Vera und das Tierheim – Buchauszug 1

Vor-Wuff
Mein Name ist Freddy Frech. Es ist einer von vielen Hundenamen, die ich besitze. Ich höre nur noch auf diesen, denn er ist mir der liebste. Ich bekam ihn von einem Zweibeiner, der mich zum ersten Mal wirklich richtig gern hat, und den ich auch sehr mag. Er hat mich aus dem Tierheim geholt, ihm verdanke ich nun das schönste Hundeleben aller Zeiten.

Mein Welpendasein war leider nicht so toll. Damit beginne ich auch meine Geschichte. Es lässt sich nicht verhindern, obwohl ich es gern vergessen würde. Man nannte mich damals schwarzer Teufel, Juri, Karli…. Mit all den Namen verbinde ich – auch heute noch – Schmerzen, Ängste, bedrohliche Fahrräder, große, böse Männer mit tiefen Stimmen und weißen Turnschuhen. Es hat meine Hundekindheit geprägt und ist zum Teil bis heute so geblieben. Mein neues Herrchen brauchte lange, um zu verstehen, dass ich kein böser Hund bin, sondern die schlimmen Erfahrungen mich dazu gemacht haben. Ich hatte wirklich viele Macken. Heute, zwei Jahre später, ist nur noch meine Aggression gegenüber großen Männern mit weißen Turnschuhen und die Hatz auf jedes Fahrrad geblieben, mit dem sowohl mein Herrchen als auch ich selbst immer noch zu kämpfen haben. Doch davon erzähle ich euch später.

Der Name Freddy Frech hat im Übrigen nichts damit zu tun, dass ich ganz besonders frech wäre (das wusste meine neue Familie ja damals noch nicht), sondern ist die Erfindung eines weiblichen Familienmitgliedes. Die liebt Pizza und der Laden heißt genauso wie ich, oder umgekehrt. Ob sie mein „Frech sein“ tatsächlich mit Pizza verbanden oder es eine ganz andere Bedeutung hatte, wer weiß das schon. Mir ist es egal, denn Pizza darf ich leider nicht fressen, obwohl mir manchmal der Hundezahn mächtig tropft.

So, und nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen meiner Geschichte, mühevoll geschrieben im Zweipfoten-Takt, kreuz und quer gelesen und behutsam korrigiert von Frauchen. Es erzählt von einem kleinen Mischling, der auszog, das Leben kennen- und lieben zu lernen…

Vera und das Tierheim
„Du kannst dich ruhig ankuscheln“, knurre ich liebevoll zu Vera, meiner liebsten Freundin. Sie friert ständig in dem kalten, zugigen Zwinger und es tut mir weh, wenn sie so leidet. Ich selber habe mir mit der Zeit ein recht dickes, zerzaustes Hundefell angelegt, bin hart geworden innen wie außen. In einem Jahr Tierheim lernt man das, freiwillig oder nicht. Einsam fühle ich mich immer. Nur Vera dringt noch zu mir durch. Sie hat es auch nicht leicht. Auf dem Hunde-Heiratsmarkt hätte sie sehr schlechte Karten, denn sie ist weder niedlich anzusehen noch besonders intelligent. Selbst im Tierheim gehen die Zweibeiner achtlos an ihr vorüber. An mir leider auch. Ich habe schnell kapiert, dass es den Menschen beim Aussuchen eines Tieres immer zuerst um Optik, Größe, Rasse geht. Wir haben nichts von all dem zu bieten. Und irgendwie teilen Vera und ich dasselbe Schicksal. Vielleicht sind wir deshalb so eng aneinander gerückt, geben uns Trost und Halt.

Die Gelegenheit, von einem Zweibeiner aus dem Heim mitgenommen zu werden, ist gleich Null. Nicht oft verirrt sich eine Menschenseele in den hinteren Teil der Anlage. Kein Wunder, denn dort wächst das Unkraut zwei Meter hoch und die verrosteten Eisenstäbe unserer Gefängnisse wirken bedrohlich auf jeden Besucher. Nein, hier ist es wirklich nicht schön, sauber und ordentlich. Finstere kalte Löcher, in denen wir sitzen und der Dinge harren, die nicht kommen werden.

Ich habe schon längst die Hoffnung auf ein besseres Leben aufgegeben. Das zeige ich Vera natürlich nicht, denn ich bin ein stolzer Rüde und sie eine unverbesserliche Optimistin. „Wir müssen uns nur mehr anstrengen“, meint sie jeden Tag, „und Eindruck schinden bei den Zweibeinern“. So begannen wir mit dem Üben diverser Kunststückchen. Vera war darin sehr geduldig und brachte mir so allerlei bei. Keine Ahnung, woher sie das alles wusste. Sie muss früher in einem Zirkus gewesen sein. Verraten hat sie mir das allerdings nie. Überhaupt, wir sprechen nicht über Vergangenes. In dieser ohnehin langweiligen Einsamkeit hatte das Üben diverser Kunststückchen direkt noch Vorteile. Pirouette drehen, auf und nieder springen, niedlich gucken und solchen Mist. Obwohl ich an die Wirksamkeit nie recht glauben wollte, so half es dennoch, dem grauen Alltag wenigstens für ein paar Minuten zu entfliehen und obendrein vertrieb es die verdammte Kälte, die aus jeder Ecke kriecht und uns zu solchen oft dämlichen Übungen zwingt. Am Abend, wenn Ruhe einkehrt und Vera eng zusammengerollt neben mir liegt, beobachte ich die kleinen weißen Wölkchen, die bei jedem Atemzug aus ihrer Schnauze dringen und in die kalte Nacht aufsteigen. Dann wünsche ich mir insgeheim, das alles hätte endlich ein Ende. Irgendwann werde ich auch hundemüde, lege mein Köpfchen ganz nah an ihren zerzausten Körper und verspreche, dass ich sie auf jeden Fall mitnehmen werde, wenn irgendwann ein netter Mensch kommt und mich zu sich nach Hause holt. Ohne sie gehe ich nirgends wohin. Ich schwöre!

Ich habe nie herausgefunden, ob sie meinen Schwur je gehört hat, aber manchmal sah es so aus, als würde sie lächeln. Erst dann fand ich Schlaf und träumte von besseren Zeiten.

Auszug aus dem Buch „Ein Hund kommt selten allein“.

Foto: (c) Jana Weiß

Foto: (c) Jana Weiß




Autor: Jana Weiß

jana-sangerhausen@gmx.de


Fotograf/Künstler: © Jana Weiß / privat

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