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Der große Tag – Buchauszug 3

Der Alltag hat uns wieder. Nach dem Besuch folgte kein weiterer, die Tage kommen und gehen. Ich trauerte noch viele Stunden, selbst Vera konnte mich nicht aufheitern. „Den hätte ich mir als neues Herrchen gewünscht, der hat so liebe Augen“, erklärte ich ihr. „Aber egal, hat eben nicht geklappt“, fügte ich dazu, erhob stolz meine Rute und spazierte in unserem kleinen Gefängnis auf und ab. Sie soll nicht wissen, wie es wirklich in mir aussah. Keiner soll das.

Irgendwann habe ich das Trauern aufgegeben. Es bringt ohnehin nichts. Vera hat mir endlich ihr süßes Geheimnis verraten. Sie bekommt Nachwuchs. Na, von mir kann es nicht sein, denke ich ein wenig erleichtert. Außerdem weiß ich gar nicht, wie das geht, was man da macht. Ich hatte noch nie Gelegenheit, auszuprobieren, was angeblich die schönste Hundesache der Welt sein soll. Mein Rüdenleben hat doch gerade erst begonnen. So sehr ich Vera auch mag, aber irgendwelche eigenartige Gefühle überkamen mich nie. „Nein, du bist es nicht. Obwohl ich es nicht mal übel fände, mein Kleiner“, knurrt Vera und schleckt mir liebevoll das Fell. „Noch ein paar Wochen und ich werfe“, meint sie weiter. Das Grinsen wird breiter. Ich sehe ihr die Vorfreude an. „Dann wird man dich hier aber rausnehmen und ich sitze allein rum“, erwidere ich niedergeschlagen.

Nein, ich kann mich so richtig nicht über ihren Zustand freuen, denn es bedeutet unweigerlich Einsamkeit für mich. Auch Vera kapiert sofort, was das heißt und wird genauso still wie ich. Wir rücken eng zusammen und sie verspricht, es so lange wie möglich geheim zu halten. Die im Tierheim interessieren sich sowieso kaum für uns und bei der einmaligen Fütterung morgens kann man sich in Zukunft was einfallen lassen. „Ich bleibe einfach liegen und tu so, als hätte ich keinen Hunger“, sagt Vera leise. „Vielleicht setzen sie dich auch auf Diät, denn das du dicker geworden bist, ist nicht zu übersehen“, werfe ich traurig ein.

Egal, wie man es dreht und wendet, lange wird es sich nicht mehr geheim halten lassen. Aber bis dorthin, hochheiliges Hunde-Ehrenwort, nehme ich sogar Diätfutter in Kauf. Hauptsache, Vera muss hier nicht weg. Wir besprechen noch einige andere Strategien, doch nichts scheint geeignet, um das Ende unserer Beziehung aufzuhalten. „Es wird alles gut, du wirst sehen“, sagt Vera leise, drückt mit der Pfote liebevoll in meine Flanke und rollt sich neben mir zusammen. Sie ist müde. Das ist sie oft in letzter Zeit. Ich bleibe sitzen und bewache ihren Schlaf.

Langsam senkt sich die Mittagsglut über unsere Behausung. Es wird unerträglich heiß. Von alldem bekommt Vera nichts mit. Sie schnarcht leise vor sich hin und träumt wahrscheinlich von der großen Jagd, hetzt Feldhasen durchs dicke Gras oder sprintet vergebens einem Reh hinter her. Die Sonne brennt jetzt mächtig auf mein schwarzes Fell, doch ich bleibe standhaft, verändere nur ein wenig meine Position, damit der kurze Schatten, den mein Körper wirft, für Vera reicht. So döse auch ich vor mich hin und warte, auf was auch immer… Mitten in diese Ruhe hinein empfange ich ein sehr bekanntes Geräusch. Die Stiefel, verdammt. Aber zu wem gehören sie? Und wieso um diese Zeit? Die Fütterung ist längst vorbei, es ist und bleibt ungewöhnlich. Ich wecke Vera sanft auf. Die aber bleibt liegen und gähnt. „Wer weiß, wer das ist“, sagt sie nicht sonderlich interessiert. Ich werde unruhig. Da kommen schon die Stiefel mit der dazugehörigen Frau. Hund sei Dank!

„Du kommst mit“, sagt sie freundlich zu mir und leint mich an. Das ist völlig neu, seit einem Jahr habe ich keine Leine mehr gesehen. Ich wehre mich ein wenig, will mich nicht einfangen lassen. „Wo bringst du mich hin?“, will ich fragen. Doch sie versteht keine Hundesprache. „Ich komme gleich wieder“, sage ich schnell zu Vera, bevor mich die Frau mit sich zieht. Mir ist ganz komisch, ich will nicht weg, habe Angst vor dem, was kommen wird. Auf einmal ist mir dieser grässliche Zwinger lieber als alles Unbekannte. Die Frau zieht an der Leine, ich stelle mich bockig auf die Hinterpfoten, rutsche halb über den frisch gewischten Steinfußboden, finde das dann doch sehr unangenehm und ergebe mich letztlich meinem Schicksal. Sollen sie doch machen, was sie wollen. Die große braune Holztür kommt mir dann doch sehr bekannt vor.

Erst dachte ich, die Frau bringt mich zum Tierarzt. Ein einziges Mal war ich dort und die Erinnerung daran ist nicht schön. Die Räume befinden sich gleich neben unserem Zwinger und ich habe mir den Weg dorthin sehr gut gemerkt. Nun gehen wir ihn wieder und mir wird ganz anders. Aber nein, die Frau grinst mich an und meint aufmunternd: „Heute kriegst du keine olle Spritze!“.

Sie lacht und findet das extrem witzig. Ich nicht. Und dann stehen wir vor der komischen Holztür. Ich kenne sie, habe den Raum dahinter auch nur ein einziges Mal betreten. Damals, als man mich eingefangen und hier her gebracht hat. Und ich weiß auch, wer dahinter sitzt. Dieser große, böse Mann. Jetzt kriege ich richtig Schiss. Die Frau klopft kurz an und öffnet die Tür. Tatsache, da sitzt der Typ hinter seinem Schreibtisch, der genauso wuchtig aussieht wie er selbst. Und dann sehe ich ihn, den grauhaarigen Mann mit den warmen braunen Augen von einst. Ich belle aufgeregt, kann mich kaum beherrschen, wedle voller Freude mit meiner Rute und diesmal ziehe ich an der Leine – um zu ihm zu kommen.

Die dicke Frau hatte mit so viel Energie nicht gerechnet und durch das Rucken an der Leine machte auch sie einen Sprung nach vorn. Unfreiwillig zwar, aber mir ist das egal. Schon sitze ich brav neben dem freundlichen Mann und seiner Frau. Die beachte ich kaum, denn meine Blicke richten sich nur auf ihn. Ich kann mein Hundeglück kaum fassen, doch sogleich machen sich wirre Gedanken breit. Warum kommt er noch mal? Will er mich mitnehmen? Soll ich lieber noch mal Kunststücke vorführen? Ach, wenn ich nur wüsste, welches Mittel geeignet ist, um ihn von mir zu überzeugen. Aber mir fällt nichts ein und so sitze ich brav neben ihm. Mir ist, als wäre es das Normalste der Welt und schon immer so gewesen.

Er lächelt mich an, tätschelt mein stinkendes Fell und es stört ihn rein gar nicht. Das Frauchen lächelt auch, etwas verhaltener. Und sie guckt so komisch, ein wenig enttäuscht, glaube ich. Natürlich hatte sich nach ihrem ersten Besuch sofort herumgesprochen, dass sie da waren, um sich einen Hund auszusuchen. Die Wahl fiel zunächst auf Flocke, einem Schäferhundmischling, erst ein halbes Jahr alt. Bis zu uns in die hintere Anlage hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet. Aber auch für Flocke konnten sich die beiden nicht vollends erwärmen, er blieb zurück wie ich. Nur wenige Tage nach dem Ereignis, haben ihn andere Zweibeiner ausgewählt und mitgenommen. Er hatte eben richtig Glück. Guckt deshalb das Frauchen hier so traurig? Flocke habe ich gemocht, aber er ist ja auch noch ein Welpe und davon abgesehen hatten wir kaum Gelegenheit zum Spiel oder Beschnuppern. Das fand nur ein einziges Mal statt. Da holte uns ein Azubi aus dem Zwinger und führte uns in den vorderen Teil der Anlage. Dort wartete Flocke auf uns. Von dem Azubi, ein nettes blondes Mädchen mit Zöpfen, wurden wir dann auch Gassi geführt. Endlich ein Stück Freiheit und grüne Wiesen. Aber auch das ging schnell vorüber und das Mädchen kam nie wieder zu uns.

Irgendwann ist das still sitzen zu anstrengend. Ich hopse hin und her, will, dass mich der freundliche Mann zu sich hoch nimmt. Und siehe da, das tat er dann auch. Ich darf auf seinen Schoß Platz nehmen, rolle mich ein und genieße es in vollen Zügen. Der Typ hinterm Schreibtisch ist mit Papierkram beschäftigt. Keine Ahnung, was das zu bedeuten hat, kapiere aber, dass ich ab sofort eine neue Familie haben werde. Mein Herz pocht und pocht. Man könnte meinen, jeder im Raum hört die Geräusche. Als der Typ aber sagte, ich wäre ein Weibchen, da horchte ich auf. Der spinnt wohl. Ich bin ein Rüde, sieht man das nicht? Frauchen war der Typ da vorn wohl auch sehr unsympathisch. Jedenfalls entgegnete sie in einem sehr scharfen Ton, dass es sich doch wohl um einen Hund und keine Hündin handelt. Das hätte ich der gar nicht zugetraut. Sie war richtig wütend jetzt. Der Mann hinterm Schreibtisch starrte in so ein komisches Viereck, was die Zweibeiner Computer nennen und entgegnete mürrisch, man könne sich schließlich mal irren. Der ist vielleicht blöd.

Während die Menschen mit dem ganzen Kram beschäftigt waren, und der fiese Typ nicht mal meinen Namen weiß, ziehen viele Bilder an mir vorüber. Bei aller Freude muss ich auch an Vera denken. Was wird aus ihr? Ich lausche angestrengt, ob vielleicht ein leichtes Hundetrippeln hinter der Holztür zu vernehmen ist. Ach wie toll wäre es, zusammen von hier fort zu gehen. Doch Vera kommt nicht, und mir wird schlagartig klar, dass ich mein Versprechen nicht halten kann. „Der kostet 200 Euro“, erklärt der Chef vom Tierheim und grinst breit. Das Frauchen neben mir schluckt und findet das richtig teuer. „Karte nehmen Sie nicht?“, fragt mein neues Herrchen. „Nein“, entgegnete der Dicke kurz und knapp, lächelt noch ein wenig breiter und wartet. „Dann muss ich erst auf die Bank fahren, Geld holen“. Kopfschüttelnd setzt mich das Herrchen wieder auf den Boden zurück und will gehen. Sofort laufe ich ihm nach. Er hält mich zurück und sagt: „ich komme gleich wieder“. Ja, ja, diesen Satz kenne ich. Er hat sich fest in mein Gedächtnis gebrannt. Das hat das letzte Herrchen auch gesagt, damals in diesem dunklen, feuchten Wald. Er ist nie wieder gekommen und ich habe umsonst auf ihn gewartet!

Auszug aus dem Buch „Ein Hund kommt selten allein“.

Foto: (c) Jana Weiß




Autor: Jana Weiß

jana-sangerhausen@gmx.de


Fotograf/Künstler: © Jana Weiß / privat

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2 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    Das kann ja noch was werden…..man ahnt, dass hier noch viele „Hunde-Abenteuer“ folgen. Sehr flüssig und packend geschrieben, macht Lust auf mehr…! LG Margrit

    1. Jana Weiß

      Liebe Margit, stimmt – es gibt sehr viel mehr. Danke für dein Lob – ich freue mich. LG Jana

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