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Familie Blaumeise

Die Sonne scheint und erwärmt die Luft. Auf der Birke neben mir sitzt eine fesche Blaumeise und singt herzergreifend. Während ich lausche, putze ich mein Gefieder gründlich. So wunderbar singt er, dass ich mich schließlich erweichen lasse und ein paar Zärtlichkeiten mit ihm austausche.

Nach dem Frühstück, es gibt ein paar trockene Früchte von einem Strauch und einen Happen vom Meisenknödel, machen wir uns auf die Suche nach einem Quartier. Es wird höchste Zeit. Im Nistkasten am Apfelbaum wohnen meine Eltern. Beim Nachbarn ist er auch schon bezogen. Den ganzen Tag fliegen wir vergeblich herum. Alle geeigneten Plätze sind schon bezogen.

Am nächsten Tag singt er wieder herzergreifend, während ich meine Morgentoilette mache. Anschließend stärken wir uns gleich am Meisenknödel. Er nimmt beängstigend schnell ab. Zeit, dass die Insekten nicht nur mittags, wenn es warm ist, auftauchen, sondern schon zum Frühstück.

Dann begeben wir uns auf Wohnungssuche. Aber hier im Neubaugebiet gibt es keine Mauernischen, Alles ist ganz glatt und nutzlos. Und die meisten Bäume sind noch so klein, dass sie keine Baumhöhlen besitzen. Erschöpft machen wir auf einer Hecke Rast, dabei picken wir ein paar Früchte. Mir läuft sogar eine Spinne vor den Schnabel. Hm, lecker. Läuse kann ich leider noch nicht entdecken.

„Ich habe etwas“, zwitschert mein Mann aufgeregt. Direkt neben der Haustür hängt so ein großer Kasten. Wir fliegen hin und inspizieren ihn. Eigentlich ist er viel zu groß für uns. Aber das Einflugloch ist schmal. Da passt kein Eichhörnchen oder Elster hindurch. Außerdem bin ich vom vielen Suchen schon ganz verzweifelt. „Aber was ist mit den Zweibeinern?“, frage ich ängstlich.

„Na, die hängen doch immer Futter auf. Dann brauchen wir für die Kleinen nicht so weit fliegen.“
Er hat recht. Er ist ja so praktisch veranlagt.

Die nächsten Tage werden anstrengend. Ich schleppe Grashalme in den Nistkasten, aber die verschwinden immer wieder. Doch ich gebe nicht auf und arbeite unbeirrt weiter. Ab und zu liegen so große Zettel auf dem Bauplatz. So groß, dass ich sie gar nicht wegschleppen kann. Einbauen geht auch nicht. Und dann entfernt so ein Zweibeiner auch noch eine Wand an unserem Haus und erwischt mich fast. Im letzten Augenblick kann ich über seine Hand springen und auf die Birke fliehen.

Geschockt sitze ich eine Weile mit Herzklopfen dort und rühre mich nicht.
„Was ist?“, fragt mein Mann.
„Ich kehre nicht mehr zurück. Das ist viel zu gefährlich. Wenn sie mich nicht erwischen, dann sterbe ich eben an einem Herzinfarkt.“

Er versucht mich zu trösten. Doch ich will mich nicht trösten lassen. Erst als er neben mir zu singen beginnt, lasse ich mich überreden, mit der Arbeit fortzufahren. Schließlich brauchen meine Kleinen ein Dach über den Kopf.

Und es wird besser. Das Baumaterial bleibt endlich liegen, so dass ich schnell fertig werde. Ein wunderschönes Nest ist es geworden. Gerade rechtzeitig bezugsbereit, um das erste Ei zu legen. Jetzt geht der Stress weiter. Eier wärmen und Futter suchen. Bald schlüpft das erste Kleine und ist ständig hungrig. Zum Glück tauchen immer mehr Insekten auf. Und mein Mann hat recht. Die Zweibeiner legen Apfelstücke, Erdnüsse und anderes Futter in unserer Nähe ab.

An dem großen Kasten klebt jetzt so ein weißer Zettel, dafür liegt drinnen kein Papier mehr. Meine Sorge um die Küken war also unbegründet. Mein Herzallerliebster hatte wirklich eine gute Wahl getroffen.

Kurz bevor ich völlig erschöpft vom Futterranschleppen bin, flattern die Kleinen und wollen endlich das Nest verlassen.

Wir locken sie mit dicken Spinnen im Schnabel durch das Einflugloch und dann auf die Hecke, in der die Amsel nistet. Weiter zur Birke. Ein Junges landet in der Rabatte. Auch nicht schlecht. Die Rosen sind voller Läuse. Da kann es sich gleich sattfressen. Ein anderes ist eher auf den Rasen gestolpert, als gelandet. Ich locke es zu der Rabatte. Vorsichtshalber macht es den Weg lieber zu Fuß. Dann sammle ich die anderen bei der Birke ein und fliege zu ihm und die Kinderschar folgt mir.
Nur das jüngste Kind fehlt. Ich höre es tschilpen, kann aber die anderen nicht unbeaufsichtigt lassen.

Endlich sind alle satt und wir bringen sie zur Birke. Jetzt kann ich zurückfliegen. Auf dem Rückflug nehme ich noch ein paar Läuse mit. Dann suche ich den Kleinen. Er hockt verängstigt am Fenster und ruft nach uns. Erst einmal füttere ich ihn. Den ganzen Tag bleibt er da hocken und traut sich nicht weiter. Alles Zureden hilft nicht. Hoffentlich passiert ihm nichts. Aber ich muss mich um die anderen kümmern. Ständig landen sie an Stellen, an die sie nicht sollen. Einer da und ein anderer dort. Aufgeregt fliegen wir von einem zum anderen und versuchen, die Gruppe zusammenzuhalten und ihnen auch noch beizubringen, Futter zu finden. Zwischendurch besuchen wir den Kleinen, der vor Angst erstarrt auf dem Fensterbrett hockt und sich nicht traut, mitzukommen. Damit er nicht verhungert, bringen wir ihm jedes Mal etwas mit.

Die Großen werden immer besser. Mittags müssen wir die Gruppe nicht mehr ständig aufs Neue zusammensuchen, sondern die Kinder landen in unserer Nähe und am Abend fliegen wir gemeinsam zu unserem Nistkasten. Nur den Kleinen können wir nicht überreden. Also verbringt er eine einsame Nacht im Freien. Morgens schaue ich als erstes nach ihm. Zum Glück ist ihm nichts passiert. Selbst das Fenster ist geschlossen geblieben. Ich füttere ihn. Dann fliegen wir mit den anderen wieder durch den Garten. Heute klappt es schon viel besser. Gegen Mittag, wir sitzen gerade an den Rosen und fressen Läuse, da ruft der Kleine laut: „Mama, Mama.“

Ich reagiere nicht, sondern fresse mich erst einmal satt. Schließlich brauche ich ganz viele Läuse, um bei Kräften zu bleiben.

„Mama, ich komme.“ Jetzt schaue ich hoch. Tatsächlich stürzt sich der Kleine mutig in den Abgrund. Hektisch flattert er mit den Flügeln und landet auf dem Rasen unter dem Fenster. Erschrocken bleibt er da sitzen. Ich fliege zu ihm, bringe ihm Futter und rede ihm gut zu. Mit kleinen Hüpfern schaffen wir es bis zu den Rosen. Hungrig füllt er sich gleich den Bauch.

Abends wird es noch einmal schwierig, sie alle ins Nest zurückzubekommen. Zufrieden, alle in Sicherheit zu wissen schlafe ich tief und fest.

Am nächsten Tag klappt es hervorragend. Selbst der Kleine verirrt sich nur zweimal, dann folgt er uns und wir fliegen zu dem Johannisbeerstrauch. Ein Teil der Früchte ist schon rot.

Laut piepsend landen die Kleinen und stürzen sich gleich auf die leckeren Früchte.
Da geht ein Fenster auf. Schnell flüchten wir. Auf einer Tanne sammeln wir uns und beobachten den Garten. Das Fenster geht wieder zu. Also fliegen wir wieder zum Johannisbeerstrauch. Wieder geht das Fenster auf. Doch diesmal bleiben wir sitzen. Erst als ein Zweibeiner schreiend auf uns zuläuft, fliegen wir weg. Sobald er weg ist, kehren wir zurück.
Ab und zu kommt der Zweibeiner schreiend an. Doch jetzt setzen wir uns nur auf den Busch hinter dem Zaun und warten, bis er sich wieder beruhigt hat. Sobald er uns den Rücken zudreht, hüpft unser Großer zu den Beeren und die anderen ahmen ihn nach, bis keine roten Beeren mehr am Strauch sind. Satt und zufrieden fliegen wir zurück. Eine letzte gemeinsame Nacht verbringen wir im Nistkasten. Am nächsten Tag suchen die Kleinen selbstständig nach Futter. Ab und zu treffen wir uns noch und in der Nacht suchen sie sich einen eigenen Schlafplatz.

Zeit für uns unser normales Leben wieder aufzunehmen.
„Ein guter Nistplatz“, meint mein Mann, während wir auf der Birke sitzen und uns putzen. „Im nächsten Jahr nehmen wir ihn gleich in Beschlag.“

Ich nicke zustimmend und er bringt mir ein Ständchen.

©Annette Paul
Mehr von der Autorin kann man auf ihrem Blog http://probeschmoekern-annette-paul.blogspot.de/ lesen.

Foto: (c) Peashooter / pixelio.de




Autor: Annette Paul


www.probeschmoekern-annette-paul.blogspot.de


Fotograf/Künstler: © Peashooter / www.pixelio.de

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2 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    So mühsam und aufregend geht es zu im Meisenleben, das ist schön erzählt !

  2. edithtg
    edithtg

    Und wenn ich es richtig verstanden habe, wurde in diesem Fall der Briefkasten zum Nistkasten. Was werden sich die Postzusteller und Werbeblättchen-Austräger wohl gedacht haben, als da ein Zettel dranhing: „Keine Post einwerfen, hier nisten Meisen!“ ? 😀

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