Timo Schaal: Streetart in Germany. Bildband

Timo Schaal: Streetart in Germany, München 2013, riva-Verlag, ISBN 978-3-86883-337-9, Softcover, 191 Seiten, rund 400 farbige Abbildungen, zweisprachiger Text: Deutsch und Englisch, Format: 20,6 x 14,6 x 1,4 cm, EUR 14,99.

Coverabbildung: riva-Verlag, http://www.m-vg.de

Für die einen ist es Schmiererei, Vandalismus und Sachbeschädigung, für die anderen ist es Streetart: vergängliche, nichtkommerzielle Kunst im öffentlichen Raum. Streetart ist deutlich mehr als ein farbgesprühter Graffiti-Namenszug. Man kann das Kunstwerk mit oder ohne Schablone sprayen, man kann es malen, zeichnen, schreiben, plakatieren, stricken, häkeln, fädeln, wickeln, anpflanzen, bauen, basteln, installieren … Es kann politisch sein, anarchistisch, dekorativ, subversiv, kreativ, überraschend, gewollt hässlich oder atemberaubend schön.

Kunst eben. Nur dass sie nicht in Galerien und Museen stattfindet, sondern auf der Straße. Da bekommt ein unbewohntes Haus mit etwas Farbe ein erstauntes Gesicht verpasst, Abfallbehälter werden zu Krümelmonstern oder Altgoldcontainern umgestaltet, ein Stromkasten wird zum Gameboy. Werbeplakate und Verkehrsschilder werden umgetextet. Das Stoppschild gebietet auf einmal „SMILE“ und statt vor Gehwegschäden wird jetzt vor Gehirnschäden gewarnt. Pfosten, Bäume, Fahrräder und sogar ein Panzer werden farbenfroh umstrickt und umhäkelt („Guerilla-Knitting“ nennt sich das). Statuen bekommen Superhelden-Gewänder angezogen und an Häuserwänden tauchen erstaunlich realistisch wirkende Bilder von Menschen, Tieren und Pflanzen auf.

Doppelseite aus dem Buch. Foto: E. Nebel

Die Sprüche wabern zwischen Poesie, Philosophie, Anarchie und Blödsinn. „Time does not exist. Clocks exist“, hat jemand in Rostock an eine Wand gesprüht. In einem Berliner U-Bahnhof steht „Art in a frame ist like an eagle in a birdcage“.- „Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein“, sagt ein Streetart-Plakat in Hamburg. In Bielefeld meint ein Künstler verzweifelt: „Es kann doch nicht immer so bleiben!“. Und in Mannheim hat einer beobachtet: „Nazis essen heimlich Döner.“ Texte, die in den 80-er Jahren „Sponti-Sprüche“ hießen, laufen heute unter Streetart.

Doppelseite aus dem Buch. Foto: E. Nebel

Gut, nicht jedes dieser Kunstwerke würde man an der eigenen Hauswand haben wollen (manche durchaus!), aber wenn man sie irgendwo in der Stadt sieht, bringen sie einen doch zum Staunen, Grinsen oder Überlegen. Wenn man überhaupt schnell genug ist, sie zu Gesicht zu bekommen. Denn die Straßenkunst ist vergänglich. Manchmal ist sie schon nach Stunden oder Tagen wieder entfernt oder übermalt. „Zumindest wird der Zahn der Zeit die Kunstwerke irgendwann mal von den Wänden oder den Böden nagen.“ (Seite 4/5). Da ist es dann schön, dass ausgewählte Highlights in diesem Buch verewigt wurden.

Timo Schaal, der die Kunstwerke ausgewählt und zusammengestellt hat, beschäftigt sich seit 2009 intensiv mit der Kunst im öffentlichen Raum und reist mit seiner Kamera im Gepäck durch ganz Deutschland. Innerhalb von 2 Jahren hat er 100.000 Streetart-Fotos gesammelt. Seine Facebookseite „StreetArt in Germany“ bekommt jeden Tag hunderte von Fotoeinsendungen und ist mit ca. 1 Million Followern zu einem der größten Kunst-Communitys der Welt angewachsen.

Dieses Buch bietet einen Querschnitt durch Timo Schaals Bildarchiv. Die Fotos sind grob thematisch sortiert und enthalten Angaben zum Künstler (falls bekannt), zum Fotografen und zum Fundort. „Ansonsten bleiben die Bilder unkommentiert, denn das sind sie auf der Straße schließlich auch.“ (Seite 5)

STREETART IN GERMANY ist ein faszinierender Streifzug durch die deutsche Straßenkunst. Wir haben schon enorm begabte, originelle und kreative „Vandalen“!

Der Autor
Timo Schaal arbeitet seit 2002 als freischaffender Künstler, DJ, Maler, Musiker und Fotograf. 2010 gründete er unter dem Pseudonym »Polypix« das Online-Netzwerk »StreetArt in Germany. Dort veröffentlicht er laufend eine Auswahl der täglich eingesendeten Fotos der Community.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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1 Kommentar

  1. Sogar unser Kater Cooniebert war an dem Buch interessiert. Aber vielleicht auch nur an der Seite mit dem Würstchen:

    http://img4.fotos-hochladen.net/uploads/cooniebertstreezde9q2o7n5.jpg

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