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Sabine Bösel, Roland Bösel: Warum haben Eltern keinen Beipackzettel?

Sabine Bösel, Roland Bösel, gemeinsam mit Daniela Pucher: Warum haben Eltern keinen Beipackzettel? – Über Risiken und Nebenwirkungen des emotionalen Erbes fragen Sie Ihre Partnerin oder Ihren Partner, Wien 2013, Orac / Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co KG, ISBN 978-3-7015-0551-7, Klappenbroschur, 191 Seiten, Format: 21,2 x 13,6 x 1,6 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle Edition: EUR 16,99.

„Erwachsen ist man (…) tatsächlich erst dann, wenn man das tut, was man will – selbst wenn es die Eltern wollen.“ (Seite 160)

Manchmal kennen wir uns nicht mehr aus mit unseren Mitmenschen: Wir sagen oder tun etwas völlig Harmloses, und sie rasten aus. Möglicherweise hat diese Reaktion gar nichts mit uns zu tun. Wir haben nur aus Versehen ein kritisches Stichwort geliefert. Der (Gesprächs-)Partner reagiert automatisch nach einem Verhaltensmuster, das ganz woanders geprägt wurde – vor langer Zeit, in seiner Herkunftsfamilie.

Die Chancen stehen gut, dass wir uns in den Augen der anderen genauso seltsam und unbegreiflich benehmen. Das sind die Nebenwirkungen unserer Sozialisation. Eine unerschöpfliche Quelle für Missverständnisse und Auseinandersetzungen, vor allem in der Beziehung!

Schuldzuweisung ist nicht der Zweck dieses Buchs. Tatsache ist einfach, dass uns das Elternhaus prägt. Dort lernen wir, wie man mit anderen Menschen auskommt, wie man seine Ziele erreicht, wie man eine Beziehung führt und vieles mehr. Und nach diesen Mustern verfahren wir. Manchmal kollidiert das mit den Verhaltensmustern des Partners. Dann gibt’s Konflikte. Manchmal haben wir auch Verhaltensweisen erlernt, die uns schaden und einer harmonischen Beziehung im Wege stehen. Dann müssen wir uns dessen bewusst werden, um daran etwas ändern zu können. Wenn wir eine Veränderung wirklich wollen und den Mut und die Geduld dazu aufbringen, können wir untaugliche alte Verhaltensmuster ablegen und an deren Stelle neue einüben.

Anhand von anonymisierten Fallbeispielen aus ihrer psychologischen Praxis und Ereignissen aus ihrem eigenen Leben erläutern uns die Autoren, wie sich solche negativen Prägungen aus Kindertagen äußern und auswirken können und was man dagegen tun kann.

Da gibt’s die verdeckten Aufträge: Kinder denken aufgrund bestimmter familiärer Konstellationen, es sei ihre Aufgabe, Mutter und Vater glücklich zu machen. Den Glauben, für das Glück anderer verantwortlich zu sein, nehmen sie später in ihre Beziehungen mit – und scheitern hier wie dort. Auch Schuldgefühle sind eine schwere Hypothek. Oft übernimmt man als Kind für etwas die Verantwortung, für das man gar nichts kann. Ganz sicher ist Roland nicht verantwortlich für die politischen Ansichten seines Vaters. Und die kleine Alexandra war nicht der Grund dafür, dass ihre Eltern sich getrennt haben. Sie dachten das als Kinder aber und es belastet sie noch heute. Wie man die Verantwortung wieder zurückgeben kann, erfahren wir im Buch.

Manch einer fasst in jungen Jahren einen unbewussten Beschluss und zahlt einen hohen Preis dafür. Beispiel: „Ich werde nie eine Beziehung eingehen, denn dann komme ich gar nicht erst in die Situation, ausgenützt zu werden.“ (Seite 94) Und manchmal lebt man aufgrund eines unbewussten Beschlusses die Aggressionen, die eigentlich einem Elternteil zugedacht sind, am Partner aus. Auch wenn man seinem Partner ein Fehlverhalten nicht vergeben kann, ist das möglicherweise die Folge eines solchen „inneren Beschlusses“, der tief in der Kindheit wurzelt. So ein Stachel im Fleisch tut weh und der Schmerz raubt Lebensenergie.

Loyalität, Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung sowie Selbstschutz können Gründe dafür sein, dass man im Beziehungs- und Berufsleben die Fehler der Eltern kopiert. Ein Beispiel dafür ist

Andrea, die sich nicht entscheiden kann, ob sie heiraten und Kinder haben will. „Meine Mutter hat es so schwer gehabt, sie war mit mir alleine. Es war ihr nicht vergönnt, eine komplette Familie zu haben – und jetzt soll ich einen lieben Mann haben und Kinder? (Seite 129) Und wer alles ganz anders machen will als seine Eltern, läuft Gefahr, in der Rebellionsphase stecken zu bleiben und vor lauter Anti-Haltung sein Potenzial nicht zu nutzen. Siehe Zitat oben: Erwachsen ist man erst dann, wenn man tut, was man will. Auch wenn es die Eltern wollen.

Düstere Familiengeheimnisse und Tabu-Themen sind auch nicht förderlich für ein gesundes Familien-Klima. Die Wahrheit wird vielleicht mit Mühe unter dem Deckel gehalten, doch daraus resultieren eine angespannte Stimmung und das ungute Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. Das wird oft über Generationen weitergegeben. Wann man die Karten auf den Tisch legen sollte und wann es trotz allem besser ist zu schweigen, erklären uns die Autoren im letzten Kapitel.

Das Buch mit seinen anschaulichen Beispielen gibt dem Leser eine Menge Anregungen, über die eigenen Sozialisierungspannen und Beziehungskonflikte nachzudenken. In manchen Punkten erkennt man sich mit mehr oder weniger großem Schrecken wieder. Ob allein die Erkenntnis: „Ich krieg die Krise, wenn …, weil … und werde deshalb …“ genügt, oder ob man professionelle Hilfe sucht, kommt auf die Schwere des „Falls“ an.

Gewisse Risiken bergen die Anleitungen zur Selbsttherapie mit Hilfe von Freunden. Das mag bei Feld-, Wald- und Wiesenmarotten funktionieren, aber sowie die Schwierigkeiten größer sind, sollte man nicht selbst mit Sachbuch und Hausverstand daran herumdoktern. Gesetzt den Fall, es wünscht sich jemand bei den Fragen auf Seite 27, vom Partner nicht mehr misshandelt zu werden und hofft, dies durch noch mehr vorauseilenden Gehorsam und das komplette Verleugnen eigener Bedürfnisse zu erzielen, dann dürfte dies eher kontraproduktiv sein. Genau so wenig wird man im do-it-yourself-Verfahren etwas erreichen, wenn der Partner z.B. psychisch krank oder in irgendeiner Form abhängig ist. Solche Probleme gehören nicht in die Hände von „Psycho-Heimwerkern“, da müssen Profis ran. Vor denen muss man sich nicht fürchten. Das sind Leute wie Sabine und Roland Bösel, die gelernt haben, wie der Mensch tickt und mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung helfen können, wenn etwas aus dem Lot geraten ist.

Um eine Ahnung zu bekommen, worin die eigenen Schwierigkeiten möglicherweise begründet liegen und zu überlegen, was man dagegen unternehmen kann, ist das Buch sehr hilfreich. Beim Lesen geht einem der eine oder andere Kronleuchter auf. Und der „Warnhinweis“, den die Autoren einem der Kapitel vorangestellt haben, gilt im Grunde fürs ganze Buch: „Das Lesen und Verstehen (…) kann dazu führen, dass man in die Abgründe des eigenen Seelenlebens Einblick bekommt. Die Mitnahme von Steighilfen ist angeraten, um aus diesem Abgrund wieder heil herauszukommen.“ (Seite 120) Und manchmal bedarf es dazu der Unterstützung von externen Kletter-Experten.

Die Autoren
Dr. Sabine Bösel
ist Psychologin, Psychotherapeutin, Imago-Therapeutin und Imago-Workshop-Presenterin. Roland Bösel ist Psychotherapeut, Imago-Therapeut und Imago-Workshop-Presenter. Die beiden sind seit über 30 Jahren verheiratet und haben drei erwachsene Kinder. Sie betreiben seit über 20 Jahren eine Praxis für Paartherapie und Psychotherapie in Wien und haben den Generationen-Workshop erfunden.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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