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Martin Wehrle: Bin ich hier der Depp? – Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen

Martin Wehrle: Bin ich hier der Depp? – Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen, München 2013, Mosaik-Verlag, ISBN 978-3-442-39251-3, Softcover/Klappenbroschur, 320 Seiten, Format: 20,2 x 13,6 x 3,8 cm, Buch: EUR 14,99 [D], EUR 15,50 [A], CHF 21,90, Kindle Edition: EUR 11,99, Audio: EUR 14,99.

„Jeder Mitarbeiter soll springen, wenn der Arbeitgeber ruft, auch in seiner Freizeit. Jeder soll täglich beweisen, dass seine Arbeit mehr Geld bringt als seine Entlassung sparen könnte. Die Menschen arbeiten mit dem Rücken zur Wand, auch weil Übermenschliches von ihnen verlangt wird. Das Gefühl der Unzulänglichkeit, das Gefühl, nicht schnell, nicht effektiv, nicht gut genug zu sein, ist der ewige Schreibtischnachbar, und es ruft: ‚Sei schneller! Sei effektiver! Sei besser!‘“ (Seite 247)

Karriere- und Gehaltscoach Martin Wehrle weiß, was in den Firmen los ist. Wenn’s für den Angestellten dumm läuft, ist sein Arbeitsplatz wie ein Hamsterrad: Egal, wie schnell er auch rennt, es führt nur zur Erschöpfung, aber nie zum Ziel.

Der Mitarbeiter soll mehr leisten als tatsächlich machbar ist, und schafft er dies nicht, wird ihm die Schuld daran gegeben und an den Symptomen herumgedoktert: „Selbstoptimierungs-Seminare werden Ihnen als Akutmedizin verordnet und Ihr Charakter soll renoviert werden.“ (Seite 279). Der Angestellte kriegt ein bisschen Zeitmanagement beigebracht. Aber das ist kein Wundermittel. Wenn er für eine Aufgabe, deren passable Erledigung 20 Arbeitstage in Anspruch nimmt, nur sieben Tage bekommt, kann er entweder schlampiger arbeiten oder den Termin überziehen. Beides wird nicht gerne gesehen. Was er auch macht, er ist der Depp. Mehr Zeit, mehr Leute und/oder eine realistische Zeitvorgabe bräuchte er. Kriegt er aber nicht.

Da hilft es auch nicht, dass der Mitarbeiter die Arbeit in die Freizeit hinüberschwappen lässt, Überstunden macht und auch abends, an den Wochenenden und sogar im Urlaub erreichbar ist und arbeitet. Die Arbeit wird dadurch nicht weniger, sie nimmt mehr Raum ein. Haarsträubende Beispiele aus dem wahren Arbeitsleben untermauern das. Da wird eine Filialleiterin dazu genötigt, im Warenlager zu übernachten, um Einbrüche zu verhindern, da muss ein Produktmanager Frau und Kleinkind am Nordkap sitzen lassen und von Urlaub nach Hause zu eilen, um eine Präsentation vorzubereiten und den Sekretärinnen eines Bauunternehmens wird sogar noch der Heiligabend versaut.

In diesem Buch wird das vielgepriesene Multitasking als Mythos entlarvt. Das eingängige Beispiel mit den Wassereimern (Seite 80) räumt ein für alle Mal mit der Vorstellung auf, man könne simultan verschiedenen Aufgaben gleich gut erledigen. Auch so manche anderen Tricks kommen ans Licht. Wie Mitarbeiter ausgetrickst und manipuliert werden, gemobbt und rausgeekelt, überwacht und bespitzelt.

Bei den Fallbeispielen bekommt der Leser Muskelkater vom Kopfschütteln, wobei dieses in Einzelfällen auch den Mitarbeitern gilt. Wer sich selber erpressbar oder mehr als nötig vom Arbeitgeber abhängig macht, ist an seiner Misere nicht ganz unschuldig.

Depp im Quadrat ist man häufig, wenn man eine Frau, ein Praktikant, ein Azubi oder ein älterer und damit teurer Mitarbeiter ist. Da wird die Managerin plötzlich zur Putzhilfe, der Azubi wird als PC-Nothelfer verheizt, statt dass man ihm etwas beibringt und Mitarbeitern mit 50+ verweigert man erst die Fortbildung und dreht ihnen dann einen Strick daraus, dass ihr Wissen nicht mehr auf dem neuesten Stand ist.

Gründe und Möglichkeiten, in die Deppenfalle zu tappen, gibt es unglaublich viele. Und wenn Martin Wehrle sie im ersten Teil des Buchs klug gegliedert aufzeigt, sitzt der Leser nickend und kopfschüttelnd da wie ein Wackeldackel: „Ja, ja, ja, das kenne ich!“, „Nein, das ist ja unfassbar!“ und „Ja, richtig! Da muss ich mal drauf achten!“

Dass man die Fallen kennt, ist schon mal gut. Entkommen ist man ihnen deshalb noch lange nicht. Wie man das bewerkstelligen kann, das erfahren wir in Teil 2 des vorliegenden Bandes.

Verhaltensweisen, die man irgendwann erlernt hat, kann man auch wieder verlernen, wenn m an merkt, dass sie einem nicht guttun. Das ist der Ansatz der Verhaltenstherapie, und so geht auch Martin Wehrle vor. Ein Selbsttest (Seite 264 ff.)zeigt dem Leser, wie sehr er sich ausnutzen lässt und in welchem Teilbereich am meisten Handlungsbedarf besteht. Wie man einen Vertrag mit sich selbst schließt, um ausbeuterisches Verhalten abzustellen, wie man Grenzen zieht, wie man gekonnt nein sagt und wie man sich vor Selbstausbeutung schützt, erfahren wir hier ebenfalls.

Praktisch sind auch die Tipps, wie man Hamsterrad-Firmen schon im Bewerbungsprozess erkennt und gezielt meidet. Und weil das Problem mit der Überlastung und Überforderung kein individuelles ist sondern ein systembedingtes ist, ist nicht nur der einzelne Mitarbeiter gefordert, daran etwas zu verändern, sondern auch Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. (Seite 364 ff.)

In die Deppenfalle und damit ins Hamsterrad kommt man leicht rein, aber nur schwer wieder raus. Instinktiv bedienen sich die manipulative Vorgesetzte diverser Verhaltensmuster, die ihren Mitarbeitern seit deren Kindheit tief eigebrannt sind. Wenn einem zum Beispiel von klein auf eingetrichtert wurde: „Fall nicht negativ auf“, „Wenn du dich anstrengst, dann schaffst du alles“. „Mach‘s den anderen recht!“, „Sei ein liebes Mädchen!“, „Tu das, was man dir sagt“ (Seite 285), ist die Gefahr groß, dass man auch als erwachsene Frau nach diesen Vorgaben handelt, sobald jemand die richtigen Knöpfe drückt.

Nicht in allen Fällen werden die hilfreichen Ratschläge aus dem Buch genügen, um jahrzehntelang eingeübte Verhaltensweisen zu verändern. Da wird manchmal die Unterstützung eines erfahrenen Verhaltenstherapeuten notwendig werden. Wenn man aufgrund dieses Buchs erkennt, dass man professionelle Hilfe braucht, um nicht länger der Depp im Job zu sein, ist das in Ordnung. Hauptsache raus aus dem Hamsterrad – und immer noch in Lohn und Brot!

Der Autor
Martin Wehrle gilt als Deutschlands bekanntester Karriere- und Gehaltscoach und schreibt u.a. für „Die Zeit“ und „Spiegel Online“. Seine Bücher sind in zwölf Sprachen erschienen und haben rund um den Globus begeisterte Leser gefunden. Zuletzt landete er mit „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ und dem Folgeband „Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus“ Bestseller. An seiner Hamburger Karriereberater-Akademie bildet er Karrierecoachs aus.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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2 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    Multitasking macht kaputt — vor allem aber die ständige Erreichbarkeit.

  2. Edith Nebel

    Ja, das ist beides auch Thema in dem Buch.

    Der Autor kennt sich hervorragend aus mit den Auswüchsen der Berufswelt. Rein kommt man leicht in die „Deppenfalle“ – aber sich da wieder rauszuwursteln ist schwer.

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