«

»

Franz Wolf

Beitrag drucken

Ein nicht alltäglicher Jungfernflug – Teil 3 von 3

Michael schluckte schwer. Irgendwie hatte der Grizzly nicht Unrecht.
„Aber … wir sind Menschen, ihr seid nur …Tiere“, wagte er einen letzten Versuch, die Verhältnisse geradezurücken.
„So, wir sind nur Tiere“, überlegte der Bär. Nur Tiere, dachte er traurig. „Auf jeden Fall sind wir besser in der Lage zu überleben als ihr. Ohne eure Technik wärt ihr verloren. Allesamt!“
„Diese Technik mußte erst einmal erfunden werden“, widersprach der Pilot zaghaft, „und man muß sie bedienen können. Dazu bedarf es einer hohen Intelligenz“, schloß er ab.

Es folgten wieder einige Minuten des Schweigens. Der Grizzly schaute in die Ferne, sah die mächtigen schneebedeckten Dreitausender und dachte an Kanada. Dort hatte er einst eine kuschelige Bärendame getroffen, von der er noch heute schwärmte. Sie hieß Biggie. Ein Rasseweib. Kanada… Er seufzte tief.
„Meinst du, das könnte ich auch?“ fragte der Bär unvermittelt.
„Was?“ wollte der Pilot wissen.
„Na, das da. An dem Rad da drehen“, dabei deutete er mit der Pranke in Richtung Steuerhorn.
„Auf keinen Fall!“ rief Mike entrüstet. Aber als Hubert sich interessiert nach vorne lehnte, fügte er rasch hinzu: „Selbstverständlich, leicht! Das kann jeder.“
Schon war der Grizzly dabei, den rechten Vordersitz aus den Halterungen zu heben und seine gigantische Figur mit dem Hinterteil voran nach vorne zu wuchten; keine leichte Aufgabe in diesem engen Flugzeug. Aber Hubert schaffte es. Den Bauch direkt vor seinem Steuerhorn, preßte er den Piloten Mike neben sich derart zusammen, daß jenem zeitweilig das Atmen verging. Schon griff Hubert beherzt ans Steuer. Es war allerhöchste Zeit, denn durch die Gewichtsverlagerung drohte die Beech nach rechts abzukippen.

Der Grizzly begann mit einer leichten horizontalen Kurve, Mike wurde blaß.
„Das Seitenruder!“ keuchte er. „Du mußt das Seitenruder treten, sonst fliegt sie nicht sauber.“
Treten wir das Seitenruder, dachte sich Hubert und tatsächlich: Wie an einem unsichtbaren Seil hängend zog die Beech eine geschwungene Linie am blauen Himmel über Montana. Der selbsternannte Copilot war begeistert.
„Ist ja gar nicht so schwer“, sagte er und warf einen fachmännischen Blick auf die Instrumente. „Und jetzt – den Looping!“
Um Geschwindigkeit aufzunehmen trat Hubert einen Sturzflug an, die verzweifelten Bemühungen von Mike, sich des Kommandos wieder zu bemächtigen, ignorierend.
„Keinen …Looping“, hauchte der nur. „Um Himmels Willen, k..einen Looooo …“
Aber Hubert war schon mittendrin. Er beendete die rasante Talfahrt, zog das Steuer gefühlvoll zu sich heran, und das Flugzeug stieg hurtig in die Höhe, legte sich auf den Rücken, und die beiden Insassen sahen die Welt verkehrt herum.
„Schau dir das an, Mike“, begann Hubert, die grenzenlose Freiheit der Luftfahrt genießend, „die Erde steht Kopf!“

Das verlorengegangene Käsebrötchen war unverhofft wieder aufgetaucht und landete unter Mikes Kinn, wo es sich verkeilte. An essen konnte der jedoch momentan nicht denken. Michael hatte die Besinnung verloren, klemmte wie tot neben Hubert, sein Geist hatte sich verabschiedet. Schuld daran war nicht nur die Enge im Cockpit gewesen, die ihm die Luft zum atmen raubte, sondern vor allem die ungewohnte Kopfnachuntenposition. Ergo brachte der Grizzly die Beech Craft wieder in die Normallage, Richtung Nordwest.
„Du verträgst aber auch gar nichts“, flüsterte der Bär enttäuscht. „Hat dir gerade viel genützt, deine hohe Intelligenz.“
Mitleidvoll erkannte Hubert die Ohnmacht seines Nebenmannes, auf dessen Schoß sich das Käsebrötchen zur Ruhe gebettet hatte.

Bald schon zeigte sich auf der linken Seite der Flathead Lake, es wurde allmählich Zeit. Hubert nahm das Mikro, drückte die Taste und brummte im tiefsten Baß:
„Hallo, Glacier Park Airport. Zwei drei fünf acht sechs. Kommen!“
„Fünf acht sechs. Glacier Airport.“
„Glacier Airport. Erbitte Landeanweisung.“
„Fünf, acht, sechs. Geht es Ihnen wieder besser?“
„Es geht mir ausgezeichnet.“
Kurze Pause.
„Fünf, acht, sechs. Landebahn 20 ist in Betrieb, melden Sie Gegenanflug. Wir haben mäßigen Wind von vorne.“

Der belesene Bär drückte zweimal die Taste, was soviel bedeutete wie: Die Nachricht ist angekommen. Danach knackte es zweimal im Lautsprecher, auch der Mann im Tower hatte verstanden.

Nichts verstanden hatte Mike, dessen Ohnmacht dürfte sich noch vertieft haben. Nur ab und an zuckten seine Hände in Richtung Steuer. Hubert bemerkte es und versuchte, seine Leibesfülle ein wenig zu reduzieren, indem er seine Lungen nur sehr spärlich mit Atemluft füllte. Auf diese Weise ließ der seitliche Druck auf den Piloten etwas nach.
Der Grizzly bereitete die Landung vor, sank auf die vorgeschriebene Flughöhe, meldete sich, als die Landebahn 20 neben ihm zu sehen war. Eben startete eine Boeing, scharf zeichnete sie ihren Schatten auf den Untergrund.

„Fünf, acht sechs. Verlängern Sie den Gegenanflug um eine Meile.“
Die schwere Boeing zerrte über der Startbahn ganz schön an den Luftschichten. Zweimal knackte das Mikro, Hubert verlängerte. Sehnsuchtsvoll blickte er nach Norden, nach Kanada, und seufzte erneut. Mike schlief und begann zu schnarchen.
„Fünf, acht, sechs. Frei zur Landung. Wind sieben Knoten, von vorn.“
„Wind von vorne, sieben Knoten“, wiederholte die tiefe Stimme aus dem Cockpit der Beech.
Hubert nahm die Mittellinie der Landebahn aufs Korn, schwebte sanft an, drosselte die Motorleistung, vor der Schwelle nahm er Gas weg und setzte die Beach ein wenig hart auf den grauen Asphalt, das Bugrad etwa 4 Meter links der Mittellinie. Nach wenigen hundert Metern, als die Maschine sich nur noch im Schrittempo bewegte, lenkte er sie abrupt von der Bahn, quer über ein holpriges Rasenstück, auf den Rollweg. Davon erwachte Mike.
„Wo …warum … wann“, stammelte er etwas konfus.
„Ganz locker“, entgegnete Hubert. „Wir haben sie ja runtergebracht.“

Mike war sprachlos. Das Flugzeug rollte und rollte, und während sie sich dem Terminal näherten, wurde Hubert die versammelte Mannschaft gewahr, die auf ihn zu warten schien. Mehrere Männer standen dort um einen Kleinlaster mit heruntergelassener Heckklappe herum.
Die wollen mich abholen, sinnierte der Bär, gab etwas Gas und rollte gemächlich an der wartenden Gruppe vorüber, die linke Tatze elegant zum Gruß erhoben. In cirka 200 Metern Entfernung stoppte er die Beech, indem er beide Bremspedale trat. Mit der Rechten öffnete er die Tür, zwängte sich unter Mühen hinaus ins Freie und blieb eine Weile witternd auf allen Vieren stehen. Der Pilot war unschlüssig, entdeckte das Käsebrötchen auf seinem Schoß, nahm es, und biß teilnahmslos hinein. Dann stoppte er die Motoren.

Das Empfangskomitee rührte sich nicht. Als Hubert sich jedoch auf die Hinterbeine stellte, ein bärenmäßiges Brüllen ausstieß und dabei freundlich mit beiden Tatzen winkte, stieben sie in alle Himmelsrichtungen auseinander. Zwei von ihnen versuchten vergeblich, sich kopfüber in ein und derselben halbvollen Mülltonne zu verstecken, so daß nur noch ihre Beine hervor lugten.

Mit einemmal strömte ein verführerischer Duft in die empfindsame Nase des Bären, Ausgangspunkt war die Flughafenkantine. Weil nun Hubert noch immer über alle Maßen durstig war und auch sein Magen wieder Nachschub forderte, reduzierte er seine stattlichen 2,50 Meter wieder auf das Normalmaß und trottete auf allen Vieren schnurstracks den Wohlgerüchen entgegen, dicht gefolgt vom käsebrötchenkauenden Mike, der alles stehen und liegen gelassen hatte. Was hatte der Bär im Sinn?

Es war erstaunlich: Aber sobald sich Hubert irgendwo blicken ließ, entvölkerte sich sofort die Umgebung. Niemand stellte sich ihm in den Weg, Türen hatten ohnehin keine Bedeutung für ihn. So gelangten die beiden ungehindert in die Kantine, die sich längst geleert hatte.
„Gibt’s hier Faßbier?“ rief Hubert euphorisch und klopfte sich auf den Bauch.
„Mit Sicherheit!“ konstatierte der Pilot.

Schon stand Hubert aufrecht hinter dem Tresen und zapfte zwei Maß. Gestrichen voll. Eine schob er zu Mike hinüber, die andere hielt er an seine grauen Lippen und trank sie in einem Zug leer. Der anschließende Rülpser erinnerte an ein bösartiges Herbstgewitter. Mike nippte erst an seinem Gefäß, setzte es dann ebenfalls an und trank es bis zur Hälfte aus; seinem Schlund entwich ein etwas bescheidener Ton. Hubert schenkte sich noch einige Krüge ein, danach noch ein paar; er hatte einen Bärendurst.

Kurz darauf hielt er ein riesiges Tablett mit belegten Schnittchen in den Tatzen und begann sie systematisch aufzuessen, was keine zwei Minuten dauerte.
„Wenn sie sich irgendwann mal wieder einfinden“, brummte der Bär im Anschluß mit einem eleganten Augenaufschlag, „dann sag diesen verhinderten Fängern da draußen, sie sollen sich nicht grämen.“

Mit einem Blick aus dem Fenster suchte er das nähere Umfeld ab, vom Empfangskommitte aber war weit und breit nichts zu sehen, nur der Kleinlaster stand noch dort. Auch die beiden ‚Mülltonnenflüchtlinge’ waren verschwunden. Danach wanderten Huberts Augen die Berghänge hinan, er dachte an die reizende Bärendame Biggie, die er vor Jahren ein Stück weiter im Norden kennen- und lieben gelernt hatte. Und Sehnsucht übermannte den Bärenmann. Auch der Pilot blickte durch die großen Scheiben nach draußen, sah die Beech verlassen und mit geöffneten Türen auf dem Vorfeld stehen und wollte sich erheben, um die Maschine ordnungsgemäß zu parken.
„Laß nur“, brummte Hubert nachdenklich, „das … mach ich.“
Den fragenden Gesichtsausdruck von Michael beantwortete der Bär sogleich.
„Hab ich alles aus Büchern. Ex libris.“

Und schon war er auf dem Weg. Dem Piloten war irgendwie alles gleichgültig. Was er heute erlebt hatte, würde ihm kein Mensch glauben. Durchs Fenster beobachtete er den riesigen Bären, wie er gerade vor dem Flughafengebäude auftauchte und die Richtung zur Beech einschlug. Sein ohnehin schwankender Gang war noch ein wenig schwankender geworden. 18 Liter Bier hatte der Pilot gezählt, die Hubert getrunken hatte. Ein halbes Faß.
An dem abseits geparkten Kleinlaster stoppte dieser unvermittelt und pinkelte – im Stehen – geschlagene drei Minuten auf die Ladefläche.

Bei der Beech angelangt, kletterte der Bär unverzüglich ins enge Cockpit und startete die Motoren. Die Tanks waren noch gut zu einem Viertel gefüllt.
„Glacier Park Airport. Zwei drei … Hubs! …fünf acht sechs bittet um Startanweisungen“, brummte es dem Mann im Tower entgegen.
„Fünf acht sechs, rollen Sie zur Startposition 20, melden Sie: Abflugbereit!“ kam es routiniert zurück.
Es gab kein Gesetz in den USA, welches einem Bären das Fliegen verboten hätte.
Schon setzte sich die Beech in Bewegung und hielt beinahe vorschriftsmäßig an der weißen Linie, die die Rollbahn von der Startbahn trennte. Hubert überfuhr sie lediglich um fünf lächerliche Meter …
„Fünf acht sechs ist … startbereit.“
„Fünf acht sechs, Sie haben Wind mit 10 Knoten auf der Nase. Wünsche einen guten Flug.“
Ein mehrmaliges Knacken im Mikro bestätigte, daß fünf acht sechs verstanden hatte, die Beech beschleunigte zügig.

Als der Bär sachte das Steuerhorn anzog, die Maschine sich in die Lüfte erhob, warf er noch einen kurzen Blick in Richtung Kantine, wo Mike bei seinem Bier saß und die ganze Geschichte beobachtete. Der wollte heute nicht mehr aufstehen. Mit Alkohol bin ich noch nie am Steuerhorn gesessen, dachte Mike. Noch nie.

Hubert verabschiedete sich vom Tower und schlug die nördliche Flugroute ein. Ich soll nach Kanada, dachte Hubert. Also gehe ich nach Kanada. Vielleicht verbringe ich den Winter mit Biggie.

– Ende –
Teil 1: http://www.tiergeschichten.de/2014/06/02/ein-nicht-alltaeglicher-jungfernflug-teil-1-von-3/
Teil 2: http://www.tiergeschichten.de/2014/06/02/ein-nicht-alltaeglicher-jungfernflug-teil-2-von-3/

Foto: (c) Olaf Schneider / pixelio.de




Autor: Francesco Lupo

francesco.lupo@t-online.de,


Fotograf/Künstler: © Olaf Schneider / www.pixelio.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2014/06/02/ein-nicht-alltaeglicher-jungfernflug-teil-3-von-3/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.