Igel

So dringend wie heute verspürte er es noch nie! Niemals zuvor hatte den dreijährigen Igelmann die Sehnsucht derart übermannt, daß er sich, alle Vorsichtsmaßnahmen mißachtend, ins wilde, ins gefährliche Getümmel des nahe gelegenen Bauernhofes zu stürzen bereit erklärte.

Der Bauernhof, das war immer so eine Angelegenheit! Dort gab es auf der einen Seite die ausgefallensten Speisen. Angefangen von nestjungen Mäusen, über köstliche Regenwürmer, die er sich aus dem Misthaufen scharrte, bis hin zu den meist gut gefüllten Freßnäpfen von Hund und Katze.

Andererseits galt es heute wieder einmal, ganz profan seinen T r i e b zu befriedigen. Unser Igelmann, nennen wir ihn Fridolin, hatte die „Nacht der Nächte“ erlebt, als er vor wenigen Tagen die Bekanntschaft einer Artgenossin der besonderen Art machte. Ein stürmischer Liebhaber wie er hatte es ohnehin nicht leicht. Entweder die Auserkorenen verhielten sich regelrecht renitent, preßten ihren Bauch auf den grasbewachsenen Boden, um ihm jedwede Agitation unmöglich zu machen, oder aber sie liefen ihm einfach davon und versteckten sich in schmalen Spalten. Dort waren sie natürlich unerreichbar für ihn.

Vor einigen Tagen jedoch traf Fridolin, wie durch ein Wunder, auf eine Gespielin, die sich nicht so spröde aufführte, sie wohnte auf der Balkonterrasse des Bauernhauses. Nur durch Zufall war der Igel auf sie gestoßen, bei seiner Pirsch durch den nächtlichen Obstgarten. Zur späten Stunde war sein Bauch bereits gut gefüllt mit Insekten, Würmern, Schnecken alle Art, sogar ein paar von den reifen, süßen Zwetschgen hatte er verschlungen, die allerorts im hohen Gras verstreut lagen. Derart gesättigt fehlte ihm nur noch eines zum vollkommenen Glück: Eine kuschelige Freundin.

Seinem Geruchssinn konnte er an jenem Abend nicht so recht trauen. Denn einige dieser überreifen Früchte hatten sich bereits in einem gewissen Gärungsprozeß befunden und verwandelten sich in seinem vollen Magen in ein teuflisches alkoholisches Gebräu, welches ihn bereits im Vorfeld zu zahllosen unfreiwilligen Zickzacklinien zwang. Auch verstopfte das weiche Fruchtfleisch des Kernobstes seine empfindliche Nase. Einzig auf seine Augen mußte er sich in jener Nacht verlassen, die aber hatten leider eine alkoholbedingte Trübung erfahren, wiewohl sie ohnehin winzig und somit zum nächtlichen Sehen denkbar ungeeignet waren. Ergo tippelte Fridolin halbblind durch sein nächtliches Jagdrevier, bis er an die Hausmauer stieß. Seine feuchte Nase im stetigen Kontakt mit dem rauhen Putz der Wand, folgte er ihr bis hin zur Terrasse, und nur mit viel Mühe erklomm er dieselbe.

Mit einem Mal saß sie vor ihm; oder lag. So genau konnte er sich nicht mehr erinnern, denn die Dunkelheit auf der einen und die Untugend eines Vollrausches auf der anderen Seite ließen eine derart diffizile Unterscheidung nicht mehr zu. Allein ihr stacheliges und ungewöhnlich helles Hinterteil war es gewesen, was ihn stoppte. Das gnadenlose Ziehen in seinen fruchtbaren Lenden war zu jenem Zeitpunkt unerträglich geworden, und so stürzte sich unser Igelmann kurzerhand auf sein williges Opfer und v e r g e w a l t i g t e es gleich mehrmals. Er spürte nicht die geringste Gegenwehr. Kaum hatte er sein fleischliches Verlangen gestillt, als er auch schon von seiner Eroberung abließ, in Schlangenlinien das Weite suchte – es schließlich auch fand – und irgendwo gemütlich seinen Rausch ausschlief.

Voller Ungeduld, ob er sie heute nacht wohl wiederfinden würde, wagte er sich mutig in die Höhle des Löwen. Sich zunächst noch verborgen unter einem Stapel verrottender Bretter anschleichend, schnupperte er zuerst vorsichtig in Richtung der Hundehütte, von dort drohte die größte Gefahr. Aber der Hund schien nicht anwesend zu sein. Besser wäre es ja, und allemal vernünftiger, den Hof zu meiden, ihn zu umgehen, um von der anderen Seite ans Haus zu seiner Liebsten zu gelangen. Dies aber würde einen Umweg von mehreren hundert Metern und einen nicht zu akzeptierenden Zeitverlust bedeuten, das kam für Fridolin auf keinen Fall infrage. Seine Angebetete zu erreichen war sein vordringliches Ziel, alles andere wurde hinten angestellt.

Der Igelmann trippelte los und erreichte auf seinen kurzen Beinen schnell die Hundehütte. Die Kette lag lose am Boden, die Hütte war verwaist, ausgezeichnet! Fridolin machte am Napf Halt, schnüffelte kurz, prüfte die Qualität der Reste darin und entschloß sich, noch schnell ein wenig zu naschen. Laut schmatzend begann er sein Mahl; er mußte sich für sein bevorstehendes Liebesabenteuer stärken. Die verhängnisvollen Zwetschgen gedachte er am heutigen Tag zu meiden, irgendwie vernebelten sie ihm seine Sinne zu sehr. Er wollte doch hellwach sein für sein Tète à Tète.

Gerade würgte er genüßlich einen beträchtlichen Brocken des Hundefutters hinunter, als der Boden unter seinen Füßen zu beben begann, lautes Hecheln war zu vernehmen. Harro, ‚Herrscher über Hof, Scheune und Misthaufen’ nahte, und es blieb unserem Igel gerade noch die Zeit sich zusammenzurollen, als ihn auch schon ärgerlich die kalte Hundeschnauze anstieß.

Alles konnte Harro ertragen, aber wenn es um seinen Freßnapf ging, galten die Gesetze des Dschungels! Jedoch leichtsinnig in so ein stacheliges Etwas hineinzubeißen, hatte er nur einmal gewagt, vor Jahren, das reichte ihm; seither lispelte er ein wenig. Stattdessen schob er den dreisten Dieb mit seiner Nase einmal über den feuchten Sand des dunklen Hofes und wieder zurück. Fridolin verhielt sich vollkommen passiv im Innern seiner wehrhaften Dornenburg. Viel konnte ihm hier ohnehin nicht passieren, er mußte nur abwarten; irgendwann würde der Hund ihn einfach liegen lassen.

Und in der Tat, Harro war es bald leid, diese stachelige Kugel hin und her zu schieben, er rollte sie bis zum Ende der Scheune, gab ihr noch einen trotzigen Stoß, und sie kullerte unkontrolliert in Richtung Jauchengrube, die zwar zugedeckt war, aber an einer Stelle fehlte ein großes Stück von der Abdeckung. Kurz darauf hörte man ein Platschen und auf der dampfenden Oberfläche trieb ein dunkler, stacheliger Ball, der sich schnellstens öffnete.

Fridolin paddelte um sein Leben. In was für einer Suppe war er denn jetzt gelandet? Es kam schon zuweilen vor, daß er einmal den Halt verlor und irgendwo hinein geriet, woraus ihm die Flucht meist leicht wieder gelang. Aber das da? Seine Nase zeigte sich in höchstem Maße gekränkt. Bald hatte er den Rand des Beckens erreicht und krabbelte mit letzter Kraft hinaus. Viel Zeit durfte er beim Inspizieren dieser Brühe nicht verlieren, denn noch war er nicht in Sicherheit. Schnurstracks wackelte er zur Scheune hinüber, zwängte sich unter dem breiten Holztor hindurch, und schon schmeckte er das trockene Heu, die Hühner, deren Gelege und vor allem – sich selbst; oh Gott, er roch abscheulich.

Foto: © Frank Hollenbach / pixeliol.de

Hatte er zu Beginn seiner abendlichen Tour noch ausgiebig darüber spekuliert, ob er seiner seit jenem Abend innig Angebeteten heute Blumen mitbringen sollte, kreisten seine derzeitigen Gedanken nun vielmehr um sein eigenes unerfreuliches Odeur.

Beherzt stieg Fridolin in die flache Hühnertränke und räkelte sich kurz, aber das half nur unwesentlich. Noch immer überzog ein in dieser Art noch nie erlebter Duft seinen geschmeidigen Körper. Er wälzte sich im Stroh, mit dem Resultat, daß er nun aussah wie ein Weihnachtsstern hoch oben auf dem Christbaum. Es war zum Stacheln raufen! Er leckte sich den Bauch, speichelte sich ein von oben bis unten, solange, bis er glaubte, sich wieder unter Seinesgleichen wagen zu können; ein gewisses abenteuerliches Ambiente jedoch blieb.

Sein Ziel, die Balkonterrasse des Bauernhauses, lag auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes. Wenn er jetzt nicht sofort loszog, war seine Geliebte vielleicht verschwunden. Vergriffen gar, besetzt …! Furchtbarer Gedanke. Warten würde sie wohl kaum auf ihn. So sind Igel nun mal. Fridolin streckte seine Schnauze unter dem Scheunentor hindurch, um, ob die Luft rein war, zu prüfen. Dies war bei seinem derzeitigen Eigenduft fast nicht möglich; dennoch wurde er den Hund gewahr. Diese Richtung schien versperrt, er mußte es auf einem anderen Weg probieren. Fridolin machte kehrt, kletterte in halsbrecherischer Weise einen Strohballen empor und gelangte so an das zerbrochene Fenster auf der Rückseite der Scheune.

Kaum hatte er den Sims erreicht, als er einen herannahenden Schatten gewahr wurde, und schon saß der Hahn auf seinem Rücken, denselben mit wilden Schnabelhieben traktierend. Der Hahn, durch des Igels Katzenwäsche geweckt, fühlte sich und seinen Harem bedroht und hackte eifersüchtig auf den armen Igel ein, als galt es eine Kokosnuß zu knacken. Fridolin wollte zum Fenster hin, um hinaus zu hüpfen, um diesem lästigen Picken ein Ende zu bereiten, wurde aber von dem heldenhaften Vogel ständig im Kreise herum getrieben. Schließlich erreichte er mit enormer Mühe doch noch die zerborstene Scheibe und stürzte sich ins dunkle Ungewisse, den geifernden Hahn hinter sich lassend. In der Scheune kehrte erst allmählich wieder Ruhe ein.

Auf wackeligen Beinen, die ohnehin niemals zu einem Schönheitswettbewerb taugen würden, taumelte unser Fridolin nun etwas benommen seinem Ziel entgegen. Hoffentlich war sie da, und was seine Unruhe noch mehr schürte: Hoffentlich zeigten nicht noch andere Bewerber Interesse für sie! Das würde Kampf bedeuten, Kampf bis aufs Messer. Es wäre nicht das erste Mal …

Foto: © Elsa / pixelio.de

Das sich über alle Maßen auffällig bewegende Gras erregte die ungeteilte Aufmerksamkeit der Katze. Einige Zeit schon hockte sie, zum Sprung bereit, hinter dem ausladenden Rosenbusch. Noch drei Meter, noch zwei, und sie schnellte vorwärts. Fridolin sah den Katzenkörper heranfliegen und zuckte zusammen, tief duckte er seine Schnauze unter den Stachelhelm. Die Katze, die den Igel wohl kannte, machte gar nicht erst den Versuch, ihn mit ihren Samtpfoten zu berühren. Nur mit ihren Krallen schlug sie nach diesem feisten, am heutigen Abend so widerlich stinkenden Eindringling. Fridolins Kopf war gut versteckt, aber nicht gut genug. Die nächtliche Mäusejägerin traf das linke Ohr unseres Helden, und eine Kralle verfing sich darin. Er zerrte und riß, aber die Kralle wollte sich nicht lösen von seinem Ohr. Der angeborene Reflex ließ dem Igel gar keine andere Wahl, als sich schon wieder zusammenzurollen und die Pfote der Katze mit ins Innere zu nehmen. Mieze zerrte nun ihrerseits, mit dem Ergebnis, daß Fridolin eines halben Ohres verlustig ging. Angewidert von der pieksenden Angelegenheit verzog sich die Mieze schleunigst, und auch der Igel trollte sich alsbald.

Es blieben ihm noch ein paar Meter zur Besinnlichkeit. Seiner heißersehnten Liebesnacht waren heute wirklich ganz außergewöhnliche Attacken vorausgegangen. Er roch wie ein kranker Iltis, hatte die Hälfte seines Ohres eingebüßt und ein Raubvogel hatte versucht, ihn bei lebendigem Leib zu zerhacken. All dies ertrug unser Held mit seiner ureigenen stoischen Ruhe. Zielstrebig suchte er die Terrasse. Seine Terrasse, mit seinem Lohn darauf!

Nur noch wenige Igellängen trennten ihn von dem Schäferstündchen mit seiner Auserwählten. Hoch hielt er seine Nase in die Luft, suchte feine Duftpartikelchen zu erhaschen, aber noch war nichts zu riechen. Auch nichts von Rivalen, was in ihm eine gewisse Ruhe einkehren ließ. Es galt jetzt nur noch, diesen kleinen Anstieg zu bewältigen, hinauf zum Haus. Der Igel krabbelte los, fand den Boden jedoch derart rutschig und glatt vor, daß seine kurzen Beine ausglitten und er immer wieder zurückschlitterte. Einmal schaffte er es fast bis zur Oberkante des Anstiegs, doch nur fast. Kurz davor rutschte er aus und rollte wie ein Schweizer Käse den Abhang hinunter, wo er sich sogleich wieder auf den Weg machte. Fridolin schwitzte, keuchte schwer, gab ein geradezu bemitleidenswertes Bild ab, ließ aber nicht locker. Unbeirrt suchte er den Weg zu seiner Angebeteten, bis er schließlich von Erfolg gekrönt auf der Terrasse stand. Aber wo war sie? Er schnüffelte intensiv am Boden, in der Luft, vor sich, neben und hinter sich, ohne Erfolg. Aber sie mußte hier irgendwo sein!

Fridolin besann sich. Heute war er nüchtern, dadurch ergab sich eine völlig neue Situation. Welchen Weg war er neulich gegangen? An jener Mauer dort entlang! Folglich ging der Igel zurück und lief dieselbe Strecke ein zweites Mal. Seine Nase tastete auch heute den rauen Putz der Wand ab, weiter trippelte er bis hin zur Terrasse, kletterte hinauf und plötzlich – war sie wieder da! Lag genau vor ihm in der Dunkelheit, sein Herz hüpfte vor Begeisterung. Und da war es auch wieder, dieses Ziehen in seinen Lenden. Heute war er nicht alkoholisiert, heute sollte sie seine volle Manneskraft zu spüren bekommen.

Hoffentlich ließ sie sich nicht durch sein eigenwilliges ,Deo’ beeinflussen, vorhin unfreiwillig auf dem Hof eingefangen. Kurz nur berührte er die weichen Stacheln ihres hellen, ihres aufregenden Hinterteils, stieß sie an, sie lief nicht davon, preßte auch ihren Bauch nicht gegen den Boden, hielt einfach nur still. Genial!

Das liebte Fridolin, und wie vor Tagen auch, so stürzte er sich augenblicklich auf die Wehrlose. Der Igelmann war nicht mehr zu halten. Er stieß einen Schlachtruf aus, und es klang, als würde ein Elefant in ein Fagott blasen! Wie besessen rieb er sich an seiner Freundin, begattete sie hemmungslos, schob sie krummbeinig über die gesamte Terrasse, wieder zurück und noch einmal, bis hin zu jener Stelle, wo das Geländer unterbrochen war. Alles ließ sie mit sich geschehen, sie war die willigste Gespielin, an die er jemals geraten war. Ihren Geruch allerdings vermochte er nicht richtig wahrzunehmen – zu sehr duftete sein eigener Körper noch nach diesem unfreiwilligen Bade.

Am Ende der Terrasse angelangt war Fridolin derart in Rage, daß er nicht mehr stoppen konnte und seine Geliebte flugs über die Kante hinaus schob. Völlig haltlos fiel sie hinunter auf die Wiese, rollte, überschlug sich und purzelte letztendlich in den nahe gelegenen Bach, der sie mit samt ihren hellen Stacheln mit sich fortriß.

Zurück blieb ein bitter enttäuschter Igelmann, der zu Beginn noch aufgeregt und hemmungslos Begattungsbewegungen vollführend auf der ganzen Terrasse herumschnüffelte, nicht fündig wurde und sich schließlich wieder auf den Weg nach Hause machte. Seine unvergleichliche Partnerin war verschwunden.

Für sein nächstes Abenteuer blieb ihm nun keine andere Wahl: Er mußte sich wohl oder übel nach einer neuen Klobürste umsehen!




Autor: Francesco Lupo

francesco.lupo@t-online.de


Fotograf/Künstler: © Frank Hollenbach / Elsa / www.pixelio.de

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1 Kommentar

  1. Margrit Baumgärtner

    Das hat er nun davon, der lüsterne Fridolin ! Auch wenn die Pointe der Geschichte früh zu erahnen ist, man verfolgt das Geschehen mit schmunzelnder Neugierde.

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