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Einen Elefanten, bitte!

Als kleiner Junge liebte ich es, mir Safari-Filme anzugucken. Am liebsten hätte ich die Heizung selbst im Sommer ganz aufgedreht und das Wohnzimmer voll Sand geschüttet. Oh ich liebte Afrika!! Diese Hitze und dann durch den Regen während der Regenperioden tanzen. Mit wilden Tieren zusammen leben … All das musste doch traumhaft schön sein!

Natürlich wusste ich weder von Armut, noch von Krankheiten, die dort ebenso herrschen. Jedoch war es mir bekannt, dass nicht jedes Kind in Afrika eine Schule besuchen konnte – mit meinen Worten: musste! Ein Punkt mehr für Afrika aus meiner kindlichen Sicht! Meine Güte das musste man sich mal vorstellen: Den ganzen Tag spielen, mit Krokodilen schwimmen und das süße Nichtstun genießen – was hätte es schöneres geben können? Für mich war als kleiner Knirps schon klar: Wenn ich mal groß bin, fahr ich nach Afrika!

Nichts und niemand hätte mich von meinem Traum weg bewegen können! Egal, was meine Eltern und Großeltern mir erzählten. Wenn es nicht so toll klang, hab ich einfach weggehört. Ärger, Leid und Elend hatte ich bereits hier schon genug – nirgendwo konnte es schlimmer sein als hier!

Ständig bekam ich Ärger und Schläge – oft sogar mehr Schläge als Brot zum Essen für uns alle da war. Da ich der Größte einer sechsköpfigen Familie war, musste ich immer das Spiel spielen: „Heute bin ich aber satt!“

Oh, wie ich dieses Spiel hasste!! Immer bekamen meine kleinen Geschwister das Essen, das mir zugestanden hätte! Immer musste ich schuften, kaum dass ich meine Hausaufgaben in großer Eile hingeschmiert hatte. Kein Wunder, dass meine Schulnoten katastrophal waren! Ich nutzte jede Freistunde in der Schule, um etwas mehr für meine Noten tun zu können – anfangs jedenfalls noch. Irgendwann wurde mir alles egal. Ich konnte mich abrackern, wie ich wollte – NIE machte ich es auch nur irgendeinem recht! Das Leben hier war einfach scheiße!!

Ich wünschte mir als kleiner Junge einen Elefanten! Ein Plüschtier natürlich, aber selbst der wurde mir verwehrt. Jedes Jahr wünschte ich mir diesen einen Elefanten zum Geburtstag und dann wieder zu Weihnachten. Ich schrieb immer noch Briefe an den Weihnachtsmann – sicherheitshalber. Aber weder er, noch meine Eltern, noch sonst wer brachte mir meinen Elefanten. Ich glaube ich habe drei Jahre verzweifelt und geduldig gewartet, ohne dass etwas passiert ist.

Irgendwann hatte ich die Nase voll und beschloss, es selbst in die Hand zu nehmen! Ich beschloss Geld zu klauen, um ihn mir endlich kaufen zu können! Immer wieder versuchte ich bei meinen Eltern ein paar Pfennige aus ihren Portemonnaies zu klauben, wenn sie unbeobachtet in ihren Taschen ruhten. Es dauerte nicht lange, bis ich auch nicht mehr davor zurückschreckte ihren Besuch zu beklauen. Auch da immer nur ein paar Pfennige, damit es nur nicht auffiel.

Irgendwann hatte ich wirklich das Geld zusammen, das ich für meinen Elefanten brauchte. Es war ein kleiner, grauer Stoffelefant. Nichts Besonderes. So packte ich eines Tages mein gesamtes Geld zusammen, das ich gut versteckt hatte, und machte mich los zum Laden meines Begehrens.
„Einen Elefanten, bitte!“, brachte ich stolz hervor, während ich meine ganzen Münzen auf der Ladentheke ausbreitete.
„Tut mir leid, mein Junge, die haben wir nicht mehr, ich habe heute erst den letzten verkauft“, bedauerte die nette Verkäuferin.
Völlig enttäuscht, sammelte ich meine Münzen wieder zusammen und verließ mit hängendem Kopf den Laden.

Es war wie verhext! Irgendetwas oder -jemand wollte nicht, dass ich diesen Elefanten bekomme!

Wütend kickte ich nach Steinen und anderen Dingen, die mir vor die Füße kamen, während ich ziellos durch die Straßen irrte.

Es war bereits dunkel, ehe ich endlich zu Hause ankam. All meine Pflichten hatte ich an diesem Tag vergessen und vernachlässigt.
Meine Mutter war völlig außer sich vor Sorge.
„Dein Vater sucht dich schon überall! Wo hast du denn gesteckt? Wir haben uns Sorgen um dich gemacht. Es hätte Gott weiß was passieren können!“, kreischte sie mich hysterisch an, während sie mir weinend vor Erleichterung um den Hals fiel. Ich weiß nicht mehr, wie lange sie so vor mir gekniet hatte, bis mein Vater heim kam und mir als erstes eine klatschte.
„Du dummer Junge! Haben wir dir nicht erklärt, dass du dich abmelden sollst, wenn du raus gehst? Wir möchten wissen, wo du dich rumtreibst. Verdammt noch mal! Weißt du, was du deiner Mutter angetan hast? Sie ist verrückt geworden vor Angst um dich! Meinst du ich laufe gerne durch die Straßen und klingel bei den Leuten? Was müssen die jetzt nur von uns denken? Die denken jetzt ich hab mein eigenes Kind nicht unter Kontrolle!“, brüllte er mit hochrotem Kopf.

Als ich mich völlig zerknirscht auf mein Bett fallen lassen wollte, stockte mir der Atem.
Das durfte doch nicht wahr sein!
Ich rieb mir die Augen, um zu glauben, was ich dort sah.
Da lag er – MEIN Elefant …

Mit zitternden Fingern berührte ich ihn sanft und vorsichtig. Gerade so, als könne er zerbrechen. Weinend brach ich vor meinem Bett zusammen.
Mein kleiner Bruder kam genau zu diesem Zeitpunkt ins Zimmer gestürmt und brüllte sogleich los: Mamaaaaa der Aaaaleeeeex weint!“
Sofort kam meine Mutter ins Zimmer gestürzt. Sie hatte den Elefanten bei all der Aufregung völlig vergessen.
Erschrocken ließ sie sich neben mir fallen. Da erst fiel ihr der Elefant wieder ein, als sie ihn auf dem Bett neben mir liegen sah, vor dem ich kniete.

„Was ist los, Junge? Gefällt er dir nicht? Magst du etwa keine Elefanten mehr?“, wollte sie besorgt wissen.
„Doch Mama, doch! Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken kann … Womit hab ich das nur verdient?“, stammelte ich unter Tränen.
„Du hilfst hier immer und immer mit, du riskierst schlechte Noten, um uns zu entlasten, du verzichtest auf Fleisch, damit die Kleinen genug haben … Es wird dir so unendlich viel abverlangt … Wenn wir könnten, würden wir anders handeln, bitte glaube mir das. Ich bin so stolz auf dich! Und ich weiß, wie oft du dir diesen Elefanten gewünscht hast … Ich habe es leider nie geschafft ihn dir pünktlich zum Geburtstag oder Weihnachten zu schenken. Ich konnte immer nur hier und da ein paar Pfennige zur Seite legen und nur sehr, sehr langsam darauf hin sparen … Aber glaube mir – es war immer mein Ziel dir diesen Wunsch zu erfüllen!“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. „Leider war es in der letzten Zeit noch schwerer ein paar Pfennige auf Seite zu stecken, irgendwie hatte ich immer das Gefühl, mir würde Geld fehlen …“

Da brach es aus mir heraus: „Mama, bitte, bitte verzeih! Ich habe Schreckliches getan. Ich war sooo unglaublich enttäuscht … Es tut mir so furchtbar leid!“ Ich heulte wie ein kleines Kind, während ich alle Münzen aus meiner Hosentasche holte und vor ihr auf meinem Bett ausbreitete.
Ihre Augen wurden vor Entsetzen ganz groß.
„Was hast du getan??“, quiekte sie entsetzt auf.
„Ich habe mir so viele Jahre diesen einen Elefanten gewünscht. Immer wurde ich enttäuscht, niemals hab ich ihn bekommen. Irgendwann war ich bereit ALLES dafür zu tun. Ich fing erst bei dir und Papa an – immer nur ein paar Pfennige, damit es nicht auffiel und später hab ich sogar unseren Besuch beklaut … Es tut mir so verdammt leid … Ich will es wieder gut machen …“, stammelte ich aufgelöst und weinend vor Scham.
„Mama? Mama, bitte sag doch was!“, flehte ich sie an. Sie schwieg – sie tat das Schlimmste, was sie tun konnte und schwieg. Stumm stand sie auf und ging mit herabhängenden Schultern und gesenkten Kopf zur Türe und verließ, ohne sich noch einmal umzuschauen, das Zimmer.
Mir war speiübel und ich gab diesem Verlangen nach. Ich schaffte es gerade noch bis auf die Toilette.
Schweigend ging ich in mein Zimmer und schrieb auf einem Blatt:

Liebe Eltern, liebe Freunde!

Ich habe Furchtbares aus Gier getan: ich habe geklaut! Ich weiß, wie eng das Geld überall ist und habe dennoch aus purem Egoismus geklaut! Ich wollte MEINEN Elefanten endlich haben. Jetzt erst weiß ich, dass ich einen schlimmen Fehler begangen habe. Ich hatte keine Ahnung, wie nah Mama schon für mich meinem Ziel gekommen war … Hier ist all das Geld, das ich euch entwendet habe, bitte nehmt euch zurück was euch gehört! Ich möchte es ganz klar betonen: Meine Eltern trifft weder Schuld noch Scham – denn sie wussten nicht, was ich tat, Euer Alex“

Ich nahm den Zettel und das Geld und legte beides gut sichtbar auf den Wohnzimmertisch, ehe ich genauso schweigend wieder verschwand, wie ich gekommen war.
Lange betrachtete ich „meinen“ Elefanten und wusste nicht, ob ich ihn nun wirklich behalten könnte oder ob er mir nach alledem gar nicht zustehen würde.
Natürlich schämte ich mich meiner Taten, aber ich stand auch zu ihnen.

Irgendwann schlief ich ein und als ich morgens aufwachte, hielt ich den Elefanten feste in meinen Armen. Da war mir klar: Wir gehören zusammen!

Besonders gefreut habe ich mich über das Verständnis der Erwachsenen, als sie meinen Zettel lasen und meine Worte und meine Situation in Ruhe auf sich wirken ließen – im Nachhinein gaben sie zu, dass sie genauso gehandelt hätten. Niemand war mir wirklich böse!
Ich weiß inzwischen auch so, dass es falsch war und würde nie wieder klauen, um mir meine Wünsche erfüllen zu können!

Den kleinen, grauen Elefant hab ich heute noch. Er ist inzwischen sehr abgegriffen, ein Auge fehlt ihm, das andere baumelt bedenklich aus der Augenhöhle heraus und sein Schwanz hat nicht ein Haar mehr an der Spitze.
Meine Enkelin liebt ihn genauso, wie ich ihn liebe. Sie wird auf ihren nicht so lange warten müssen …
Übrigens: Nach Afrika bin ich nie gekommen.

Foto:
Flominator (talk), Creative Commons 3.0




Autor: Alice Höller

info@alicehoeller.de
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8 Kommentare

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  1. Margrit Baumgärtner

    Was für eine berührende Geschichte….auch kann ich es sehr gut nachvollziehen, wie sehr man ein Stofftier lieben kann.

  2. Edith Nebel

    Mich erinnerte die Geschichte daran, wie ich als Kind jeden Pfennig gespart und zusammengekratzt habe, um mir einen Steiff-Löwen kaufen zu können. Und als ich das Geld endlich beisammen hatte, ein ganzes Sparschwein voll, weigerte sich mein Vater, mit dem Klimpergeld in den Spielwarenladen zu gehen und mir den Löwen zu kaufen. Er nahm das Kleingeld, zahlte aber mit einem Schein. Dass ich meinen Löwen nun doch nicht mit „meinem“ Geld bezahlen durfte, das hat mir wirklich etwas ausgemacht.

    Den Löwen habe ich noch heute. Bis auf 5 Steifftiere habe ich vor Jahren meine ganze Sammlung verkauft.

    1. gerda

      Oh ja Edith das kann ich sehr gut verstehen, dass Dich das gestört hat das Du den Löwen nicht mit -deinem eigenen Geld bezahlen durftest. So etwas ähnliches habe ich auch mitgemacht, nur nicht mit einem Plüschtier
      :-).

  3. Heike Diehl

    Ich hab einige Stofftiere von denen ich mich einfach nicht trennen kann. Eine ganz bezaubernde Geschichte.
    Sehr schön geschrieben.

  4. Alice Höller

    Vielen lieben Dank für all das Lob – ich sitze hier und freue mich wie verrückt 😀

  5. Carsten Bremer

    Eine schöne bezaubernde aber auch nachdenklich machende Geschichte. Sehr schön und lebensnah geschrieben und feinfühlig formuliert.

  6. gerda

    Eine bezaubernde Geschichte Alice, ja als Kind hat mans nicht leicht 🙂
    Ich wünsche mir ein Fahrrad aber nach dem Krieg gab es wichtigeres. Doch endlich bekam ich eines, das war aus zwei mach eins, ich fand es war das tollste Rad auf dem Schulhof 🙂

  7. Ursula Geier

    ich kann nur sagen“zauberhaft“ selten gibt es so wundervolle Geschichten, lieben Gruß Uschi.

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