Mein erstes Haustier, Teil 2 von 2

Ich hatte schon berichtet, dass ich zum 5.Geburtstag viel Spielzeug und gute Worte für die Zukunft bekam. Aber ein Bekannter meiner Eltern schenkte mir mein erstes Haustier. Als er es brachte trug er etwas Ominöses in den Händen, das wie beim Zauberer im Zirkus mit einem Tuch verdeckt war. Es hätte alles sein können, ein Aquarium mit Fischen, aber auch ein Radio, ein Stapel Bücher oder eine kleine Werkzeugkiste. Man sah nur, dass es rechteckig war.

Er fragte, wer errät, was er mir nun schenke. In anderen Ländern hätte man gleich die Gelegenheit genutzt und große Wetten abgeschlossen. Aber bei uns geschieht das nur sehr selten und wenn, dann geht es meist um ein Bier oder notfalls um eine Runde am Tisch. Als keiner der Besucher oder Familienmitglieder das Richtige erriet, zog er langsam, ganz langsam das Tuch nach unten. Erst sah man nur einen Glasstöpsel. Dann tauchte eine rechteckige Fläche Metallgaze auf und beim weiteren Entfernen des Tuches erschien ein rechteckiger, würfelähnlicher Glasbehälter. Ich dachte schon, dass es ein Aquarium ist, aber da war ich auf dem Holzweg.

Das Tuch wurde weiter gezogen und da sah ich eine Art Leiter oder Treppe mit breiten Stufen und auf der obersten Stufe saß mein erstes Haustier. Es war ein kleiner grüner Laubfrosch, der noch ängstlich mit großen aufgerissenen Augen in die Welt sah.

Ach, du Schreck. Ein Laubfrosch. Ich kannte kaum normale Frösche, da sie entweder im Wasser der Teiche schwammen oder bei meiner Annäherung in das Wasser sprangen. Wie fasst man einen Frosch an? Was frisst er? Warum ist er ganz eingesperrt und was bedeutet der Glasstöpsel? Fragen über Fragen, die mir durch den Kopf gingen, während ich das Glas drehte und den kleinen grünen Kerl von allen Seiten betrachtete.

Die Erwachsenen setzten sich erst einmal zum Kaffeetrinken an die lange Tafel und überließen mich meinem Schicksal. Also untersuchte ich das Gefäß mit totem und lebendem Inventar weiter. Das Glasgefäß kannte ich aus unserer Wohnung. Genau das gleiche, nur kleinere Gefäß stand über der Wohnungstür auf einem kleinen Wandbord und versorgte die Türklingel mit Strom. Jahre später lernte ich als Bastler, dass dieses Gerät die Urform einer Batteriemonozelle ist. Das Glas ist mit Salzwasser gefüllt und als die Batteriepole stehen darin eine Zinkplatte und ein Kohlestift, der zusätzlich wie eine Bauchbinde ein Beutelchen Braunstein trägt. Durch die Einführung des Wechselstromnetzes in den Haushalten wurden diese pflegebedürftigen Batterien durch Transformatoren ersetzt. Und laut elektro-chemischer Spannungstabelle werden bei dieser Materialkonstellation genau 1,5 Volt erzeugt. Die erreichbare Stromstärke hängt von der Größe der Materialien ab. Dieses Glas stammte aus der Notstromversorgung eines Luftschutzbunkers. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Jedenfalls war das Glas bestimmt gründlich gereinigt worden und auf dem Boden war eine Schicht einfaches grünes Moos ausgelegt. In einer Ecke war ein runder Glasnapf im Moos versenkt und enthielt Wasser, als Ersatz für den Teich in der freien Natur. Die Leitertreppe hatte 5 oder 6 Stufen und bot dem Frosch Gelegenheit zum Klettern. In der Zeitung heißt es immer, der Laubfrosch würde das Wetter anzeigen, weil er bei Sonnenschein auf der Leiter hocke. Aber das ist bestimmt nur eine Wunschvorstellung.

Das Verhalten meines Haustieres wurde bestimmt von seinem Hunger und meinem Angebot an fressbaren Beutetieren. Man musste zum Füttern nämlich nur den Glasstöpsel ziehen und konnte dann das Futter dort hinein stecken. Als die Geburtstagsgäste gesättigt und die Männer mit ihren Rauchutensilien qualmend in der Küche saßen, wurde ich mehrstimmig belehrt, dass ein Laubfrosch, es fiel auch der lateinische Name, am liebsten Fliegen, Mücken und Spinnen frisst.

Das führte dazu, dass alle Männer mit ihren brennenden Zigaretten und Zigarren aufsprangen und auf den Hof eilten. Ich natürlich neugierig hinterher. Und so sah ich, wie erwachsene Männer mit bloßen Händen Fliegen fingen und Spinnen auf den Händen zurück in die Küche balancierten. Dort wurde gewartet, bis alle da waren und dann ging die Raubtierfütterung los.

Der Glasstöpsel wurde gezogen und jeder konnte sich bemühen, sein gefangenes Beutetier durch die Öffnung in das Terrarium zu bekommen. Man hörte Fliegen summen und sah Spinnen an den Glaswänden. Alle Gäste zogen ihre Hände zurück, um den Frosch nicht unnötig aufzuregen. Man sah den Frosch langsam die Leiter verlassen und schwupps hatte er mit der Zunge eine Spinne in sein Maul gezogen. Man sah nur noch zwei dünne Beine heraus ragen. Aber auch die waren bald verschwunden und schon machte er Jagd auf das nächste Tier.

Das war für alle so interessant, dass die Frauen den obligatorischen Verdauungsschnaps für die Männer in die Küche bringen mussten. Ich bekam meinen „Milchschnaps“, ein Schnapsglas Milch mit einem Tropfen Himbeersirup. Das ähnelte fast dem, was die Erwachsenen tranken. War aber gesünder.

Nebenbei erfuhr ich, dass ich alle 14 Tage das Moos durch neues ersetzen müsse. Ich wusste zwar nicht, was 14 Tage sind und wo es Moos gab, aber der Schenker sagte mir das erste Mal Bescheid. Er erklärte mir auch, dass ich mir das Moos in der benachbarten Gärtnerei erbetteln solle. Das versuchte ich kleiner Stöpsel dann auch zwischen und bei den großen Frauen mit den grünen Schürzen. Es klappte einmal und dann immer.

Der Großvater bohrte mir dann noch ein Loch in den damaligen Preßstoffdeckel eines Marmeladenglases und schon konnte ich auf Fliegen- und Spinnenjagd gehen. Allerdings weiß ich nicht mehr, wie das mit den Würmern und Ameiseneiern war. Ich weiß nur noch, dass der Laubfrosch eines Tages tot im Terrarium lag und dann auf dem Hof unter dem Kirschbaum feierlich begraben wurde. Aber dann ging ich bald zur Schule und es kamen neue Aufgaben und Interessen auf mich zu. Aber an mein erstes Haustier werde ich immer denken. Auch wenn es keinen Namen hatte.

31.10.2013 © Wolf-Rüdiger Guthmann

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Autor: Wolf-Rüdiger Guthmann

wr.guthmann@web.de


Fotograf/Künstler: © by-Sassi / www.pixelio.de

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7 Kommentare

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  1. So, jetzt wird das Geheimnis um Wolf-Rüdigers erstes Haustier gelüftet … 🙂

      • W.R.Guthmann on 4. November 2013 at 22:48
      • Antworten

      Lange genug hat es gedauert. Nur mit einer Tür hat es nichts zu tun. Immer schön ruhig bleiben.

      1. *lach*
        Hab meinen Tippfehler korrigiert!

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 4. November 2013 at 08:07
    • Antworten

    Das war sicher ein kurzes, einsames Froschleben….aber zu der Zeit wusste man es nicht besser.
    Sehr unterhaltsam erzählt !

      • W.R.Guthmann on 4. November 2013 at 17:41
      • Antworten

      Leider ist das schon ein paar Jährchen her, sodaß mir etwas die Erinnerung fehlt.

  2. aha, daher die Mahnung: Sei kein Frosch!

      • W.R.Guthmann on 4. November 2013 at 17:38
      • Antworten

      Es soll nicht besonders bequem sein, auf der Leiter.

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