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Franz Wolf

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Ein nicht alltäglicher Jungfernflug – Teil 2 von 3

Der Pilot schaute nach vorne und murmelte mißgelaunt:
„Nichts zu trinken, nichts zu essen. Das wird ein blendender Tag.“
Er ahnte nicht, wie recht er behalten sollte.
Hubert, derweil mit den Brötchen zugange, roch an allen vieren ausgiebig und entschied, das Käsebrötchen entbehren zu können. Er nahm es und reichte es nach vorne über die Schulter des Piloten hinweg. Der erkannte in den Augenwinkeln in dem Brötchen Teile seines Frühstücks, griff zu und machte sich keinerlei Gedanken, woher es so unverhofft auftauchte. Zunächst. Bis er die Bärentatze bemerkte. Da rutschte ihm das Käsebrötchen aus der Hand und kullerte an seinen Beinen entlang, hinunter zwischen die Seitenruderpedale.
„Was ’n los? Magst wohl auch keinen Käse?“ wollte Hubert mit seiner tiefen Stimme in Erfahrung bringen.

Irritiert versuchte der Pilot Kurven, Sturzflüge, halbe Loopings zu fliegen – alles gleichzeitig, während das Steuerhorn auf der Seite des Copiloten alle Bewegungen mitmachte. Träumte er, oder hatte ihm da soeben eine Bärentatze eines seiner Brötchen rübergereicht? Er wagte es nicht, den Kopf zu wenden. Stattdessen hoffte er, der Wecker würde klingeln und ihn aus diesem Traum herausreißen.
„Fliegst noch nicht sehr lange, eh?“ brummte es von hinten eher beruhigend als gefährlich.
„Ich?“ flüsterte der Mann am Steuerhorn ungläubig und versuchte die Augen rückwärts zu richten, ohne dabei den Kopf zu drehen.
„Na, außer uns beiden ist ja niemand da.“
„Nein. Ich meine, ja, ja! Natürlich. Doch. Schon. Ich fliege schon lange. Nur diese Maschine hat so ihre Tücken …“
„Du meinst, sie spinnt ein bißchen?“

Der Pilot schwieg. Hatte er sich jetzt tatsächlich mit einem Bären unterhalten? Seinen Kopf nun doch ein wenig nach hinten gewandt, entdeckte er das Untier direkt hinter sich, sitzend, genüßlich sein Frühstück kauend und die Wasserflasche zwischen die gewaltigen Hinterfüße geklemmt.
Dichte Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, rannen ihm über Gesicht und Hals bis hinab auf den Hemdkragen, der sich dunkel färbte.

„Und? Was gibt es sonst Neues da vorne?“ brummte es schon wieder aus dem Fond.
Dieser irre Alptraum schnürte dem Piloten mit einemmal den Hals zu, seine Finger quetschten das Streuerhorn, wie man einen Schwamm auspreßt.
„Nun mal ganz ruhig. Ich bin Hubert. Wie heißt du?“
Mit diesen Worten fuhr die Bärenpranke erneut am Ohr des Piloten vorbei, von ihrer Größe her nur mit einem Kuchentablett zu vergleichen.
„M..mm..Mich..Mi..Michael. Mm..mein Nnname ist Michael!“ stieß er hervor. Die Pranke faßte er nicht an.
„Also, Michael. Ich nenne dich Mike. Okay?“
„O..oo..o..oo okay!“
„Sag mal, stotterst du?“ legte Hubert nach.
„N..nn..nneinnn. Nnormm..alaler..weise nicht.“
„Aha. Nur wenn du redest. Also, dann beruhige dich erst mal. Hier trink mal ’nen Schluck!“
Damit reichte er ihm die Trinkflasche hinüber, Mike nahm sie und schnappte einen Mundvoll, wobei er hustete, weil er sich jämmerlich verschluckte. Im selben Rhythmus machte die Maschine ein paar Bocksprünge. Hustend und prustend reichte er die Flasche zurück, Hubert trank erneut. Das Brennen in der Kehle und an der Oberlippe hatte kaum nachgelassen.

„Sag mal, Mike, was haben die mir denn für ein Teufelszeug gegeben?“ fragte er den Mann vor ihm.
„Ich weiß es nnicht genau. Ich gglaube … der Sheriff hahaats verabreicht. Sheriff Cococoleman.“
„Ah, Coleman“, erinnerte sich Hubert. „Kenn ich. Netter Kerl. Hab ihn mal in den Wäldern getroffen. Er war in einen Sumpf geraten. Hab ihm da rausgeholfen. Hat sich sogar bedankt.“

Noch immer wußte der Pilot nicht, was er von dieser Situation halten sollte. Minutenlang tat er so, als wäre alles in bester Ordnung. Um Routine bemüht rief er Glacier Park Airport.
„Glllacier P-park. Hier zwweii..dreiii fünf acht ssechs…bitte … kommen …“
Sehr routiniert klang das allerdings nicht.
„Zwei drei fünf acht sechs, hier Glacier Park. Was gibt’s?“
Ww.. wie geht’s denn so. Da u..unten?“
„Fünf acht sechs. Haben Sie etwas getrunken?“ kam es unvermittelt aus dem Lautsprecher.
„Wwer, ich? Nein, wie kkommen Sie denn ddarauf?“
„Sie klingen irgendwie …anders. Sonst alles in Ordnung?“
„Aalles bbestens. Danke. Wie ist der Wwwind?“
„Wind mit 13 Knoten aus Südwest.“
„Danke. Eeende.“
Hubert lehnte sich etwas vor.
„Ich finde“, sagte er väterlich, „du solltest dich jetzt beruhigen. Es besteht doch keine Gefahr. Oder?“
„Keine Gefahr?“ schrie der Pilot. Offenbar hatte er sich wieder in der Gewalt. „Du bist ein gefährliches Raubtier!“
Hubert wiegte sein mächtiges Haupt hin und her und überlegte.
„Mal langsam. Gefährlich? Ja. Aber ein Raubtier? Nein!“
„Natürlich. Das kannst du überall nachlesen.“ Mike zögerte kurz, um leise anzufügen: „Wenn du lesen könntest. Der Bär ist ein, nein, er ist das größte Raubtier auf dem Lande.“
„Falsch. Alles falsch. Wer behauptet denn so was? Meine Kollegen und ich, wir essen fast ausschließlich Gras, wie die Rindviecher und die Büffel. Da. Schau dir mal meine Zähne an!“
Hubert beugte sich über die Rückenlehne nach vorne, soweit es ihm die Enge des Passagierraumesgestattete, öffnete das Maul und zeigte Mike seine blütenweißen Zähne.
„Siehst du ein Raubtiergebiß?“
Der Pilot wollte aussteigen. Die Zähne eines Bären so dicht vor seiner Nase konnte er nicht ertragen.Er rüttelte an der Tür, besann sich jedoch, daß er cirka 1500 Meter über Grund flog und ließ es sein.
„A…aber die riesigen Reißzähne!“
„Wo siehst du denn Reißzähne? Was du meinst, das sind die Eckzähne. Die Reißzähne“, begann Hubert zu dozieren, als stünde er in einem Hörsaal, „um bei deiner Terminologie zu bleiben, bestehen aus dem letzten Vorbackenzahn des Oberkiefers und dem ersten Backenzahn des Unterkiefers. Das kannst du überall nachlesen, wenn du lesen kannst.“
Nach dieser Retourkutsche räusperte er sich. „Und bei Raubtieren, wie dem Löwen oder dem Hund, sind diese Zähne gestaltet wie eine… eine… Brechschere, weil sie sich genau gegenüberstehen. Damit reißen sie ihre Beute auf oder brechen die Knochen, wie das die Hyänen so vortrefflich tun.“ Hubert öffnete sein Maul noch weiter: „Weine Wackenthähne thind alle phlach. Thiehst dhu? Phlach! Hu hannst sie anphassen.“

Alles wollte der Pilot, nur das nicht. Einem Bären in den Rachen zu greifen, gehörte nicht zu seinem bevorzugten Repertoire. Er warf nur einen flüchtigen Blick über seine Schulter, dann tat er so, als würde er sich wieder auf den Flug konzentrieren. In Wahrheit suchte er einen Ausweg aus dieser vertrackten Situation. Oberkieferbackenzähne, was? Unterkiefer… geisterte es in seinem Kopf umher.
„Es gibt allerdings Raubtiere“, fuhr Hubert fort, „die besitzen ähnlich flache Zähne, sind aber wesentlich gefährlicher als der wildeste Bär.“
„Gefährlicher als ein Bär?“ fragte Michael irritiert. „Raubtiere? Kenn ich nicht.“
„Na dann schau mal in den Spiegel“, flüsterte Hubert heiser.
Es folgte eine längere Pause, während der Pilot über Huberts Worte nachdachte.
„Wenn ich lesen könnte?“ nahm Hubert den zuvor geäußerten Gedanken des Piloten wieder auf. „Kann ich. Habe ich in der Bibliothek von Great Falls gelernt. Zuweilen besorge ich mir auch Lektüre aus den Zeitungskiosken der Stadt. Aber da steht meist nur Schund drin. In der Bibliothek finde ich, was ich brauche.“
„In der … Bibliothek?“ fragte Mike argwöhnisch.
„Genau. Für mich ne Kleinigkeit, dort einzudringen. Da habe ich den Aristoteles gelesen. War ’n kluger Mann, was der alles wußte. Hätte nur bei seiner Erziehung dieses Mazedoniers ’n bißchen energischer sein sollen.“
Michael hatte von Einbrüchen in der Städtischen Bücherei und gewissen Kiosken gelesen, bei denen niemals etwas gestohlen worden war. Noch nicht einmal etwas verwüstet.
„Du bist tatsächlich in die Bibliothek eingedrungen, nur um zu lesen?“
„Genau!“
„Oft?“
„Jahrelang.“
„Und hat dich niemals jemand dabei beobachtet – oder gestört?“
„Kaum. Einmal hat sich ein Einbrecher verirrt. Ich habe ihn ignoriert, weil ich gerade in einenKamasutra-Band vertieft war. Um mich nicht zu stören, hat er sich, als er meiner ansichtig wurde, aus dem Fenster gestürzt – aus dem geschlossenen. War wohl seine Form der Begeisterung …“
Da hätte ich mich wahrscheinlich auch aus dem Fenster gestürzt, dachte Mike, und warf einen Blick nach hinten. Allmählich begann er jedoch, die Furcht vor dem Untier zu verlieren, empfand die Unterhaltung sogar beinahe als erfrischend.
„Welchen Mazedonier meinst du, Hubert?“
„Alexander. Den Schlächter“, brummte Hubert mißgelaunt. „Der hätte sich an Teddy Roosevelt ein Beispiel nehmen sollen, der 1902 bei einer Jagd in Louisiana einen meiner Verwandten verschont hat. War ne nette Geste. Der hatte vor uns Tieren mehr Respekt als Alexander vor euch Menschen. Ihr schieß mir oft ein bißchen zu schnell. Manchmal wißt ihr noch nicht einmal, auf was ihr da gerade schießt …“
Mike kannte die Geschichte mit Roosevelt. Und er mußte diesem Grizzly recht geben. Obwohl von imposanter Statur, besaß er jede Menge pazifistische Züge.
„Wo fliegen wir hin, Mike?“ fragte Hubert teilnahmslos, indem er das letzte Brötchen verschlang.
„Zum Glacier Park Airport. Von dort aus sollst du …“
„Soll ich was?“
Einen Moment schwieg Mike betreten.
„Von dort aus bringen sie dich nach Kanada, glaub ich.“
„Mir gleich. Ich wandere viel umher. Ich komme wieder. Warum haben sie mich überhaupt weggebracht?“ wollte Hubert wissen.
Michael dachte lange nach.
„Ich denke, weil du zu gefährlich bist.“
Gefährlich, dachte der Bär. Die spinnen, die Amis.
„Keiner meiner Kollegen ist gefährlich“, fuhr Hubert fort, „wenn man uns zufrieden läßt. Wenn man uns allerdings beim Essen stört, dann werden wir schon mal ungemütlich. Würdest du auch, wenn man dir die Pommes frites vor der Nase wegzerrt.“
Der Pilot, der die Gründe der Umsiedlung kannte, hakte nach.
„Immerhin hast du dem Lennox den Schuppen ausgeräumt. Was soll denn der jetzt im Winter essen?“
„Er soll sich hinlegen und schlafen. Wie wir das machen. Da braucht er gar nichts zu essen.“
„Die Menschen können das nicht. Im kalten Winter müssen wir sogar noch mehr essen als während der warmen Jahreszeiten.“
„Wir“, brummte Hubert mißmutig, „leben seit Jahrtausenden in dieser Gegend, haben uns immer von dem ernährt, was wir hier gefunden haben. Und so machen wir es auch heute. Ich habe den Schuppen entdeckt und versucht ihn leerzuessen.“
„Aber das Fleisch gehört dir nicht!“ führte Mike ins Feld. „Es gehört Lennox.“
„Es hing kein Schild dran.“ Hubert machte eine Pause. „Auf unserem Grund und Boden stand auch kein Schild, als ihr ihn uns weggenommen habt. Eh? Haben wir euch deshalb gefangen und forttransportiert?“ Hubert brachte seinen Kopf ganz nahe an Mikes Ohr: „Oder erschossen und abgehäutet?“

– Fortsetzung folgt –

Teil 1: http://www.tiergeschichten.de/2014/06/02/ein-nicht-alltaeglicher-jungfernflug-teil-1-von-3/
Teil 3: http://www.tiergeschichten.de/2014/06/02/ein-nicht-alltaeglicher-jungfernflug-teil-3-von-3/

Foto: (c) Uli Stoll Outdoor-Fotografie info@parknplay.de / pixelio.de




Autor: Francesco Lupo

francesco.lupo@t-online.de,


Fotograf/Künstler: © Uli Stoll Outdoor-Fotografie info@parknplay.de / www.pixelio.de

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