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Halbe-Halbe

„Männe, komm mal schnell und schau!“
rief im Nachbarzimmer meine Frau.
Da sie meinen Kosenamen nannte,
ich schnell in ihre Richtung rannte.

Sie war gerade dabei sich anzuziehen
und ich hoffte, ich könnte sie mühen.
Sie stand dicht am Fenster, oben ohne,
als wenn es für den Nachbarn lohne.

Ich dachte, sie will mit mir tändeln
und begann sofort mit ihr zu händeln.
Doch sie schlug mir auf die Finger,
verbot die Berührung ihrer Dinger.

Sie zeigte jedoch still in den Garten,
wo jetzt nur Kraut und Rüben warten.
Nun fiel es mir auch sofort wieder ein,
und schuld daran bin ich ganz allein.

Unser Baum trug dieses Jahr viele Nüsse,
mehr als dass er planmäßig haben müsse,
um unseren jährlichen Bedarf zu decken,
den nun die Weihnachtsfeiertage wecken.

Schwarze Krähen und bunte Eichelhäher
kommen den Nüssen täglich immer näher,
Wenn sie die lange im Schnabel haben,
werden sie flach am Mauerrand vergraben.

Neuerdings es die Rasenbordsteine sind,
an denen ich die versteckten Schätze find.
Sie liegen so für die kommende Winterzeit
leicht erreichbar für Eingeweihte bereit.

Doch beim letzten Laub- und Rasenmähen
hör ich sie durch das Schneidwerk gehen.
Dort sind sie dann hörbar grasgebunden
im größten Dreck als Brei verschwunden.

Deshalb habe ich mich gestern noch beeilt
und viele Nüsse unbeschädigt halb geteilt.
In jede Hälfte bohrte ich dann noch
fein säuberlich ein durchgehendes Loch.

Und weil das Weihnachtsfest schon naht,
fand ich den neu gekauften Christbaumdraht.
Jede dieser fünfzig langen grünen Adern
habe ich dann ohne erst lange zu hadern,

an einer Nuss unlösbar fest doch ganz sacht
mit viel Geduld und Spucke fest gemacht.
In den langen und freien Räumen
zwischen den weit entfernten Bäumen
habe ich eine Wäscheleine gezogen
und schnell alle Nussdrähte drum gebogen.

Fünfzig Drähte, fünfzig halbe gefüllte Schalen,
schon sind beendet der Vögel Hungerqualen.
Als ich am Vorabend die letzten Drähte bog,
inzwischen doch die Dunkelheit einzog.

Jetzt am Morgen, woher weiß der Himmel,
ist im Garten ein babylonisches Gewimmel.
Nicht Krähen und Eichelhäher nur allein
flogen laut flatternd in unseren Garten ein.

Meisen, Spatzen, Finken, selbst ein Specht
nahmen sich ihr, der Natur eigenes Recht,
wählten jeder eine schöne Nuss sich aus
und pickten emsig leer dieses halbe Haus.

Auf der Erde unter der gespannten Leine
hüpfte und futterte eine Amsel ganz alleine,
bis die Katze von der Mauer sprang,
doch ihr lange geplanter Zugriff misslang.

Jetzt ging hier im Garten die Hölle los,
Flattern und Geschrei waren riesengroß.
Alles flog schnell über Mauer und Zäune,
doch setzte sich ringsum auf die Bäume.

Meiner Frau entfielen gleich die Socken,
so hatte sie sich dabei erschrocken.
Zum Erholen hat sie nun einen Tag Zeit,
morgen früh ist die andere Hälfte bereit.

20.11.2013 © Wolf-Rüdiger Guthmann




Autor: Wolf-Rüdiger Guthmann

wr.guthmann@web.de


Fotograf/Künstler: © Andreas Barth / www.pixelio.de

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2 Kommentare

  1. Hans Witteborg

    dieses sind ´ne menge Verse.
    doch am ersten das Perverse
    ist, daß Handlung unterbrochen.
    du wärst wohl gern ins Bett gekrochen?

    1. W.R.Guthmann

      So ist das wirkliche Leben,
      mehrere Aktivitäten eben.
      Wäre der Vorspann nicht gewesen,
      kein Vogel hätte die Ballade gelesen.

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