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Thomas Deuschle: So war’s in den 1970ern

Thomas Deuschle: So war’s in den 1970ern. Reutlingen zwischen „Döschewo“ und „Neue Deutsche Welle“, Reutlingen 2011, Oertel + Spörer Verlag, ISBN 978-3-88627-495-6, Hardcover, 96 Seiten mit zahlreichen Fotos in Schwarzweiß und Farbe, Format: 21,2 x 20,4 x 1 cm, EUR 14,95.

Abbildung: Oertel + Spörer Verlag

Wird man eigentlich automatisch nostalgisch, wenn mal so um die 50 ist? Mir sind diverse Internetforen und –gruppen bekannt, die sich mit der Kindheit und Jugend in den 60er- und 70er Jahren befassen, regionale sowie internationale. „Weißt du noch?“, heißt es da, und dann erinnert man sich kichernd oder wehmütig an Mode und Musik, Produkte und Fernsehserien, Erlebnisse und Ereignisse – und hat eine Menge Spaß dabei.

Da der Autor dieses Buchs so ungefähr in meinem Alter ist und die Stadt, über die er schreibt, nicht allzu weit von meinem Heimatort entfernt liegt, ging ich davon aus, dass ich hier einiges wiedererkennen würde. Und tatsächlich! Das fängt schon beim Vorwort an: Thomas Deuschle beschreibt seine verzweifelte Suche nach Bildmaterial aus der damaligen Zeit und verflucht die Qualität der „Ritschratschpockets“, der billigen Kassettenkameras jener Jahre, die Bilder mäßiger Güte lieferten, die im Lauf der Jahre auch noch farbstichig und blass wurden. O ja, das kennen wir! Genau sehen unsere damaligen Urlaubsbilder Familienfotos auch aus. So wirklich bunt und farbenfroh ist dieses Jahrzehnt nur in unserer Erinnerung.

Zum Auftakt lässt Deuschle die 70er Jahre im Schnelldurchlauf Revue passieren. Und man staunt: Wie? 1970 lief der erste TATORT? Da hat man doch irgendwie das Gefühl, den habe es schon immer gegeben. Und 1971 wurde der Taschenrechner erfunden? Erst? Aber ja … in der Schule hat man uns doch noch mit dem Rechenschieber geplagt. Und so geht’s gerade weiter: RAUMSCHIFF ENTERPRISE und das letzte Beatles-Album … die RAF und das Attentat von München … Ölkrise und Flugzeugentführungen … der VW Golf kommt auf den Markt, Microsoft wird gegründet und die Partei der Grünen. Ein Auszug aus dem Fernsehprogramm von 1970 lässt uns stutzen: Sind wir seinerzeit tatsächlich mit drei Programmen ausgekommen? Ja, sind wir. Sogar bis in die 80-er Jahre hinein. Und hat uns nichts gefehlt.

In den Kapiteln „Kindheit“ und Jugend“ hat der Autor ein paar schnurrige Anekdoten gesammelt: vom Mohrenkopfwettessen ist die Rede und von der eintönigen Verpflegung bei der Jugendfreizeit. Tagein, tagaus mittags und abends Ravioli ist ja wirklich nicht der Hit. Wie gut, dass ein Hobbykoch unter den Teilnehmern war. Auf seine kreative Problemlösung würde sich heute kein Mensch mehr einlassen. Viel zu riskant!

Freibadbesuche und Urlaubsreisen werden bei den meisten Altersgenossen so ähnlich verlaufen sein wie hier beschrieben, genau wie Schülerpraktika und die Freizeitgestaltung im Jugendhaus. Stadtspezifisch wird’s, wenn von dem Miteinander mit den in Reutlingen stationieren französischen Soldaten die Rede ist. Auch das ist für die eine oder andere Geschichte gut.

Ein Kapitel ist den Abrissen und Neubauten gewidmet. Manches Baudenkmal musste Straßen oder moderneren Gebäuden weichen. Und wenn man heute die alten Fotos sieht, ist es um manches Bauwerk jammerschade. Davon kann fast jede Gemeinde ihre Liedchen singen. Und da wären dann noch Originale wie Helmut Palmer, der „Remstalrebell“, ein wortgewaltiger und politisch engagierter Obsthändler, der bei über 250 Oberbürgermeisterwahlen in Baden-Württemberg antrat – ohne jemals eine zu gewinnen. Oder Bürgermeister Oskar Kalbfell, der die postgelben Telefonzellen scheußlich fand und sie kurzerhand grün anstreichen ließ. Das fand die Post nun weniger komisch …

Gerade mal 0,2% der Reutlinger waren in den 70-er Jahren arbeitslos. Wirtschaftlich gesehen waren wirklich die „goldenen 70er Jahre“. Das Wirtschafts-Kapitel in diesem Buch wartet auch mit diversen Abbildungen der damaligen Mode auf sowie mit einer netten schwäbischen Glosse über eben diesen Kleidungs- und Frisurenstil. Ganz fürchterlich findet das der Kolumnist. Aber einen Vorteil der Maxiröcke und –kleider kann er doch erkennen: Dadurch, dass die Säume über den Boden schleifen, ist die halbe Kehrwoche schon gemacht …

Um die autofreien Sonntage im November 1973 rankt sich so manche Geschichte. Und warum die Polizeirufsäulen in Reutlingen ein teurer Flop waren, erfahren wir auch. Dass in den 70-er Jahren die Verkehrsschilder noch nicht europaweit vereinheitlicht waren, macht man sich heute gar nicht mehr bewusst. Das führte zu Irritationen und vermehrten Unfällen bei Zuwanderern, die ihren Führerschein in ihren Heimatländern gemacht hatten. Erst 1971 gab es diverse Anpassungen der deutschen Straßenverkehrsordnung. Und natürlich viel Geschrei, wie immer, wenn sich was ändert.

Man soll’s ja nicht meinen, aber es gibt tatsächlich auch ein Kapitel mit der Überschrift „Das sündige Reutlingen“. Provinz hin oder her: Es gab ein Bordell und eine Spielhölle (den Club Oldtimer) und sogar eine Produktionsfirma für S o f t p o r n o f i l m e. Schwäbischer Schweinkram! Ohne Witz! Das (harmlose) Bildmaterial beweist es! Die in Reutlingen gegründete Deutsche S e x p a r t e i unter der Leitung des Gastwirts Karl Heinz Langner hat es allerdings nie in ein Parlament geschafft. Deutlich seriöser war doch da die Karriere der lokalen Neue-Deutsche-Welle-Musiker Shakin‘ Daddes Band, Kiz und Hubert Kah, der mit bürgerlichem Namen Hubert Kemmler heißt. Letzter schaffte es sogar mal auf die Titelseite der BRAVO.

An manche der geschilderten Ereignisse kann man sich noch gut erinnern, anderes ist so abgefahren, dass man es kaum glauben kann. Dieses Buch bietet nostalgische Unterhaltung und mehrt auf amüsante Weise das unnütze Wissen des Lesers. 😉

Der Autor
Thomas Deuschle ist in Reutlingen geboren und arbeitet in seiner Werbeagentur als Texter und Marketingberater. Mehr und mehr widmet er sich auch dem Schreiben. Nach den erfolgreichen Ausgaben So war’s in den 1960ern und So war’s in den 1950ern erscheinen nun die 70er Jahre.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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2 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    Vieles erkenne ich wieder, wenn auch aus der Sicht einer (damals noch) Essenerin: Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein autofreier Sonntag. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich nämlich jeden Sonntag in der Kirche, da mein Vater nebenberuflich Organist und Chorleiter war. Das bedeutete für mich jeden Sonntag:
    10 Uhr Probe mit dem Kinderchor, 11 Uhr Teilnahme am Kindergottesdienst, 12 Uhr „Dösen“ im Gottesdienst und erst gegen 13 Uhr Rückfahrt nach Hause. Für den autofreien Sonntag hatte sich mein Vater NATÜRLICH eine SONDERGENEHMIGUNG geholt. Und so fuhren wir als EINZIGES Auto an diesem Tag durch den Stadtteil Essen-Bredeney, beäugt von den bösen Blicken aller laufenden Mitbürger…war mir das PEINLICH ! Mein Vater fand es toll—-ich nicht !

    1. edithtg
      edithtg

      Bei uns erwogen damals Leute, mit den Rollschuhen auf der A8 langzufahren. Davon wurde jedoch dringend abgeraten, ich meine, sogar im Radio. Es gab ja, siehe oben, Autos mit Sondergenehmigung, und da wäre eine Rollschuhpartie auf der Autobahn eine tödliche Gefahr gewesen.

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