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Dscheladas – die äthiopischen Blutbrustpaviane

Die äthiopischen Blutbrustpaviane, die Dscheladas, kennen wir auch nur aus dem Fernsehen und dem Zoo. Die Stuttgarter Wilhelma hat welche.


Foto: Edith Nebel

Äthiopien ist ja nicht unbedingt ein Touristenziel, obwohl es dort ungeheuer Interessantes zu sehen gäbe. Die Vulkane Erta Ale und Dallol in der unwirtlichen Danakil-Ebene, zum Beispiel. Eine Landschaft wie aus einem Science-fiction-Film! Und wenn man den Legenden glaubt, soll ja auch die Bundeslade im Land sein. Nach der Überlieferung der äthiopischen Kirche wurde die Bundeslade vom Gefolge Meneliks, dem Sohn von Salomon und der Königin von Saba, gestohlen und durch eine Replik ersetzt. Demnach befinde sich die ursprüngliche Lade heute in Aksum, der heiligen Stadt Äthiopiens.


Foto: Manuel Dohmen und DonMacauley

Die überaus eindrucksvollen äthiopischen Dscheladas (Theropitecus gelada) jedenfalls leben im Äthiopischen Hochland auf 2.200 bis 4.400 m Höhe. Die baumlosen Grasebenen hoch oben im Gebirge bieten ihnen Schutz vor Schakalen, Hyänen und Leoparden. Die Dscheladas gehören zu den Backentaschenaffen und sind mit den Pavianen, Makaken und Meerkatzen verwandt. Ein ausgewachsenes Dschelada-Männchen kann bis zu 75 cm groß und um die 20 kg schwer werden. Der Schweif des Primaten endet in einer Quaste und ist ebenso lang wie der Körper. Die Männchen tragen eine beeindruckende Mähne. Seine Eckzähne sind selbst für Pavianverhältnisse außergewöhnlich groß.


Fotos: BluesyPete

Weibchen werden um die 15 kg schwer und sind mit 50 cm Kopfrumpflänge deutlich kleiner als die Männchen. Die Lebenserwartung der Dscheladas beträgt in Freiheit rund 20 Jahre.

Die Dscheladas sind Pflanzenfresser und ernähren sich während des ganzen Jahres von Gras, Samen, Wurzeln und gelegentlich von Früchten. Sie sind die Veganer unter den Affen und neben den Menschen die einzigen Primaten, die nicht auf Bäumen sondern ausschließlich auf dem Boden leben. Zum Schlafen ziehen sie sich in Felsspalten oder enge Schluchten zurück.

Sie fressen aufrecht sitzend, indem sie Gräser und Samen vom Boden abrupfen. Die Dscheladas haben relativ lange Daumen – eine Anpassung an ihre Art der Nahrungssuche.

Fotos: Donald Macauley und Hulivili

Auch der haarlose rote Fleck auf der Brust, dessentwegen man sie Blutbrustpaviane nennt, ist im Grunde eine Folge ihrer Ernährungsweise. Wie das? Nun, normalerweise haben Affen, besonders Paviane, ein rotes Hinterteil, das ihre s e x u e l l e Bereitschaft anzeigt oder auch mal als Drohgebärde fungiert. Jetzt sitzen die Dscheladas aber den größten Teil des Tages grasend auf ihrem Allerwertesten. Wenn er für Artgenossen nicht sichtbar ist, kann er auch keine Signalwirkung haben. Diese übernimmt der Brustfleck.


Foto: BluesyPete

Der Brustfleck ist bei Männchen in der Brunftzeit knallrot, bei Weibchen bildet sich dort während der Paarungsbereitschaft eine Reihe roter Warzen.

Dscheladas haben keine bestimmte Paarungszeit. Die Fruchtbarkeit des Weibchens wird dadurch angezeigt, dass der Brustfleck rot leuchtet. Innerhalb einer Familiengruppe ist die Fruchtbarkeit der Weibchen synchronisiert, so dass nahezu alle gleichzeitig ihren Nachwuchs zur Welt bringen. Die Tragezeit dauert 5 bis 6 Monate. Jungtiere werden anderthalb Jahre lang gesäugt. Kleines Kuriosum am Rande: Da die Brustwarzen der Dschelada-Weibchen sehr dicht beieinander stehen, können die Jungen an beiden Brüsten gleichzeitig saugen – was immer das für einen Vorteil haben mag.

Dscheladas leben in Gruppenverbänden. Da gibt es Gruppen, die aus einem geschlechtsreifen Männchen, mehreren Weibchen und deren Nachwuchs bestehen. So eine Kerngruppe umfasst drei bis zwanzig Affen. Anders als bei den Pavianen führen bei den Dscheladas die Weibchen die Gruppe an und wählen auch die Männchen aus.

Auch reine Männergruppen sind zu beobachten, die vorwiegend aus Jungtieren bestehen.

Die Blutbrustpaviane haben kein ausgeprägtes Territorialverhalten. Wenn ausreichend Nahrung vorhanden ist, z.B. während der Regenzeit, können sich auch mehrere Familienverbände auf ein- und demselben Territorium aufhalten. Gruppen von mehreren hundert Dscheladas sind auf diese Weise möglich. Doch nur die Jungtiere pflegen familienübergreifenden Kontakt, die Erwachsenen ignorieren die fremden Affen und bleiben innerhalb ihres eigenen Familienverbands.

Zur Kommunikation geben die Affen verschiedene schmatzende Laute von sich, die von Wissenschaftlern als sprachenähnlich eingestuft werden.

Jetzt kann es sein, dass das dominante Männchen einer Familiengruppe gegen einen jüngeren Nachfolger ausgetauscht wird. Es gibt natürlich Herausforderer aus den Reihen der Junggesellen. Unterliegt der gegenwärtige „Chef“ im Kampf, kann es sein, dass er von den Weibchen verjagt wird und sie zu einem fähigeren Mitbewerber überlaufen.

Ein US-amerikanisches Forscherteam, da fünf Jahre lang die Population wild lebender Blutbrustpaviane im Simien Mountains Nationalpark beobachtet hat, hat eine interessante Entdeckung gemacht: Kommt ein neues dominantes Männchen in eine Familiengruppe, haben die trächtigen Weibchen oftmals eine Fehlgeburt. Rund 80 % aller Schwangerschaften werden in den ersten Wochen nach Ankunft des Neuen abgebrochen. Damit verhindern sie, Kinder des Ex-Chefs zur Welt zu bringen, die vom neuen Männchen sowieso getötet werden. Sie verschwenden also keine Zeit mit Nachwuchs, der keine Überlebenschance hätte, und können baldmöglichst vom neuen dominanten Männchen schwanger werden. Die Daten zu den Geburtenintervallen der Weibchen legen nahe, dass ein solcher Schwangerschaftsabbruch den Fortpflanzungserfolg eines Weibchens erhöhen kann, dessen Nachkommen sonst infantizidgefährdet wären. Der Bruce-Effekt könnte somit eine evolutionär entwickelte Strategie der Weibchen sein

Anscheinend funktioniert das ganze über den Geruchssinn. Die Pheromone des Männchens lösen bei den Weibchen hormonelle Veränderungen aus, die zur Fehlgeburt führen. Es war das erste Mal, dass dieser so genannte „Bruce-Effekt“ bei wildlebenden Tieren beobachtet wurde. Die Biologin Hilda M. Bruce hat ihn 1959 erstmals unter Laborbedingungen bei Mäusen nachgewiesen.

Dscheladas werden von der IUCN (International Union for Conservation of Nature) als gering gefährdet eingestuft. Gefährdet sind sie durch die Umwandlung ihres Siedlungsgebiets in Ackerland – und weil sie des Fleisches wegen gejagt werden. Früher wurden Männchen auch erlegt, um aus ihren Mähnen Kopfschmuck zu machen. Im Simien Nationalpark, der von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, stehen die Dscheladas zum Glück unter Schutz.




Autor: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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3 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    Hochinteressant, vor allem der „Bruce-Effekt“! Im Tierreich gibt es selten Patchworkfamilien.

  2. Edith Nebel

    Ja, den Bruce-Effekt fand ich auch irre, als ich darüber gestolpert bin. Was die Natur alles für Tricks draufhat!

  3. Hans Witteborg

    Hoch interessant..gut, daß ich den letzten roten Farbtopf entsorgt habe…man könnte auf Ideen kommen…

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