Die Spinne Thekla

Unser Grundstück ist ein Gehöft, wie die meisten in unserer Gegend. Es gibt den obligatorischen Wachhund, den manche der Nachbarn durch ein Pärchen Pommersche Gänse ersetzen, wenn sie bereit sind, keinen Besuch mehr zu empfangen. Dann sind da noch die Katze oder auch mehrere Katzen. Manchmal auch ein schöner strammer Kater, als der Liebling aller Katzen im Umkreis, aber auch der ungeliebte „Schwiegersohn“ aller Katzenfrauchen. Das liegt daran, dass der Kater nachts bis zur Haustür schleicht und dort seine Duftmarke hinterlässt. Für die Katzendamen ist es wahrscheinlich Prosecco, aber für die Hausfrau nur eine stinkende Schweinerei. Aber das ist eine Geschichte für sich.

In Stall und Scheune gibt es häufig noch Kaninchen, Meerschweinchen und Hühner. Das Futter, vor allem Getreide und Mais, lockt natürlich auch ungebetene Haustiere wie Ratten, Mäuse und seit einiger Zeit auch Waschbären an. Der Fuchs, der jeden Tag außen am Zaun entlang schleicht und die Hühner zum Fressen gern hat und der rote Milan, der im Tiefflug hofft, kleine gelbe Küken zu finden, zählen allerdings nicht zu den Haustieren, die man sich gern wünscht und nebenbei mit füttert. Das erwarten dafür Heerscharen von Staren, Dutzende Spatzen und einzelne Amseln, die sehr standorttreu sind.

Den Steinmarder in der Scheune kann man nur dulden und akzeptieren, solange er die eigenen Hühner und deren Eier in Ruhe lässt. Leider haben die Vorfahren aus Unwissenheit die einst heimische Eule bei Umbauarbeiten an der Scheune für immer ausgesperrt. Dabei wird doch der Raum in der Spitze dieses Gebäudes sonst nicht genutzt. Aber auch das ist eine Geschichte für sich.

Neben den bereits erwähnten Tieren gibt es natürlich noch Unmengen von Insekten, die Waben bauen und nebenbei süßen Honig produzieren, der nachts den Dachs anlockt. Käfer überwintern in den Rollokästen, die Raupen der Falter und bunten Schmetterlinge fressen unsere Kohl- und Salatpflanzen und werden per Hand abgelesen und den Vögeln zum Fraß vorgeworfen. Dazu gibt es Mücken und Fliegen in allen Größen und Aggressivitäten. Aber die Natur weiß sich zu helfen und erschuf als Gegengewicht die Spinnen. Spinnen mit langen und kurzen Beinen, große und kleine Arten.
Und nun sind wir endlich bei meinem Liebling, der Kreuzspinne Thekla. Den Namen fand ich damals in der Zeichentrickfilmserie „Biene Maja“ schon passend und prägnant.

Mein Leben mit Thekla begann, als ich eines Tages im Garten aus Versehen ein großes Spinnennetz zerriss. Bisher hatte ich nie darauf geachtet. Aber diesmal erlebte ich, wie die zuständige Spinne aus einem schmalen Spalt in dem Fliederstamm kroch, sich förmlich entfaltete und eine imposante Kreuzspinne wurde. Das Kreuz auf dem Rücken flösst Respekt ein.

Die Spinne inspizierte die Reste ihres wahrscheinlich größten und schönsten Netzes des bisherigen Lebens. Es war ursprünglich zwischen dem Fliederstamm und der Zuckerhutfichte gespannt und nun an einer Seite total abgerissen. Die Baumeisterin kletterte aufgeregt darauf herum. Ich dachte, sie würde nun nach unten krabbeln und auf dem Erdboden zur anderen Seite laufen, um den erforderlichen ersten Faden wieder zu spannen. Diesen Fangplatz würde sie wahrscheinlich nie aufgeben, um sich einen neuen zu suchen. Doch dieser Weg war wahrscheinlich zu riskant bei den vielen Lebewesen, die auf dem Erdboden lebten und andere Tiere genauso wie die Spinne als Jagdbeute in ihre Gewalt bringen wollen.

Und schon war sie wieder am arbeiten, um das Netz noch größer und prächtiger zu bauen. Die Größe des Netzes und der geeignete Standort bestimmten natürlich die Höhe der gefangenen und erbeuteten Tiere für die eigene Ernährung und für die Aufzucht des Nachwuchses. Also kletterte sie am Flieder empor, bis sie einen Zweig erreichte, der fast bis über die Zuckerhutfichte reichte. Und dort ließ sie sich an einem ständig von ihr produzierten Faden in die Tiefe gleiten oder wie sagt man sonst zu dieser Art der Fortbewegung? Fassadenkletterer und Fensterputzer an der Außenfassade der Hochhäuser müssen doch bei diesem Anblick vor Neid erblassen.

Spinne Thekla jedenfalls erreichte sehr schnell den Ort, wo sie den ersten Faden ihres Netzes befestigte. Dann kletterte sie an diesem Faden zurück auf die andere Seite und zog dabei einen neuen Faden mit sich. Ich hatte Zeit und die Neugierde oder der Wissensdurst trieben mich, das Entstehen des Werkes zu beobachten. Also holte ich mir einen Stuhl und die große Lupe. Allerdings auch etwas zu essen und zu trinken und kam so erst nach geraumer Zeit wieder an den Ort, an dem wahre Wunder geschehen. Ich musste erstaunt feststellen, dass die Spinne, deren lateinischen Namen ich nicht einmal kenne, schon sehr viel geschafft hatte. Und bei mir war unterwegs die Frage aufgetaucht, was die Spinne macht, damit sie nicht an ihren eigenen Fäden kleben bleibt. Sie klettert ja schließlich nur noch in ihrem eigenen Netz, unabhängig davon, ob sie repariert oder sich mit der Beute beschäftigt. Die Antwort auf diese Frage fand ich neulich in einem Sammelalbum für Kinder.

Die Spinne spinnt grundsätzlich zwei verschiedene Arten von Fäden. Die Fäden, die zum Halten, Spannen und Laufen benutzt werden, enthalten keinen Kleber. Aber dafür sind die spiralförmig das eigentliche Fangnetz bildenden Fäden äußerst klebrig und halten die typischen Beutetiere fest, bis Thekla sie mit einem festen Biß von den anstrengenden Befreiungsversuchen erlöst. Danach frisst sie einen Teil der Tiere und einen anderen Teil wickelt sie wie Mumien mittels eines Fadens ein. Wahre Fundgruben und Fressbomben sind die Mücken, die gerade eben ihren Stachel in meine Haut gebohrt und sich an meinem Blut voll gesogen haben.

Thekla hat bis zum anfangenden Sonnenuntergang gebraucht, um sich ein neues Netz zu weben. Ich kam gerade dazu, als sie sich wieder in ihr Versteck am Fliederstamm zurückzog. Da konnte ich im Licht der tief stehenden Sonne ganz deutlich den Signalfaden sehen, den sie bis in ihr Versteck spannte. Bewegt sich etwas in dem Netz, wird ihr das sofort in ihre Behausung signalisiert. Sicher sagt ihr die Erfahrung anhand der Geräusche und Bewegungen, um welche Art von Beute es sich handelt. In der kurzen Zeit, die bis zur völligen Dunkelheit blieb, verfing sich eine Unmenge von kleinen Fliegern in dem Netz. Thekla kam nicht mehr dazu, die Vorteile der Signalisierung zu genießen, sie war nur noch mit der Verarbeitung der Beute beschäftigt. Vielleicht hatte sie auch Nachwuchs, der irgendwo versteckt war und gefüttert wurde.

Wenn ich unter dem Netz ein großes weißes Tuch auslegen würde, könnte ich interessante Untersuchungen anstellen. Aber das ist nicht mein Interessengebiet. Ich erfreue mich nur an den sichtbaren Webereien und der Signaltechnik, die die Natur hervor gebracht hat. Und wenn ich morgen früh an der Marmelade eine Fliege fangen sollte, werde ich sie zur Begrüßung mit Schwung in Theklas Netz werfen und warten, bis diese allgemein zu Unrecht verrufene Spinne angelaufen kommt und mir dabei ihr schönes Kreuz auf dem Rücken zeigt.

27.10.2013 © Wolf-Rüdiger Guthmann

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Autor: Wolf-Rüdiger Guthmann


wr.guthmann@web.de


Fotograf/Künstler: © Martina Friedl / www.pixelio.de

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6 Kommentare

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    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 29. Oktober 2013 at 07:18
    • Antworten

    Fesselnd und liebevoll beobachtet und erzählt !

  1. Und ich hab wieder was gelernt. Warum die Spinne nicht in ihrem Netz festklebt, habe ich nämlich bis dato auch noch nicht gewusst.

  2. Mit großem Vergnügen habe ich die Geschichte von der Spinne Thekla gelesen und freue mich schon auf: Aber das ist eine Geschichte für sich!“
    Viel herzl. Grüße von
    Uschi

  3. Ich hoffe ja auch, dass Herr Guthmann noch mehr so tolle tierische Geschichten für uns hat!

  4. So manches Marmeladen Brot
    wird hier wohl noch der Fliege Tod.
    Und Wahrheit im Artikel steckt:
    Das Kreuz einfordert auch Respekt.

    • W.R.Guthmann on 6. November 2013 at 20:57
    • Antworten

    Die „Geschichte für sich“ bereitet etwas Schwierigkeiten, da keiner mehr da ist, der die Eule und ihr Leben noch persönlich kennt. Ich muß also fremde Leute fragen und das endet meist wie die „Stille Post“. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Der liebe Gott und geduldige Lehrer sollen mich nicht umsonst des Lesens und Schreibens kundig gemacht haben.

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