«

»

edithtg

Beitrag drucken

Axel Krohn, Sören Sieg: Ich bin eine Dame, Sie Arschloch – Deutsche Dialoge mitgehört

Axel Krohn, Sören Sieg: Ich bin eine Dame, Sie A r s c h loch, Berlin 2013, Ullstein Buchverlage GmbH, ISBN 978-3-548-37456-7, Softcover, Format: 18,8 x 12 x 2 cm, EUR 8,99 (D), EUR 9,30 (A).

Mann: „Das ist doch das Geld Ihres toten Mannes! Und wahrscheinlich haben Sie ihn nur wegen dieses Geldes geheiratet. Was hatten Sie denn bitte VOR Ihrer Heirat?“
Kundin (laut): „Was fällt Ihnen ein! Ich bin eine Dame, Sie Arschloch!“
(Seite 35)

Besonders viel Spaß hat man mit diesem Band, wenn man ihn in der Öffentlichkeit liest, z.B. in der Bahn, wenn die Mitreisenden zufällig den Titel lesen und zu grinsen oder zu kichern anfangen. Da muss man nur aufpassen, dass man sich nicht in so absurde Dialoge verwickeln lässt, wie sie in dem Buch beschrieben werden …

Axel Krohn und Sören Sieg haben die Ohren gespitzt, wann immer sie unter Menschen waren und haben die haarsträubendsten Gespräche, die sie mit anhörten, für uns aufgeschrieben. Da waren Besserwisser unterwegs, Kritiker und Alltagsphilosophen, Dummbeutel und Leute, die meilenweit aneinander vorbeiredeten, nicht zuhörten oder völlig sinnfreies Zeug absonderten.

Manches ist so absurd, dass man nur noch fassungslos staunen kann. Die absolute Null-Kommunikation! Beim Kapitel „Konversationskünstler“ bekommt man Muskelkater vom Dauerkopfschütteln. Merken die Leute nicht, was sie für einen Quark daherreden oder ist es ihnen egal?

Was die Bäckersfrau schließlich dem Kunden verkauft hat, der hartnäckig ein Brötchen mit Tschabalabatta verlangt (Seite 172), hätte mich jetzt doch interessiert. Und ob wohl der verpeilte Zeitgenosse, der vor lauter Herumtippen auf dem Handy nicht in der Lage ist, eine verständliche Bestellung aufzugeben (Seite 174), noch zu seinem Cappuccino gekommen ist? Man hat so seine Zweifel …

Der Herr, der sich auf Seite 18 über einen „ausgesetzten Zug“ Gedanken macht, ist wohl ein Scherzkeks. Der Vater, der seinem Töchterchen im Museum das Prinzip des Wählens und den Unterschied der großen Parteien klarmachen muss (Seite 49) ist genauso wenig zu beneiden wie die Mutter, deren Kind in der U-Bahn auf eine Punkerin deutet und kräht: „Guck mal, Mama, eine Vogelscheuche!“ (Seite 29). Der jungen Intelligenzbestie, die auf die Frage nach Sigmar Gabriel und Peer Steinbrück mit „Wer ist denn das?“ (Seite 32) antwortet, hat offenbar so ein erklärender Elternteil gefehlt.

Warum man entgegen der landläufigen Meinung durchaus Äpfel mit Birnen vergleichen kann (Seite 50), erfährt man schon mal im Wartezimmer des Hausarzts. Und jeder, der das Gespräch des älteren Ehepaars über die 600 Nebenwirkungen eines Medikaments mit angehört hat (Seite 48) , müsste sich doch eigentlich vor Lachen quietschend auf dem Boden gewälzt haben!

Schreien vor Wut könnte man beim Thema „Dienst am Kunden“. Gut, Kunden und Klienten können auch ganz schön doof sein, aber was Callcenter-Mitarbeiter, Taxifahrer, Hotelrezeptionistinnen und Fahrkartenkontrolleure in Ausübung ihrer Pflicht von sich geben, das ist teilweise wirklich der Hammer!

Und was soll man bitte von einer Frau halten, die mitten auf einem Bahnsteig ihren Gatten anbrüllt: „Der einzige A r s c h, der hier angeguckt wird, bin ich!“? (Seite 73)

Wenn der Brötchenverkauf zum Quiz wird (Seite 96) und der Chef eines Kleinstadttheaters zum Propheten (Seite 95), dann wähnt man sich in Absurdistan. Vollends bescheuert wird das Geschwätz beim Vorschul-Elternabend (Seite 130), was niemanden wundern wird, der solche Veranstaltungen aus eigenem Erleiden kennt.

Manche Menschen finden ja, dass Telefongespräche, die lauthals öffentlich geführt werden, auch lauthals öffentlich kommentiert werden dürfen. Was passiert, wenn das wirklich einer macht, erleben wir auf Seite 132. Wenn das Lebensziel eines Büroangestellten die Herstellung des perfekten Milchschaums für den Kaffee ist (Seite 151), ein Kunde die Supermarktkassiererin mit seinen paranoiden Vorstellungen verwirrt (Seite 141), Mütter auf dem Spielplatz Nachhilfe in Geometrie erhalten (Seite 163) oder der Baumarktkunde eine Heißluftpistole zum Erschießen von Stechmücken verlangt, ist das auch nicht mehr ganz normal.

Wer dem Volk aufs Maul schaut, muss sich eben manchmal an die Stirn fassen. So lacht und feixt man sich durch das absonderliche Geschwätz seiner Mitmenschen. Man darf aber auch nicht beleidigt sein, wenn man hier Gespräche protokolliert findet, die man so ähnlich selber schon geführt hat. Die Sache mit dem Babyschwimmen (Seite 184) ist zum Beispiel nicht aus der Welt. Und manch ein Kreditsachbearbeiter wird sich in der Besprechung auf Seite 95 wiedererkennen. Menschen, die im Marketing arbeiten, möglichst noch in einem US-Unternehmen, wird die Unterhaltung der beiden Geschäftsleute auf Seite 97 vollkommen normal vorkommen. Genau so klingt da der Fachjargon. Würden sich zwei Computerexperten, zwei Balletttänzerinnen oder zwei Piloten über ihren Beruf austauschen, verstünde der Rest der Welt auch nur Bahnhof. Vielleicht sind wir ja alle ein bisschen gaga und tragen damit zur Belustigung unserer Mitmenschen bei.

Hochgeistiges und Tiefsinniges darf man bei dieser Lektüre nur in Spurenelementen erwarten. Das entsteht bei diesen Gesprächen quasi aus Versehen. ICH BIN EINE DAME, SIE A R S C H LOCH präsentiert uns ungeschönt den Wahnsinn des Alltags. Und der ist manchmal ganz schön komisch. Das Buch bietet leichte, amüsante Unterhaltung und möchte auch gar nichts anderes tun.

Die Autoren
Axel Krohn, geboren 1974, veröffentlichte diverse Artikel zum Thema Sprache und Sprichwörter, ist in der Unternehmenskommunikation tätig und lebt in Hamburg.
Sören Sieg wurde 1966 in Elmshorn geboren. Der Vater von drei Kindern war viele Jahre mit seinem a-cappella-Quartett LaLeLu in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs: 140 Konzerte im Jahr, zehn Programme und CDs, zahlreiche Preise, TV- und Hörfunkauftritte. Jetzt hat er sich den Büchern verschrieben. Sören Sieg lebt in Hamburg.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2013/09/10/axel-krohn-soren-sieg-ich-bin-eine-dame-sie-arschloch-deutsche-dialoge-mitgehort/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.