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Sylvia Brandis: Windsbraut: Wie ich lernte, die Sprache der Pferde zu verstehen

Sylvia Brandis: Windsbraut: Wie ich lernte, die Sprache der Pferde zu verstehen, Berlin 2014, Rütten & Loening/Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-352-00878-8, Hardcover mit Schutzumschlag, 351 Seiten mit s/w Fotos, Buch: EUR 19,99 (D), EUR 20,60 (A), Kindle Edition: EUR 15,99.

Abbildung: © Rütten & Loening / Aufbau-Verlag

„Ich habe mich hauptsächlich mit Handel und Wandel sowie der Ausbildung und Vermittlung von Pferden über Wasser gehalten, mit [dem Friesenhengst] Piet habe ich die Sommer über schwedische Schlösser, historische Festivals und andere Veranstaltungen bereist und damit den Großteil unseres Unterhalts bestritten. Zwischendurch bin ich Märchenerzählerin gewesen, habe Holzpferde entworfen, bemalt und verkauft und ab und zu stundenweise in einer Seniorentagesstätte Demenzpatienten betreut. Ohne abgeschlossene Berufsausbildung bin ich in allem, womit ich meinen Lebensunterhalt verdient habe, Autodidakt.“ (Seite 18)

Was für eine Frau! Was für ein Leben! Man kann das missbilligende Kopfschütteln der norddeutschen Akademikerfamilie, in die Sylvia Brandis 1959 hineingeboren wurde, geradezu sehen: Das „hässliche Entlein“ mit den endlos langen Beinen, verträumt, verschlossen und einzelgängerisch, hat mehr oder weniger nur mit ihrer älteren Schwester Kontakt und ausschließlich Interesse an Pferden. Eine familienübliche Karriere im juristischen oder medizinischen Bereich ist bei dieser Außenseiterin nicht drin.

Sylvia hat aber nicht nur Träume, sondern auch die Geduld, Zähigkeit und Ausdauer, sie zu verwirklichen. So lernt sie reiten und entwickelt – was nicht zwangsläufig damit einhergeht – ein Gespür für Pferde. Die Bereiterin (Pferdeausbilderin) Marianne, der sie manchmal zur Hand geht, bescheinigt ihr Talent. Und nun will Sylvia ebenfalls Bereiterin werden. Kollektives Augenbrauenhochziehen, Kopfschütteln und Naserümpfen in der Familie. Nur Großtante Ello hat Verständnis für das Mädchen. Nach deren Tod und dem Wegzug der großen Schwester sowie der Bereiterin Marianne hat Sylvia gar keine Verbündeten mehr.

„Was ihnen in Konsequenz, Geduld, Ausdauer und Lob nicht beibringen können, das brauchen meine Pferde nicht zu lernen.“ (Seite 145)

Nach fast 90 Absagen ergattert sie schließlich eine Ausbildungsstelle in einem erfolgreichen deutschen Dressurstall mit Spitzenpferden – und ist entsetzt. So kann man mit den Tieren doch nicht umgehen! Sie will kompromisslos auf der Seite der Pferde stehen und sie nicht quälen und schikanieren! Also geht sie nach Berlin und nimmt ein tiermedizinisches Studium auf. Doch nach vier Semestern ist Schluss.

Berlin ist auch die Stadt der schönen Künste, und Sylvia geht gerne zu literarischen Lesungen. Aus dem vormals hässlichen Entlein ist zwischenzeitlich eine attraktive junge Frau geworden, was auch den Schriftstellern nicht verborgen bleibt. Sie lernt einen um 40 Jahre älteren, verheirateten Autor kennen, (der in ihren Erzählungen nur S. genannt wird, dessen Identität jedoch in einer Bildunterschrift – absichtlich oder unabsichtlich – enthüllt wird). Wenige Wochen nach ihrer ersten Begegnung zieht S. zu ihr, wacht eifersüchtig über sie und vereinnahmt sie als seine Muse. Über ihn kommt Sylvia zum Schreiben: Rezensionen, Kinderbücher, Biographien, Märchen …

Doch sie ist freiheitsliebend, und je besser sie selbst im Leben zurechtkommt, desto mehr fühlt sie sich von S. eingeengt. Irgendwann hat sie die Faxen dicke und zieht weiter …

Sylvia Brandis hätte es sich einfach machen und ihre Lebensgeschichte linear erzählen können. Doch so, wie sie das Buch aufgebaut hat, ist es interessanter, erfordert aber auch mehr Aufmerksamkeit vom Leser: Die Kapitel, die mit einem Datum überschrieben sind, beschreiben ihr Leben in der Gegenwart. Sylvia hat einen erwachsenen Sohn und lebt als Equitherapeutin in Schweden. Wir begleiten sie von März bis August 2013 bei ihrer Arbeit mit kranken und verhaltensauffälligen Pferden und deren dazugehörigen Menschen. Die Kapitel mit einer textlichen Überschrift dagegen erzählen ihre Lebensgeschichte.

Die Gegenwartskapitel liefert immer wieder Informationsschnipsel, die Fragen aufwerfen und uns die Lebensgeschichte der Autorin mit umso größerer Aufmerksamkeit verfolgen lässt. Wie ist sie in Schweden gelandet? Wieso schreibt sie ihr Geschäftspartner mit „Frau Lindström“ an, wo doch nirgendwo ein Ehemann erwähnt wird? Wer ist der Vater von Hauke? Schriftsteller S., der besagte Herr Lindström oder jemand ganz anderer? (Das ist zwar indiskret, interessiert uns aber trotzdem). Und wer ist der geheimnisvolle Herr aus Kopenhagen, für den sie seit 2005 Friesenpferde einkauft, den sie aber nie zu Gesicht bekommt? Persönlich kennt sie nur seinen Cousin und wirtschaftlichen Berater, den Dänen Olof Hansen. Und der ist schweigsam.

„Man kann die Angst nur überwinden, wenn man sich Situationen stellt, vor denen man sich fürchtet. Davon zeugt nicht zuletzt mein Leben und meine Karriere mit Pferden (…).“ (Seite 335)

Ein Muster in Sylvias wechselvollem Leben kristallisiert sich bald heraus: Wenn ihr gegenwärtiges Leben für sie nicht mehr funktioniert, hat sie keine Hemmungen, die Zelte abzubrechen und sich anderswo etwas Neues aufzubauen. Dass sie dabei stets auf sich allein gestellt ist, hindert sie nicht. Sie ist es nicht anders gewöhnt. Und auch, wenn die Situationen manchmal haarig werden, irgendwie wurstelt sie sich immer wieder heraus. Ihre geplante Ausweisung aus Schweden ist ein beredtes Beispiel dafür. Als Plan A ihres Nachbarn Gunnar an dessen sturer alter Mutter scheitert (eine herrliche Szene!), bittet sie kurzerhand eine andere, überaus einflussreiche deutsche Immigrantin um Hilfe …

Dieses Buch ist in der Tat etwas Besonderes: spannend, poetisch und obendrein noch informativ. Man erfährt vieles über die Arbeit mit Pferden, aber auch so manches über das Leben an sich. Und über Beziehungen: über die zwischen Pferd und Mensch, über „zwischenpferdliche“ – und über zwischenmenschliche sowieso.

„Das Glück vermeiden viele, das hatte ich inzwischen begriffen (…) Es war der Schwarze Peter im Kartenspiel, um den sich alles drehte und den doch niemand in der Hand halten wollte, weil man dann so viel zu verlieren hatte.“ (Seite 257)

Die Autorin
Sylvia Brandis, geboren in Hamburg, studierte Veterinärmedizin, danach freiberufliche Arbeit mit Pferden und als freie Journalistin u.a. für DIE ZEIT. 1989 Preis der Kärntner Industrie im Rahmen des Ingeborg Bachmann Preises in Klagenfurt. Sie lebt seit 1992 in Schweden, wo sie als Equitherapeutin und Ausbilderin für Dressurpferde arbeitet.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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3 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    Das klingt sehr verlockend, vor allem wenn eine solche Lebengeschichte in poetischen Worten erzählt wird.

  2. Margrit Baumgärtner

    Nun habe ich dieses „besondere“ Buch in zwei Tagen verschlungen. Faszinierend, weil ich viele Dinge wiedererkenne aus den vergangenen Jahrzehnten Pferdegeschichte: Kasernenton in der Reithalle, unwürdige Pferdehaltung, Ignoranz und Dummheit bei Pferdebesitzern und Reitern, Öffnung des „Marktes“ gegenüber anderen Pferderassen und Reitweisen (Equitana) und Hinwendung zu pferdefreundlicheren Methoden. Realitätsnah auch der Anfang des Buches, der mit dem Tod des Lieblingspferdes beginnt. Die Autorin (mit der ich zumindest das Geburtsjahr und die Pferdeliebe teile) erzählt auf der einen Seite trocken und abgebrüht (was die Männerbeziehungen angeht) und auf der anderen Seite liebevoll tiefgründig (was die Pferdebeziehungen angeht). Bestätigung eines Vorurteils..? Eher philosophische Lebenserkenntnis.

    1. edithtg
      edithtg

      Ja, mit den Pferden ging sie irgendwie achtsamer um als mit den Männern. 🙂

      In den nächsten Tagen stelle ich einen Krimi vor, der auf dem Gelände des Marbacher Gestüts spielt. Und die Heldin ist eine Pferdefreundin Jahrgang 1960.

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