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Die Affen von Gibraltar

Die britische Kronkolonie Gibraltar liegt an der Nordseite der Meerenge Straße von Gibraltar, an der Europa und Afrika am dichtesten beieinander liegen und hat eine bewegte Geschichte. Im Jahr 711 wurde sie von den Mauren eingenommen, die bis 1492 dort herrschten. 1704 wurde das Gebiet um den Felsen durch die Briten erobert und 1713 von Spanien offiziell im Frieden von Utrecht abgetreten. In den folgenden Jahrhunderten war der Felsen immer wieder umkämpft und wurde, auch durch Tunnel, zur Festung ausgebaut. Über 50 km Tunnel verlaufen im Inneren des Felsen.

Gibraltar ist der einzige Ort in Europa, an dem Affen in freier Wildbahn vorkommen. Rund 200 Berberaffen (Macacus silvanus), eine Unterart der Meerkatzen, leben in einem Mini-Reservat auf dem Upper Rock in etwa 200 Metern Höhe.

Woher sie kommen, weiß man nicht genau. Ob sie durch die St. Michael’s Cave, einer Tropfsteinhöhle, aus Afrika gekommen sind, über die Meerenge schwammen oder ob die Mauren oder gar die Römer sie mitgebracht haben, bleibt unklar. Ein Gentest, der 2005 durchgeführt wurde, hat ergeben, dass sie mit den Populationen in Marokko und Algerien verwandt sind, was uns auch nicht wesentlich schlauer macht.

Eine Legende – oder sollen wir sagen: ein britischer Aberglaube? – besagt, dass die britische Herrschaft in Gibraltar beendet sei, wenn keine Affen mehr auf dem Felsen sind. Hintergrund der Geschichte ist, dass die Affen die Engländer während der Belagerung Gibraltars von 1779 bis 1783 (während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges) vor einem Nachtangriff der Spanier und Franzosen gewarnt haben sollen.

Als 1942 die Mannschaftsstärke der Berberaffen auf weniger als ein Dutzend zusammengeschmolzen war, vielleicht aufgrund von Inzucht, ließ Winston Churchill die Nordafrikatruppen auf „Affenjagd“ gehen und den Bestand mit Tieren aus Marokko wieder aufstocken. Die Mission verlief erfolgreich, den Affen geht es gut, und Gibraltar ist immer noch britisch.

Sollte das Schicksal einer Kolonie tatsächlich von ein paar Affen abhängen …?

Bis 1999 war die Affenbande dem Londoner Verteidigungsministeriums unterstellt, seither ist die „Gibraltar Ornithological and Natural History Society“ für sie zuständig. Da gibt es ein Affen-Management-Team, das sich um Pflege, Forschung, Geburtenkontrolle und Fütterung kümmert. 500 g frisches Obst und Gemüse bekommt ein Affe jeden Tag.

Die Affen sind zweifellos eine Touristenattraktion. Und obwohl es verboten ist, füttern die Leute die Tiere. Dadurch verlieren die Affen Distanz, Angst und Respekt vor den Menschen und werden zutraulich bis aufdringlich. Sie können regelrecht zur Plage werden.

Eine Gruppe von rund 25 Berberaffen zog vor ein paar Jahren auf eigene Faust vom Upper Rock weg und siedelte sich in der Nähe von Strand und Wohngebieten an. Dort drangen sie durch geöffnete Fenster in Wohnungen und in ein vier-Sterne-Hotel ein und richteten auf der Suche nach Fressbarem ein tierisches Chaos an. Sie durchwühlten Mülleimer und beklauten Passanten. Und wenn man sie vertreiben wollte, fingen sie an zu kratzen und zu beißen. Was man auch veranstaltete, sie ließen sich nicht wieder zurück auf den Affenfelsen treiben.

Zwei der äffischen „Hoteldiebe“ ging es im Frühjahr 2008 ohne viel Federlesens an den Kragen. Sie wurden eingeschläfert. Der Tourismusminister entschied, dass die gesamte Gruppe der 25 im Wohngebiet randalierenden Affen getötet werden sollten. Nicht, weil sie lästig seien, sondern weil sie eine Gefahr darstellten. Sie könnten durch ihr distanzlos-aggressives Verhalten Menschen verletzen und Krankheiten übertragen.

Ein Aufschrei ging durch die internationalen Medien. Man könne die Affen doch einfangen und im marokkanischen Atlasgebirge wieder laufenlassen, wurde vorgeschlagen. Oder man könne sie an Zoos vermitteln. Doch da wollte sie keiner. Was man schlussendlich wirklich mit den unbotmäßigen Berberaffen veranstaltet hat, war nicht in Erfahrung zu bringen. Irgendwie müssen sie das Problem wohl in den Griff bekommen haben.

K-Makak 163

In früheren Jahrhunderten sorgte man auf radikale Weise dafür, dass es nicht zu einer Überpopulation kommen konnte: Einmal im Jahr fand ein Manöver auf dem Upper Rock statt, und die britischen Soldaten regulierte die Anzahl der Affen durch Abschuss. Sowas geht heute natürlich nicht mehr.

Die Internetseite www.spanienaktuell.com schrieb 2008 zum Thema Affenkeulung: „Die Legende besagt, dass dann, wenn der letzte Affe auf dem Felsen ausgestorben ist, die Briten aus Gibraltar abziehen werden. Schon deshalb haben die Affen ihre Überlebenschance. Denn die 30.000 Gibralteños wollen britisch bleiben. Selbst wenn sie dafür vom Affen gebissen werden.“

Frech sind nicht nur die Affen, sondern auch die Gibraltar-Spatzen.




Autor: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Fotograf/Künstler: © Gerhard Loew / privat

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7 Kommentare

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  1. Margrit Baumgärtner

    Ein klasse bebildeter Affenbericht !

  2. Edith Nebel

    Die Bilder schlummerten schon seit fünf Jahren bei uns auf den Rechnern. Der Gatte war seinerzeit in Gibraltar, und ich dachte mir neulich, da kannste ja mal was von den dortigen Affen erzählen und den Text mit seinen Tierfotos bebildern.

  3. Hans Witteborg

    Nun weiß man, was die Affen
    auf ihrem Felsen treiben, schaffen!

  4. W.R.Guthmann

    Ich glaube nicht, dass ich einmal persönlich den Felsen besuche. Deshalb ist es interessant, so viel darüber zu lesen, ohne den üblichen Schmus, der aus einer Geschichte ein Buch macht.

  5. Dietmar
    Dietmar

    Ich halte die Legende für ein Gerücht. Die Engländer haben im Zuge der ersten Besiedlung im 17, Jahrhundert ihre Geisteskranken nach Amerika verschifft, danach entsorgten sie sie Kriminellen in Australien. Die ehrenwerte Aufgabe dumme Politiker nach Afrika zu verschieben hat leider nicht funktioniert – sie kamen nur bis Gibraltar …

  6. Edith Nebel

    Vielleicht sind *das* die Affen, von denen die Geschicke der Kolonie abhängen …

  7. Dietmar
    Dietmar

    … oder getarnte Mitarbeiter des britischen Abhördienstes GCHQ!

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