Das erste Haustier – Teil 1 von 2

Zum 5. Geburtstag bekam ich viel Spielzeug, alle Gratulanten strichen mir über den Kopf und meinten sinngemäß: „Junge, genieße die kommende Zeit, denn in einem Jahr geht es in die Schule und dort werden sie dir schon die Hammelbeine lang ziehen. Dann ist die schöne Zeit der Kindheit vorbei.“ Nur ein Bekannter meiner Eltern meinte: „Junge, du bist bald so groß, dass du in die Schule gehen musst, um zu erfragen, was der Lehrer alles weiß. Und du musst endlich lernen, auch Verantwortung zu tragen.“

Und dann schenkte er mir mein erstes Haustier. Es war kein kleiner niedlicher Hund, der später zu einem großen und teuren Raubtier heran wuchs. Da er selber zwei braune Jagdhunde besaß, die jährlich Nachwuchs hatten, kannte er das Futterproblem. Er schenkte mir aber auch keine der damals noch wenigen grau-weiß getigerten Katzen, die Krieg und Vertreibung aus Schlesien überlebt und sich neu eingelebt hatten. Obwohl sie zu ihrem eigenen Schutz ständig im Haus bleiben mussten und dementsprechend viel Gewicht auf die nicht vorhandene Waage brachten. Sie durften nicht einmal in den Keller entwischen, denn dort hatte der örtliche Kammerjäger Rattengift ausgelegt, um die Plage dieser Tiere einzudämmen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Ich bekam zum Geburtstag auch keinen Goldfisch in dem damals noch üblichen runden Aquarium. Heutzutage gäbe es ein 200 Liter Aquarium mit einem Dutzend Fischen in allen Farben und einer Dekoration mit der gesunkenen „Titanic“. Ganz neuer Modeschrei sind ja zur Zeit künstliche Fische in einem Goldfischglas. Aber auch das ist eine ganz andere neue Geschichte.

Und ich bekam als erstes Haustier auch keinen Wellensittich oder Kanarienvogel. Das sind Tiere, die nicht nur Bewegung in die Einzimmerwohnung bringen, sondern auch ein ganzes Wohnhaus benagen und mit vielen Exkrementen verzieren können und es auch tun. Manche sitzen dafür auf der Schulter des Halters, knabbern an dessen Ohrläppchen und kreischen oder krächzen ihm Worte ins Ohr, die sie zuvor öfter gehört haben. Wenn sie einmal sterben, ist „Trauertag“ und Beerdigung im Hof des Wohnhauses oder in einem Park oder Vogelfriedhof. Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte.

Ich bekam auch keine Schlange oder ein anderes Reptil, obwohl es nicht selten vorkam, dass wir im Park Nattern und auch Ottern begegneten und nur Respekt, aber keine Angst hatten. Vielleicht gelingt mir darüber eine Geschichte.

Ich bekam als erstes Haustier auch kein Eichhörnchen, die man gar nicht so selten in Vogelvolieren aller Größen antraf. Fast jede Försterei hatte eine große Anlage mit mehreren dieser flinken und schnell zutraulich werdenden Wuscheltiere. Wir sammelten oft Eicheln und Kastanien für die Wildtiere, nur damit wir die Eichhörnchen besuchen konnten. Aber das ist, na ihr wisst es schon.

Und ich bekam als mein erstes Haustier auch keine Maikäfer in einer Zigarrenkiste mit Löchern. Obwohl ich mich auch darüber gefreut hätte. Es wäre ein besonderes und jungengemäßes Geschenk gewesen. Aber es konnte beim besten Willen nicht funktionieren, denn zu meinem Geburtstag gibt es keine Maikäfer. Höchstens die kleinen Marienkäfer mit vielen Punkten, surrende Mückenschwärme und Fliegen, von denen die größten grünlich schimmern und fast murmelgroße Nester mit Eiern ablegen. Dazu noch Spinnen, einfarbig grüne und gemusterte Raupen aller Naturfarben und die sich schließlich daraus entwickelnden Puppen und die sich entpuppenden Falter. Alle diese Tiere bekam ich nicht zum 5.Geburtstag, so dass ich sie später selber fing und beobachtete. Ein großer Fortschritt war später eine geschenkte Lupe, samt Pinzette. Aber da hatten sich meine Interessen schon geändert und die Lupe wurde zum Brennglas umfunktioniert. Lediglich die Pinzette nutze ich jetzt noch, um die Raupen von den Kohl- und Salatpflanzen zu entfernen.

Jetzt habe ich mich doch verplaudert und bin sogar auf der falschen Seite gelandet. Ich wollte eigentlich in „Mein erstes Haustier“ mein Geschenk zum 5. Geburtstag vorstellen. Das nächste Mal, versprochen.

– Fortsetzung folgt –

30.10.2013 © Wolf-Rüdiger Guthmann

478443_web_R_K_B_by_Gerda Muller_pixelio.de




Autor: Wolf-Rüdiger Guthmann

wr.guthmann@web.de


Fotograf/Künstler: © Gerda Müller / www.pixelio.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2013/11/01/das-erste-haustier/

7 Kommentare

Zum Kommentar-Formular springen

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 1. November 2013 at 07:36
    • Antworten

    Diese Erzählung ist gar nicht auf der falschen Seite gelandet — sie ist genau richtig hier !

      • W.R.Guthmann on 1. November 2013 at 17:04
      • Antworten

      Na klar, wo Geschichtenschreiber sind, da bin ich immer richtig. Aber abwarten, ob es Edith gelingt, auch die eigentliche Haustiergeschichte zu veröffentlichen. Obwohl ich mich da auch wieder verplaudert habe, wie im normalen Leben. MvG Wolf-Rüdiger

  1. Ich mag solche Erzählungen, die im „Verplaudern“ enden“. Habe noch eine Frage: sind die Marienkäfer Punkte
    in form von Verkehrspunkten dem Wolf Rüdiger treu geblieben (lach)?

      • W.R.Guthmann on 1. November 2013 at 17:12
      • Antworten

      Ich könnte ja jetzt schreiben: „Ich habe gar kein Auto!“ Dann wäre ich keine Punkte-Antwort schuldig. Aber ich bin ehrlich, so langsam wie die Verkehrsschilder es verlangen, fährt mein Golf garnicht. Deshalb könnte ich fast ein Flensburger Marienkäfer sein. Aber zwischen meinen beiden Vornamen steht immer noch ein Minuszeichen. MvG Wolf-Rüdiger

  2. Tatsächlich! Der zweite Teil der Geschichte ist bei mir erst am Donnerstag Abend eingetroffen, als ich den Computer schon abgeschaltet hatte. Da ich am Freitag und am Samstag nicht online war, hat die Story jetzt ein paar Tage lang ein offenes Ende.

    Ich habe übrigens auf ein Kaninchen als Haustier getippt. Ob ich damit richtig lag, sehen wir am Montag. Da bringe ich dann den Teil 2.

    • W.R.Guthmann on 5. November 2013 at 19:35
    • Antworten

    Ein grünes Kaninchen, igittigitt!

  3. Oh, es gibt ein Kinderbuch, in dem grüne Marskatzen vorkommen. Die hätte ich zuuuu gerne mal in natura gesehen!

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.