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„Tierschutz“

Da saß sie nun in unserem Garten. Klein, alt, blind und fast taub. Und ich hoffte für sie, dass auch ihr Geruchssinn zumindest im Augenblick ein wenig geschädigt sei, obwohl ihr damit der letzte verbliebene Sinn genommen wäre. Aber sie stank zum Gotterbarmen. Wenn ich es schon auf eine Entfernung von 5 Metern so deutlich wahrnehmen konnte, wie musste es ihr selber ergehen?

Hunde zählen zu den „Nasentieren“; ihr Riechvermögen ist um etwa das Millionenfache besser als das des Menschen. Ihre Welt ist von Gerüchen geprägt. Winzigste Moleküle geben ihnen Aufschluss über die Umgebung, vermitteln ihnen ein Bild dieser Welt und seiner Bewohner. Und nicht nur mit der Nase können sie diese Gerüche wahrnehmen. Hunde „schmecken“ Gerüche, nehmen sie über das Jacobsonsche Organ auf und transportieren sie an das Limbische System, welches für das Entstehen von Gefühlen, Triebverhalten und die Bildung von Hormonen verantwortlich ist.

Was musste diese kleine Hundelady für einen Geschmack in der Schnauze haben? Was musste sie fühlen, was musste sie über uns, die „Krone der Schöpfung“, denken?
Wäre ich an ihrer Stelle, ich fände uns zum Kotzen. Und als ich so da sitzen sah, fand ich mich selber zum kotzen. Nicht nur mich.

Sie hatte einen langen Weg hinter sich. So, wie sie nun aussah, war es ein äußerst harter Weg gewesen. Und meines Wissens nach hatte sie nichts böseres getan, als an das Gute in uns zu glauben.

Nun, das war wohl ihr Fehler. Oder eher unser. Wir schauen zu oft weg. Nicht nur bei unseren tierischen Mitbewohnern. Das Mitfühlen geht uns immer mehr verloren. Je näher uns das Elend kommt, desto weiter schauen wir weg, blicken in die andere Richtung, halten uns die Ohren zu. Und verlieren dadurch unsere wichtigste menschliche Eigenschaft: die Liebe zu den Geschöpfen dieser Welt.

Hin und wieder findet sich noch ein „menschliches“ Wesen, eines, dass die Augen nicht schließt. Manchmal sogar zwei. Und wenn es mehr sind, dann grenzt es schon fast an ein Wunder.

Die kleine Hundelady hatte Glück. Nein, es war noch kein Wunder, was ihr widerfuhr. Es waren nur zwei Menschen, die ihr Elend wahrnahmen. Zwei Menschen die sich nicht nur empörten, nicht nur Zeter und Mordio schrien und mit dem Finger auf das Unrecht wiesen. Sondern die sich ihrer annahmen. Ich war keiner von ihnen.

Sie nahmen die kleine, alte Lady und fuhren mit ihr zum Tierarzt. Ließen die wütenden, empörten Tiraden der Tierärztin über sich ergehen, die zu Recht über dieses unmenschliche Verbrechen, diese Verwahrlosung, dieses Leiden wütete. Sie kämpften um das Leben dieses kleinen Hundes, der nahe davor stand, aus „humanitären Gründen“ eingeschläfert zu werden. Sie beglichen die Rechnung, obwohl es nicht ihr Hund war, nicht sie das Leid verursacht hatten. Sie verstanden die Wut und die Empörung. Mehr noch: sie teilten sie. Und sie litten mit diesem Tier.

Die kleine Hündin war nun entfloht. Aber das reichte noch lange nicht aus. Dort waren noch mehr Tiere, die der Hilfe bedurften. Die krank waren, vernachlässigt, denen es an dem Nötigsten fehlte. Es war noch viel zu tun. Es ist immer noch viel zu tun.

Was soll man machen, wenn es denen, die eigentlich die Verantwortung für diese Missstände tragen, nicht gelingt, diese abzustellen? Wenn sie vielleicht nicht die Mittel haben, nicht die „Zeit“ – oder eventuell sogar nicht den Willen? Sollte man sie anzeigen, ihnen die Sorge um die Tiere entziehen lassen, sie bloßstellen in der Öffentlichkeit?

Es sind schwierige Fragen und die Antwort fällt nicht immer leicht.

Manchmal darf man nicht mehr wegsehen, wenn man nicht Gefahr laufen will, auch den Rest seiner „Menschlichkeit“ zu opfern.

Die beiden schauten auch weiter nicht weg. Sie packten an. Baten um Hilfe. Und so konnte auch ich mich nicht mehr entziehen. Ich musste sehen, riechen. Und ich musste fühlen. Es tat weh. Und ich schämte mich.

Es gibt schönere Arbeiten als das Ausräumen flohverseuchter Räume. Es ist nicht angenehm, alte Sofas, die als Brutstätte des Ungeziefers dienen, hinaus zu tragen, befleckte Teppiche zu entfernen, Wände und Böden zu scheuern, während einem die Schleimhäute wegen des Geruches zuschwellen und man sich nicht traut, sich zu kratzen, obwohl der Juckreiz beinahe unerträglich wird.

Noch unangenehmer ist es, deswegen geschimpft zu werden. Von denen, die das ganze Elend zu verantworten haben. Wen wundert es, wenn man dann aus der Haut fährt, den ganzen Kram hinwirft und schimpfend diese Stätte verlässt? Ich tat es. Die beiden anderen blieben, arbeiteten weiter.

Ein Stück weit schloss ich wieder meine Augen. Zwar voller Wut und Empörung. Aber reicht das wirklich?

Nun, zwei Tage später, sass sie also in unserem Garten. Eigentlich sollte sie beim „Friseur“ sein, gebadet und geschoren werden. Aber es war kein Termin zu bekommen. Nicht in dem „Salon“. Verständlich, denn wer konnte schon ausschließen, dass wirklich alle der kleinen Blutsauger verschwunden waren? Und was sollten andere Tierbesitzer denken, wenn die kleine, stinkende Lady die Räume betrat? Sie hätten wohl Reißaus genommen.

Auch meine Nase riet mir, mich fern zu halten. Aber meine Frau hatte sich bereit erklärt, der kleinen Hundedame zu helfen. Und so versuchte sie ihr Glück mit der Scher-Maschine. Es war kein Durchkommen. Die Haare waren bis auf die Haut verfilzt, verdreckt, verklebt. Bis auf die Stellen, bei denen sich die Hündin die Haare aus lauter Verzweiflung schon selber ausgerissen hatte, um ihrer Qual zu begegnen. Große Teile ihres Hinterleibes lagen bloß, dort, wo sie mit ihrer Schnauze hingereicht hatte. Entzündete Haut, Geschwüre. Wie hatte die kleine Lady damit leben können? Wie schlafen?

Die Schere musste ran. Auch mit ihr konnten nicht sämtliche verfilzten Stellen entfernt werden. Manche waren zu nah an der Haut, zu nah an den entzündeten Stellen. Trotzdem füllte sich die Mülltüte mit dem stinkendem Haarkleid.

Ich mag Hunde. Aber es kostete mich Überwindung, bis auch ich selber zur Schere griff, die kleine Lady nach weiteren Verfilzungen abtasten konnte. Und meine Nase dazu verdammte, sich diesem Geruch auszusetzen.

Endlich war es geschafft. So weit, wie es uns möglich war. Reichlich zerrupft sah sie nun aus. Noch konnte sie keinen Schönheitspreis erringen. Aber wer braucht das schon außer denen, die mit stolzgeschwellter Brust mit ihren Vierbeinern zu Ausstellungen fahren.

Nun war Waschen angesagt. Vielleicht ließen sich so die restlichen Verklebungen entfernen. Auf jeden Fall würde es nicht nur unseren Nasen guttun.

Sie genoss es. Warmes Wasser, Hände, die sie sanft anfassten. War es eine Täuschung wenn ich meinte, dass sie ihre kleine, verkrustete Nase lebhafter in den warmen Wind streckte? Ich hoffe, dass ich mich nicht getäuscht habe.

Nicht aller Dreck konnte von ihr entfernt werden. Es gab immer noch Stellen, wo sie verklebt und verfilzt war. Und ihr Leid war immer noch nicht vorbei. Es dauerte nicht lange, und sie kratzte sich wieder mit einer Verzweiflung, die uns im Herzen wehtat. Nicht jeder Schmerz kann durch ein Scheren, durch ein Bad genommen werden. So einfach ist die Welt nicht.

Und so schwang ich mich ins Auto, fuhr zu der Tierärztin, in Sorge darum, dass nun auch ich mit schiefem, bösem Blick bedacht werde. Nicht ganz zu Unrecht. Aber ich musste es tun.

Ich bekam nicht geschimpft, nachdem ich mein Anliegen vorgetragen hatte. Im Gegenteil: ich bekam die Tabletten, die den Juckreiz der alten Lady lindern sollten, geschenkt.

Ich fuhr ein wenig schneller zurück, als es erlaubt war. Es gibt zuweilen Wichtigeres, als die Straßenverkehrs-Ordnung.

Wir konnten die kleine Lady nicht bei uns behalten. Sie musste wieder dorthin, wo sie die letzten 2 Jahre lebte. Ein gutes Pfund leichter, ein wenig lebhafter. Und hoffentlich mit weniger Juckreiz, sodass sie endlich wieder einmal schlafen kann.

Heute morgen hat meine Frau durch das Fenster des Tierheimes geschaut. Die Hundedame schien leichter zu laufen, lebhafter zu sein. Und sie kratzte sich nicht. Das ist ein kleines Wunder für mich.

Wie es weitergeht – ich weiß es nicht. So kann und so darf es nicht bleiben. Aber welchen Weg ich einschlage, um das zu verhindern, darüber bin ich mir noch nicht klar. Sie lebt dort, wo Tiere leben, die vernachlässigt, ausgesetzt, misshandelt wurden. Dort, wo sie geschützt sein sollte. Sollte.

6 Monate später: Gestern morgen lief mir die kleine Hundelady wieder über den Weg. Sie war ausgebüxt, während ihr „Zimmer“ im Tierheim gesäubert wurde. Und so machte sie sich – blind und taub – auf den Weg, um endlich mal wieder die Welt zu erkunden. Mit zu Boden gesenkter Schnauze trabte sie langsam an meinem Küchenfenster vorbei in Richtung des kleinen Wäldchen. Ein wenig verwundert wartete ich darauf, dass ihr jemand folgen würde. Es geschah nicht.

So sprang ich schnell in meine Stiefel, nahm eine meiner Hundeleinen und ging ihr hinterher. Ich gönnte ihr den kleinen Ausflug – aber für ein blindes und taubes Lebewesen birgt die Welt einige Gefahren.

Sie stakste über die Wiese, durch die Pfützen und setzte sich dann auf ihren kleinen Hintern, um sich ausgiebig zu kratzen.

Sie konnte mich nicht sehen oder hören – aber gewiss witterte sie mich, denn ihre kleine Nase wendete sich mir zu. Ich trat langsam an sie heran, ließ sie an meiner ausgestreckten Hand schnuppern. Ihre Zunge schlabberte zweimal über meine Finger. Dann wendete sie sich wieder ihrer vorherigen Tätigkeit zu – dem Kratzen.

Ich untersuchte sie vorsichtig. Ihr Fell war stellenweise wieder verklebt, ihre Haut verkrustet. Und ja – sie war wieder voller Leben. Blutsaugendem Leben, das sich auf ihr tummelte.

Ich brachte sie wieder zurück, in ihr „Heim“, wo man mittlerweile bemerkt hatte, dass sie fehlte. Ein wenig spät; hätte die kleine Flohdame eine andere Richtung eingeschlagen, wäre sie mittlerweile auf die nahe Bundesstraße geraten.

Ich werde nicht mehr reden oder schimpfen. Ich werde mich unbeliebt machen. Nun ja, damit kann ich leben. Ich werde das Veterinäramt bitten, diese Einrichtung zu schließen, die den hochtrabenden Namen „Tierschutzverein e.V.“ führt. Ich werde die kleine Hundedame noch einmal entführen, die Tierärztin bitten, sie zu behandeln, sie waschen und bürsten. Und dann hoffen, dass sie ein besseres Zuhause findet. Ich selber kann ihr keines bieten; mir fehlen dazu die Mittel.

Und noch eines werde ich tun: die Beitrittserklärung zum „Tierschutzverein e.V.“, der seit einiger Zeit auf der Kommode liegt, zum Anzünden meines Ofens verwenden. Ich bin sehr für Tierschutz – aber ich sehe hier keinen. Und das stimmt mich traurig.

Foto: (c) Sebastian Moissl / pixelio.de




Autor: Klaus

KlausWelk@live.de


Fotograf/Künstler: © Sebastian Moissl / www.pixelio.de

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3 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    Eine traurige Geschichte: Helfen wollen und helfen KÖNNEN sind nicht immer zu vereinbaren.

  2. Hans Witteborg

    Inzwischen ist mir jeder Verein verdächtig, sofern er kein Sportverein ist!

  3. Ursula Geier

    Mir fehlen echt die Worte, das arme kleine Hündchen.

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