Neuronensturm

Das Gehirn hat Milliarden kleinster Nervenzellen, jede für sich ein Wunder. Sie werden erregt, geben Signale,, senden Botschaften. Chemische Reaktionen, manchmal elektrische. Winzigste Ionen werden durch Membrane geschleust, sausen mit irrwitziger Geschwindigkeit durch Axone in weit entfernte Empfängerzellen. Zumeist geschieht dies unbemerkt, entzieht sich unserem Bewußtsein. Solange, bis ein Sturm losbricht.

Wie in einem bösen Rausch entladen sich ganze Gruppen von Neuronen, zwingen den Körper zu heftigen Zuckungen, rauben das Bewußtsein. Die Umwelt verschwimmt, die Muskeln versagen ihren kontrollierten Dienst.

Und doch schafft sie es irgendwie. Es ist unbegreiflich wie sie die Kraft und Energie aufbringt, sich aus dem Schlafzimmer zu schieben, wie sie den Weg zur Treppe findet und sich auf dem Bauch rutschend die Stufen hinunterschiebt, während ihre Pfoten zucken, sich ihr Körper schüttelt. Ihre Augen sind verdreht und verschleiert. Ihr Schwanz ist eingekniffen, der Kopf schlägt gegen das Treppengeländer.

Es dauert eine Weile, bis ich die Geräusche höre und nachschaue. Sie hat schon die halbe Treppe geschafft, auf der Suche nach mir.

Ich nehme ihren zuckenden Körper auf meine Arme, ihre Schnauze schiebt sich unter meine Achsel. Vorsichtig trage ich sie die Treppe hinab, lege mich mit ihr auf ihre Decke und halte sie dort in meinen Armen, bis die Krämpfe vorbei sind und sie zaghaft anfängt, meine Hände abzulecken als wäre es wichtig, die Spuren ihres Anfalls auf meinen Pfoten zu beseitigen. Sie darf es sonst nicht – ich mag es normalerweise nicht, wenn mich ein Hund abschlabbert. Aber dies ist etwas anderes.

Der Sturm hat sich gelegt. Wieder einmal. Sie schläft, ihre Schnauze auf meinen Füßen. Sie braucht noch meine Nähe.

Bald wird sie schnarchen. Manchmal liebe ich dieses Geräusch; das Geräusch von 35 Kilo reiner Liebe.

Foto: (c): Eveln Bucher / pixelio.de

Foto: (c): Eveln Bucher / pixelio.de




Autor: Klaus

KlausWelk@live.de


Fotograf/Künstler: © evelyn bucher / www.pixelio.de

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2 Kommentare

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 24. Februar 2014 at 07:18
    • Antworten

    Packend erzählt, was das arme Tier erleiden muss.

    • Klaus on 24. Februar 2014 at 08:43
    • Antworten

    Was ich an ihr bewundere, ist ihre Kraft und ihre Liebe. Natürlich tut es mir im Herzen weh, wenn sie wieder einmal einen epileptischen Anfall bekommt. Aber das ist zum Glück sehr selten.
    Dass sie es jedoch schafft, trotz dieser Anfälle die Nähe zu mir zu suchen, dass sie die psychische und physische Kraft aufbringt, das ist es, was mich berührt und mir zeigt, dass nicht nur ich meine schwarze Lady liebe – sondern dass diese Liebe und das Vertrauen auf Gegenseitigkeit beruht.
    Ich wünschte, ich hätte ihre Kraft und ihren Willen.

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