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Die Reise der sanften Riesen, Teil 5: Die Ankunft

Braunkragen war schon eine Weile unterwegs. Alles musste kontrolliert werden und sie musste neue Markierungen setzen. Zwar waren die Reviere der Katzen kleiner als die der Kater, doch hier im Wald immer noch ziemlich gross. Ihre Jungen vom letzten Jahr hatten sich eigene Reviere erobert und so musste sie für niemand mehr sorgen. Alles im Revier war so, wie es sein sollte. Also wollte sie sich später mit einigen anderen Katzen am Versammlungsplatz treffen. Der Versammlungsplatz lag tief im Wald und es war eine lange Strecke dorthin.

Gegen Abend, nach einer nochmaligen Revierkontrolle, machte sie sich auf den Weg. Nun musste sie vorsichtig sein, denn sie war jetzt ausserhalb ihres Reviers. Die Nacht war sternenklar, und am Himmel zeigte sich eine schmale Mondsichel. Eine ganze Weile war sie schon gelaufen, als sie ein leises Winseln hörte.Ein solches Geräusch hatte sie noch nie gehört. Neugierig, wie alle Katzen, schlich sie dem Geräusch entgegen, immer bereit, zu flüchten oder zu kämpfen.

Doch was sie dann sah, erstaunte sie doch sehr. Auf einem Haufen alter Blätter vom vorigen Jahr lag ein junger Fuchs. Nun gingen die Katzen den Füchsen aus dem Weg, denn niemand konnte voraussagen, wie ein Kampf mit einem Fuchs ausging. Doch dieser hier war offensichtlich krank oder verletzt. Vorsichtig schlich Braunkragen näher. Der Fuchs sah sie jetzt und fing wieder zu winseln an. Braunkragen schnupperte. Nein, nach Krankheit roch er nicht, sie hätte sich sonst sofort zurückgezogen. Es roch nach Blut. Dann sah sie es. An einer Hinterpfote des Fuchses war das Fell komplett abgerissen und die Muskeln lagen frei. Der Fuchs musste furchtbare Schmerzen haben. Ausserdem gab es eine zweite Wunde auf dem Rücken. Sie war klein und rund. Was war dem Fuchs passiert? Nach einem Kampf sahen die Verletzungen nicht aus, zumindest kannte sie kein Tier, das jemand solche Verletzungen zufügen konnte.

Abb. Fuchs: Rudolpho Duba / www.pixelio.de

Sie sass einfach da und schaute den Fuchs an. Er war klein, noch sehr jung. Es war still geworden im Wald, ausser dem gelegentlichen Winseln des Fuchses war kein Geräusch zu hören. Irgendwie erinnerte sie der Fuchs an junge Katzen und so fing sie vorsichtig an, ihm die kleine Wunde zu lecken. Der Fuchs ließ es geschehen.

Wie lange sie so bei dem Fuchs war, wusste sie nicht, als sie plötzlich ein Geräusch hörte. Sie drehte den Kopf nach dem Geräusch und sah Silberpfote. Silberpfote hatte ihr Revier neben dem ihrem und war wohl auch auf dem Weg zum Versammlungsplatz. Auch sie war von dem Winseln angelockt worden. Sie kannten die Sprache der Füchse nicht. Da sie sich kaum begegneten, wussten sie die Füchse nicht zu deuten. Was bedeutete dieser oder jener Blick? Die Haltung und Bewegung des Schwanzes? Die Haltung der Ohren und des Kopfes?

Kannten sie die „Stille Sprache“? Zumindest das Letztere schien ausschließlich eine Sache der Katzen zu sein. Sie trafen sich an ihren Versammlungsplätzen und saßen scheinbar ruhig da. Währenddessen tauschten sie ihre Gedanken aus. War alles gesagt, verstreuten sie sich wieder. Niemand hatte das bei anderen Tieren beobachtet, daher glaubte Braunkragen nicht, dass Füchse dazu in der Lage waren. Außerdem war der Fuchs verletzt. Vielleicht wollte er etwas mitteilen und konnte es bloß nicht.

Doch Braunkragen und Silberpfote wussten, wenn da eine neue Gefahr aufgetaucht war, mussten davon so schnell wie möglich alle anderen Kenntnis erhalten. Was also tun? Sie beschlossen, dass Braunkragen bei dem Fuchs bleiben und Silberpfote zum Versammlungsplatz gehen und über den Fund berichten sollte. Lange vor der Morgendämmerung traf sie dort ein. Es gab eine ziemliche Aufregung. Sie alle kannten die Gefahren des Waldes und wussten damit umzugehen. Doch die Verletzungen des Fuchses waren von einer Art, die sie nicht kannten und die vielleicht eine neue Gefahr darstellten.

Ihre einzigen Freunde waren die Fischotter, also würde jemand zu ihnen gehen müssen, vielleicht wussten sie Rat. Silberpfote sollte zusammen mit Faucher und Schwarzfleck zu Braunkragen und dem Fuchs zurückkehren. Die Sonne stand noch nicht im Zenit, als sie dort eintrafen. Faucher hatte unterwegs einen Nager erwischt und schob den, als sie dort eintrafen, in Richtung des Fuchses. Der versuchte, danach zu schnappen, doch erst als er ihm den Nager direkt vor die Schnauze schob, fing er an zuzubeißen. Er musste völlig entkräftet sein. Früher oder später würde er auch Wasser brauchen, doch die Katzen wussten nicht, wie sie das herbeischaffen konnten. Über den Baumwipfeln schien die Sonne, es sah nicht nach Regen aus, also würde der Fuchs auch auf diesem Weg nicht an Wasser kommen. Doch auch ohne Wasser kam der Fuchs ein bisschen zu Kräften. Zu fürchten war jetzt wenig, denn es waren nun vier Katzen, die bei dem Fuchs Wache hielten.

Sie versuchten etwas aus ihm herauszubekommen, doch viel war es nicht. Nur dass die ganze Sache etwas mit Menschen und Bibern zu tun hatte. Der Fuchs war noch viel mitteilsamer, doch sie verstanden ihn nicht.

Inzwischen waren Büschel und Einzahn nach einer langen Nachtwanderung bei den Fischottern angekommen. Die Fischotterfamilie lebte am Ende einer tiefen Klamm, wo ein Bach sich zu einem kleinen See verbreiterte. Nach einer freudigen Begrüßung versuchten Büschel und Einzahn herauszufinden, ob die Fischotter helfen konnten, oder ob sie etwas über eine neue Gefahr wussten. Helfen würden die Fischotter den Katzen, aber keinesfalls einem Fuchs. Doch sie kannten Gerüchte, dass bei den Bibern in letzter Zeit seltsame Dinge vorgingen. Büschel schaffte es, dass ihm die Fischotter einige Zeichen der Fuchssprache zeigte. Natürlich würden sie trotzdem vieles nicht verstehen, der Fuchs war ja verletzt.

Am nächsten Tag machte sich Einzahn zusammen mit einem Fischotter auf, um Biber zu finden. Dazu brauchten sie nur dem Bach zu folgen. Der Otter war die meiste Zeit im Wasser, während Einzahn am Ufer nebenherlief. Erst am nächsten Tag fanden sie einen Biberbau.

Währenddessen war Büschel zu dem Fuchs und den vier Wächterkatzen zurückgekehrt. Mit viel Mühe und Büschels neuen Kenntnissen der Fuchssprache erfuhren sie ein wenig mehr. „Bodenbeißer“, „Knallschmerz“ und „Bibermensch“ war das, was sie herausbekamen. Vor allem „Bibermensch“, darüber wollten sie mehr herausbekommen, doch die Verständigungsmöglichkeiten zwischen dem Fuchs und den Katzen reichte nicht aus.

Inzwischen versuchten Einzahn und der Otter sich mit der Biberfamilie zu verständigen. Die Biber waren nicht sehr interessiert und ließen sich bei ihrer Beschäftigung, dem Ausbessern und Erneuern ihrer Dämme kaum stören. Doch das Wenige, was sie erfuhren, schreckte den Kater und den Otter ziemlich auf.

Da war etwas von einer neuen Gefahr, die vor kurzem in den Wäldern aufgetaucht war und der schon viele Biber zum Opfer gefallen waren. Da war die Rede von einem furchtbaren unsichtbaren Gebiss, das im Boden verborgen war, von einem Stock oder Ast, der knallend tötete, und es war die Rede von einem Bibermenschen. Nein, kein Skrælingar, so etwas wie diesen geheimnisvollen Bibermenschen hatte nie zuvor jemand gesehen.

Einzahn war ganz aufgeregt. Kein Skrælingar! Und außer den Skrælingar gab es keine anderen Menschen hier. Waren etwa nach so langer Zeit doch die Wikinger zurückgekehrt? Einzahn musste so schnell wie möglich zum Versammlungsplatz.Er verabschiedete sich von dem Otter und macht sich schnellstens auf den Weg.

Indes ging es dem Fuchs etwas besser. Am Morgen hatte ein leichter Nieselregen eingesetzt, von dem der Fuchs aufschlappte, soviel er bekommen konnte. Und ganz langsam, auch durch die Fürsorge der Katzen, begannen seine Verletzungen zu heilen. Irgendwann versuchte er aufzustehen und ein paar Schritte zu laufen. Es gelang ihm leidlich und er hinkte. Von da an wurde er von den Katzen Hinker genannt. Hinker blieb bei den Katzen und mit der Zeit verstanden sie seine Sprache. Er lernte auch etwas von der Katzensprache, nur die „Stille Sprache“ blieb ihm verschlossen. Selbst jagen konnte er kaum noch, doch Braunkragen nahm sich seiner an als wäre er ihr Sohn. Und lange noch erzählten sich die Katzen auf ihren Versammlungen die Geschichte von Hinker, dem Fuchs. So erfuhren die Katzen auch endlich, was eigentlich passiert war.

Hinker war auf der Suche nach etwas Essbarem gewesen. Er war noch jung und nicht sehr oft alleine unterwegs gewesen. Meist war er im Bau bei seinen Geschwistern geblieben. Doch irgendwann hatte ihn die Neugier doch ein Stück fortgetrieben. Es gab ja so viel zu entdecken. Und nach einiger Zeit bekam er ganz einfach Hunger. Doch da war ein verlockender Geruch, dem er folgte. Er schnüffelte durch das Unterholz dem vielversprechenden Geruch entgegen.Da, direkt vor ihm musste es sein. Er wollte gerade noch näher daran schnüffeln, als er durch das Knacken von Ästen aufgeschreckt wurde. Er fuhr herum, da geschah alles auf einmal.

Irgend etwas schnappte mit gewaltiger Kraft aus dem Waldboden und nur der Umstand, dass er sich wegen des Knackens umgedreht hatte, verhinderte, dass ihn das Ding im Boden sofort tötete. Doch schwarze Zähne hatten ihm das Fell an einer Hinterpfote völlig abgerissen. Er war so in Panik, dass er keinen Schmerz spürte und nur wegrannte. Da sah er den Menschen. Er sah völlig anders aus als die Waldmenschen, die von den Katzen Skrælingar genannt wurden. Er hatte Haare im Gesicht und seltsam anmutende Kleidung an.Am merkwürdigsten war, dass auf seinem Kopf ein Biber saß. Das alles bemerkte Hinker, als er seitlich davonrannte.

Dann gab es einen Knall und ein Schlag traf ihn im Rücken. Er überschlug sich, durchbrach ein Gestrüpp und purzelte irgendwo hinunter. Auf einem Laubhaufen kam er zur Ruhe. Vor dem Gestrüpp hörte er Schritte, doch sehen konnte er nichts. Dann wurde es still und er schlief vor Erschöpfung ein. Als er erwachte, hatte er furchtbare Schmerzen. Er begann nach seiner Mutter zu winseln. Dann lag er wieder still. Es wurde Nacht und er begann wieder zu winseln. So fand ihn schließlich Braunkragen.

Hinker´s Erlebnisse brachten kaum Licht ins Dunkel, eher stellten sich die Katzen noch mehr Fragen.
Auf jeden Fall würden sie jetzt sehr, sehr wachsam sein. Mehrere Vollmonde vergingen, doch der Bibermensch wurde nicht mehr gesichtet.

Aber es gab trotzdem immer wieder Berichte über den Bodenbeißer und getötete Tiere, meistens Biber, aber auch große Bären und das machte das Ganze erst recht gefährlich. Doch dann, als der kurze Herbst schon begonnen hatte, entdeckten die Katzen den Bibermenschen.

Greifer döste vor sich hin. Er hatte am Morgen gute Beute gemacht und sich ein Schläfchen verdient. Von seinem Versteck aus hatte er einen guten Überblick, ohne selbst gesehen zu werden. Am Abend wollte er Winterlauf besuchen. Sie hatte ihr Revier in der Nähe und Greifer roch, dass sie demnächst rollig werden würde. Da galt es, als Erster vor Ort zu sein und sich einen Platz zu sichern. Doch es war erst Mittag und Greifer wollte noch etwas ausruhen und Kräfte sammeln.

Trotz seiner scheinbar totalen Gelassenheit erfassten seine feinen Ohren, dass sich etwas näherte. Es war noch weit entfernt und Greifer konnte das Geräusch erst nicht einordnen. Dann sah er es. In einer Senke unterhalb seines Versteckes stand ein Mensch. Und es war ganz eindeutig kein Skrælingar! Die Waldmenschen sahen ganz anders aus. Er roch auch, dass der Fremde ein Mann war. Der Mann stand da und schaute sich um, als ob er etwas suchen würde. Und die Berichte stimmten, auf seinem Kopf saß oder lag ein Biber.

Aus der Sicherheit seines Versteckes beobachtete Greifer das Treiben des Bibermenschen genau. Der Biber hatte sich bis jetzt nicht gerührt. Da erkannte Greifer, dass das kein lebender Biber war, sondern nur das Fell eines Bibers, das der Mensch auf dem Kopf trug. Er wusste aus den alten Erzählungen, dass Leif Erikson und seine Wikinger auch oft Kopfbedeckungen gehabt hatten, doch diese waren aus Eisen oder Leder gewesen. Wozu eine Kopfbedeckung aus Biberfell gut sein sollte, war dem Kater rätselhaft.

In der einen Hand hatte der Mann einen langen Stock, der sich an einem Ende verbreiterte. Den legte er jetzt auf den Boden und holte etwas aus der andern Seite seiner Kleidung hervor, das Greifer bisher verborgen gewesen war. Doch jetzt erkannte er es sofort. Der Bodenbeißer! Greifer wusste, was Eisen war, obwohl er es noch nie zu Gesicht bekommen hatte. In den alten Erzählungen hatten die Wikinger Eisen benutzt, auch als Waffe. Und der Bodenbeißer bestand aus Eisen.

Greifer wusste, gegen eine Waffe aus Eisen konnte sich kein Tier schützen und schon gar nichts dagegen ausrichten. Er musste ganz schnell zum nächsten Versammlungsplatz und allen anderen davon berichten. Allerdings würden sich nur die Katzen darauf einrichten können, alle anderen Tiere kannten das Eisen und seine Gefahr nicht. Doch vorerst wartete er erst einmal ab. Der Mann hatte indes den Bodenbeißer mit sichtlicher Anstrengung gespannt und unter Laub und Zweigen versteckt. Und das genau auf dem Weg, den viele Tiere jeden Morgen benutzten um zum Bach und damit zum trinken zu gelangen. Früher oder später würde ein Tier, egal welcher Art, in diese heimtückische Falle geraten. Jetzt war der Mann wieder im Wald verschwunden und nur von fern hörte Greifer noch seine Schritte.

Greifer verließ sein Versteck und näherte sie der Stelle, an welcher der Mann den Bodenbeißer versteckt hatte. Er brauchte nichts zu fürchten, denn er hatte ja gesehen, wie und wo der Fallensteller den Bodenbeißer versteckt hatte. Er begann, die Falle und deren Umgebung ausgiebig zu markieren. Kein anderes Tier würde nun noch hineintappen. Außer den Fischottern bekamen andere Tiere die Katzen kaum zu Gesicht, doch den Geruch kannten sie. Sie sahen es nicht als Gefahr oder Beute an, aber eben als Reviermarkierung, die man umgehen sollte. Und so würden sie der Falle ausweichen und lieber einige Schritte daneben ihren Weg gehen. Greifer machte sich nun auf den Weg zum nächsten Versammlungsplatz. Dabei durchquerte er Winterlaufs Revier, die sich ihm anschloss.

Erst am frühen Morgen erreichten sie einen Versammlungsplatz. Niemand war da und so warteten sie einfach. Erst am Abend trafen als erste Schnüffler, Steinkratzer und Grünauge ein. Mitten in der Nacht waren dann schon viele gekommen und Greifer berichtete seine Beobachtungen. Das alles geschah in der „Stillen Sprache“. Dann wussten sie, was zu tun war. Sie würden beobachten und wenn sie irgendwo eine Falle entdeckten, würden sie diese und die Umgebung davon sehr, sehr ausgiebig markieren.

So geschah es, dass in der folgenden Zeit immer weniger Tiere in die Fallen gerieten. Obwohl die Tiere, angefangen von kleinen Baumbewohnern bis zu den großen Bären nicht wussten, wem sie diese Hilfe zu verdanken hatten, verbreitete sich bald das Gerücht von den „guten Geistern des Waldes“ oder den „unsichtbar Schützenden“. Einzig die Fischotter wussten, wer das alles bewirkt hatte, doch sie behielte es für sich.

Zwei Winter waren jetzt ins Land gegangen, als Hinker starb. Er war nie sehr groß geworden, denn selbst jagen konnte er nicht richtig. Daher war er auf das angewiesen, was ihm Braunkragen an Beute brachte. In letzter Zeit hatte die vernarbte Wunde auf seinem Rücken wieder zu schmerzen angefangen und es wurde schlimmer.

Braunkragen war so oft bei ihm, wie es ihr möglich war. Er konnte sich fast nicht mehr bewegen und sie leckte ihm das Fell. Oft schliefen sie dicht aneinandergekuschelt in einem Versteck. An jenem Nachmittag ruhten sie unter einem überhängenden Felsen. Der war mit weichem Moos bewachsen und trocken. Plötzlich bemerkte Braunkragen, dass Hinker schwerer als sonst atmete. Sie drehte den Kopf und leckte ihm die Ohren. Hinker schaute sie dankbar an, dann lief ein Zucken über seinen Körper und sein Blick brach. Braunkragen beschnüffelte ihn und fing dann an, ihn zu treteln. Doch Hinker rührte sich nicht mehr.

Den restlichen Tag und die folgenden Nacht saß Braunkragen neben dem leblosen Körper. So fand sie Grünauge. Doch auch er konnte Braunkragen nicht dazu bewegen, ihren Platz zu verlassen. Die Sonne ging auf und wieder unter und noch immer saß Braunkragen neben dem toten Hinker. Immer wieder kam eine Katze oder ein Kater vorbei, um ihre Anteilnahme zu bekunden. Noch eine Nacht und ein Tag verging, doch die Katze verließ ihren Platz neben Hinker nicht. Doch das Leben in der Wildnis erlaubt keine zu lange Trauer und so machte sich auch Braunkragen irgendwann auf, ein neues Revier zu suchen, denn hier wollte sie nicht mehr sein.

Sie selbst wurde unter den Katzen bald zur Legende, hatte sie doch einen Fuchs an Kindes statt angenommen, für ihn gesorgt und ihn geliebt wie eine Mutter ihren Sohn. Als er starb hatte sie um ihn getrauert, und in seinem Gedenken eine Totenwache gehalten. Und solange sie lebte, hat sie Hinker nicht vergessen. Denn wenn eine Katze einmal jemand in ihr Herz schließt, dann bleibt der für alle Zeit darin.

Abb. Waldkatze: Margit Völtz / www.pixelio.de

Das Leben ging weiter und bald gab es nur sehr wenige Fallen und Fallensteller. Grünauge war einem von ihnen unbemerkt gefolgt, nachdem er deutliche Geruchsspuren an dessen letzter aufgestellter Falle hinterlassen hatte. Nach einer sehr weiten Strecke gelangte der Fallensteller in ein weites Tal. Was er dann sah entsetzte Grünauge. Da war eine Behausung auf einer Lichtung, aber nicht wie die Grassodenhäuser der Wikinger, sondern viel kleiner und aus Baumstämmen gebaut. Zwischen den Ritzen war Moos gestopft worden. Vor dieser Hütte waren Holzgestelle in den Boden gerammt, zwischen denen die Felle vieler Tiere aufgespannt waren. Alle Arten von Fellen sah er da, Waschbären, Rehe, Füchse, doch am meisten Biber.

Ein Katzenfell gab es nicht. Der Mann öffnete eine lose angelehnte Tür und ging hinein. Nach einiger Zeit kam er wieder heraus, ohne die Tür zu schließen. Das war die Gelegenheit für Grünauge, das Innere der Hütte in Augenschein zu nehmen. Da war ein Ruhelager und ein Tisch, wie sie es aus den Wikingererzählungen kannten. Außerdem ein rundes hohes Ding aus Eisen, das Hitze spüren ließ, als ob ein Feuer darin brennen würde. An einer Wand hingen eine Menge dieser Fallen. Doch in der hinteren Ecke stapelten sich Tierfelle fast bis zur Decke. Grünauge flüchtete vor Entsetzen aus der Hütte und versteckte sich im hohen Gras.

Eine bessere Deckung fand er nicht. Doch konnte er von dieser Stelle beobachten, was weiter geschah. Der Mann ging wieder in die Hütte und fing an, die dort gestapelten Felle herauszutragen und vor der Hütte zu einem großen Bündel zu schnüren. Dann schloss er die Tür und schulterte das riesige Fellbündel. Gemessenen Schrittes wanderte er nun auf einem Pfad, der entlang des Tales lief. Unsichtbar folgte ihm Grünauge. Am Abend baute sich der Mann ein einfaches Lager aus Ästen. Dann entfachte er ein Feuer und legte sich unter freiem Himmel schlafen. Grünauge schlief ebenfalls in der Nähe, doch obwohl er schlief, blieben seine Ohren wachsam, wie es nur die Katzen können.

Früh am nächsten Morgen ging die Wanderung weiter und dann noch bis zum Abend des folgenden Tages. Am Morgen danach waren der Mann und sein unsichtbarer Begleiter am Ende des Tales angekommen. Und da bot sich Grünauge ein grandioses Bild. Vor ihm lag, eingesäumt von Wiesen und Wäldern ein großer, breiter Fluss. In leichten Mäandern schlängelte sich der Fluss durch die Landschaft. Die Jahreszeit ging bereits dem Herbst entgegen und das Laub auf den umliegenden Hügeln begann sich leicht zu verfärben. Darüber wölbte sich ein klarer Himmel.

Am meisten faszinierte Grünauge jedoch, was er auf dem Fluss sah. Da war ein Schiff und da waren viele Menschen. Die Wikinger waren zurückgekehrt! Grünauge spürte eine freudige Erregung in sich aufsteigen und wollte erst sofort losrennen und allen Katzen diese freudige Nachricht verkünden.

Dann bemerkte er, dass etwas nicht mit den alten Erzählungen übereinstimmte. Das Schiff war viel größer und höher, als erzählt wurde, und es hatte mehrere Masten und nicht nur ein Segel, sondern viele. Grünauge war verwirrt und beschloss, erst einmal abzuwarten. Der Fallensteller war unterdessen weiter auf den Fluss zumarschiert. Langsam schlich ihm Grünauge hinterher. Jetzt war er nicht mehr weit von Ufer entfernt und duckte sich unter einer riesigen angeschwemmten Wurzel. Es waren viele Menschen am Ufer und Grünauge erkannte, dass seltsamerweise viele davon genau gleich gekleidet waren, alle rot und blau. Es waren nur Männer, Frauen sah er keine. Und eine Menge davon trugen Knallstöcke. Der Fallensteller verhandelte derweil mit einem anderen Mann und zeigte ihm dabei seine Felle. Grünauge hörte die Stimmen. Nun hatte sich trotz der vielen Jahre bei den Katzen zumindest der Klang der Wikingersprache erhalten, doch die Sprache dieser Menschen war völlig anders. Wikinger waren das auf keinen Fall.

Teil 1 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/07/17/die-reise-der-sanften-riesen-teil-1/
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Teil 3 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/08/27/die-reise-der-sanften-riesen-teil-3-snorri/
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Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Rudolpho Duba , Margit Völtz, / www.pixelio.de

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1 Kommentar

  1. Edith Nebel

    Ich bin nach wie vor fasziniert von den Waldkatzen und ihren Abenteuern in Amerika.

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