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Eine sonderbare Begegnung – Buchauszug 2

Inzwischen ist es Frühling geworden. Die Natur hat sich verändert, Vera auch. Sie ist still geworden, gar nicht mehr so lustig wie früher. Schwerfällig irgendwie und träge. Ich spüre, dass etwas kommt, etwas großartiges, für sie wie für mich. Aber der Stumpfsinn nach so vielen Monaten hat mich ganz schnell eingeholt. Längst habe ich mich an das morgendliche Geräusch der knirschenden Stiefel gewöhnt, die einem Zweibeiner gehören.

Meist kommt eine dickliche Frau, die große Schüsseln mit sich schleppt. Ich mag die Frau, denn bei ihr gibt es öfter eine Streicheleinheit gratis zum Futter, wenn man Glück und sie gute Laune hat. Den Mann dagegen kann ich gar nicht leiden. Der ist immer so grob und mürrisch. Außerdem ist er sehr groß und ich habe Probleme mit großen Männern und tiefen Stimmen. Dem hätte ich so gern mal in die Hand gebissen, aber ich kann mich bremsen, denn wie heißt es so schön: Beiße niemals die Hand, die dich füttert! Und da ist selbst mir das Überleben wichtiger als jegliche Wut. Fütterung ist einmal am Tag, immer um dieselbe Zeit. Danach kommt keiner mehr und die Eintönigkeit nimmt ihren Lauf. Und trotzdem bin ich seltsam unruhig heute, laufe auf und ab in dem viel zu engen Zwinger.

Vera knurrt warnend „gib endlich Ruhe“. Es will mir kaum gelingen und dennoch setze ich mich brav neben sie und lecke ihr den Dreck vom Fell. „Du siehst richtig mistig aus“. Vera wird wütend und keift zurück: „und du stinkst zum Himmel“. Der Tag ist perfekt. Beleidigt verziehe ich mich in den äußersten Winkel unseres Gefängnisses. Inzwischen hat sich die Sonne auch mal zu uns verirrt und wärmt mit ihren Strahlen mein räudiges Fell. Das tut gut. Ob ich nun stinke oder nicht, das ist mir völlig egal. Auch damit kann man sich abfinden.

Hab ich geträumt oder ist es Wirklichkeit? Die Ohren sind scharf aufgestellt, um die unbekannten Geräusche besser zu orten. Meine Nase empfängt fremde Gerüche. Es ist schon ganz nah und plötzlich weiß ich, was auf uns zukommt oder wer. Zweibeiner, viele sogar, nur einer trägt die bekannten Stiefel, die anderen sind leichter, leiser, hören sich weich an irgendwie. Der Kies knirscht nicht so laut wie immer. „Vera“, belle ich aufgeregt, „wir kriegen Besuch“. Sie erhebt sich mühsam, blinzelt ungläubig und ist dann voller Elan. „Mach Sitz und denk an das, was ich dir beigebracht habe“. Sie hat sich bereits in volle Position gebracht, setzt ihr schönstes Hundelächeln auf, während ich immer noch zögere. Ist es das wirklich wert? Das ganze Theater hat schließlich in der Vergangenheit auch nicht zum Erfolg geführt, warum also heute? Und trotzdem folge ich ihren Anordnungen, bringt es doch auf alle Fälle etwas Abwechslung, ob vergebens oder nicht.

Die knirschenden Stiefel gehören zu der freundlichen Frau mit dem Futter. Ich bin erleichtert und freue mich darüber. Was zu fressen hat sie leider nicht dabei, nicht mal Leckerlis. Nach ihr schiebt sich ein Mann mit grauen Haaren an die Gitterstäbe heran, während sie eifrig irgendwas erklärt. Der Mann hat ein freundliches und offenes Gesicht. Das habe ich sofort erkannt, und schon beginne ich meine Vorführung. Pirouette drehen, Hündchen hüpf auf und nieder, Sitz und Platz, artig guck. Fehlt eigentlich nur noch ein pappiger Spitzhut mit rosa Bommel auf dem Kopf und das kurze Tüllröckchen, so dämlich ist das. Doch irgendwie ist heute alles anders. Es macht mir zum ersten Mal irgendwie richtig Spaß und ich gebe alles. Ganz aufgeregt werde ich dabei. Will beeindrucken und hüpfe noch ein wenig höher als sonst, drehe mich schneller im Kreis.

Der Mann lacht, und die Frau daneben auch. Die hatte ich vorher gar nicht gesehen, sie scheint zu dem Mann zu gehören. „Ein bisschen wie im Zirkus“, sagt sie und beobachtet Vera interessiert. Auch die gibt ihr bestes, aber sie ist nicht mehr so gelenkig wie früher und die Kunststücke fallen ihr schwer. „Vera, nun mach“, raune ich ihr leise zu, mitten in einer Drehung. Die Menschen können uns eh nicht verstehen, aber die fremde Frau dort am Gitter schaut uns merkwürdig an. Ahnt sie etwas? Nun folgt der traurig Guck Blick.

Artig sitze ich ganz nah an den Gitterstäben und betrachte den Mann. Der steckt doch tatsächlich seinen Finger durch und will mich streicheln. Das hatte noch nie einer versucht und war für mich eine völlig unerwartete Situation. Aber ich wusste, der oder keiner. Und so schleckte ich ihm den Finger ab und flehte insgeheim: „Bitte, nimm mich mit, und Vera!“. Er kam ganz dicht an den Zwinger und wir beobachteten uns eine weitere Ewigkeit. Er lächelte mir zu und sprach sanft mit mir.

Wenn es überhaupt so was gibt, dann war es Liebe auf den ersten Hundeblick und ich wollte unbedingt gleich und sofort aus diesem Loch hier raus, mit ihm herumtollen, seine Hand abschlecken, von mir aus auch weitere Kunststücke zeigen. Hauptsache, er nimmt mich mit.

Seine Begleiterin verhielt sich leider nicht so. Sie blieb distanziert. „Die tut mir leid“, sagt sie und zeigt auf Vera. „Ich will lieber den“, meint mein Gegenüber und zeigt auf mich. „Und beide?“, fragt die Frau zurück. Na, besser könnte es gar nicht laufen, dachte ich so bei mir. Schon malte ich mir das neue Zuhause aus und konnte es kaum erwarten. Ach, wenn doch schon alles entschieden wäre. Die Zeit des Wartens erscheint mir endlos und irgendwann sagt die Frau, „komm, lass uns gehen und wir überlegen noch mal in Ruhe“.

Zack, aus und vorbei mit meinen Traum. Geplatzt wie eine Seifenblase, und nur wegen der. Meine Enttäuschung ist riesengroß. Okay, Chance verpasst, wieder einmal. Traurig ziehe ich mich vom Gitter zurück. Die Leute gehen wieder, nur der Mann schaut ein einziges Mal zurück und lächelt mir zu. Mir ist in diesem Moment alles egal. Ich gucke weg. Auch Hunde können weinen. Leise und ohne Tränen, aber genauso schmerzvoll.

Auszug aus dem Buch „Ein Hund kommt selten allein“.

Foto: (c) Maren Beßler / pixelio.de




Autor: Jana Weiß

jana-sangerhausen@gmx.de


Fotograf/Künstler: © Maren Beßler / www.pixelio.de

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