Ein nicht alltäglicher Jungfernflug – Teil 1 von 3

Längst hatte der Herbst Einzug gehalten in den Bergen von Montana, westlich von Great Falls. Wie ein Riß im dunklen Himmel glänzte in den frühen Morgenstunden der sichelförmige Mond. Witternd hielt der mächtige Braunbär mit den grauen Nackenhaaren die Nase in den Wind. Mit leicht geöffnetem Maul, seine imposanten Eckzähne zu Geltung bringend, drehte er das bewegliche Riechorgan nach allen Seiten, bevor er seine 700 Pfund leichtfüßig in Bewegung setzte. Entschlossen trottete er den Waldweg entlang, talwärts, in jene Richtung, die ihn seit Tagen so magisch anzog.

Dieser Pfad hatte seine Kontur lange schon verloren. Beiderseits ragten Zweige von Büschen und niederen Bäumen darüber her, berührten sich zuweilen, machten ein bequemes Durchkommen für Menschen unmöglich. Es war ohnehin kein befestigter Weg, eher ein Trampelpfad, täglich von unzähligen Tieren benutzt. Puma, Skunk und Wapiti verkehrten hier gleichermaßen wie Kojote und Dachs.

Am Waldrand, am äußersten Ende des Pfades, dort wo sich die Wiese wie ein grüner Teppich den Hang hinunterwälzte, tauchte die Farm von Lennox auf. Hauptgebäude, Ställe, der Pferch, der Schuppen; das ganze umsäumt von dickem Stacheldraht. Hinter dem Zaun waren den Sommer über Schweine, Ziegen und Schafe in kleinen Gruppen umhergelaufen und taten das, wozu sie auf der Welt waren: Sie fraßen sich fett. Wenn sie ihr Schlachtgewicht erreicht hatten, überwinterten sie in aller Regel in luftiger Höhe: An der Decke des Schuppens. Gepökelt und geräuchert.

Im gesamten Umkreis konnte man den feinen salzigen Duft der Schinken schmecken, der über der Farm lag wie ein unsichtbares Zelt; vor allem jetzt im Spätherbst, da frisch geschlachtet worden war. Auch Hubert, der Grizzly, roch es von weitem. Jede Nacht war er während der letzten Tage hierher gekommen, um sich diese herrlichen Räucherwaren einzuverleiben. Für die kommende Winterruhe mußte er sich unbedingt noch mindestens einen Zentner Speck anfuttern; das tat er bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

In den hölzernen Vorratsschuppen zu gelangen, stellte kein Problem dar. Mit seinen mächtigen Pranken öffnete er jede Tür ohne die geringste Anstrengung, und sobald er sein Gelage beendet hatte, verschloß er den Eingang sorgfältig. Jedesmal. Schließlich gedachte er, am nächsten Tag wiederzukommen. Und am darauf folgenden. Das hiesige Raubzeug sollte sich gefälligst anderswo umtun.

Die imposante Kiste aus hellen Fichtenbrettern, direkt vor dem Schuppen postiert, hatte er gleich beim Überwinden des Stacheldrahtes bemerkt. Aus ihr roch es exorbitant nach frischem Fleisch. Was sollte er tun? Er beäugte die Kiste kurz, sah den Köder darin liegen, registrierte die geöffnete Falltür und nickte nur beiläufig. Dilettanten!

Fangen wollten sie ihn in einer solchen Holzkiste? Sich daraus zu befreien dürfte für ihn ein leichtes Unterfangen werden. Den Köder würde er sich später holen, erst einmal war der Räucherschuppen an der Reihe. Schon flog die notdürftig reparierte Tür aus den Angeln, schnappten seine Zähne nach Räucherwürsten und zartem Schinken. Das Festmahl begann.

Eine knappe Stunde später, als sich bereits eine leichte Sättigung andeutete, erinnerte sich Hubert an die lächerliche Falle vor dem Haus. In aller Ruhe stapfte er zur Pforte hinaus, griff die Tür mit den Tatzen, richtete sich zur vollen Größe von 2.5 Meter auf, lehnte sie an, drückte kräftig dagegen, was den Schuppen in seinen Grundfesten erzittern ließ, bis sie wieder im Rahmen festsaß.

Wie ein Magnet zog ihn seine empfindliche Nase nun zur Holzkiste hinüber. Ohne auch nur einen Moment zu zögern steckte Hubert den mächtigen Schädel hinein, sah das schräge Brett am Eingang, bemerkte die Mechanik aus Seilen und Zapfen und – ignorierte sie. Viel interessanter war die Schafskeule, am hinteren Ende auf dem hölzernen Boden plaziert. Nachsichtig schüttelte Hubert sein Haupt und dachte: Halten die mich eigentlich für bescheuert? Mit dieser Falle werden sie bestenfalls ein paar Eichhörnchen fangen. Aber keinen Grizzly.

Kaum war der gigantische Körper des Bären in der Kiste verschwunden, schnappte die Falle zu. Hubert störte sich nicht daran und führte sich die Schafskeule zu Gemüte. Sie schmeckte vorzüglich. Allerdings roch er den Menschen daran, der sie hineingelegt hatte.

Aber da war noch ein anderer Geruch, chemisch, ein bißchen scharf. Es schmeckte ein wenig nach jenen dunklen Beeren, nach deren Genuß er immer so gut hatte schlafen können und deren Name ihm im Moment entfallen war. Unbeeindruckt davon beendete er sein Mahl, zerlegte die Kiste mit zwei gezielten Prankenhieben in ihre Einzelteile und stapfte von dannen.

Kaum lag die Farm hinter ihm, da wurden seine Schritte etwas langsamer, die dunkle Silhouette des Hochwaldes schien mehr und mehr ihre Konturen zu verlieren. Hubert gähnte herzzerreißend. Wieso um alles in der Welt war er auf einmal so müde? War denn schon Winterschlafenszeit? Er hätte sich auf der Stelle hinlegen und einschlafen können.

Was er auch sogleich tat. Ein Grizzly hatte in den Bergen von Montana nichts und niemanden zu fürchten. Mit Ausnahme der Donnerbüchsen gewisser Zweibeiner. Aber geschickt wie er war, hatte er schon so manchen in die Flucht geschlagen und dessen Flinte bis zur Unbrauchbarkeit verbogen. Jetzt aber wollte Hubert nur noch schlafen. Kurze Zeit später hörte man ein durchdringendes, abgehacktes Schnarchen, ein Röcheln zuweilen, unter einer Haselnußstaude hervordröhnen. Hubert hatte die Besinnung verloren.

Die Verfolger waren ihm dicht auf den Fersen. Der Bär befand sich seit geraumer Zeit in ihrem Visier, seit sie seine Hinterlassenschaften in Form von abgenagten Schweineschinken gefunden hatten. Darüber war Farmer Lennox gar nicht erfreut und hatte darauf gedrängt, daß der Störenfried beseitigt werde, egal wie! Diese Aufgabe oblag der örtlichen Umweltschutzorganisation, und somit deren Beauftragten in Person des Sheriffs Coleman.

Coleman wußte, daß man einem Bären nicht mit einem Narkosegewehr zu Leibe rücken durfte. Es dauerte zu lange, bis die Wirkung einsetzte, und das Tier hatte somit viel Zeit, sich dem Schützen zu ‚widmen’. Das hatte er vermeiden wollen und daher eine andere Variante der Betäubung gewählt: Wenn ein Bär etwas fraß und hinterher einschlief, brachte er den Köder nicht mit seinen Häschern in Verbindung.

Zehn Männer näherten sich dem ‚schlafenden’ Petz, zerrten ihn unter seinem Versteck hervor und wuchteten ihn im Morgengrauen auf einen niederen Laster. Hier wurde er zunächst gründlich untersucht, vermessen, gewogen. Im Anschluß erhielt er eine Tätowierung auf der Innenseite der Oberlippe.

Danach lenkte der Fahrer das Gefährt auf direktem Wege zum Flughafen von Great Falls. Dort angelangt, wurde Hubert von vielen hilfreichen Händen in eine zur Frachtmaschine umgebaute zweimotorige Beech-Craft verfrachtet, die ihn weit weg von der Stadt bringen würde, in den Nordwesten, ins Hochgebirge, wo er wieder freigelassen werden sollte. Eine Fesselung des Tieres hielt Sheriff Coleman nicht für nötig.

„Die Betäubung hält mindestens 24 Stunden an!“ beruhigte er den skeptischen Piloten Michael. „Keine Bange! Der wacht so schnell nicht auf.“
„Na, wenn Sie meinen …“ lautete dessen wenig optimistischer Kommentar.
Was Sheriff Coleman nicht bedachte: Er hatte sich auf einen Baribal, einen Schwarzbären eingestellt, so daß die Dosis, die er für die Betäubung gewählt hatte, ebenfalls für einen Schwarzbären bemessen war. Der aber war um mehr als zwei Drittel leichter als jener Hüne dort …

Am Horizont wagten sich die ersten Sonnenstrahlen hervor, als die Beech zum Haltepunkt der Startbahn 21 des Flughafens von Great Falls rollte, ihre Freigabe erhielt und nach wenigen hundert Metern abhob, in den klaren Morgenhimmel von Montana. Im Fond schlief Hubert den Schlaf des Gerechten. Einen unruhigen Schlaf.

Pilot Michael drehte die Maschine nach dem Start nach rechts und flog seinem Ziel entgegen, das da hieß: Glacier Park International Airport. Von dort aus sollte der Bär in eine bergige Gegend gebracht werden. Dann konnte er, was sich alle wünschten, nach Kanada überwechseln. Zurückkommen nach Great Falls würde er nie mehr. Das hofften alle Beteiligten.

Der Flug über Montanas hügelige Landschaft würde etwas weniger als zwei Stunden dauern, und der Pilot hatte sein Frühstück dabei. Als er Augusta quer ab passierte, griff seine Hand in die mitgebrachte Tasche, fingerte nach der Tüte mit den vier frischen belegten Brötchen und legte sie griffbereit auf den Copilotensitz. Die große Wasserflasche stellte er an die Lehne. Noch war es nicht Zeit, noch wollte er sich ein wenig gedulden, genoß das leichte Hungergefühl im Magen, freute sich auf die knusprigen Semmeln. Drei Schinken- und ein Käsebrötchen. Über Funk rief Michael noch einmal den Heimatflughafen Great Falls an, gab seine Position durch und verabschiedete sich.

Von einem wahnsinnigen Brennen in seiner Kehle wurde Hubert geweckt – und von einem lauten Brummen. Aber dieses ungeduldige Brummen, das ihn für gewöhnlich zu wecken pflegte, rührte diesmal nicht von seinem Magen her. Obwohl er großen Kohldampf verspürte und es längst wieder Zeit war, eine Kleinigkeit einzuwerfen. Besagtes Brummen ertönte vielmehr von irgendwo weither. Der Bär, noch etwas benommen, richtete sich in dem beengten Frachtraum auf, so gut es eben ging, und starrte verträumt aus dem Fenster.

Durch die Gewichtsverlagerung geriet das Flugzeug, das bis an die Grenze seiner Zulässigkeit beladen war und daher mit halbgefüllten Tanks losfliegen mußte, gehörig ins Wanken. Rasch griff der Pilot ein und veränderte die Trimmung so weit, daß die Beech Craft wieder einigermaßen ruhig in der Luft lag. Als Ursache für diesen Schlenker vermutete er einen unverhofften Seitenwind, rief vorsorglich den Glacier Park Airport und ließ sich die Winddaten geben. Laut deren Informationen herrschte momentan Windstille in der Gegend …

Noch lange rätselte der Pilot an dem Phänomen herum, besann sich schließlich, daß er jetzt eigentlich etwas essen könnte und griff nach den belegten Brötchen. Er suchte, suchte. Immer länger wurde sein Arm. Sie waren verschwunden! Ebenso die große Wasserflasche. Irritiert tasteten seine Hände unter den Sitzen nach den verschollenen Gegenständen, denn mittlerweile hatte sich handfester Hunger eingestellt. Aber so sehr er auch Ausschau hielt nach seinem Frühstück und dem Wasser, beides blieb unauffindbar. Dieser Windstoß hatte offenbar seinen Proviant durch die ganze Maschine gewirbelt und lag jetzt irgendwo im hinteren Bereich, für ihn nicht zugänglich. Michael mußte warten bis zu Landung. Der Autopilot funktionierte nicht einwandfrei, und das Verlassen seines Sitzes, wenn auch nur kurzzeitig, hätte ein nicht kalkulierbares Risiko bedeutet. Außerdem lag dort hinten dieser graue Riese. Ergo blieb der Pilot sitzen und starrte abwechselnd auf den magnetischen Kompaß und auf den leeren Sitz neben sich.

Im Fond saß Hubert, der Grizzly, und tat sich gütlich an dem herrlich frischen Wasser. Die Betäubung hatte einen Brand in seinem Rachen hinterlassen, den es zu löschen galt. Zudem glühte seine Oberlippe wie Feuer. Mit seiner Zunge befühlte er die Tätowierung, konnte den Grund für dieses Brennen jedoch nicht ausmachen. Er hatte die Flasche gepackt, mit den Zähnen die Kappe aufgedreht und sich den Inhalt zur Hälfte in den Schlund gestürzt. Ah, das tat gut! Wird wohl ein bißchen zu sehr gesalzen gewesen sein, dachte er, das Rauchfleisch.

Aber … wo war er eigentlich? Tief unter sich sah er Bäume vorüberziehen, Wälder, Flüsse, Berge, jede Menge Fels. Wie kam er überhaupt hierher? Ein tiefes Brummen entströmte seiner pelzigen Brust und ließ das gesamte Cockpit vibrieren, was zur Folge hatte, daß der Pilot ziemlich kritische Blicke auf die Instrumente warf. Öldruck, Tankinhalt, Drehzahl waren normal. Woher bloß rührte dieses durchdringende Brummen? Schon wieder tönte es so laut, als befänden sich die Motoren der Beech nicht an den Tragflächen sondern im Heck der Maschine. Danach wurde es wieder ruhiger.

– Fortsetzung folgt –

Teil 2: http://www.tiergeschichten.de/2014/06/02/ein-nicht-alltaeglicher-jungfernflug-teil-2-von-3/
Teil 3: http://www.tiergeschichten.de/2014/06/02/ein-nicht-alltaeglicher-jungfernflug-teil-3-von-3/

Foto: (c) Daniel Krafczyk / pixelio.de




Autor: Francesco Lupo

francesco.lupo@t-online.de


Fotograf/Künstler: © Daniel Krafczyk / www.pixelio.de

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2 Kommentare

2 Pings

  1. Na sowas ..hätte nicht gedacht, dass ich mir am Montagmorgen die Zeit für eine solch lange Geschichte nehme. Aber wer den ersten Teil gelesen hat, der muss zwangsweise auch die Fortsetzungen lesen.
    Aber ich glaube, die Geschichte war gelogen.
    Gerhard

    • Franz Wolf
    • Wolf, Franz on 6. Juni 2014 at 09:20
    • Antworten

    Hallo Gerhard,
    ich bewundere Ihren Scharfsinn: In der Tat ist von fliegenden Grizzlies wenig bekannt.
    Grüße
    F. Wolf
    Autor

    p.s. Lesen Sie, wenn Sie Zeit dazu haben, die untenstehende Tierdoku. Die ist nicht erfunden.

    http://community.zeit.de/stichworte/tierdukumentation

    http://www.amazon.de/Rien-ne-va-plus-ebook/dp/B00C8CPA44/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1370780215&sr=1-3&keywords=lars+andersson

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