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Die Reise der sanften Riesen, Teil 7: Der Kapitän

Ebenezer blieb noch einige Tag in der Stadt. Er hatte noch Besorgungen und Einkäufe zu machen. Ausserdem wollte er seinen ältesten Sohn Mathew treffen, der schon seit mehreren Tagen hier war. Der wollte seine Aufwartung bei den Woodman’s und vor allem bei deren Tochter Linda machen. Erbenezer war das nur recht, Linda war das, was man eine gute Partie nannte. Man würde sehen was sich daraus entwickeln würde, Mathew war jetzt alt genug für eine Ehe. Ausserdem wäre es ganz gut, wenn er eine Frau hätte, würde er doch eines Tages die Farm erben.

Hellpaw und Flower nahmen so etwas gelassen, denn Katzen sehen solche Dinge aus einer ganz anderen Sicht.

Foto Maine-Coon: snuesch / www.pixelio.de

Bei den Woodman’s lebten keine Katzen, daher waren Hellpaw und Flower meist mit sich selbst beschäftigt und ausgerechnet in diesen Tagen wurde Flower rollig.

Hellpaw war das nur mehr als recht und daher kam es auch, dass Flower in dieser Zeit trächtig wurde. Es gab in der Stadt nur sehr wenig Katzen, daher hatte er keine Konkurrenz zu befürchten. Außerdem waren die wenigen Kater der Stadt keine Waldkatzen und daher viel kleiner und bei weitem nicht so kräftig wie Hellpaw.

Die Familie Woodman lebte am Stadtrand und Christian Woodmann hatte einen Laden, der mit Eisenwaren handelte. Er war oft lange unterwegs in das weit entfernte Biddeford, wo er Ware einkaufte, Nägel, Beschläge, Stacheldraht und andere Dinge aus Eisen.

Wenn es tatsächlich zu einer Verbindung zwischen Mathew und Linda kam, würden sich die Familien öfter besuchen.

Zwei Tage später reiste Ebenezer mit seiner Familie wieder zurück. Mathew ritt gutgelaunt auf seinem Pferd nebenher. Auf der Farm war fast alles in Ordnung, nur die Schweine hatten den Pferch durchbrochen und den Gemüsegarten umgewühlt. Doch fortgelaufen war keines. Der Schaden war schnell behoben und dann ging alles wieder seinen alltäglichen Gang.

Zwei Monate später gebar Flower vier Junge, zwei Katerchen und zwei Kätzchen.

Der Hochsommer war gerade vorbei, als Mathew wieder einmal die Woodman’s besuchen wollte. Und natürlich würde er Linda ein Geschenk mitbringen. Er dachte über dieses und jenes nach, aber was gab es schon auf der Farm, was seiner Angebeteten gemäß wäre? Dann hatte er die Idee! Zwei Kätzchen aus Flowers Wurf, das wäre das richtige Geschenk. Linda war sehr tierlieb, das wusste Mathew. Die Kleinen waren jetzt vier Monate alt und konnten nun gut in ein neues Zuhause kommen. Er wählte das rotgefleckte Katerchen und das schwarzweiße Kätzchen. Einen Namen wollte er den Beiden nicht geben, das würde er mit Freuden Linda überlassen.

An einem Sommermorgen, noch vor Anbruch der Dämmerung ritt er los. Mit dem Pferd wäre er schneller als mit der Kutsche und würde schon am Abend in der Stadt sein. Er hatte Tage zuvor einen kleinen Holzkäfig gezimmert, in dem jetzt die beiden Katzengeschwister untergebracht waren. Der Käfig war fest mit den Satteltaschen verzurrt. Den beiden Kätzchen passte das Ganze gar nicht. Erst der enge Käfig, dann dieses Gerüttel und Geschaukel. Sie waren beide ganz aufgeregt und freuten sich, als Mathew eine Pause einlegte. Doch auch da ließ er sie nicht aus dem Käfig. Die Sonne stand schon tief, als sie die Stadt erreichten.

Linda war nicht da, sie musste noch eine Besorgung erledigen. Sarah, Lindas Mutter, begrüsste ihn und bat ihn herein. Über den Käfig hatte er ein Tuch gelegt und stellte das ganze auf dem Boden ab. Sarah schaute mit Verwunderung darauf, denn sie hörte seltsame kratzende Geräusche daraus, dann ein ganz leises „mauuu“. Endlich kam auch Linda.

Die Begrüssung fiel sehr herzlich, aber auch förmlich aus. Mathew und Linda wären jetzt am liebsten alleine gewesen, doch die erwartete Höflichkeit zwang sie zu einer Förmlichkeit, der sie am liebsten entronnen wären. Und dann hob Mathew das Tuch vom Käfig. Da saßen sie, rot und schwarzweiß. Richtige Fellknäul. Und wie sie schauten. Linda war ganz hingerissen. Sie liebte Tiere, hatte aber bis jetzt keine eigene besessen.Dann griff sie in den Käfig und holte beide heraus.
„Wie heissen sie?“ fragte Linda. „Oh, sie haben noch keinen Namen, ich dachte, Du gibst ihnen Namen.“ antwortete Mathew.
„Ich werde darüber nachdenken, welche Namen zu ihnen passen.“ meinte Linda.
Dann erwähnte sie das Thema nicht mehr. Doch den ganzen Tag sah man sie die Katzen anschauen und immer wieder spielte sie mit ihnen.

Der Kater untersuchte das Haus intensiv und rannte aufgeregt von einer Ecke in die nächste, während die Katze eher bei Linda blieb und schmusen wollte. So kam Linda endlich zu einem Entschluss.
„Mathew, siehst du, wie der Kleine herumrennt und das Mädchen wie mein kleiner Sonnenschein bei mir bleibt?“
„Ja, die sind beide so süß“
„Eben, und deshalb nenne ich den Roten Racer und das Mädchen Sunshine.“
So hatten die Geschwister einen Namen erhalten und lebten sich schnell bei der Familie Woodman ein.

Racer stromerte oft durch die Stadt, während Sunshine lieber bei der Familie blieb. Sie gewöhnte sich nach kurzer Zeit an, Linda und ihrem Vater überall hin zu folgen. Es gab nun einige Katzen und Kater hier und mittlerweile waren drei davon Waldkatzen. Die anderen hatten die Siedler aus dem fernen Europa mitgebracht.

Die Zeit verging und die Geschwister waren nun viel mehr als ein halbes Jahr alt. Noch waren sie nicht so groß wie eine ausgewachsene Waldkatze, doch trotzdem schon sehr imposant. Und im Herbst wurde Sunshine zum ersten mal rollig. In den Nächten war das Geschrei und Gezerfe im Garten für die Familie fast nicht auszuhalten. Alle Kater der Stadt hatten sich dort versammelt. Blacky und Sir Fluffy, die beiden Waldkater, machten schliesslich das Rennen unter sich aus. Sie waren am grössten und stärksten und alle anderen hatten nicht die Spur einer Chance.

In der folgenden Zeit wurde Sunshine noch anhänglicher und folgte vor allem Christian überallhin. Da sie nie störte, war es ihn recht. Die Leute grinsten zwar und tuschelten hinter vorgehaltener Hand, doch da Christian mit seinem Eisenwarenhandel ein angesehener Mann war, blieb es dabei. Einige, die schon von den grossen Katzen der Farmer gehört hatten, sagten sogar, dass dieses nicht einmal das schlechteste wäre. Die Familie kümmerte sich nicht darum und die Katzen erst recht nicht. Sunshine war jetzt trächtig und in einigen Wochen würde sie gebären.

Der Herbst war schon weit fortgeschritten, als sich Christian wieder einmal auf den Weg nach Biddeford machte. Er wollte vor dem Winter dort Waren einkaufen und hatte deshalb den grossen Wagen und die Pferde vorbereitet. Und wie so oft würde ihn wohl Sunshine begleiten. Die Fahrt dorthin würde drei Tage dauern und er würde auch einige Tage in Biddeford bleiben um seine Geschäfte abzuschließen. Sunshine hatte es sich auf dem Wagen zwischen einigen Decken gemütlich gemacht und genoss die Fahrt. Öfter machten sie Rast und Sunshine nutze das, um herumzustromern und zu sehen, ob sie etwas erlegen konnte. Nachts schlief Christian im Wagen, während Sunshine die Gegend erkundete. Sie hatte auch Markierungen von anderen Katzen gefunden und in der zweiten Nacht einen Versammlungsplatz. Einige Katzen waren da, von den Farmen, aber auch welche von den ganz wenigen, die noch in der Wildnis lebten.

Was sie untereinander berieten, hat nie jemand erfahren, doch Sunshine kehrte sehr zufrieden zum Wagen zurück. In der Mittagszeit des dritten Tages kamen sie in Biddeford an. Während der Reise war es ruhig geblieben. Christian hatte zwar, wie alle Reisenden, ein Gewehr dabei, doch das nur zur Sicherheit, den auf den Wegen waren wenig Menschen unterwegs.

Anders war es in Biddeford. Das lag nah am Meer und der Hafen war nicht weit entfernt. Die Seeleute feierten und zechten in den Saloons und oft gab es Streit. Jedenfalls hatte der Sheriff und seine Gehilfen alle Hände voll zu tun. Sunshine war nicht das erste mal hier und schaute neugierig aus dem Wagen, als sie in die Stadt einfuhren. Einige Männer sahen sie, schauten erst sehr verwundert und fingen an zu lachen. Denn eine Katze auf einem Wagen, das hatte es noch nie gegeben und dann auch noch so eine grosse und mit so einem dichten Pelz!n Mancher hatte schon davon gehört, dass es auf den Farmen Riesenkatzen gäbe, die den Menschen wie Hunde folgten, doch gesehen hatte hier in Biddeford so eine Katze noch niemand. Es gab auch einige, die Sunshine auf den ersten Blick für einen Waschbären hielten.

Zwei Schiffe waren vor kurzem draußen in Pool vor Anker gegangen, eines davon mit Fracht aus Boston für Christian’s Eisenwarenladen. Deshalb herrschte auch viel Betrieb auf den Strassen von Biddeford. Da waren Händler, Seeleute, die Schauerleute, aber auch zwielichtiges Gesindel, wie in jeder Hafenstadt.

Christian musste zuerst zum Kontor um die Papiere fertig zu machen, bevor er seine Ware im Lagerhaus abholen konnte. Immer gefolgt von Sunshine, ging er entlang an Geschäften und Saloons. Er war so in Gedanken versunken, dass er unvermittelt mit einem Mann zusammenstieß, der gerade aus einem Saloon kam. Er entschuldigte sich, dann sah er den Mann genauer an. Irgendwie erinnerte er ihn mit seiner Hornbrille an einen Waschbären. Offensichtlich war er Seemann, wie Christian unschwer an seiner Kleidung erkennen konnte.

Der Mann entschuldigte sich ebenfalls, dann bückte er sich und streichelte Sunshine über den Kopf.
„Eine wunderschöne Katze. Ich liebe Katzen und habe selber welche. Wie heißt sie?“
„Sie heißt Sunshine,“ sagte Christian, „doch mit wem habe ich die Ehre?“
„Oh, sie entschuldigen Sir, ich habe mich nicht vorgestellt. Nennen sie mich einfach Tom, zu ihren Diensten. Ich bin Kabinensteward auf der GLEN LAURIE, die zur Zeit in Pool vor Anker liegt.“
„Keine Ursache Tom, es ist ja nichts passiert. Mein Name ist Christian Woodman, ich bin in Geschäften hier.“
„Sehr erfreut Mr. Woodman, doch nun entschuldigen sie mich, ich werde auf dem Schiff erwartet.“ Er wandte sich um und Christian sah ihm noch eine Weile nach. Ein Seemann als Katzenfreund, was es nicht alles gab. Dann betrat er kopfschüttelnd den Kontor.

Tom war ziemlich sauer. Den ganzen Tag hatte ihn der Erste Maat nur schikaniert und rumgescheucht. Natürlich war Seefahrt kein Zuckerschlecken, doch was dieser Mistkerl veranstaltete, ging zu weit. Er schwor sich, eines Tages würde er Kapitän auf der GLEN LAURIE sein und dann würde es vorbei sein mit den Schikanen. Er musste sich erst etwas beruhigen, daher war er erst vom Pool nach Biddeford gegangen und hatte sich im Saloon einige Drinks genehmigt.
Und dann auch noch vor dem Saloon der Zusammenstoss mit diesem Händler. Heute war einfach nicht sein Tag. Der einzige Lichtblick war die Katze gewesen, die dieser Woodmann bei sich gehabt hatte. Tom mochte Katzen sehr.

Denn es gehörte auch zu Toms Pflichten als Kabinensteward, nach den Katzen zu sehen und dafür zu sorgen, dass immer welche an Bord waren. Die Ratten hatte in letzter Zeit gewaltig überhand genommen und nur die Katzen waren in der Lage diese Plage einzudämmen. Leider musste er immer wieder neue Katzen an Bord bringen, denn manche verliefen sich in fremden Häfen und fanden nicht rechtzeitig zurück, wenn die GLEN LAURIE auslief.

Tom träumte davon, das es Schiffskatzen gäbe, die immer bei ihm blieben und nicht wegliefen. Im Winter war es besonders schlimm, denn viele Katzen waren dieses Klima nicht gewohnt und starben. Neu angekommene Siedler aus Europa brachten manchmal ihre Katzen mit, aber das geschah nicht allzu oft, außerdem wollten die ihre Katzen nur selten hergeben und so blieb das Problem bestehen. Mürrisch machte er sich zurück auf den Weg nach Biddeford Pool.

Zwischenzeitlich hatte Christian ein Menge Papierkram hinter sich. Sunshine hatte sich auf einem Stuhl zusammengerollt und schlief. Draußen vor dem Kontor wurde es laut. Wahrscheinlich war wieder irgend ein Streit unter Betrunkenen zugange, doch das ging ihn ja nichts an. Endlich war alles erledigt und mit Sunshine im Gefolge ging Christian wieder nach draußen. Draußen war der Streit inzwischen eskaliert. Einige Schauerleute waren wohl mit dem Ergebnis eines Pokerspiels nicht einverstanden und bezichtigten sich gegenseitig des Falschspiels. Es wurde immer lauter und erste Faustschläge fielen.

Christian machte einen weiten Bogen um die Raufbolde und überquerte die Straße. Plötzlich fiel ein Schuss. Sunshione drückte sich sofort auf den Boden und Christian drehte sich hin zu den Streitenden aus deren Richtung der Schuss gekommen war. Er sah nicht, wie hinter ihm ein Pferd mit einem Einspänner durch den Schuss in Panik geraten war und auf ihn zu gallopierte. Das Pferd streifte ihn nur, doch der Einspänner krachte voll gegen seine Beine und rollte über ihn weg. Er lag im Staub und konnte sich nicht mehr bewegen. Einige Leute kamen angerannt, auch der Sheriff mit zwei Gehilfen. Jemand hatte das Pferd zum Stehen gebracht und beruhigt, während der Sheriff sich um die Streithammel kümmerte.

Christian wollte aufstehen, doch es gelang ihm nicht. Sunshine hatte sich auch von dem Schreck erholt und kam zu Christian. Sie schnüffelte an ihm, rieb sich und fing an zu schnurren. Einige Männer hoben Christian hoch und trugen ihn weg von der Strasse.

Sunshine maunzte, doch niemand schenkte ihr Beachtung, alle Aufmerksamkeit war auf Christian gerichtet. Jemand rief nach dem Arzt. Kurze Zeit später kam der Arzt und untersuchte ihn. „Ja, Sir, da ist das Bein gebrochen. Ich werde es schienen müssen und dann werden wir weiter sehen.“ meinte er, „Aber sie sind nicht aus Biddeford. Haben sie eine Unterkunft hier?“ „Nein,“ antwortete Christian, „ich wollte nur meine Waren abholen und erst dann nach einer Unterkunft schauen.“ „Oh. Tut mir leid Sir, aber das dürfte nicht möglich sein. Ich werde sie einige Nächte bei mir einquartieren, dann werden wir weitersehen.“

Sunshine hatte dem Ganzen zugesehen, doch sie begriff nicht, was die Menschen machten.
Christian war verletzt, da sollte er doch ein sicheres Versteck suchen und leise sein. Doch die Menschen verhielten sich oft seltsam und sie nahm es eben hin. Gut, sie würde bei ihm sein und ihn gesundschnurren, wie die Katzen es in der Wildnis machten. Denn auch wenn sie nicht wusste, warum das so war, war allen Katzen bekannt, dass Schnurren Verletzungen schneller heilen ließ, vor allem, wenn Knochen verletzt waren.

Doch die Menschen hoben jetzt Christian auf eine Trage und trugen ihn in ein Haus. Sunshine wollte ihnen folgen, doch die Männer ließen es nicht zu. Christian hatte jetzt starke Schmerzen und sah Sunshine nicht. Er hätte bestimmt dafür gesorgt, dass sie mit ihm gehen konnte. So aber saß sie vor dem Haus des Arztes und wartete.

Es dämmerte bereits und Sunshine wartete immer noch. Doch dann wurde sie hungrig. Nun, hier eine oder zwei Mäuse zu erwischen, war ja kein Problem und da sie wusste, wo Christian war, konnte sie jederzeit hierher zurückkehren. Doch der nächste Tag verging und Christian kam nicht wieder. Mehrmals hörte sie seine Stimme, also musste er noch hier sein. Sie richtete sich auf eine längere Wartezeit ein und dehnte ihre Streifzüge immer weiter aus.

Tom hatte inzwischen auf der GLEN LAURIE nach dem Rechten gesehen und nun auf dem Weg zur Farm. Die Farm, am Rande des kleinen Hafens Biddeford Pool gelegen, wurde Tarbox Farm genannt und war Toms zuhause, wenn die GLEN LAURIE hier im Hafen lag. Sie gehörte Joseph Tarbox, einem Freund von Enoch Snow, dem Kapitän der GLEN LAURIE. Kapitän Snow hatte auch dafür gesorgt, dass Tom mit den Katzen auf der Tarbox Farm wohnen konnte, wenn das Schiff hier im Pool vor Anker lag.

Auf der Farm waren die Katzen untergebracht, die er dann mit aufs Schiff nahm, wenn es wieder auf die Reise ging. Die GLEN LAURIE würde erst in einigen Tagen auslaufen, also konnte er bis dahin auf der Tarbox Farm bleiben. Als er das Haus betrat, wurde er von dreien der Rattenjäger freudig begrüsst. Tom schaute sich um, es hätten doch vier sein müssen, wo war Snuggles? Nach einigem Suchen fand er schließlich Snuggles. Der Kater hatte sich hinter der Küchenbank verkrochen und sah ziemlich elend aus. Er war schon alt, über 14 Jahre, und Tom hatte nicht genug Geld um mit ihm zum Veterinär nach Biddeford zu gehen. Ausserdem bezweifelte er, dass der sich mit Katzen auskannte, denn eigentlich schaute er nur nach den Pferden und dem Vieh der Farmer in der Umgebung. So blieb Tom nichts anderes übrig, als Snuggles zu streicheln und zu kraulen.

Lange beschäftigte er sich mit dem Kater und es war spät, als er zu Bett ging. In dieser Nacht hatte er zum ersten mal den Traum. Sunshine war auf der Suche nach einem sicheren Wurfversteck auf die Landbrücke geraten, die Biddeford mit Biddeford Pool verband. In der Stadt war es ihr zu umtriebig, sie brauchte einen ruhigen Platz wo sie ihre Jungen zur Welt bringen konnte. Außerhalb waren kaum Häuser und einige wenige Farmen. Die Luft roch hier anders, salzig. Es gab auf der Landbrücke nur einige kleine Farmen

Nach zwei Tagen des Suchens in der Stadt und der Umgebung war sie hierher gekommen. Und sie sah in der Ferne Masten. Wo Masten waren, da waren auch Schiffe. Obwohl die Masten und damit auch die Schiffe noch ziemlich weit entfernt waren, zog es sie dorthin. Trotzdem musste sie bald einen sicheren Platz finden, denn mittlerweile drängte die Zeit und die Geburt stand kurz bevor.

Unterwegs kam sie an einer der Farmen vorbei. Im Garten der Farm sah sie etwas merkwürdiges. Ein Mann war gerade damit beschäftigt, in diesem Garten ein Loch zu graben. Neben ihm stand eine kleine Holzkiste. Sunshine bemerkte die Traurigkeit dieses Mannes. Er hatte Tränen in den Augen. Langsam kam Sunshine näher. Ein Geruch lag in der Luft, ein Geruch des Todes. Und er kam aus der Kiste. Da war eine tote Katze drin, Sunshine roch es. Und jetzt erkannte sie den Mann. Es war dieser Tom, den sie vor einigen Tagen zusammen mit Christian vor dem Saloon getroffen hatte. Jetzt legte Tom sein Werkzeug ins Gras und wollte nach der Kiste greifen.

Erstaunt hielt er inne, als er Sunshine sah. Es schien, als ob er nachdachte. Sunshine konnte die Traurigkeit dieses Mannes förmlich riechen. Sie sah ihn an und begann zu miauen. Tom beugte sich zu ihr hinunter und begann, ihr den Kopf zu kraulen. Sunshine liess es zu, ja er genoss es förmlich.
„Du bist doch Sunshine, wenn ich mich recht erinnere.“ sagte Tom. “ Ja, du bist Sunshine! Wie kommst du denn hierher? Wo ist denn Mr. Woodman?“ Er erhielt keine Antwort, Sunshine schaute ihn nur an. Dann strich sie um seine Beine.

Mit Tränen in den Augen nahm er die Holzkiste und versenkte sie in dem Loch das er gegraben hatte. Dann schaufelte er das Loch wieder zu. Sunshine hatte dem Ganzen unverständlich zugeschaut, sie begriff nicht, warum Tom die Kiste mit der toten Katze vergaben hatte. Wieder strich sie ihm um die Beine. Doch dann erinnerte sie sich, dass in den alten Erzählungen die Rede davon war, dass die Wikinger es manchmal genau so gemacht hatten.

Zumindest kannte sie die Geschichte von Snorri, der Geyfa und Aldavinur auch begraben hatte, als sie gestorben waren. Dieser Tom wurde ihr immer angenehmer. Lange stand Tom noch an dem Katzengrab und Sunshine blieb bei ihm. Dann bückte er sich und hob Sunshine hoch. Er begann sie zu streicheln, während er langsam auf das Haus zuging. Man konnte es über eine große Veranda betreten. Innen sah das Haus aus wie jedes Farmhaus. Und es roch nach Katze! Sehen konnte Sunshine keine, doch der Geruch war eindeutig. Da war auch eine Küche in der Tom jetzt mit Sunshine auf dem Arm zu hantieren begann. „Du siehst aus, als wärst du hungrig, schauen wir mal was wir so haben.“ Aus einem kleinen Fass holte er ein Stück Pökelfleisch und hielt es Sunshine unter die Nase. Die schnupperte erst einmal, doch dann schnappte sie nach dem Fleisch. Dann setzte sich

Tom in einen großen Sessel, die Katze auf dem Schoß. Er streichelte Sunshine wieder am Rücken und begann dann ihren Bauch zu kraulen. Plötzlich stutzte er. „Grosser Gott, bist du etwa trächtig?“ Er tastete ihren Bauch ab. „Ja, ganz eindeutig und so wie ich das sehe, werden deine Babys sehr bald zur Welt kommen. Nun meine Liebe, dann denke ich mal, du bleibst erst mal hier. Morgen wird Molly kommen, dann werden wir weitersehen.“ Sunshine fühlte sich bei Tom sehr wohl und begann zu schnurren.

Wieder begann Tom zu reden, als wäre die Katze ein Mensch. „Weißt du es ist seltsam. Vor zwei Tagen kam ich von der GLEN LAURIE hierher zurück und fand Snuggles krank vor. Er war über 14 Jahre bei mir und so ein lieber Kater.“ Tom streichelte Sunshine wieder, dann fuhr er fort: „In der Nacht hatte ich das erste Mal diesen seltsamen Traum.

Da waren lauter langhaarige, große Katzen, genau wie du. Sie lagen, saßen und standen auf einer Wiese. Und mittendrin ein großer Kater mit kurzem, sandfarbenem Fell. Er wirkte irgendwie ehrfurchteinflößend. Und er schaute mich an, auf eine Art, die mir durch und durch ging. Weißt du wie das ist, wenn ein Mensch von einer Katze auf diese Art angeschaut wird? Du weißt es nicht! Eine lange Zeit schaute er mich so an und ich meinte, mein Innerstes würde nach außen gekrempelt. Dann fing der Kater zu sprechen an. Beim Klabautermann, er fing wirklich zu sprechen an, der Teufel soll mich holen, wenn’s nicht so war. Er sagte nur: ,Gib ihnen eine Heimat.‘ Nur dies, ,Gib ihnen eine Heimat.‘, sonst nichts. Dann bin ich aufgewacht.“

Foto Maine-Coon: Gabriela P. / www.pixelio.de

Sunshine hob den Kopf und schaute Tom an.
„Und heute,“ fuhr Tom fort, „ist Snuggles gestorben. Er war sehr oft mit mir auf See und der einzige, der immer rechtzeitig zum Schiff zurückfand. Nur die letzten beiden Fahrten war er nicht dabei, denn er war schon alt und hat hier auf der Tarbox Farm sein Gnadenbrot erhalten.“ Tom kamen wieder die Tränen.
„Und in der letzten Nacht, bevor er starb, hatte ich dann wieder denselben Traum.“
Wieder streichelte er Sunshine.
„Weißt du, ich habe mich gefragt, was er bedeutet. Doch wenn ich dich so sehe, wie du zu mir gekommen bist und wann, dann glaube ich zu wissen, was der sandfarbene Kater in meinem Traum mir sagen wollte. Aber wir werden sehen.“

Plötzlich war ein Scheppern zu hören und dann ein leises Tapsen. Sunshine drehte sofort die Ohren nach dem Geräusch, dann den Kopf. Da sah sie die Katze. Sie schlich langsam zur Tür herein, misstrauisch den Blick auf Sunshine gerichtet. Sie war kleiner als diese und hatte ein kurzes schwarzgrau gestreiftes Fell. Langsam kam sie näher.
„Das ist Cheri,“ sagte Tom, „sie lebt auch hier. Dann sind da noch Buster und Diabolo. Ich denke, du wirst mit ihnen klarkommen, es sind öfter neue Katzen hier und sie kennen das, wenn jemand neues hier einzieht.“

Sunshine schaute neugierig auf Cheri, die vorsichtig näher kam. Nein, kein Fauchen, kein Buckeln, nur Vorsicht. Viel Vorsicht, man weiß ja nie … Doch dann war das Eis gebrochen. Cheri schnupperte an Sunshine und die ließ es geschehen. Dann fing sie an, Sunshine über den Kopf zu lecken. Sie war auf der Tarbox Farm aufgenommen!

Buster und Diabolo traf sie erst spät in der Nacht. Es gab mit den beiden Katern dann doch erst ein ziemliches Gefauche, aber dann wurde sie auch von ihnen willkommen geheißen. Auch die Kater waren kleiner und hatten ein sehr kurzes Fell.

                                     – Fortsetzung folgt –

Teil 1 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/07/17/die-reise-der-sanften-riesen-teil-1/
Teil 2 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/07/17/die-reise-der-sanften-riesen-teil-2/
Teil 3 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/08/27/die-reise-der-sanften-riesen-teil-3-snorri/
Teil 4 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/09/03/die-reise-der-sanften-riesen-teil-4-heimatlos/
Teil 5 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/09/16/die-reise-der-sanften-riesen-teil-5-die-ankunft//
Teil 6 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/09/16/die-reise-der-sanften-riesen-teil-6-die-ankunft/




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Snuesch, Gabriela P. / www.pixelio.de

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