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Die Friedhofsjagd

Der Tod ist auch bei den Menschen die letzte und vielleicht schrecklichste Erscheinungsform. Um die Erinnerung an die Verstorbenen zu bewahren und manchmal auch das schlechte Gewissen zu beruhigen, gibt es die Friedhöfe. Kein Mensch wird einfach wie ein Hund verscharrt und vergessen. Im Gegenteil. Da werden riesige Steine aufgestellt und manchmal ein ganzes Blumenmeer angelegt. Es werden kein Aufwand und keine Kosten gescheut, um exquisite Pflanzen als Dekoration zu verwenden. Da wird alles eingesetzt, was auf den städtischen und kirchlichen letzten Ruhestätten erlaubt ist. Die Blumen und Pflänzchen werden mit dem Zollstock, der eigentlich ein Metermaß ist, vermessen und in die richtige Position gerückt. Der Dünger wird laut Gebrauchsanweisung verstreut und vergossen, auch wenn es schon langsam dunkelt und gruselige Schauer den Rücken hinunter jagen. Hauptsache, das letzte personengebundene Stück Land grünt und blüht so, dass es eine Augenweide ist.

Und in diesem ca. 1,5 Quadratmeter großen Parkteil erhebt sich plötzlich mittendrin ein großer schwarzer frisch aufgeworfener Maulwurfshaufen oder es sind morgens alle Blüten und manchmal sogar die Pflanzen abgefressen. Hasen, Kaninchen und Rehe haben die nächtliche Ruhe genutzt, um aus der Anlage der Ruhestätten einen Delikatessenladen für Wildtiere zu machen, wo jeder nach Herzenslust die besten und edelsten Futterpflanzen suchen und verzehren konnte.

Kein Wunder, dass der Mensch da sehr erbost ist und rigorose Maßnahmen zur Entfernung dieser Grabräuber fordert. Zeitungen werden mit Lesermeinungen gefüllt und teure Gutachten von Friedhofs- und Gärtnereiexperten eingeholt. Die Polizei und der Gemeinderat werden beschäftigt und ein Rechtsanwalt kostenpflichtig bemüht.

Als Endeffekt stellt sich heraus, die geschützten Maulwürfe sind tabu. Auslegen von Gift ist verboten. Schießen mit Jagdgewehren und durch Jäger ist auch nicht möglich, da es im Umkreis von 1 km Häuser und Straßen gibt. Verirrte Kugeln könnten mehr als nur ein Reh zur Strecke bringen. Hasen und Rehe sind nur zeitweilige Besucher. Also bleibt nur die Jagd auf die Kaninchen in ihren Bauen.

Und da gibt es zwei Methoden, die sich inzwischen heraus kristallisiert und bewährt haben. Das eine ist die Bergwerksmethode, indem man Frettchen in die ausgedehnten Baue schickt, um die alten und jungen Kaninchen an das Tageslicht zu zerren, wo sie in Säcke gesteckt und dann in fernen Wäldern wieder ausgesetzt werden.
Die andere Möglichkeit ist die Falknerei, bei der ausgebildete Falken durch erfahrene Züchter und Trainer auf die Kaninchen gehetzt werden.

Ich kam zufällig dazu, als beide Methoden durchgeführt wurden. Das Frettchen war schnell unter der Erde verschwunden und man hörte, dass sich dort unten zwei Tiere etwas unfreundlich begegneten. Aber das Frettchen tauchte nicht wieder auf. Also mussten zwei starke und geschulte Männer den UB 1, den Universalbagger namens Spaten ergreifen und sich in die Tiefe graben. Zum Schluss hielt einer das Frettchen und der andere das zappelnde Kaninchen in den Händen. Wahrscheinlich bedingt durch Baumwurzeln konnte das Frettchen seine Beute nicht packen und riss ihm nur die Rückenhaare aus. Das Kaninchen hatte dort eine große kahle Stelle. Aber das ist nur augenblicklicher Schönheitsverlust. Das wächst in der neuen Freiheit und Heimat schnell wieder zu.

Bei der Fangmethode mit dem Falken, der sogenannten Beizjagd, gab es mehr zu sehen, wenn man aufpasste und nicht nur den weiblichen Tiertrainer bewunderte, mit dem gemeinsam so mancher der anwesenden Herren eine Runde geflogen wär. Erst hieß es Geduld bewahren, bis sich die erschreckten Kaninchen wieder aus ihren Bauen wagten und in einiger Entfernung von uns sich erneut als Grabschänder betätigten. Da nahm die Falknerin dem gefiederten Freund auf ihrem Arm die kleine Lederkappe vom Kopf und ließ ihn in die Luft steigen. Der Falke flog nur einen Halbkreis, um sich zu orientieren und schnellte dann wie ein Pfeil auf ein Kaninchen zu. Er erwischte seine Beute und schlug seine Fänge tief in das Rückenteil des Felltieres. Alles Nachfolgende war nur Unterhaltung für Krimifreunde und Horrorfans. Es gab ausreichend Blut zu sehen, da der Falke sein Opfer auch als seine Beute ansah und sich genüsslich darüber her machte. Ein Entzug oder eine Trennung von Jäger und Gejagtem schien in diesem Zustand des Falken nicht angebracht.

Bei beiden Methoden wurde mit jedem Jagdtier ohne großen Aufwand, abgesehen von den bergbaulichen Arbeiten der Helfer, nur je ein gejagtes Tier erbeutet. Für die Jäger ein vorzeigbares Ergebnis, aber für die Friedhofsbesucher nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Beim Verlassen der Anlage zählte ich 22 Kaninchen, die mir begegneten. Also müsste diese Aktion noch mindestens 11 mal durchgeführt werden, um nur die von mir gesehenen Exemplare zu erwischen. Aber in dieser Zeit haben diese Tiefbauexperten die unterirdischen Liebeshöhlen und Kinderstuben erweitert und ihre Familien fleißig vergrößert. Und unsere Kinder und Enkel können nun auch ohne Fragen endlich verstehen, wozu Friedhöfe nützlich sind.

29.10.2013 © Wolf-Rüdiger Guthmann




Autor: Wolf-Rüdiger Guthmann

wr.guthmann@web.de


Fotograf/Künstler: © Lupo / www.pixelio.de

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3 Kommentare

  1. edithtg
    edithtg

    🙂
    Ja, die Wühlmausproblematik auf dem Friedhof ist mir vertraut. Frustrierend, wenn man pflanzt, und die fressen es. Aber das ist nun mal ihr Job.

  2. Margrit Baumgärtner

    Ein Friedhofsbericht der besonderen Art….und auf ganz eigene Weise recht gruselig, aber auch sehr interessant erzählt !

  3. Hans Witteborg

    Schön erzählt. Der Friedhof ist ein befriedetes Gebiet. als Jäger darf man dort nicht schießen.Die Methode mit dem Greifvogel ist sicherlich nützlich. Da ist ein Habicht allerdings erfolgreichen, denn der Wanderfalke schlägt seine Beute im Fluge (meistens). Erfolgreicher ist der Einsatz von Frettchen…das scheint aber nicht überall erlaubt…da gibt es Sondergenehmigungen wenn überhaupt.

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