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Briefträger Herbert

Briefträger Herbert hatte im Laufe der Jahre einige Erfahrungen angehäuft und glaubte eigentlich in seinem Job vor Überraschungen gefeit zu sein. Ausnahmsweise musste er den Zustellbezirk eines Kollegen übernehmen, was seine gute Stimmung an diesem Tage allerdings nicht trüben konnte. Er hatte keine größere Ortskenntnis und konnte deshalb nicht wissen, was ihn hinter dem Eingangstor des weiträumigen Geländes im Taubengrund erwarten würde. So stellte er sein vollbeladenes, knallgelbes Moped im Schatten einer prächtigen Linde ab und näherte sich gemächlichen Schrittes dem Eingangstor.

Auf sein Klingeln hin öffnete der Hausbesitzer das Tor und Briefträger Herbert begann das Grundstück Richtung Wohnhaus zu durchqueren. Nachdem er noch etwa 10 Meter vom Haus entfernt war, bekam er urplötzlich den Schreck seines Lebens. Er hatte nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Der riesengroße Hund, dem er gegenüber stand, sah so aus, als würde er ihn bestenfalls als Zwischenmahlzeit betrachten.

Was jetzt geschah, dauerte nur wenige Sekunden und wurde später von Augenzeugen als sportliche Höchstleistung beschrieben, wie man sie nur selten zu sehen bekommt. Der Postbote machte eine blitzschnelle Wende, ließ dabei sämtliche Briefe fallen und rannte zum Ausgang, um sein Leben zu retten. Grenzenloses Entsetzen muss ihn ergriffen haben, als er bemerkte, dass das Tor inzwischen geschlossen war. Er sah keine andere Möglichkeit mehr, als sich mit einem Hechtsprung über das Geländer zu stürzen, um einen Augenblick später mit aufheulendem Zweiradmotor das Weite zu suchen.

Was er aber nicht sehen konnte, das war die Reaktion des Hundes, der sich während der ganzen Aktion nicht von der Stelle rührte und sich allenfalls darüber wunderte, was ihm hier für eine Schau geboten wurde.

Immerhin wurde dem Besitzer des vierbeinigen Haushüters an diesem Tage klar, dass Besucher, die durch seinen Garten gehen mussten, vielleicht doch besser vor dem Anblick des furchterregend aussehenden aber ausgesprochen harmlosen Riesen gewarnt werden sollten.

Illustration: © Gerhard P. Steil




Autor: Gerhard P. Steil

gerhardsteil@t-online.de


Fotograf/Künstler: © Gerhard P. Steil / privat

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5 Kommentare

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  1. edithtg
    edithtg

    Ich vermute mal, Herr und Hund haben seither ein Postfach und dürfen sich ihre Briefe, Zeitschriften und Päckchen selber abholen, weil sich von den Zustellern keiner mehr aufs Gelände traut.

  2. Gerhard P.Steil

    Nee .. das hat sich etwas anders entwickelt. Das Haus steht noch. Aber nicht nur der Hund hatte dort keine Überlebenschance, nein überhaupt kein Tier existiert an dieser Stelle mehr. Stattdessen donnern in Steinwurfweite im Minutenabstand Flugzeuge über das Gelände, und es wird allenfalls noch über ein paar Vögel gestritten, die dem Flugbetrieb im Wege sind.
    Gerhard

    1. edithtg
      edithtg

      Och, das ist ja blöd!
      Ich erinnere mich an eine Leserbriefschlacht bei uns in der Region, als Postzusteller sich nicht mehr auf ein Gelände mit großen Hunden trauten und dem Bewohner einfach seine Post nicht mehr brachten. Wochenlang war das ein Gedings und ein Gedöns … ich hätte dem Hundebesitzer einfach ein Postfach empfohlen. Die Zusteller sind außer Gefahr, er ist aus der Haftung, hat seine Post wieder und fertig ist die Laube.

  3. Hans Witteborg

    Harmlos ist ein Hund nur dann
    geht er scharf auf einen Mann
    (oder auch Frau)
    nichts Genaues weiß man genau!

  4. Samira

    Hallo Gerhard,
    deine Grafik ist ganz toll gezeichnet.
    LG Samira

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