Frida Mey: Radieschen von unten – Ein Bestatter-Krimi

Frida Mey: Radieschen von unten – Ein Bestatter-Krimi, Berlin 2013, Aufbau-Verlag, ISBN
978-3-7466-2976-6, Softcover, 282 Seiten, Format: 18,8 x 11,4 x 2,2 cm, Buch: EUR 8,99 (D), EUR 9,30 (A), Kindle Edition: EUR 6,99.

Abbildung: (c) Aufbau-Verlag

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„Sie sind ein so selbstloser und fürsorgender Mensch, wie man ihn selten findet, Frau Ruhland.“
Selbstlos schon. Fürsorgend? Im Prinzip ja, dachte Elfie und lächelte still. (Seite 240)

Elfriede Ruhland, 60, hat eine genaue Vorstellung davon, wie die Welt sein soll: korrekt, ordentlich und gerecht. Als Selbständige bringt sie für überforderte Auftraggeber Ordnung in deren Ablage und bereitet die Unterlagen für die Steuer auf.

Im Job ist Elfie hartnäckig und effizient, privat der Typ „schrullige ältere Dame“. Sie fährt immer noch den VW Käfer, den sie und ihr jung verstorbener Verlobter Ludwig in den 80-er Jahren angeschafft haben. Und sie besucht auch nach 30 Jahren noch regelmäßig das Grab ihres Liebsten und erzählt ihm von ihren Sorgen und Nöten. In das Flackern des Grablichtes interpretiert sie seine Antworten hinein, was zu skurrilen Friedhofs-„Dialogen“ führt.

Dass Elfie nicht nur Büros aufräumen möchte, sondern das Leben an sich, ahnt freilich niemand. Ein Mitmensch, der charakterlich im Soll ist und nichts als Chaos und Unfrieden stiftet, gehört ihrer Meinung nach weg, damit Ordnung einkehrt. Und dafür sorgt sie im Bedarfsfall höchstpersönlich.

Kriminalkommissarin Alexandra „Alex“ von Lichtenstein, die Elfie schon länger kennt, wundert sich zwar ein wenig über die außergewöhnliche Häufung von Todesfällen in deren Umfeld, glaubt aber nicht ernsthaft daran, dass die patente und freundliche Geschäftsfrau tatsächlich mordet. Wer denkt so etwas auch von Bekannten?

Derzeit sortiert Elfie die Unterlagen des Bestattungsunternehmens Pietas. Der Juniorchef, Carlos Knörringer, ist ganz in Ordnung, hat aber nicht viel zu sagen. Das Regiment führt seine Mutter Juliane, die von den Mitarbeitern heimlich „der Drache“ genannt wird. Geizig, gierig und gehässig – so erlebt auch Elfie Ruhland sie. Das einzig Positive, das man ihr nachsagen kann, ist ihre Liebe zu Musik und Tanz. Sie wollte einmal Ballerina werden.

Die Welt wäre besser dran ohne Juliane Knörringer, denkt Elfie Ruhland und behält die Chefin im Auge. Laufen da krumme Dinger im Institut? Der Neffe einer Verstorbenen vermisst angeblich 20.000,- Euro, nachdem die Bestatter im Haus waren. Ein Witwer regt sich über Wucherpreise und einen falschen Kranz auf, und eine Hinterbliebene macht Theater, weil ihre Mutter nicht, wie vereinbart, mit ihrem Perlenschmuck im Sarg liegt. Für all das kann es auch harmlose Erklärungen geben. Doch dann wird einer der unzufriedenen Kunden vermisst und taucht als Leiche im Grünmüllcontainer des Südfriedhofs wieder auf. Gefunden hat ihn der Mops Amadeus, den Kommissarin Alex von Lichtenstein zur Zeit in Pflege hat. Er ist also doch nicht nur verfressen, sondern manchmal auch ganz nützlich. Diese Erfahrung macht auch Elfie, die den Hund gelegentlich hütet.

Jetzt fragt sich der Leser: Hat Elfie den pampigen Kunden um die Ecke gebracht weil er bei seiner Beschwerde im Institut gar so ausfällig geworden ist? Sollte sie es nicht getan haben, ist es hochriskant für sie, das Geschäftsgebaren des Bestattungsinstituts zu durchleuchten, wenn da gerade ein Mörder umgeht.

Bei diesem einen Todesfall bleibt es nicht. Und wieder rätselt man: Starb die Person durch Elfies ordnende Hand oder nicht?

Bei diesem Krimi lautet die Frage nicht, wie üblich, „Wer war es?“, sondern „Welche Leiche geht aufs Konto der Heldin?“ Ein interessanter Ansatz, der den humorvollen Krimi zu einem moralisch unkorrekten Vergnügen macht. Bei aller schrulligen Liebenswürdigkeit ist die neugierige und ordnungsliebende Elfriede Ruhland eine Mörderin – eine Mischung aus Miss Marple und „Repairman Jack“.

Im Vergleich zu real existierenden 60-jährigen Geschäftsfrauen kommt Elfriede allerdings ein bisschen sehr omamäßig-spießig daher. Elfriede ist so alt wie Oprah Winfrey, Corinna Harfouch, Eva Mattes , Rene Russo, Annie Lennox und Angela Merkel. Trutschige Omas sind das keine! Aber die Autorinnen haben sich möglicherweise gedacht, je biederer und unbedarfter die Heldin wirkt, desto weniger traut man ihr ihre ungeheuerlichen „Projekte“ zu. Und das funktioniert.

Die Geschichte ist nicht gerade von atemberaubender Spannung, aber originell, schräg und amüsant. Wer den ersten Band nicht kennt, hat jedoch Schwierigkeiten, manche Andeutungen zu verstehen. Es braucht lange, bis ein Quereinsteiger kapiert, was es mit Elfriedes weinrotem Notizbuch auf sich hat. Kenner der Reihe wissen wesentlich schneller, was sie plant. Und warum immer wieder auf einen bordeauxroten Pullover und ein paar Gartenhandschuhe Bezug genommen wird, erfährt man in diesem Band überhaupt nicht. Für die Handlung ist das nicht von zentraler Bedeutung. Wer es trotzdem ganz genau wissen will, der kann ja im Nachhinein Band 1 lesen: MANCHMAL MUSS ES EBEN MORD SEIN.

Die Autorinnen:
Hinter FRIDA MEY verbergen sich Friedlind Lipsky und Ingeborg Struckmeyer, die ihre Figuren am liebsten gemeinsam um die Ecke bringen. Friedlind Lipsky arbeitet als Journalistin und lässt sich von den Abgründen ihres Umfelds zu ihren tödlichen Einfällen inspirieren. Ingeborg Struckmeyer lebt in München und sammelte ihre Mordserfahrung in Kurzgeschichten, die mehrfach ausgezeichnet wurden. In MANCHMAL MUSS ES EBEN MORD SEIN ließen sie Elfie Ruhland zum ersten Mal auf fiese Vorgesetzte und tyrannische Bürohengste los.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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