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Tereza Vanek: Die Rebellin von Shanghai – Roman

Tereza Vanek: Die Rebellin von Shanghai – Roman, München 2013, Edition Carat/Bookspot-Verlag, ISBN 978-3-937357-81-2, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 680 Seiten, mit Personenregister, Zeittafel und Karte des Gesandtschaftsviertels in Peking, Format: 21,8 x 14,6 x 5 cm, Buch: EUR 17,95, Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: © Bookspot-Verlag

Shanghai im Jahr 1900: Die 17-jährige Chinesin Charlotte ist die Adoptivtochter der Deutschen Viktoria Huntingdon, geb. Virchow, und des Halbchinesen Jinzi. Sie besucht die Mädchenschule der Missionare, die Eltern leiten ein Waisenhaus.

Charlotte wird zu einer jungen Dame der westlichen Gesellschaft erzogen, ist intelligent, gebildet, kultiviert und spricht mehrere Sprachen. Dass sie trotzdem nicht dazugehört und immer eine der verachteten „Chinks“ sein wird, wird ihr schmerzlich bewusst, als ihr Freund, der britische Offizier David Stuart, sein Eheversprechen bricht. Eine chinesische Ehefrau würde für ihn das gesellschaftliche Aus bedeuten.

Charlotte ist verletzt, verzweifelt und voller Wut auf ihre Adoptiveltern, derentwegen sie zwischen den Kulturen steht. Aus Trotz beschließt sie, sich mit einem Freund aus Kindertagen, dem Waisenjungen Shao Yu, einer Gauklertruppe anzuschließen und nach Peking zu gehen. Dort will sie ihre leibliche Mutter ausfindig machen, die Prostituierte Dujuanhua („Azalee“).

Das Leben bei der Künstlertruppe unter der Leitung des grobschlächtigen Kriegers Quantou ist hart für die verwöhnte Charlotte. Und in der der pockennarbigen Dienerin Niuniu hat sie eine Feindin, die zu allem fähig ist. Die Gruppe schließt sich der Boxerbewegung hat, die das Land von der Herrschaft der „fremden Teufel“ befreien will. Charlotte ist entsetzt. Mit dem blutigen Gemetzel, das die Aufständischen anrichten, will sie nichts zu tun haben. Sie will wieder heim nach Shanghai. Doch so einfach werden Quantou und seine Leute sie nicht ziehen lassen. Zusammen mit der Köchin Mayi schmiedet Charlotte Fluchtpläne …

Während Charlotte Huntgindon, die Tochter aus gutem Hause „von Federn auf Stroh“ kommt, arbeitet Elsa Skerpov, 23, in Hamburg an ihrem sozialen Aufstieg. Sie ist die Nichte von Viktoria Huntingdons ehemaliger Zofe und stammt aus einfachsten Verhältnissen. Vater und Brüder schlagen sich als Kleinkriminelle durchs Leben.

Elsa ist clever und willensstark und hat ein Händchen für Zahlen. Sie arbeitet als Hilfskraft im Kontor einer Brühwürfelfirma und erweckt mit ihrer Zielstrebigkeit den Neid eines Kollegen. Heute würde man sagen: Er mobbt sie. Schließlich schiebt er ihr die Schuld an einer Straftat in die Schuhe. Um nicht ins Gefängnis zu müssen, verlässt Elsa mit Unterstützung ihrer Tante das Land in Richtung Shanghai, wo sie fürs erste bei den Huntingdons unterkommt und im Kontor von Viktorias Ziehsohn Deiwei arbeitet.

Als sich Elsa die Chance bietet, zur Schreibkraft in der deutschen Gesandtschaft aufzusteigen, greift sie zu. Wenn sie schon in Peking ist, kann sie dort nach der untergetauchten Charlotte Huntingdon suchen. Schließlich steht sie in der Schuld ihrer Familie, die ihr so großzügig Starthilfe im neuen Land gewährt hat.

Das Leben in China ist nicht einfach für eine junge, alleinstehende Frau aus Europa. Als Helfer in der Not erweist sich für Elsa gleich mehrfach ein junger chinesischer Adeliger, der Mandschubannermann Wenrou. Er ist in den USA aufgewachsen und sieht den Reformstau in seiner Heimat. Er sieht auch die Korruption, die Vetternwirtschaft und die Intrigen am kaiserlichen Hof. Doch kann er daran genau so wenig ändern wie an seiner unglücklichen arrangierten Ehe mit der Adeligen Qingbai.

Doch nichts bleibt, wie es war. Das Leben aller Beteiligten wird durch den Boxeraufstand gründlich durcheinandergewirbelt, keiner bleibt von Not und Unglück verschont. Elsa erlebt die Belagerung der Gesandtschaft mit, Charlotte verschanzt sich mit französischen Nonnen in der Pekinger Nordkathedrale und auch für den Mandschubannermann Wenrou kommt alles anders als gedacht …

Wäre das Buch ein Film, würde sicher die Warnung eingeblendet: „nicht geeignet für Personen unter 16 Jahren!“. Denn der sorgfältig recherchierte Roman enthält ganz schön brutale Szenen. Aufstände und kriegerische Auseinandersetzung sind nun einmal blutige Angelegenheiten, und die Autorin beschönigt nichts.

Die Geschichte des Boxeraufstands wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Charlottes Gauklertruppe und die Adeligen am Hof sind das reaktionäre Moment. Sie wollen alles so haben wie vor dem Kontakt mit den Ausländern. Raus mit den fremden Teufeln und bitte keine Veränderungen! Elsa Skerpovs Kollegen in der Gesandtschaft sehen China mit den Augen „überlegener“ Europäer und Wenrou, der Ost und West kennt, würde gerne das beste aus beiden Welten miteinander vereinen. Und so haben wir hier These, Antithese und Synthese.

DIE REBELLIN VON SHANGHAI ist keine Liebesgeschichte mit exotischem Historien-Dekor. Das ist ein handfester historischer Roman, der uns anhand des Schicksals verschiedener Personen einen Teil der chinesischen Geschichte und Kultur nahebringt. „Bei meiner Darstellung der Ereignisse bin ich so weit wie möglich historischen Fakten gefolgt“, schreibt die Autorin in ihrem Nachwort (Seite 677), „musste aber manchmal zusammenfassen oder Einzelheiten auslassen, da die Schicksale meiner fiktiven Figuren natürlich im Vordergrund standen. Die meisten meiner Nebenfiguren sind allerdings historisch belegt (…).“

Historische Wahrheit trifft hier auf Fiktion, Spannung auf Romantik – und es ist jederzeit nachvollziehbar, was die handelnden Personen umtreibt, auch wenn der Leser ihre Ansichten nicht immer teilt. Von dem umfangreichen Personenregister braucht sich niemand abschrecken zu lassen. Es dient als eine Art „Sicherheitsnetz“: Es ist da, falls man doch mal einen Namen nicht gleich einordnen kann. Aber man braucht es im Grunde nicht. Autor und Leser haben die verschiedenen Handlungsstränge gut im Griff. Es ist immer klar, wer wo was warum macht.

China als Schauplatz hat den Vorteil, dass es literarisch noch nicht so überlaufen ist. Shanghai und Peking sind auch für Vielleser frische exotische Schauplätze, die Tereza Vanek für uns sehr bildhaft zum Leben erweckt. Ein mitreißendes Lesevergnügen, bei dem man sogar noch etwas lernen kann.

Dem Roman DIE REBELLIN VON SHANGHAI geht der Band DAS GEHEIMNIS DER JADERINGE (ISBN 978-3-937357-53-9) voraus. Beides sind eigenständige Werke, man muss Band 1 nicht kennen, um Band 2 zu verstehen. Doch wer mehr über die Vorgeschichte von Charlottes Adoptiveltern, das ungewöhnliche deutsch-chinesische Ehepaar Viktoria und Jinzi Huntingdon, wissen will, dem sei DAS GEHEIMNIS DER JADERINGE ebenfalls ans Herz gelegt.

Die Autorin
Dr. Tereza Vanek , geb. 1966 in Prag, wuchs in München auf. Dort studierte sie Anglistik, Romanistik und Slawistik. Sie lebt und arbeitet in München und hat mehrere, überwiegend historische Romane veröffentlicht.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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1 Kommentar

  1. Edith Nebel

    Hier ist die Buchvorstellung des ersten Teils, DAS GEHEIMNIS DER JADERINGE:
    http://www.tiergeschichten.de/2012/05/25/tereza-vanek-das-geheimnis-der-jaderinge-roman/

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