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Alice Diestel: Die Pfanne brät nicht! Eine Kassiererin rechnet ab

Alice Diestel: Die Pfanne brät nicht! Eine Kassiererin rechnet ab, Reinbek bei Hamburg, rororo, ISBN 978-3-49962045-4, Softcover, 201 Seiten, Format: 18,8 x 12,4 x 1,8 cm, Buch: EUR 8,99 (D), EUR 9,30 (A), Kindle Editon: 8,99.

„Für all die Kunden, die mir ans Herz legte: ‚Schreib doch mal ein Buch!‘ Hier ist es – jetzt kauft es auch! (Seite 5)

Ob Tierarzt oder Polizist, Rettungssanitäter oder Lehrer – wenn Menschen Bücher über ihre Arbeit schreiben, wird das gern gelesen. Man möchte ja wissen, ob das (Arbeits-)Leben des anderen aufregender, unterhaltsamer oder glamouröser ist als das eigene. Und was hinter den Kulissen abgeht. Da hat man ja sonst keinen Zutritt.

Was wird wohl die Dame an der Supermarkt-Kasse Spektakuläres zu enthüllen haben? Wir alle gehen doch einkaufen und sehen, was sie macht. Was ist daran aufregend? Nun: die Kunden! Es ist ja nicht jeder so nett und so pflegeleicht wie wir. 😉 Der eine oder andere ist durchaus verhaltensoriginell. Was eine Kassiererin sich tagein, tagaus anschauen, anhören und anriechen muss, füllt in der Tat ein Buch.

Die kurzen Momente an der Kasse reichen oft, um mehr Einblick in das Leben der Kunden zu bekommen, als die Angestellten haben wollen. Da gibt’s den Mann, der seine Gattin wegen zweier Salatgurken zu 29 Cent bedroht und einschüchtert, dass selbst Unbeteiligte eine Gänsehaut bekommen. Da gibt’s die Mütter, die ihre muntere Kinderschar nicht im Griff haben. Und es gibt ferngesteuerten Ehemänner, die ihren Einkauf nur mit dem Handy am Ohr bewerkstelligen können – darüber erteilt ihnen die Frau genaue Anweisungen.

Auch interessant: die Spezies der Ehepartner, die an der Kasse stehen und nicht bezahlen können, weil ihre bessere Hälfte den Geldbeutel in der Tasche hat und noch weiter hinten im Laden herumkramt. Kommen Hermann oder Elfriede dann auf Schrei oder Pfiff eilends angewetzt, sind sie gut dressiert.

Es gibt Kunden ohne Manieren und welche mit Hygieneproblemen. Manche sind zu langsam beim Auflegen der Ware aufs Band, andere halten den Betrieb auf, weil sie mit Karte zahlen. Oder weil sie nach Bargeld kramen. Wie man’s macht, dauert es der Kassiererin zu lange. An der Kasse scheint der Mensch an sich ein Störfaktor zu sein.

Dass man nicht klaut, dass man keine gebrauchten Waren zurückgeben soll oder solche, die daheim in aller Ruhe das Ablaufdatum überschritten haben, sollte selbstverständlich sein. Dass man das Personal an der Kasse mit nicht dummen Fragen behelligt oder mit unnützem Geschwätz aufhält, ebenso. Gemacht wird’s trotzdem.

Ebenso unerschöpflich wie unappetitlich ist das „Toiletten-Thema“, das hier so derb wie treffend mit „Was soll die Scheiße?“ überschrieben ist (Seite 104 ff.).

Es gibt auch Kunden, die alt oder gebrechlich sind und beim Einkaufen Hilfe brauchen. Oder solche, die psychisch erkrankt sind oder eine geistige Behinderung haben und sich deshalb mitunter auffällig benehmen. Ob man darüber lachen möchte, bleibt dem persönlichen Anstandsempfinden des Lesers überlassen.

Die Grenze zwischen skurril und krankhaft fließend. Ist es noch „normal“, wenn einer einen Korkenzieher mit in den Laden nimmt, im Weinregal Flaschen entkorkt und in aller Ruhe eine private Verkostung unternimmt? Und was ist, wenn jemand einen Zollstock aus der Tasche zieht um den Pizzadurchmesser nachzumessen? Oder wenn er/sie auspendelt, welches Produkt das bessere ist?

Dass in einem Discounter der Ausnahmezustand herrscht, wenn am Aktionstag besonders günstige Ware angeboten hat, ist bekannt. Nett ist die Geschichte von der Kinderkleider-Aktion. Da kommt es nicht zur Mütterschlacht am Containertisch, sondern zu einer spontanen Teambildung und zu höchst wirkungsvoller Zusammenarbeit.

Sympathisch, da ausnahmsweise nicht gehässig, ist das Kapitel „Nobody is perfect“ (Seite 184 ff), in dem die Autorin erzählt was alles im Eifer des Arbeitsalltags schief gehen kann. Versprecher und Verwechslungen, Milchduschen und Alarmanlagen-Murks, der einem unversehens ein Großaufgebot an Polizisten in die Filiale zaubert. Der Job im Supermarkt ist tatsächlich ganz schön abwechslungsreich und aufregend. Nervig und anstrengend ist allerdings oft auch.

Auch wenn Alice Diestel mehrfach betont, dass 80 % der Kunden vollkommen in Ordnung seien und sie nur über die 20 % schrägen Vögel schreibt, die ihr so unterkommen, ist das Buch doch eine recht deftige Kundenbeschimpfung.

Nachdem man das alles gelesen hat, traut man sich fast gar nicht mehr in einen Supermarkt oder Discounter. So vieles kann man falsch machen und den Unmut des Personals auf sich ziehen! Schnell soll man sein, freundlich aber nicht geschwätzig. Und niemals soll man beim Bezahlen Kleingeld geben. Das habe ich nun seit Jahrzehnten falsch gemacht. Ich habe durchaus EUR 30,23 abgezählt, wenn das der Betrag war, der verlangt wurde. Wollen sie nicht passend haben. Dauert zu lange. Na, okay, dann nicht. Dann kriegen sie beim nächsten Mal eben einen Fünfziger, wenn ihnen das lieber ist. Wir Kunden sind ja lernfähig.

„Publikumsbeschimpfungen“ sind immer so eine Sache. Natürlich erkennt man sich und andere in Alice Diestels unverblümten Schilderungen wieder. Aber sonderlich sympathisch ist dieses: „Boah, was sind die alle bescheuert!“ nicht.

Und wenn die Autorin denkt, die Leute gehen eigens deshalb kurz vor Ladenschluss einkaufen, um das Personal zu ärgern, überschätzt sie doch ein bisschen ihre eigene Wichtigkeit. An so etwas denkt doch kein Kunde im Traum. Der geht entweder deshalb so spät in den Laden, weil er keine gute Planung hat – oder einen Job mit langen Arbeitszeiten, der ihm keine andere Wahl lässt.

Die Autorin:
Alice Diestel arbeitet seit über zwanzig Jahren als Kassiererin in Deutschlands beliebtestem Discounter. Das soll auch so bleiben – daher schreibt sie unter einem Pseudonym.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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5 Kommentare

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  1. Margrit Baumgärtner

    Was mich (als Kundin) besonders nervt: Männer in der Warteschlange – nervös, schimpfend, unfähig zu 1-minütiger Wartezeit. Wenn sie dann selbst dran sind, geht es gaaanz langsam beim Auflegen und Wegräumen der Waren….und dann fängt „Mann“ noch seelenruhig eine nette Plauderei mit der Kassiererin an. Zum Glück gibt es auch immer mehr Kassierer!
    Übrigens werde ich weiterhin mein Kleingeld hervor holen, schon allein, um die berstende Geldbörse zu entlasten. Es stimmt aber schon: Nirgendwo wird man als Kunde so schnell gescheucht und abgearbeitet wie in den „A-Discountern“! Deswegen gehe ich lieber zu „L“ oder „P“.

  2. Edith Nebel

    Ich krieg die Krätze bei den ferngesteuerten Hampelmännern, die via Handy Regieanweisungen von zu Hause brauchen und telefonierend im Weg herumstehen. 😀

  3. Dietmar
    Dietmar

    Manche übertreiben aber auch …:

    —> Hausverbot bei Karstadt

    1. Edith Nebel

      Clever! Der muss nie wieder einkaufen gehen! 😀

  4. W.R.Guthmann

    Schimpft nicht über die telefonierenden Frauen zu Hause. In Zukunft wird der Kühlschrank selber anrufen. Dann steht die Frau im Laden und nimmt die Weisungen entgegen.

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