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Die Reise der sanften Riesen, Teil 6: Die Ankunft

Den ganzen Tag blieb Grünauge in seinem Versteck. Das Treiben dieser Leute war ihm völlig unverständlich. Es gab welche, die standen ohne jede Deckung völlig still mit ihren Knallstöcken. Nach einiger Zeit wurden sie von anderen abgelöst, die dann genau so still dastanden. Immer wieder hörte er die Stimmen und erkannte, dass sich manchmal etwas wiederholte. Das war beispielsweise „atasio“, „misiö“, „leroi“ oder „vivlafra“. Doch er wusste damit nichts anzufangen.

Am Abend schlich der Kater wieder in den Wald zurück, um etwas Beute zu machen, denn er hatte gewaltigen Hunger. Als er mitten in der Nacht zum Fluss zurückkehrte, schliefen die Fremden zwischen großen Feuern, die sie entfacht hatten.

Am nächsten Tag beobachtete er weiter. Und so bekam er durch aufmerksames Zuhören heraus, dass die Fremden sich selbst als „Franzosen“ bezeichneten und mit Wikingern überhaupt nichts zu tun hatten. Ihr Anführer nannte sich Samuel de Champlain. Eigentlich hätte daher den Katzen diese ganze Sache egal sein können, doch es waren sehr viele Franzosen und es gab sehr viele Knallstöcke und diese fürchteten sie. Also musste Grünauge dringend zum nächsten Versammlungsort, damit die anderen erfuhren, was hier vor sich ging. Der nächste Versammlungsort lag einige Tagesmärsche entfernt und obwohl Grünauge sich beeilte, ging es doch langsam voran, denn zwischendurch musste er etwas in den Magen bekommen.

Abb. Waldkatze: Margit Völtz / www.pixelio.de

Die Nachricht verbreitete sich schnell unter den Katzen und die Aufregung war groß. Keiner wusste mit dem Lauf der Dinge in letzter Zeit etwas anzufangen. Da hatten sie so viele Sommer und Winter gewartet und nun das. Sie waren ratlos. Ihre Freunde, die Fischotter konnten ihnen nicht helfen, denn alles was diese von den Menschen wussten, hatten sie von den Katzen erfahren.

Einige Katzen machte sich auf den Weg zum Fluss, um sich dort neue Reviere zu suchen. So würden sie immer beobachten können, was die Franzosen trieben. Grünauge, Schwarzfleck, Raschler und noch einige andere würden das tun. Zwar bestand ab jetzt die Gefahr, dass die Waldkatzen entdeckt wurden und nicht mehr im Verborgenen leben konnten. Doch die Ereignisse überstürzten sich nun, daher mussten sie dieses Risiko eingehen. Und, so hofften sie, vielleicht geriet ja zum Schluss doch noch alles zum Guten. Oft trafen die Katzen sich in dieser Zeit an ihren Versammlungsplätzen und tauschten mit Hilfe der „Stillen Sprache“ ihre Gedanken aus. Am nächsten Vollmond war das Schiff der Franzosen weiter flussaufwärts gesegelt. Grünauge und Schwarzfleck waren den Franzosen gefolgt und berichteten alle Beobachtungen.

Die Katzen erfuhren nun auch einiges über die Knallstöcke. Sie wurden von den Franzosen Musketen genannt und waren wirklich nur dazu da, auf große Entfernung zu töten, egal ob Mensch oder Tier. Die Franzosen hatten Häuser gebaut und sich dauerhaft eingerichtet. Nachts schlich Grünauge zwischen den Häusern. Er hatte Kratz- und Geruchsmarkierungen an einigen Häusern hinterlassen und wollte jetzt versuchen, in eines der Häuser einzudringen. Die Türen waren nicht abgeschlossen und teilweise nur angelehnt. Grünauge zwängte sich durch den Türspalt. Es war dunkel hier, doch für Grünauge genügte das wenige Licht das der Mond hereinwarf. Er sah sich um. An einer Wand waren Strohaufschüttungen, auf denen zwei Männer schliefen. Mehrere Gegenstände waren auf einem Tisch in der Mitte des Raumes. Lautlos schaffte es Grünauge, auf den Tisch zu springen. Essensreste lagen darauf und ein Becher mit einer Flüssigkeit, die in Grünauges Nase furchtbar roch. Trotzdem schnüffelte er an allem, um sich den Geruch einzuprägen.

Plötzlich drehte sich einer der Männer ziemlich laut im Schlaf. Grünauge erschrak, sprang vom Tisch und rannte zur Tür hinaus. Dabei stieß er den Becher um, der mit lautem Geklirr vom Tisch fiel und auf dem Boden zerschellte. Sofort waren die Männer hellwach und begannen zu schreien. Ein Geschrei begann in allen Häusern die Menschen rannten durcheinander und zu ihren Musketen. Dann fiel ein Schuss. Grünauge war ein Stück gerannt und hatte sich neben einer Kiste in Sicherheit gebracht. Der Schuss brachte ihn endgültig dazu, davonzurennen und im Wald Deckung zu suchen. Nach diesem Vorfall näherten sich die Katzen den Franzosen nur noch mit äußerster Vorsicht.

In den kommenden Sommern und Wintern änderte sich nicht viel. Es kamen immer mehr Franzosen und die Siedlung, die Almouchaquois genannt wurde, blieb von den Waldkatzen immer argwöhnisch, und von den Franzosen unbemerkt, beobachtet. Auch Skrælingar tauchten wieder auf, die von den Franzosen Souriquois genannt wurden. Sie selbst nannten sich Mi’kmaq.

Bevor der Winter kam, berichteten die Fischotter, dass eine riesige Menge Souriquois durch den Wald in Richtung Almouchaquois marschierte. Dann erlebten die Katzen einen wirklichen Kampf unter den Menschen. Den Grund erfuhren sie nie, doch möglicherweise war es wieder die Milch, welche die Souriquois nicht kannten und von der sie daher krank wurden und glaubten, sie wären vergiftet worden. Es kamen viele Franzosen um, doch die Musketen wüteten unter den Souriquois, und viele, sehr viele blieben tot am Flussufer liegen. Wer nicht tot war, sondern nur verletzt, wurde von den Franzosen erschossen.

Im Laufe der Zeit hatten einige Katzen gelernt, die Sprache der Franzosen zu verstehen. Zwar nicht alles, vieles war ihnen unverständlich, doch einiges konnten sie erkennen. Und sie gaben das in der „Stillen Sprache“ an alle andern weiter. So erfuhren sie, dass viele Tagesmärsche von hier andere Menschen angekommen waren, die von den Franzosen Engländer genannt wurden. Und jetzt kämpften die Engländer mit den Franzosen.

Auf ihren Versammlungen rätselten die Katzen über den Grund für diese Kämpfe, doch niemals konnten sie es herausfinden, obwohl sie auch die Sprache der Engländer zu verstehen lernten. Sie selbst waren auch sehr gute Kämpfer, doch nur wenn es sein musste, wenn sie etwa auf der Jagd waren und eine sehr große Beute gemacht hatten. Doch das diente dann zum Überleben. Die Kater kämpften auch untereinander, doch da ging es immer um eine Katze. War einer der Sieger, erkannte der Verlierer das an und es war gut. Tote hatte es bei solchen Kämpfen nie gegeben. Doch was die Menschen machten, konnten die Waldkatzen nicht verstehen. Daher hielten sie sich aus den Angelegenheiten der Menschen heraus, beobachteten weiter und warteten ab. Sie würden sich sowieso niemals auf irgendeine Seite stellen.

Sommer und Winter vergingen und immer noch lebten die Katzen im Wald, bis sie eines Tages den toten Souriquois fanden. Zehenschleicher hatte ihn entdeckt, als sie ihr Revier kontrollierte. Der Souriquois wies keine Verletzung auf, er roch nach Krankheit. Er lag einfach so auf dem Waldboden. Zehenschleicher näherte sich ihm nicht. In weitem Bogen lief sie um ihn herum, dann erst sah sie es. Sein Gesicht war mit schwarzen und blutigen Beulen bedeckt. Und es stank! Die Katze würde für lange Zeit diese Stelle meiden oder sich ein anderes Revier suchen.

In der folgenden Zeit wurden nicht nur von den Katzen, auch von vielen anderen Tieren immer wieder Souriquois entdeckt, die auf dieselbe Weise umgekommen waren. Doch selbst die Aasfresser vermieden es, sich den Toten zu nähern. Nur die ganz winzigen, die Ameisen, machten sich an die Arbeit und sorgten dafür, dass die Leichname verschwanden. Die Ameisen waren zwar manchmal lästig, doch wurden sie von allen Tieren respektiert, sorgten sie doch dafür, dass im Wald keine Krankheit ausbrach. Und es wurde auch berichtet, dass viele Siedlungen der Souriquois jetzt leer und verlassen waren.

Abbildung: Urheber unbekannt, 1857 photo by Paul-Émile Miot. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Da im Land nur noch wenige Souriquois lebten, kamen immer mehr Franzosen und Engländer. Die beiden Gegner hatten jeder einen König, wie damals die Wikinger König Olav von Norwegen. Doch der hatte damals im fernen Norwegen gelebt und die Wikinger waren eigentlich für sich selbst frei und nur ihrer eigenen Thingversammlung verantwortlich gewesen. Und dorthin konnte jeder kommen und reden, ungeachtet seiner Stellung. Selbst Anführer wie Leif Erikson mussten sich vor dem Thing rechtfertigen und konnten nicht einfach Befehle erteilen, es sei denn, es wäre ein Notfall. Doch der englische König James I. und der französische König Louis XIII „le Juste“ dachten da anders und konnten trotz der riesigen Entfernung zu England und Frankreich direkt befehlen, was zu geschehen hatte.

Auch das war den Katzen unverständlich. Wie war es möglich, dass jemand einen Befehl gab oder ihn befolgte? Sie kannten etwas ähnliches von den Wolfsrudeln, doch auch bei den Wölfen ging es letzten Endes nur ums Überleben. Sie selbst berieten sich auf ihren Versammlungen und beschlossen dann gemeinsam, was zu tun sei. Niemals würde eine Katze einer anderen einen Befehl erteilen.

Die Kämpfe der Menschen wurden mit einer Härte geführt, welche die Katzen und alle anderen Tiere in Panik versetzten. Denn da gab es die Donnerer, die von den Kämpfenden Kanonen genannt wurden und die waren wirklich furchtbar. Die Katzen zogen sich wieder tiefer in den Wald zurück und beobachteten aus der Ferne.

Mal hatte die eine Partei die Oberhand, mal die andere. Und oft gab es lange Zeiten, in denen nichts geschah. Immer mehr Menschen kamen in das Land, doch nicht alle ließen sich in den Siedlungen nieder, denn zu groß war die Gefahr, dass eine Siedlung von gegnerischen Soldaten angegriffen wurde. Manche zogen in die Nähe der Wälder wo sie sich niederließen und Bäume fällten, so dass große freie Flächen entstanden. Dort bauten sie sich ein oder zwei Häuser, hielten sich Kühe oder Schweine und pflanzten das an, was sie zum Leben brauchten.

Einfach war das nicht, denn sie waren nur mit dem Notwendigsten in diesem Land angekommen und die Lebensmittel wurden zu oft von Ungeziefer bedroht. Doch nicht überall. Auf manchen dieser einsamen Gehöfte schien diese Plage geringer zu sein und die Siedler wussten nicht warum das so war.

Wegen der Kämpfe mieden die Waldkatzen die Siedlungen. Doch immer wieder unternahmen sie nächtliche Streifzüge durch die Gehöfte. Da war es sicher und eingelagertes Getreide und andere Lebensmittel zogen immer wieder Mäuse, Ratten und andere leicht erlegbare Beute an. Außerdem fühlten sie sich trotz allem zu den Menschen hingezogen, wünschten sie sich doch nichts so sehr wie ein Leben wie zu Zeiten der Wikinger, als sie bei den Menschen und trotzdem frei waren.
S
o geschah es eines Tages, dass Spitzohr sich nachts in einen Stall schlich. Eine Kuh, ein Bulle und zwei Kälber waren darin. An einer Seite war ein Haufen Heu in dem es verführerisch nach Mäusen raschelte. Und richtig, nach kurzer Zeit erwischte sie eine fette Maus. Ein bisschen spielen war jetzt angesagt, loslassen, zupacken, loslassen, zupacken. Die Maus quiekte in Todesangst, doch dann biss Spitzohr zu. Sie riss Fleischbrocken aus dem kleinen Körper und spießte sie auf eine ihrer ausgefahrenen Krallen. Im Lauf ungezählter Jahre in der Wildnis hatten die Katzen gelernt, ihre Beute so zu fressen. Diese Art zu fressen machte es möglich, unbekannte Beute und deren Fleisch erst zu begutachten, um keine unliebsame Überraschung zu erleben. Erst dann begann Spitzohr das Fleisch zu fressen.

Nachdem sie satt war, wollte sie wieder im Wald verschwinden, doch in der Zwischenzeit hatte Regen eingesetzt. Nun scheuten die Waldkatzen das Wasser nicht und spielten sogar damit. Denn ihre Vorfahren waren oft mit den Wikingern auf hoher See gewesen und ihre Freunde waren die Fischotter, die sie oft besuchten. Doch der Regen platschte sehr unangenehm herunter und wurde auch stärker. Spitzohr beschloss, hier im Stall und im Heu zu bleiben. Zu befürchten hatte sie hier nichts. Bald schlief sie ein.

Noch vor der Morgendämmerung wurde sie durch lauten Donner geweckt. Erst dachte sie an die Kanonen der Menschen, doch als sie es durch die Ritzen blitzen sah, wusste sie, dass es nur ein Gewitter war. Doch hier im Stall war sie in Sicherheit. Allerdings wurde das Gewitter immer heftiger und entwickelte sich fast zum Sturm. Die Kälber wurden unruhig und fingen an, laut zu blöken. Plötzlich gab es ein Gerüttel an der Tür und diese öffnete sich. Ein schwacher Lichtschein drang herein und Spitzohr erkannte die Umrisse eines Menschen. In seinen Händen hielt er ein Gefäß, in dem eine kleine Flamme düsteres Licht verbreitete. Der Mann ging zu den beiden Kälbern, streichelte und beruhigte sie. Dann schaute er sich um. Jetzt erst erkannte er im flackernden Licht seiner Lampe Spitzohr, die sich ins Heu geduckt hatte. Der Mann kniete nieder und Spitzohr fühlte, dass er ihr nichts Böses wollte. Er schaute die Katze verwundert an und beleuchtete sie von allen Seiten. Lange schaute er sie so an und etwas Vertrautes baute sich zwischen ihm und der Katze auf. Dann stand er langsam auf und verließ den Stall. Draußen tobte immer noch das Gewitter, daher blieb Spitzohr im Stall. Erst am nächsten Vormittag, als sich das Gewitter verzogen hatte, traute sie sich ins Freie.

Einige Tage später besuchte sie wieder das Gehöft und dann immer öfter. Schließlich blieb sie ganz dort. Der Bauer kannte sie inzwischen gut und hatte nichts dagegen, dass sie blieb. Er hatte sie, als er sie zum ersten mal im Stall sah, für einen dieser aufdringlichen Waschbären gehalten und sie vertreiben wollen. Erst auf den zweiten Blick hatte er erkannt, dass er eine Katze vor sich hatte. Sein Name war William McGalham und er kam aus Schottland. Er hatte eine Frau, Deborah, und zwei Kinder, Silas und Maggy, die aber oft auf dem Feld helfen mussten. Die Kinder spielten so oft sie konnten mit Spitzohr und gaben ihr schließlich den Namen Missy.

Missy ging öfter zu einem der Versammlungsplätze und berichtete, wo sie jetzt war und wie es ihr dort erging. So kam es, dass immer mehr der Waldkatzen in die verstreut liegende Gehöfte gingen und bei den Menschen blieben. Und die Menschen gaben ihnen Namen, wie es die Wikinger in alter Zeit getan hatten.

Niemand wusste, wo sie herkamen, doch waren sie gern gesehen, waren sie doch sehr geschickte Mäusejäger. Auch überstanden sie die harten Winter im Land ohne Schaden. Die Farmer und ihre Familien wunderten sich zwar, dass Katzen von einer so imposanten Größe eine so leise Stimme hatten und auch keine Scheu vor dem Wasser hatten, doch sie nahmen diesen Umstand einfach hin und hinterfragten ihn nicht. Und da sie trotz ihrer Größe, Kraft und Zähigkeit sehr anhänglich waren und sich den Menschen zuwandten, gaben die ihnen den Beinamen „die sanften Riesen“. Es war, als hätte Leif Erikson selbst ihnen durch die Tiefen der Zeit zugeflüstert, dass sie schon damals von den Wikingern so genannt wurden.

Endlich waren sie wieder bei Menschen, die sie achteten. Die Farmer hatten zwar genug damit zu tun, ihre Felder zu bewirtschaften und konnten sich nicht so um die Katzen kümmern, wie in alten Zeiten die Wikinger, doch sie respektierten und schätzten sie. Und die Katzen liebten es, wieder bei den Menschen zu sein. Doch die Farmen lagen weit voneinander entfernt, und zur nächsten Siedlung war es ein weiter Weg.

Immer wieder kam es zu Kriegen zwischen Engländern und Franzosen, daher mochten nicht alle Katzen zu den Menschen gehen. In die Siedlungen ging sowieso niemand von ihnen, weil sie die Musketen und Kanonen fürchteten, daher wussten die Menschen dort sehr wenig oder nichts von ihnen. Eines Tages war von etwas neuem die Rede. Die Menschen nannten es „Massachusetts Bay Colony“ und machten ziemlich viel Aufhebens darüber. Doch die Katzen verstanden diese Aufregung nicht, denn für sie änderte nichts. Die Zeit verging, Missy, aber auch William und Silas waren schon lange tot. Die Familie hatte ihre Gräber draußen am Waldrand.

Die Farm gehörte jetzt Ebenezer McGalham, Silas Urenkel. Drei Katzen lebten auch dort, alles Nachkommen von Missy, nämlich Streuner, Lilly und Mary. Alle waren sie groß und kräftig und sie genossen das Leben bei den Menschen und liebten sie sehr. Streuner begleitete Ebenezer oft auf die Felder, die im Laufe der Jahre ziemlich groß geworden waren. Kühe hatte Ebenezer keine mehr, er baute auf seinen Feldern Mais an, der im Herbst verkauft wurde. Nur einige Schweine hielten sie, aber die wurden nicht verkauft, sondern jedes Jahr eines geschlachtet.

In dieser Zeit hatten die Kriege zwischen Engländern und Franzosen aufgehört, doch gab es Gerüchte über einen anderen Krieg. Immer wieder hörten die Katzen den Begriff „Kontinentalarmee“. Was eine Armee war, hatten sie in der Zeit, in der sie in diesem Land lebten, leidvoll erfahren müssen, doch den Begriff „Kontinental“ konnten sie nicht deuten. Häufig fiel auch ein anderer Name: George Washington. Da sie jedoch auf den verstreuten Farmen einigermaßen in Sicherheit waren, kümmerte es sie nicht, solange es sie nicht betraf. Doch ihre Erfahrung lehrte sie, bei solchen Veränderungen immer wachsam zu sein.

Eines Tages war Streuner mit Ebenezer und seinem Sohn Mathew auf den Feldern, als ein Reiter in schnellem Galopp laut rufend über die Felder preschte. Er zügelte sein Pferd direkt vor Ebenezer und redete auf ihn ein. Der Kater spürte, dass der Fremde Ebenezer eine sehr freudige Mitteilung machte. Nur verstand er nichts, so schnell redete der Fremde.

Erst langsam fand er heraus, dass sich für die Menschen und damit auch für die Katzen sehr viel geändert hatte. Die Menschen hatte etwas getan, das sie „einen Staat gegründet“ nannten. Natürlich hatte weder Streuner, noch eine andere Katze eine Ahnung, was ein Staat war, doch Streuner fand heraus, dass dieser Staat fast katzenhaft war, jedenfalls gab es keinen König mehr, der jemand etwas befehlen konnte. Das Land in dem sie lebten, gehörte zu diesem Staat, der Massachusetts genannt wurde. Die Katzen nahmen das zur Kenntnis und kehrten wieder zu ihrer Alltagsbeschäftigung zurück.

Immer noch lebten viele von ihnen in den Wäldern und da sie die Siedlungen mieden, fanden sie noch keine richtige Heimat. Die würden sie erst finden, wenn die Menschen ihrer ganzen Sippe einen Namen gaben. Ihre Zahl war gering, doch ganz langsam wurden es mehr. Und wenn es auf einer Farm wieder einen Wurf von ihnen gab, wurden sie von den Farmern nicht fortgejagt oder getötet, sondern fuhren mit ihnen auf den Pferdewagen manchmal ein oder zwei Tagesreisen bis zur nächsten Siedlung auf den Markt. Denn unter den Farmern waren diese bis dahin unbekannten Katzen sehr beliebt und auf den Märkten wurde für ein junges Kätzchen oft ein guter Preis bezahlt, denn viele wollten die sanften Riesen auf ihren Farmen. Doch die Leute in den wenigen Städten wollten kaum etwas mit ihnen zu tun haben und nannten sie geringschätzig Bauernkatzen.

So hatte sich alles eingependelt und für viele Jahre schien es, dass es für immer so bleiben würde. Kaum eine Katze lebte noch im Wald, obwohl sie sich dort immer noch an den alten Versammlungsplätzen trafen und in der „Stillen Sprache“ ihre Gedanken austauschten. Und trotz allen Fährnissen und Veränderungen hielten sie weiter Freundschaft mit den Fischottern. In dieser Zeit begannen die Menschen in den Städten von Missouri zu reden.

Was genau mit Missouri gemeint war, wussten die Katzen nicht, sie erfuhren jedoch, dass das der Name eines Flusses war, weit, weit im Süden und im Westen. Doch was ein Fluss, zumal einer, der soweit weg war, dass man Jahre brauchen würde, um dorthin zu laufen, mit dem Land und den Menschen hier zu tun haben sollte, verstanden sie nicht und eigentlich war es ihnen egal. Doch da sie immer wachsam gewesen waren und es auch weiterhin sein würden, hörten sie immer aufmerksam zu, wenn die Menschen redeten. Denn offensichtlich stand ein großer Tag bevor. Die Menschen in den Städten bereiteten große Feiern vor und manche Farmer zogen ihre Sonntagskleidung an und machten sich auf den Weg dorthin.

Auch Ebenezer McGalham machte sich mit seiner Frau Susan und den Söhnen Abraham und Fitzgerald auf den Weg. Der Kater Hellpaw, ein Enkel Steuners, und die Katze Flower, die Ebenezer von einem Besuch bei einem befreundeten Farmer mitgebracht hatte, begleiteten sie auf der Kutsche, wie sie es öfter taten. Ebenezer hatte Brot für sich und seine Familie sowie getrocknetes Fleisch für die Katzen als Proviant für die Reise mitgenommen. Die beiden Pferde konnten sie überall grasen lassen. Da sie auf ihrer Farm Mais anbauten und keine Kühe zu versorgen hatten, konnten sie einige Zeit fortbleiben. Die Schweine waren in einem Pferch und konnten daher einige Tage alleingelassen werden. Nach zwei Tagen kamen sie in der Stadt an.

Viele Menschen hatten sich zu einem bunten Treiben versammelt und die Katzen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, so etwas kannten sie nicht. Doch das Ganze erschreckte sie nicht, dazu waren sie viel zu neugierig. Überall waren Banner in den Farben Rot, Weiß und Blau angebracht und sogar über die Strasse gespannt. Die größte Fahne zeigte rote und weiße Streifen und auf einem blauen Feld dreiundzwanzig weiße Sternen.

Erst als laute Musik gespielt wurde, zogen sich Hellpaw und Flower zwischen zwei Häusern in den Schutz einiger Kisten und Fässer zurück. Die Musik war dann doch zuviel für empfindliche Katzenohren. Auch andere Tiere waren in der Stadt, hauptsächlich Pferde und Mulis, aber auch Hühner liefen über die Straße und in einiger Entfernung einige wenige Hunde. Doch die sanften Riesen machten sich nichts daraus und so kam es zu keinem Streit mit den Hunden.

Um die Mittagszeit versammelten sich die Menschen in der Mitte der Stadt auf einem freien Platz. Hellpaw und Flower waren vor Kurzem wieder zu der Kutsche zurückgekehrt und hatten es sich darauf gemütlich gemacht. Ebenezer hatte sie dort wiedergefunden und beide auf den Arm genommen. So standen sie auf dem Platz und warteten, was geschehen würde. Die Musik hatte aufgehört und alles war still.

Männer in würdevoller Kleidung stiegen auf ein Podest. Einer hielt eine Rede, danach wurde eine weitere Fahne gehisst. Sie war blau, zeigte einen Farmer und einen Seemann, dazwischen eine Kiefer, vor der ein Elch lag.

Und so erlebten die Waldkatzen, wie nach der menschlichen Zeitrechnung am 15. März des Jahres 1820 Massachusetts aufgetrennt wurde und der weiter entfernte nördliche Teil, in dem die Katzen im Wald und auf verstreuten Farmen lebten, als eigener Staat ausgerufen wurde. Und dieser neue Staat bekam einen Namen: Maine.

Teil 1 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/07/17/die-reise-der-sanften-riesen-teil-1/
Teil 2 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/07/17/die-reise-der-sanften-riesen-teil-2/
Teil 3 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/08/27/die-reise-der-sanften-riesen-teil-3-snorri/
Teil 4 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/09/03/die-reise-der-sanften-riesen-teil-4-heimatlos/
Teil 5 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/09/16/die-reise-der-sanften-riesen-teil-5-die-ankunft/




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Margit Völtz, / www.pixelio.de

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