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Michael Boenke: Kuhnacht – Ein Kriminalroman aus der Provinz

Michael Boenke: Kuhnacht – Ein Kriminalroman aus der Provinz, Meßkirch 2013, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-1416-9, Softcover, 310 Seiten, Format:; 19,8 x 11,8 x 2,4 cm, Buch: EUR 11,99 (D), EUR 12,40 (A), Kindle Edition: EUR 9,99.

Menschen, die das Arbeiten eigentlich nicht nötig haben, sind für Kollegen und Vorgesetzte nicht leicht zu handhaben. So einer ist Religionslehrer Daniel Bönle aus dem oberschwäbischen Riedhagen. Er ist schätzungsweise Anfang vierzig, dank einer Erbschaft finanziell unabhängig und ziemlich unkonventionell. Oder hat schon mal jemand einen langhaarigen, schwarzgekleideten Harleyfahrer als Reli-Lehrer gehabt, der zum Einstand eine Runde Whisky-Cola springen lässt und überall mit seinen politisch unkorrekten Sprüchen aneckt?

Nur noch 8 Stunden in der Woche unterrichtet Bönle an verschiedenen (gewerblichen) Schulen in Bad Saulgau und Sigmaringen. Seine Lebensgefährtin, die Diplom-Psychologin Cäcilia Maier, 29, richtet gerade ihre eigene Praxis ein. Beide kümmern sich mit Unterstützung von Cäcis Mutter Frieda, einer Gastwirtin, um den gemeinsamen Sohn, der den lächerlichen Vornamen Korbinian T. Rex trägt.

Klein-Korbinian ist es auch, durch den der Zufallsermittler Daniel Bönle in seinen vierten Fall schlittert. Der Kleine krabbelt an einem schönen Sommertag durch eine Gartenwirtschaft und steckt alles in den Mund, was hineinpasst. Hingebungsvoll lutscht er an etwas, das Mama Cäci angewidert für ein zu Boden gefallenes Würstchen hält. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Ding als abgehackter Finger! Sowas liegt ja normalerweise nicht im Gras herum.

Gehört der Finger Bönles Schüler Peter Faller, der nach einem Sprung von der Inzigkofer Teufelsbrücke im Krankenhaus liegt? Dem fehlt nämlich neuerdings einer. Und ein Arbeitsunfall war das nicht. Recht schnell stellt sich heraus, dass Finger und Patient nicht zusammenpassen. Wem gehört er dann? Gibt es etwa einen Serientäter, der irgendwelchen Leuten die Gliedmaßen abhackt?

Es könnte allerdings auch etwas anderes dahinterstecken: Ein paar von Bönles Schülern interessieren sich auffallend für Okkultismus. Cäcilia Maier selbst wird Zeugin einer merkwürdigen nächtlichen Versammlung von Jugendlichen. Und als noch satanische Schmierereien in der St. Georg-Basilika, in der Sigmaringer Berufsschule und auf einem Friedhof auftauchen, ist die Sache klar: Hier ist der „Teufel“ los! Oder zumindest eine Gruppe Satanisten. Und die sind wohl auch für das Verschwinden des Schülers Fridolin Saber verantwortlich.

Natürlich interessiert sich der neugierige Hobbyermittler Bönle brennend für die Vorgänge. Er untersucht die Satansschmierereien und befragt auf eigene Faust alle möglichen Leute. Besonders häufig trifft er sich mit Mitarbeitern der Kirche, des Krankenhauses und der Polizei. Den Satansjüngern wird mulmig. Dass die Kirchenmänner, Klinikmitarbeiter und Kommissarin Petra Krieger ohnehin zu Bönles Bekanntenkreis zählen und sein Kontakt mit ihnen meist gar nichts mit den okkulten Umtrieben zu tun hat, können sie nicht ahnen. Sie sind wild entschlossen, den Religionslehrer und seine Freunde zu stoppen …

Man schwankt so ein bisschen bei der Beurteilung des Helden: Ist Daniel Bönle jetzt eine coole Socke oder nur ein selbstverliebter Gockel? Wenn er mit dem Mähdrescher zur Arbeit fährt, weil sein restlicher Fuhrpark gerade zickt … wenn er sein Kollegium mit Whisky abfüllt … wenn er mit seinem Kumpel, dem kenianischen Pater Deodonatus Ngumbu um die Häuser zieht oder für seine Familie kocht, dann ist er wirklich zum Knutschen.

Er sagt, was er denkt und schert sich nicht um die Konsequenzen. Er ist ja auch in der beneidenswerten Position, vor niemandem einen Bückling machen zu müssen. Sein Frauenbild indes ist ein bissle arg antiquiert. Da greift der Autor gaaaanz tief in die Klischeekiste. Alle Damen sind in Stretchminiröcken, schwindelerregenden High Heels und engen, tief ausgeschnittenen Tops unterwegs. Okay, bis auf die Lehrerinnen mit den Doppelnamen. Und seine Schwiegermutter macht da natürlich auch nicht mit. Die trägt Kittelschürze.

So ganz ernst darf man das alles nicht nehmen, sonst müsste man sich fragen, warum eine so kluge Frau wie die Psychologin Cäcilia Maier sich das gefallen lässt und sich nicht einen Kerl sucht, der ihr auf Augenhöhe begegnet statt sie so von oben herab zu behandeln.

Die Dialoge – insbesondere die zwischen Bönle und seinen Schülern – sind klasse, die Riege der Nebenfiguren schrammt haarscharf an der Karikatur vorbei und ist durchaus amüsant. Und es gibt einige tolle Szenen. Dass es z.B. eine saudumme Idee ist, jemanden während der Zubereitung des Mittagessens anzugreifen, führt uns der Autor überaus plastisch vor Augen.

Was die Auflösung des Kriminalfalls angeht, da bin ich so unsicher wie bei der Beurteilung des Helden: Ist das nun raffiniert gelöst oder dreist und billig? Irgendwann wird ein zentraler Bösewicht von jemandem erkannt und mit seinem Vornamen angesprochen. Der Leser fängt hektisch an zu überlegen: Wer von den vielen Personen in dem Buch heißt so? Man müsste es eigentlich wissen, denn der Autor hat sie uns ja alle vorgestellt. Hat man etwas überlesen? Oder vergessen?

Aber da kann man sich das Hirn zermartern und zurückblättern so viel man will: Der Vorname hat vor dieser Szene nirgendwo Erwähnung gefunden. Man kann den Täter gar nicht selbst identifizieren und muss sich gedulden, bis der Autor den Teufel aus dem Sack lässt. Ob das spannend oder ärgerlich ist, kann jeder Leser selbst entscheiden.

KUHNACHT ist ein bisschen wie die Krimis im Vorabendprogramm von ARD und ZDF: ein Teil Spannung, ein Teil Witz, ein Teil Lokalkolorit. Und Das Buch hat sogar einen eigenen „Soundtrack“: An den Anfang jeden Kapitels hat der Autor einen Auszug aus einem Songtext gestellt, der jeweils ahnen lässt, was gleich passiert. Das war bestimmt ein Höllenaufwand und ist eine nette Zugabe. Sollte man die Songtexte zu überspringen wünschen, weil z.B. das Englisch nicht gut genug ist, passiert zum Glück auch nichts Schlimmes. Der Krimi funktioniert auch ohne diese Kapiteleinstiege.

Der Autor
Michael Boenke wurde 1958 in Sigmaringen geboren und lebt heute im oberschwäbischen Bad Saulgau. Er absolvierte ein Studium der Germanistik und Katholischen Theologie. Von 2002 bis 2010 war er am Institut für berufsorientierte Religionspädagogik an der Universität Tübingen und als Schulbuchautor tätig. Seit September 2010 unterrichtet er am Berufsschulzentrum in Bad Saulgau. Nach Veröffentlichungen als Schulbuch-, Sachbuch- und Kinderbuchautor gab der begeisterte Harley-Fahrer 2010 sein erfolgreiches Krimidebüt, auf das nun mit „Kuhnacht“ der vierte Teil der Serie folgt.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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