Die Fledermausstory

Es war einige Jahre nach dem Krieg und wir wohnten im Altbau, mittelste Etage.

Gegenüber der Straße befand sich noch eine der letzten Ruinen, die die anglo-amerikanischen Bomber im letzten Kriegsjahr erzeugt hatten. Sie war zwar eingezäunt, diente uns Kindern aber als schöner Spielplatz. Eines Tages rückte jedoch eine Kolonne Arbeiter an und begann Teile der Ruine abzutragen.

Ich weiß noch, es war mitten im Sommer, denn viele der Bauarbeiter zogen ihre Hemden aus und zeigten ihre muskulösen, aber teilweise auch ausgemergelten Oberkörper den zahlreichen Frauen, die dort vorüber kamen. Viele der jungen Frauen waren Witwen oder noch ledig. Heiratsfähige Männer waren Mangelware, wenn man das so sagen darf. Damals waren lebensnotwendige Dinge wichtiger, als alle Formulierungen dafür.

Es war die Zeit, als man wieder anfing, die eigene Arbeitskraft im Urlaub zu regenerieren. Nicht in Spanien, Italien oder auf den Azoren. Nein, man verreiste als Flachländer in die Berge und als Trockenschwimmer der märkischen Sandbüchse fuhr man an die große See oder an den kleinen See, meist als Angler.

Die Mieter über uns hatten schon wochenlang vom Urlaub geschwärmt und nun war es soweit. Sie standen schon mit ihren Köfferchen vor der Haustür. Die Hausfrau kontrollierte zum x-ten Mal, ob auch alle Gas- und Wasserhähne geschlossen und alle Stecker aus der Steckdose gezogen waren. Dabei gab es nur drei Steckergeräte, die Stehlampe, das Radio und das Bügeleisen. Und in jedem Raum der Wohnung nur eine Steckdose. Keinen Ventilator und erst recht keine Klimaanlage.

Weil draußen sommerliche Hitze war, kippte die Hausfrau kurz entschlossen eines der oberen Doppelfenster ab. Hier oben konnte doch nichts passieren. Das erforderte zwar, dass sie auf den Stuhl steigen musste, aber das war sie gewohnt. Dann ließ sie die Jalousetten herab. Das waren schmale, durch Kettchen verbundene Holzleisten, die außen das Zimmer verdunkelten, aber auch im Wind schaukelten. Ein letzter, prüfender Blick, dann verschloss sie die Zimmertür und die Wohnungstür, ging die Treppe hinunter und schloss sich dem Rest der Familie an.

Damals waren seltene Pflanzen und Kräuter auf dem Fensterbrett noch Luxus und kaum vorhanden. Man brauchte sich also kein entferntes Familienmitglied oder eine Nachbarin zu suchen, die die Blumen solange pflegte. Deshalb war es auch nicht erforderlich, sich von irgendjemand im Haus zu verabschieden. Nur wir Kinder bekamen das mit. Und vergaßen es schnell wieder, denn gegenüber auf der Baustelle donnerte und staubte es tagelang, bis ein Mörtelmischer anrückte. Da wurde es noch interessanter, denn Maurer zogen neue Wände hoch und hantierten dabei mit Schnüren, Haken und Wasserwaage, neben Kelle und Hammer. Eine Waage kannten wir aus der Küche und etwas größer auch vom Kohlenhändler. Aber was wollte der Maurer, wie er hieß, mit seiner Waage abwiegen? Etwa die Ziegelsteine?

Als die Maurer beim Frühstück auf der Mauer saßen und die Füße Richtung Straße baumeln ließen, war die Zeit unserer Fragen gekommen. Als Kinder wussten wir doch nicht, dass solche jungen Männer andere Interessen hatten und haben mussten. Deshalb konnten sie uns auch zum Staunen bringen, wenn sie schnell erzählten, dass ihnen noch die Gewichte für die Wasserwaage fehlten. Beinahe hätten wir uns angeboten, ihnen solche Gewichte zu besorgen.

Mit solchen Scherzen und dem Wuchs der Mauern verging die Zeit und eines Tages stand die Urlauberfamilie wieder gut erholt vor der Haustür. Sie staunten, wie schnell und wie hoch das neue Haus schon entstanden war. Der Mann erkannte einen der Maurer als ehemaligen Schulkameraden und begann mit ihm ein lautes und weithin schallendes Gespräch. Während dessen begab sich der Rest der Familie mit seinen Köfferchen schon in die Wohnung. Bei den beiden Schreihälsen auf der Straße und der Baustelle war gerade Sendepause, weil sie beide überlegten, wie der Lehrer mit der goldenen Taschenuhr hieß. Da gellte ein lauter Schrei durch die Straße. Man wusste nicht, ob er aus dem Haus oder aus einem Fenster kam.

Plötzlich blieb alles stehen und horchte. Die Zeiten waren noch nicht so sicher und da musste man aufmerksam sein. Die Frauen im Haus hatten neulich erst beim Wäsche aufhängen erzählt, ein verwirrter Zwickelschneider würde sich hier in der Gegend herum treiben. Da erschallte wieder dieser Schrei, nur etwas länger.

„Das ist meine Frau!“ schrie der zurück gekehrte Urlauber und stürzte samt Koffer ins Haus. Man hörte ihn die Treppe hinauf poltern, während seine Frau erneut schrie.

Es dauerte nicht lange und er kam die Treppe wieder hinunter und lief schimpfend zum Gemüsehändler, der ein Telefon hatte. Jeder konnte das sehen, da die Telefonleitung vom Postamt über die Dächer gespannt war und dann am Haus des Gemüsehändlers nach unten verlief und im Mauerwerk verschwand.

Nach einiger Zeit hörte man aus der Ferne den auf- und abschwellenden Ton der Feuerwehr, der immer lauter wurde. Sie kam direkt in unsere Straße. Erst hielt sie beim Gemüsehändler und fuhr dann weiter zu unserem Haus. Dort entstand ein Pulk von Menschen, die alle laut und unverständlich durcheinander redeten. Ich verstand nur: „Saurier!“, „Die Vögel hängen an der Gardinenstange!“ und „Sie haben alles voll gesch…“.

Zwei der Feuerwehrleute setzten sich Helme auf, an denen die Gesichter durch Metallsiebe verdeckt waren und zogen Handschuhe an. Dann packten sie eine große Kiste an den seitlichen Griffen und stiegen auch die Treppe hinauf. Die anderen Feuerwehrleute standen vor der Haustür und hinderten Neugierige am Betreten.

O, wie gern wären wir mitgegangen und hätten in das Zimmer geschaut, um zu erfahren, was an der Gardinenstange hängt. Aber ein richtiger Junge ist ja nicht wie die Mädels neugierig, sondern nur wissbegierig. Und diese Wissbegierde wurde bald gestillt, denn die Feuerwehrleute waren in ihren schweren Stiefeln nicht zu überhören.

Endlich tauchten sie in der Haustür auf und stellten die Kiste geheimnisvoll vor ihr Fahrzeug. Dann rief einer von ihnen: „Kinder, kommt mal her!“ Doch statt der Kinder rückten schnell die Erwachsenen vor. Da griffen die restlichen Feuerwehrleute ein und bildeten eine Kette, unter der wir Kinder zur Kiste krochen.

Mit Ekel anzeigender Miene öffnete einer den Deckel der Kiste, griff schnell hinein und hielt ein zappelndes Etwas in die Höhe. So zappelten und flatterten die Spatzen, wenn wir einen noch lebenden gefunden hatten, der gegen eine Glasscheibe geflogen und abgestürzt war. Aber der Vogel hier sah so dünn und glatt aus. Da nahm der noch immer behelmte Feuerwehrmann die zweite Hand zu Hilfe und spannte dem Tier die Flügel.

Igittigitt, sah das komisch aus. Aber wir wurden gleich aufgeklärt, dass es sich um eine bestimmte Art von Fledermäusen handelt. Ogottogott, davon hatten wir doch schon schaurige Geschichten gehört. Sie sollten angeblich nachts den Frauen durch die wehenden Haare fliegen. So wurden manchmal die großen Mädels gewarnt, wenn sie im Dunkeln vor der Haustür standen und ständerten. Was das Ständern auch immer sein mochte, es war durch die Fledermäuse gefährlich.

Aber schon steckte der Retter der Tiere das Musterexemplar in die Kiste und erklärte allen, dass die Fledermäuse in der Ruine gewohnt hätten und sich durch die Bauarbeiten ein neues Quartier gesucht hätten. Da wäre ihnen das abgekippte Fenster der Familie Pf…., hier im Haus gerade recht gewesen und sie hätten sich dort im Zimmer häuslich, fledermaushäuslich, eingerichtet. Durch die herab gelassenen Jalousetten war es dort auch am hellerlichten Tage dunkel. Und die Fledermäuse seien Jäger der Nacht. Alle 27 Tiere hingen, den Kopf nach unten, an der Gardinenstange und unter ihnen wäre alles voller Exkremente gewesen.

„Was für Ex?“ fragte ich. „Na Vogelsch…“ murmelte einer hinter mir. Und der Feuerwehrmann klärte uns auf, dass Fledermäuse nicht zu den Vögeln, aber auch nicht zu den Mäusen zählen. Den Rest habe ich nicht verstanden.

Die Kiste wurde vorsichtig eingeladen, alles kletterte schwerfällig in die Mannschaftskabine, die Sirene heulte kurz auf und das Feuerwehrfahrzeug fuhr davon. Ach, war das aufregend für uns Kinder und wir schauten zu Hause sofort auf die Gardinenstangen. Man konnte ja nie wissen. Wir wollten immer mal bei der Feuerwehr anrufen, das Telefonhäuschen reizte uns dazu, wo die Fledermäuse jetzt wohnen würden, aber andere interessante Sachen haben uns letztlich davon abgehalten.

27.11.2013 © Wolf-Rüdiger Guthmann

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Autor: Wolf-Rüdiger Guthmann

wr.guthmann@web.de


Fotograf/Künstler: © Unbekannt / CD mit rechtefreien Bildern

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4 Kommentare

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  1. Das habe ich wie einen Schwarzweiß-Film aus den 50-er Jahren vor Augen.

    Und bei aller Tierliebe – ich glaub da hätte ich auch geschrien, wenn mir während meines Urlaubs 27 Fledermäuse die Wohnung vollgesch***en hätten.

    Die Nachbarn im 2. Stock haben im Sommer manchmal Fledermausalarm. Ich hörte, man könne die Tiere mit Musik vertreiben (die Nachbarn auch). Besonders geeignet seien CDs von „Modern Talking“. Die Sänger müssen da Töne erzeugen, vor denen es selbst Fledermäusen graust.

    • W.R.Guthmann on 28. November 2013 at 17:40
    • Antworten

    Bei uns haben sich die Fledermäuse der Technik angepasst. Die Insekten, von Mücken bis Maikäfern, fliegen immer unter den Straßenlampen hin und her. Da können sich die Fledermäuse noch den größten „Brocken“ aussuchen. Mich würde aber mal interessieren, ob meine Geschichte nicht zu lang ist. Ich möchte nämlich nicht die Leser vergraulen.

  2. Ich fand sie perfekt so wie sie ist und hab sie amüsiert und mit Interesse gelesen.

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 29. November 2013 at 09:49
    • Antworten

    Wir sind ja nicht lesefaul…..eine sehr nette Geschichte!

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