Glaucus atlanticus – die blaue Ozeanschnecke

Dieses Tier habe ich zum ersten Mal in einer Fotogalerie im Internet gesehen, und da hat es sich mir mit seinem lateinischen Namen Glaucus atlanticus vorgestellt. Im englischsprachigen Raum nennt man es auch Blue Dragon oder Blue Sea Slug. Dass es im Deutschen auch Seeschwalbe heißt, war mir neu. Hinter diesem Namen hätte ich eher einen Vogel vermutet. Aber dieses Tier ist ein Nacktkiemer, eine Fadenschnecke. Die Alternativbezeichnung Blaue Ozeanschnecke finde ich da schon passender.

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Foto: Taro Taylor from Sydney, Australia, derivative work: dapete

Die Blaue Ozeanschnecke also wird zwischen 3 und 5 cm groß und ist weltweit in den gemäßigten und tropischen Gewässern verbreitet. Diese Art lebt pelagisch. Das heißt, sie treibt in Gruppen von Artgenossen direkt unter der Wasseroberfläche dahin, wohin Wind und Wellen sie trägt. Auftrieb geben dem Glaucus die gliedmaßenähnlichen Ausstülpungen, die Cerata. Bis zu 84 Cerata hat so ein Tier. Glaucus atlanticus kann auch Luftblasen schlucken, diese in einem Sack in ihrem Magen verstauen und sich dadurch zusätzlichen Auftrieb verschaffen.

Der Witz ist: Diese Schnecken treiben mit dem Bauch nach oben im Wasser. Die blau-weiße Seite, die wir auf den Bildern sehen, ist ihre Bauchseite. Die Gegenseite, der Rücken, ist silbrig-grau. Das hat seine Gründe: Von oben gesehen sind die Tiere gefärbt wie Wasser und Wellen und für Raubvögel schlecht zu erkennen. Für Unterwasserräuber, die nach oben sehen, sind sie durch ihre silbergraue Färbung gut getarnt.

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Foto: Doug Beckers from Macmasters Beach, Australia

Interessant ist auch, was diese Hochseetiere fressen: frei schwimmende Nesseltiere wie zum Beispiel die Segelqualle (Velella velella) oder die portugiesische Galeere (Physalia physalis). Auch zu Kannibalismus sind die kleinen Tierchen fähig. Von den Quallen fressen sie sowohl die ungiftigen als auch die giftigen Tentakel. Gegen das Quallengift ist für die Schnecken nicht schädlich. Die Nesselzellen, die sie beim Fressen aufnehmen, platzen nicht. Sie werden unverdaut in den Wandzellen der Cerata (Rückenanhangtaschen) aufbewahrt und von Zeit zu Zeit ausgeschieden.

Wie genau die Schnecken verhindern, dass die giftigen Nesselzellen in ihrem Körper platzen, ist noch nicht restlos geklärt. Möglicherweise schleimen sie sie sie bei der Nahrungsaufnahme mit einer Substanz ein, die verhindert, dass sie selbst als artfremd erkannt und „eingenesselt“ werden. Auf jeden Fall wird der Glaucus atlanticus durch die Aufnahme des Nesselgifts seiner Beute selber giftig, was ihn vor Fraßfeinden schütze. Je nach Menge der eingelagerten Substanz kann er noch gefährlicher sein als seine Beutetiere. Sollte man also so einen kleinen Kerl am Strand finden, ist es besser, wenn man ihn nicht anfasst.

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Foto: Imtorn

Wie andere Fadenschnecken ist auch der Glaucus atlanticus ein Hermaphrodit, ein Zwitter. Der P e n i s ist mit einem Chitinstachel versehen, das weibliche Geschlechtsorgan ist am Bauch rechts. Dadurch kann jedes Tier nach dem Paarungsakt Eier ablegen.

Die Eiablage erfolgt in bis zu 17,5 mm langen Schnüren an Treibholz oder an den abgefressenen Überresten ihrer Opfer. Nach drei Tagen bilden sich Schwimmlarven aus, die die Eischnur verlassen. Die Schwimmlarven (Veligerlarven) tragen eine spiralige Embryonalschale, die mit der Metamporphose – der Wandlung von der Larve zur Schnecke – verlorengeht. Der erwachsene Glaucus atlanticus hat ja keine Schale, er ist eine maritime Nacktschnecke.

Während Captain Cooks zweiter Südseereise auf der HMS Resolution (1772 bis 1775). Mit an Bord waren der deutsche Wissenschaftler Johann Reinhold Forster und sein Sohn, Johann Georg Adam Forster. 1777 haben sie das erstmals in einer Publikation beschreiben. Der ebenfalls mitreisende schottische Illustrator Sydney Parkinson hat es wie folgt gezeichnet:

Glaucus_atlanticus_by_Parkinson

Zeichnung: Sydney Parkinson. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.

Wenn jetzt jemand auf die Idee kommt, diese faszinierenden Tierchen im heimischen Aquarium halten zu wollen: Das geht nicht! Wir können ihnen keine artgerechte Nahrung zur Verfügung stellen.

Zwei Youtube-Filmchen habe ich hier noch, die den Glaucus atlanticus in Aktion zeigen. Ab habe leider nichts Gescheites auf Deutsch gefunden. Der erste Moderator erzählt auf Englisch etwas über die Ernährung der Nacktkiemer.

Beim zweiten Film quasselt der Moderator portugiesisch. Glaube ich. In diesem Fall ist es vielleicht gescheiter, man dreht den Ton ab und schaut gelegentlich auf die englischen Untertitel.




Autor: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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3 Kommentare

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    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 25. November 2013 at 09:55
    • Antworten

    Das habe ich noch nie gesehen. Ein besonders schönes und geheimnisvolles Wesen. Klasse Bericht !

  1. Dieser Hermaphrodit kann auch, wenn er blau ist. Beneidenswert!

    • Klara Madison on 9. November 2016 at 19:33
    • Antworten

    Kannte ich schon. Aber sehr toll

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