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Das hohe Lied der Motorsäge (Eremiten-Passion)

In Stuttgart malten Demonstranten
sich Juchtenkäfer auf die Fahnen
und stellten sie wie Elephanten
der Bahn aufs Gleis und ihrem Planen.

Dem bauherrlichen Größenwahne
mißfiel als Körnchen im Getriebe
der Eremit in der Platane.
Tumult erhob sich ihm zuliebe.

Doch Beistand kann für Eremiten,
die friedlich morsches Holz bebrüten,
kein Forscher, kein Experte bieten,
wenn Planer auf dem Reißbrett wüten.

Das Neue läßt sich nicht verhindern
von ein paar spinnerten Gelehrten,
seit eh‘ mehr ähnelnd alten Indern,
die jeden Wurm als Gottheit ehrten.

Zum Hemmschuh taugt nicht auf den Schienen
der Elephant, auf dem sie sitzen;
ein müdes Lächeln mag bedienen
das Steckenpferd von Käferfritzen.

Im Stadtbild darf kein Kerbtier stören;
Insekten haben keine Lobby.
In einer Umwelt von Chauffeuren
ist Käferkunde bloß noch Hobby.

Man hängt jetzt Kästen in die Bäume
für Vögel, die in Höhlen wohnen
und denkt nicht mal an Lebensräume
von Käfern oben in den Kronen.

Selbst obdachlosen Fledermäusen,
die auch ein schweres Dasein fristen,
verhilft man zu Ersatzgehäusen,
doch Käfern helfen keine Kisten.

Seit Baumchirurgen Hand anlegten,
verblieb für Käfer nichts zu erben;
wo Motorsägen Bäume pflegten,
da zählt statt Kerfe man jetzt Kerben.

Kein Eremit ist mehr im Wege –
nur kann ich den vergessen ganz nicht
und denk‘ beim hohen Ton der Säge
sogleich an Stuttgart Einundzwanzig.




Autor: Klaus-Ulrich Geis

kontakt@kaeferklaus.de
www.kaeferklaus.de


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2 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    STUTTGART 21 war, ist und bleibt ein schwieriges Thema….für die Käfer sieht es da erst einmal schlecht aus.
    Kann man Käfer auch umsiedeln….oder ist es jetzt dafür schon zu spät ? Ich bin diesbezüglich nicht ganz auf dem neuesten Stand, weil wir nur in der NÄHE Stuttgarts wohnen.
    (Unabhängig davon: Das Gedicht ist wieder hervorragend formuliert.) Natürlich habe ich mich auch auf der
    KÄFER-Seite umgeschaut…!

  2. Hans Witteborg

    Ich finde es ganz toll, wenn man sich für Käfer so stark macht.
    Schade, daß man dieses für Menschen nicht tut!
    Was für eine Heuchelei!

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