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Warum die Natur den S*x erfand

Anhand von Kartoffeln erklärte uns vor vielen Jahren die Biologie-Lehrerin, dass es eine geschlechtliche und eine ungeschlechtliche Fortpflanzung gibt. Dass die Natur nichts aus Jux und Dollerei macht, wusste ich schon als Kind. Und so wollte ich es genau wissen: „Was hat denn die Pflanze davon, dass sie sich so oder so vermehren kann?“, fragte ich. „Die Methoden müssen doch Vor- und Nachteile haben, sonst bräuchte man keine zwei.“

Die Lehrerin konnte oder wollte mir die Frage nicht beantworten. Entweder verstand sie nicht, worum es mir ging, oder sie dachte, die Erklärung führe zu weit. Jedenfalls bekam ich keine Auskunft und musste mir die Antwort selber zusammenreimen.

So langsam leuchtet mir ein, warum die Lehrerin sich damals nicht darauf eingelassen hat, das Thema einer Elfjährigen in zwei, drei Sätzen zu erläutern …

Nicht nur Kartoffeln, sondern auch manche Tierarten haben die Wahl zwischen sexueller und asexueller Fortpflanzung. Nesseltiere (Quallen) zum Beispiel, Haie oder die Blattlaus. Auch manche Krebs- und Echsenarten können sich ihre Vermehrungsmethode aussuchen.

Bleiben wir bei der Blattlaus. Aus den Eiern, die den Winter überstanden haben, schlüpfen im Frühjahr nur Weibchen. Und auch im Folgenden entstehen durch Parthenogenese (Jungfernzeugung) ausschließlich „Läusinnen“ – ganz ohne männliche Hilfe.

Wenn die Natur sich die Männchen spart und nur „gebärfähige“ Weibchen entstehen lässt, vermehrt sich die Population schneller als dies bei zwei Geschlechtern und einer s e x u e l l e n Fortpflanzung möglich wäre. Diese Methode ist also besonders gut geeignet, um Lebensräume schnell flächendeckend zu besiedeln.

„Bereits in der vierten Generation hat ein a s e x u e l l e s Weibchen viermal so viele Urenkel wie ein s e x u e l l e s. Der Vorsprung wächst mit jeder weiteren Generation. „Ginge es nur um reine Zahlen, S e x wäre schon längst von der Bildfläche verschwunden oder im Laufe der Evolution gar nicht erst aufgetaucht“, sagt Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön.“ [1]

Abb. Blattlaus: Frank Hollenbach / www.pixelio.de

Da bei der Jungfernzeugung keine Durchmischung des Erbguts stattfindet, sind die Nachkommen mit dem Muttertier genetisch identisch. Es sind Klone. Parasiten, Viren, Krankheitserreger etc. haben hier leichtes Spiel und können eine Gruppe genetisch gleicher Individuen schwer schädigen.

„Damit wir ein effektives Immunsystem gegen Bakterien und andere sich rasch vermehrende und rasant evolutionär verändernde Krankheitskeime entwickeln können, müssen wir öfter mal die Gene mischen. Dazu braucht es neben der Frau auch den Mann. Und das ist ein wenig kränkend für diesen. „Männer sind also weiter nichts als eine biologische Krankenversicherung“, fasste der Wissenschaftsjournalist Michael Miersch diese Idee einst zusammen, „oder, beschämender noch, eine evolutionäre Wurmkur. Allerdings als solche unverzichtbar.“ [2]

Auch eine Adaption an veränderte Lebensbedingungen gelingt besser, wenn der Genpool durch geschlechtliche Vermehrung gemischt wird und sich die fittesten und am besten angepassten Individuen durchsetzen und vermehren können. Nur so ist eine Evolution möglich. Fortwährende Jungfernzeugung bedeutet Stillstand. Und der kann in einer sich schnell verändernden Umwelt rasch das Ende einer Art bedeuten.

Gelegentlich bilden die Blattläuse übrigens auch eine geflügelte, sich geschlechtlich fortpflanzende Generation. Rasend vielfältig wird der Genpool dadurch auch nicht, denn genetisch sind die Läuse ja alle Geschwister. Doch diese Vermehrungsform fördert die Verbreitung der Blattlaus, denn die geflügelten Individuen sind in der Lage, weite Strecken zu neuen Wirtspflanzen fliegend zu überwinden.

Abgesehen von der Widerstandskraft der Anpassungsfähigkeit … wenn es nur die ungeschlechtliche Vermehrung gäbe, wäre die Welt wohl ziemlich fade. S*x gäbe es keinen und damit auch keine Partnerwahl, keine Balzrituale, keine Rivalität. Es gäbe keinen Grund für duftende Blumen, melodischen Vogelgesang, farbenprächtiges Gefieder, eindrucksvolle Geweihe, wehende Mähnen etc. Bei den Menschen gäbe es keine Musik, keine Mode, keine Kunst, denn das wäre ja alles überflüssig. Die Welt wäre friedlich, eintönig, still und vermutlich grau. Oder beige. 😉

„S*x ist die Triebkraft, ist der Motor, der das Leben auf der Erde zu dem hat werden lassen, was wir heute vorfinden “ [3], schreiben Dr. Mario Ludwig und Dr. Harald Gebhardt in ihrem Buch KÜSSE, KÄMPFE, KAPRIOLEN. Und die Biologin Olivia Johnson sagt: „Der Zwang, einen Partner zu finden und ihn zu verführen, ist eine der stärksten Mächte der Evolution.“ [4]

Abb. Pfau: Templermeister / www.pixelio.de

Quellen
[1] Rauch, J., Das schwierige Thema Fortpflanzung, 2013, http://dasgehirn.info/handeln/liebe-und-triebe/das-schwierige-thema-fortpflanzung-674
[2] ebenda
[3] Ludwig, Dr. M., Gebhardt, Dr. M.: Küsse, Kämpfe, Kapriolen. S*x im Tierreich. München: blv-Verlag, 2007, Seite 13
[4] ebenda, Seite 13




Autor: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Fotograf/Künstler: © Frank Hollenbach, Templermeister / www.pixelio.de

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4 Kommentare

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  1. Margrit Baumgärtner

    Wer möchte schon eine „evolutionäre Wurmkur“ sein (LACH) ? Sagen wir doch versöhnlich:
    Frauen UND Männer machen die Welt bunt und wandelbar.

  2. Edith Nebel

    Das mit der Wurmkur war meine Exkollegin. Ich konnte dem Zitat nicht widerstehen.

  3. Hans Witteborg

    Warum wird bei dem Wort SEX das „e“ ausgelasssen…weil es eh egal ist?

  4. Edith Nebel

    Nein, weil wir Probleme mit den Suchmaschinen kriegen, wenn wir „Pfuiwörter“ ausschreiben. Die flippen schon bei Wörtern wie „Ringelschw@nz“ aus …

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