Heike Abidi: Tatsächlich 13, Jugendbuch (ab 11 J.)

Heike Abidi: Tatsächlich 13, Hamburg 2013, Oetinger Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-86430-025-7, Klappenbroschur, 172 Seiten, Format: 20,2 x 13,4 x 1,4 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 6,99.

Abbildung: (c) Oetinger Verlag

Abbildung: (c) Oetinger Verlag

„Der Countdown läuft! Ich werde ihn nicht aufhalten können, aber ich habe keineswegs vor, das Ganze einfach so zu erdulden. ‚Nein‘, sage ich laut vor mich hin. ‚Ich will genau verstehen, was mit mir los ist. Bevor ich völlig unvorbereitet tatsächlich dreizehn bin, will ich alles über die Pubertät und das Erwachsenwerden wissen!‘“ (Seite 19)

„Kann ich nicht für immer zwölf bleiben?“ – Den Wunsch, nicht erwachsen werden zu müssen, teilt die Berliner Gymnasiastin Henriette „Henry“ Vogelsang mit promienten literarischen Personen: zum Beispiel mit Peter Pan, Pippi Langstrumpf und der scharfsinnig beobachtenden Paloma Josse aus Muriel Barberys Roman DIE ELEGANZ DES IGELS.

Henry ist vielleicht so schlau aber nicht so radikal wie Paloma, die lieber sterben wollte als eine funktionierende Langweilerin zu werden. Henry geht das Thema „Erwachsenwerden“ so an, wie es einer künftigen Wissenschaftsjournalistin entspricht: Sie liest, beobachtet, recherchiert, experimentiert – und bloggt unter einem Pseudonym darüber.

„Alles, was Mädchen wissen sollten, bevor sie 13 sind – Jette V. berichtet live aus der Pubertät“ heißt ihr Blog, das einschlägt wie eine Bombe. Es trifft genau den Nerv des Zielpublikums und ist zum Schreien komisch. Ruckzuck hat Henry eine Menge Fans und Follower, und nicht nur Jugendliche lesen mit. Zum Glück weiß niemand, wer Jette V. ist – nicht einmal ihre beste Freundin Jill, weil die nämlich kein Geheimnis für sich behalten kann.

Henry berechnet, wie groß wohl ihre Brüste werden, wenn sie in dem Tempo weiterwachsen. Wie das aussehen wird, testet sie, indem sie sich zwei Melonen aus Mutters Hofladen unters T-Shirt steckt. Leider wird sie dabei vom „Badezimmerblockierer“, ihrem älteren Bruder Levin und dessen Flamme der Woche überrascht. Wie schrecklich! Am liebsten möchte Henry vor Scham sterben. Dieses Experiment war also nicht der Brüller. (Na gut: Für uns LeserInnen schon …) Ihr Selbstversuch mit den Pheromonen verläuft nicht weniger peinlich.

Henry schreibt über Hormone und Körperbehaarung und stellt die kluge Frage, wieso Affenweibchen mit flachen Brüsten auskommen. Sie befasst sich mit S e x u a l lockstoffen und Liebeskummer, listet dämliche Elternwünsche auf und fragt sich, warum um alles in der Welt die Leute das Knutschen so toll finden. Als sie mal unfreiwillig Zeugin wird, wie ihr Bruder mit einem seiner Mädels herummacht, findet sie das ziemlich eklig.

Über ihren Bruder, der wöchentlich eine andere Freundin anschleppt, lästert sie. Dass sie selbst alle paar Tage für einen anderen Schulkameraden schwärmt, bloggt sie lieber nicht.

Drei Ziele will sie bis zu ihrem 13. Geburtstag erreicht haben:
1. Sie will verstehen, was Erwachsenwerden bedeutet.
2. Sie will einen festen Freund haben.
3. Sie will als Wissenschaftsjournalistin bekannt werden, und wenn es nur im Internet ist.

Punkt 1 ist in Arbeit, Punkt 3 klappt bald besser als ihr lieb ist, nur bei Punkt 2 hapert es noch. Irgendwie sind doch alle Kerle leicht bescheuert. Und dann kommt Nick …

Ach, kann man dieses wissbegierige Kind adoptieren? Henry ist wirklich zum Knutschen! Eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Paloma Josse, ausgestattet mit dem Humor von Heike Abidi. Selbst als erwachsene Leserin bricht man in haltloses Gekicher aus, wenn Henry von ihren Forschungen, Dating-Pannen und ihrer Familie berichtet. Und ich glaube, es liegt nicht an der Pubertät, dass das Mädchen den Familienhund Burkhard und die entspannte Hippie-Oma Lydia für die einzigen halbwegs zurechnungsfähigen Lebewesen in diesem Haushalt hält.

Ihr großer Bruder ist mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, er ist für Henry kein Ansprechpartner. Schwesterchen Tessa ist erst fünf und wird mal kein Haar anders als Henriette. Und die Eltern sind sicher wohlmeinend aber absolut unerträglich. Papa arbeitet auf dem Einwohnermeldeamt. Daheim hat er nix zu melden. Das Regiment führ Mama Eva, eine studierte Pädagogin, die selbst angebautes Gemüse im Hofladen verkauft, die kleinsten Sprachpatzer ihrer Mitmenschen penibel korrigiert und wegen jedem Pups einen Familienrat einberuft. Sie hat jede Woche einen anderen Ernährungsspleen und kocht merkwürdiges Zeug aus Mangold, Pastinaken oder Algen. Oder Dinkeltaler, die wie Kuhfladen ausschauen und nach Styropor schmecken. Kein Wunder also, dass die Kinder zur Oma schleichen, um sich dort satt zu essen.

Nee, es liegt definitiv nicht an Henriette, dass sie damit nicht klarkommt: Ihre Ahnen haben tatsächlich einen Schuss. Auch Freundin Jill, die alle paar Tage für einen neuen Berufswunsch brennt, ist keine große Hilfe. Dem Mädchen bleibt gar nichts anderes übrig, als seine Pubertätsprobleme im Internet zu besprechen. Und das macht es wirklich großartig.

Es wäre durchaus interessant zu sehen, wie Henry sich verändert, wenn der entwicklungsbedingte „Umbau“ im Gehirn weiter voranschreitet. So sachlich und pflegeleicht wie jetzt mit zwölf wird sie auf Dauer wohl nicht bleiben. Noch hat sie mit Schminken und Klamotten nichts im Sinn und findet Spitzmäuse und Feuerquallen interessanter als irgendwelche Teeniestars. Und sie unterläuft und umgeht die Erziehungsbemühungen ihrer Eltern eher, als dass sie auf Konfrontationskurs ginge. Real existierende Eltern von „Pubertieren“ berichten da in der Regel weitaus Schlimmeres.

Auf jeden Fall ist die zwölfjährige Henriette intelligent und wissbegierig, humorvoll, einfallsreich, gnadenlos ehrlich und absolut hinreißend! Sogar als längst erwachsene Leserin kann man aus ihrem Blog noch das eine oder andere lernen. Also ist davon auszugehen, dass es der jugendlichen Zielgruppe ebenso ergeht.

Das Publikum lacht sich scheckig und ist nach dem Lesen klüger als davor – Mission erfüllt!

Die Autorin
Heike Abidi liebt Bücher, seit sie lesen kann. Schon mit acht träumte sie davon, selbst welche zu schreiben. Bevor 2012 ihr erster Unterhaltungsroman erschien, studierte sie Sprachwissenschaften und wurde freiberufliche Werbetexterin. Mit Mann, Sohn und Hund lebt die Autorin in der Pfalz bei Kaiserslautern.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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