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Die Reise der sanften Riesen, Teil 4: Heimatlos

Farmóður wusste nicht, was er tun sollte. Die Drachen waren weg. Und nicht nur die, sondern auch die Lastenschiffe. Alles war weg, niemand war mehr da.

Die Katzen untersuchten alle Häuser gründlich, doch sie fanden niemand, alles war verlassen. Schliesslich blieben sie in den Häusern, in denen sie vorher gewohnt hatten. Doch die waren bis auf die Katzen leer und das bedrückte sie gewaltig.

Nach einigen Tagen kamen doch wieder Menschen in die Siedlung. Doch das waren Skrælingar, und die Katzen trauten sich nicht in ihre Nähe, zu frisch war noch das, was geschehen war. Die Skrælingar durchsuchten alle Häuser und auch das Thinghaus und sie waren sichtlich aufgeregt und wütend.

Wer von den Katzen noch in den Häusern war, flüchtete. Doch sie wurden von den Skrælingar nicht verfolgt, ja, es schien sogar als ob diese einen gewissen Respekt oder vielleicht sogar Furcht vor ihnen hätten. Doch zurück in die Siedlung getraute sich trotzdem niemand. Also beschlossen sie, sich im Wald neue Reviere zu suchen. Der Wald war riesig, es gab genug Beute und frisches Wasser. Verstecke würden sich auch schnell finden lassen. So richteten sie sich in der Wildnis ein.

Einige Zeit lief das auch sehr gut. Farmóður wusste wo die Fischotter lebten und dass mit ihnen gut auszukommen war. In kurzer Zeit erlernte er den Fischfang und obwohl er nicht wie die Otter im Wasser schwamm oder tauchte, war er in der Fischerei ziemlich erfolgreich. Die anderen Katzen hatten ihre Reviere im Wald und zwei davon waren trächtig.

Doch über Nacht kam der Winter. Der Bach war zugefroren und die Fischotter hatten sich in ihre geschützten Unterkünfte zurückgezogen. Der Winter waren sehr hart, doch da ihre Vorfahren aus dem kalten Norwegen, aus Island und aus Grönland stammten, kamen sie einigermassen damit zurecht. Viele der Neugeborenen überlebten die ersten Tage nicht, daher blieb ihre Zahl gering. Denn Beute gab es genug in diesen Wäldern, aber auch Feinde, die sie nicht kannten. Es war gefährlich und nur die stärksten und grössten überlebten.

Die Wälder waren riesig und man konnte von Vollmond zu Vollmond darin wandern ohne etwas anderes als Bäume zu sehen. Und da keine Wikinger mehr da waren, die ihnen Namen gaben, gaben sie ihren Jungen ihre eigene Katzennamen.

Als der Frühling begann, entdeckten sie zwei halbverhungerte und abgemagerte Katzen. Wie sich herausstellte, kamen sie von Straum¬f¬jord im Norden und waren den langen Weg den ganzen Winter unterwegs gewesen. Auch in Straum¬f¬jord hatten die Skrælingar angegriffen, nur viel brutaler als in Leifsbouir. Dort gab es keine Häuser mehr, die Skrælingar hatten alles zerstört. Ob Wikinger entkommen waren, wussten die beiden Katzen nicht, ebenso wenig, ob andere Katzen überlebt hatten. Die beiden schlossen sich denen aus Leifsbouir an.

Der Frühling kam, das Eis taute und auch die kleinen braunen Nager und andere Beute kam wieder zum Vorschein. Dann kam der Sommer. Die überlebenden Neugeborenen waren jetzt gross genug um sich ein eigenes Revier zu suchen. Platz dafür gab es in den Wäldern genug. Einige beschlossen, nach Süden zu wandern und Hop zu finden. Vielleicht gab es dort noch Wikinger. Farmóður ging mit ihnen.

Waldkatze: Danny Effenberger / www.pixelio.de

Die Katzen wanderten nicht gemeinsam nach Hop, denn das ist nicht nach ihrer Art. Auch wussten sie den Weg nicht, nur, dass Hop im Süden lag. Einige waren schon dort gewesen, aber mit den Wikingern auf ihren Drachenbooten, den Landweg kannten sie nicht. Im Sommer drangen sie weit in den Süden vor, doch dann kam der Herbst und sie mussten sich auf den Winter vorbereiten.

Die Schneestürme kamen, und Beute wurde rar. Auch Fischfang war nicht mehr möglich, denn die Bäche waren zugefroren. Doch die grössten und stärksten erwischten ab und zu einen Schneehasen. Doch sie mussten sehr vorsichtig sein, denn die Schneehasen waren auch die Lieblingsbeute der Luchse und trotz ihrer Grösse wollte sich niemand mit einem Luchs anlegen. Nicht alle überlebten den Winter und als sie sich am Beginn des Frühlings an einem Versammlungsplatz trafen, sah Farmóður, dass einige fehlten. Doch vier Katzen waren rollig und so würde es bald Nachwuchs geben.

Gelegentlich trafen sie auf Familien von Fischottern, mit denen sie sich anfreundeten. Auch einige Biberbehausungen gab es, doch die Biber beachteten sie nicht und arbeiteten lieber an ihren Dämmen.

Farmóður stromerte oft mit Schneeläufer durch den Wald. Schneeläufer war einer der jüngeren Kater, er war geboren worden, als die Wikinger schon fort waren. Eines Tages war Schneeläufer allein unterwegs. In der Nähe eines Baches hatte er Vögel entdeckt, die sorglos auf dem Waldboden nach Futter suchten. Geduckt wartete er ab. Er musste den richtigen Moment abwarten, sonst wären die Gefiederten schnell wieder in der Luft. Doch dazu kam es nicht. Ein Geraschel und Scharren war plötzlich zu hören und das Vogelvolk ergriff sofort die Flucht.

Dann sah Schneeläufer, was die Geräusche verursacht hatte. Das Tier sah seltsam aus. Um die Augen waren dunkle Ringe im Fell gezeichnet und es hatte eine lange Schnauze. Irgendwie sah es mit seinem buschigen Schwanz wie ein kleiner Bär aus.

Der Fremde beobachtete ihn aufmerksam, doch eine feindselige Haltung nahm er nicht ein.
Er schnüffelte und kam dabei Schneeläufer immer näher. Der buckelte jetzt und sträubte den Schwanz. Er begann zu fauchen.

Der Fremde öffnete das Maul und eine Reihe spitzer Zähne wurden sichtbar. Er fauchte zurück. Schneeläufer spannte seine Muskeln und stellte sich auf einen Kampf ein. Doch das Gefauche ging noch eine Weile so. Auch der seltsame Bär war in Angriffsstellung gegangen, doch er griff nicht an. So standen sie sich einige Zeit gegenüber, bis der Bär genug hatte und seitlich davonlief. Diese Begegnung war gimpflich ausgegangen. Der Kater wusste nicht, wie ein Kampf ausgegangen wäre, denn er hatte die langen Krallen an den Vorderpfoten des Bären gesehen und er wusste nichts über diese seltsamen Tiere.

In der folgenden Zeit sah Schneeläufer immer wieder diese seltsamen kleinen Bären auf ihren nächtlichen Streifzügen. Und einmal beobachtete er etwas merkwürdiges. Einer dieser Bären hatte etwas Essbares nahe bei einem Bach gefunden. Da sah Schneeläufer aus einem sicheren Versteck heraus, wie der kleine Bär mit seiner Beute zum Bach trippelte und sie dort ins Wasser tauchte. Er war irritiert. Zwar wusste er aus Erzählungen, dass die Menschen das auch manchmal machten, sie nannten das „waschen“, doch ihr selbst würde es niemals einfallen, ihre Beute ins Wasser zu tauchen. Wozu sollte das auch gut sein? Jedenfalls verzehrte der „Waschbär“ anschliessend seine Beute mit offensichtlichem Genuss. Doch da sie nicht gefährlich waren, wenn man sie in Ruhe ließ und ihnen ihre Beute nicht streitig machten, gingen die Katzen den Waschbären einfach aus dem Weg oder ignorierten sie.

Waschbär: Stuelpner / www.pixelio.de

Einige Sommer und Winter waren vergangen, als sie endlich Hop erreichten.Doch von der Siedlung war nicht mehr viel übrig, Nur die Grundmauern der Häuser waren noch sichtbar, alles andere war zerfallen. Sie fanden einige verkohlte Balken, also musste es hier gebrannt haben. Wikinger oder andere Menschen waren nicht zu sehen. Und sie fanden unter den Balken zwei Katzenskelette.

Einige Tage später waren alle Katzen in Hop angekommen. Sie versammelten sich unter einem Baum im nahen Wald. Nun gibt es unter den Katzen keinen Anführer, doch Farmóður war so etwas wie der Ratgeber, er war der mutigste und erfahrenste von allen. Am besten wäre es wenn, sie sich hier vorläufig Reviere suchen würden, sonst könnte es sein, dass sie einzeln nach und nach umkämen. So lebten die Katzen eine zeitlang in der Nähe von Hop. Und sie entdeckten Markierungen anderer Katzen. Als sie diese schliesslich fanden, stellte es sich heraus, dass es Katzen aus Hop waren, die in den Wäldern überlebt hatten. So erfuhren sie, dass auch hier ein Überfall der Skrælingar stattgefunden hatte und dass diese alles niedergebrannt hätten. Es seien sehr, sehr viele Skrælingar gewesen, so dass die Wikinger gerade noch auf ihre Drachen entkommen konnten. Ob es Tote unter den Wikingern gegeben hatte, wussten die Katzen nicht. Sie richteten sich in den Wäldern südlich von Hope ein.

Auch Schwarzohr hatte ein passables Revier gefunden und kontrollierte es mehrmals am Tag. Einen guten Ruheplatz hatte sie hinter einem Gebüsch unter einem überhängenden Felsen gefunden. Tagsüber ruhte sie sich dort aus und wie sich herausstellte, war der Platz auch sicher. Doch abends ging sie auf die Jagd. Sie wusste, wo die stummelschwänzigen Nager zu finden waren und freute sich schon auf das Spiel mit ihnen, bevor sie zubeissen konnte.

So streifte Schwarzohr also durch ihr Revier, als sie ein Rascheln hörte. Neugierig schlich sie dem Rascheln entgegen. Ein seltsames Tier war das, so gross wie Schwarzohr, schwarz, mit einem riesigen buschigen Schwanz und weißen Streifen auf dem Rücken. Es ignorierte Schwarzohr vollständig. Die hatte sich in den Waldboden gedrückt und machte sich so flach wie möglich. Das seltsame Tier schnüffelte eifrig hierhin und dorthin und kam dabei Schwarzohr immer näher.

Es war fast auf eine Katzenlänge heran, als es Schwarzohr zuviel wurde. Sie stand auf, buckelte und fauchte. Das Tier stand still. Doch anstatt anzugreifen oder zu flüchten drehte es sich nur um und hob den Schwanz. Schwarzohr stand still, gebuckelt und mit gesträubtem Schwanz. Sie fauchte nicht mehr, sie war eher verblüfft. Plötzlich schoss ein Strahl Flüssigkeit aus dem Hinterteil des Tieres auf sie zu und traf sie. Das Zeug stank fürchterlich! Nichts wie weg, bloss weg von dem Gestank!

Stinktier: Templermeister / www.pixelio.de

Schwarzohr rannte und rannte, doch der Gestank blieb an ihr haften. Schliesslich fiel sie erschöpft einfach um und schlief ein. Als sie erwachte war es heller Tag. Sie war mitten auf einer Lichtung ohne Deckung eingeschlafen. Doch niemand hatte sie angegriffen. Der furchtbare Gestank war immer noch da und hatte wohl Feinde vertrieben. Jetzt hatte sie ganz einfach Hunger. Doch die Jagd verlief anders als sonst. Sie wurde schon von weitem gerochen und alle lohnende Beute flüchtete, bevor sie auch nur in die Nähe kam. Die folgend Zeit war sehr schlimm.

Seit einigen Tagen hatte Schwarzohr nichts Vernünftiges mehr zwischen die Zähne bekommen. Nur einige grössere Insekten hatte sie erbeutet, doch das genügte nicht. Noch immer haftete dieser furchtbare Gestank an ihr und alles was sie jagen konnte floh, wenn sie schon von weitem gerochen wurde. Mit furchtbar knurrenem Magen schleppte sie sich durch das Unterholz, das unvermittelt endete. Vor ihr lag eine Grasfläche, die sanft zu einem flachen Fluss abfiel. Etwas Seltsameres hatte sie nie erblickt. Denn inmitten des Flusses standen mehrere grosse Tiere. Sie erinnerten an die Eisbären aus Grönland in den alten Erzählungen, nur waren sie kleiner und braun oder schwarz. Sie standen im Wasser und manchmal platschte eine Pranke ins Wasser und ein grosser Fisch flog auf einen Felsen oder ans Ufer. Die Bären schnappten sich dann den Fisch und fraßen ihn.

Ins Gras geduckt und vom Hunger geplagt schlich Schwarzohr langsam näher. Einige der Bären hoben den Kopf, schauten in ihre Richtung und witterten. Schwarzohr machte sich bereit, sofort zu flüchten, sollte das notwendig sein. Immer mehr Bären witterten in ihre Richtung. Sie machte sich ganz flach im Gras, doch dann geschah etwas unerwartetes. Die Bären witterten jetzt alle in ihre Richtung, dann flüchteten sie. Hatte sie etwa der Gestank vertrieben, der immer noch an ihr haftete? Jedenfalls lagen am Ufer noch einige der Fische, welche die Bären zurückgelassen hatten. Hungrig, wie sie war, lief sie zu den Fischen. Endlich konnte sie ihren Hunger stillen. Eine Weile blieb sie am Fluss. Immer wieder sah sie von weitem die Bären, doch sie kamen am Anfang nicht näher.

Nur ganz allmählich verlor sich in den nächsten Tagen der Gestank und da kamen die Bären auch wieder näher. Schwarzohr beschloss deshalb, die Gegend zu verlassen. Ziellos streifte sie durch den Wald auf der Suche nach einem vielversprechenden Revier.

Der Frühling war da und es wurden viel wärmer. Irgendwann roch sie eine vertaute Markierung. Das war von Farmóður, er war hier gewesen. Schwarzohr musste ihn finden und vor den Stinktieren warnen. Denn obwohl die nicht direkt angriffen und auch sonst friedlich zu sein schienen, so war doch ihre Stinkflüssigkeit lebensgefährlich. Nicht direkt, natürlich, doch der Gestank machte jede Jagd aussichtslos, hatte er doch sogar die Bären am Fluss vertrieben. Als sie Farmóður endlich fand, blieb der auf gehörigem Abstand. Ein klein wenig des Gestanks haftete wohl immer noch an ihr. Doch sie konnte ihr Erlebnis berichten. Farmóður würde es an alle Katzen weitergeben, die er traf. Einige Tage später war der Gestank vollständig verflogen und Schwarzohr blieb eine Weile bei Farmóður. Zwei Vollmonde später gebar sie vier Kätzchen, deren Vater Farmóður war.

Die Sommer und Winter kamen und gingen und langsam verstreuten die Katzen sich über ein grosses Gebiet. Farmóður war schon lange tot. Er war 18 Jahre alt geworden und das war ein sehr, sehr hohes Alter für eine Katze in der Wildnis. Und er war zur Legende geworden, war er doch der letzte gewesen, der noch mit den Wikingern gelebt hatte. Daher hielten die Katzen sein Andenken in Ehren. Ausserdem stammte er von Geyfa ab und die war bei Leif Erikson’s erster Fahrt mit an Bord gewesen.

Wenn sie sich trafen, was selten genug geschah, erzählten sie sich alte Geschichten. Vieles gab es zu erzählen, von ihren Erlebnissen im Wald, Begegnungen mit den Skrælingar, und von neuer Beute die sie entdeckt hatten. Doch auch Geschichten von den Wikingern aus der Zeit, als sie nach Vinland gekommen waren. Und so geriet bei den Katzen Leif Erikson und die Wikinger nie in Vergessenheit. Doch Menschen wie die Wikinger trafen sie nicht.

Sie konnten in der Wildnis überleben, doch sie würden so gerne bei Menschen sein. Zum Waldvolk wollten sie nicht gehen, nach allem was passiert war. Ausserdem blieben die nie lange am gleiche Ort, sondern zogen mit ihrem gesamten Hab und Gut durch das Land und das wollten sie nicht, das war nicht ihre Art. Auch schien es, dass die Skrælingar aus irgendeinem Grund eine gewisse Furcht vor den Katzen hatten. Diese wussten nicht warum und gingen daher dem Waldvolk lieber aus dem Weg. Und wenn sie einen der Skrælingar trafen, so blieben sie immer ungesehen. So kam es, dass die Skrælingar sie mit der Zeit vergaßen und nichts mehr von ihnen wussten.

Wenn aber Menschen wie die Wikinger hier wären, so würden sie zu ihnen gehen und bleiben. Die Winter waren sehr, sehr hart. Es war bitter kalt und oft peitschten fürchterliche Schneestürme über das Land. Beute gab es bei diesem Wetter kaum noch und viele verhungerten oder erfroren. Doch kam es immer wieder vor, dass eines aus einem Wurf grösser wurde und ein noch dichteres Fell hatte. Und diese Katzen überlebten das raue Klima.

Nicht alle, doch sehr viele dieser Katzen stammten von Farmóður ab. Da gab es Langbein, Scharfzahn, Grünauge, Rauhfell und noch viele mehr. Immer weiter südlicher hatten sie ihre Reviere. Auch Scharfzahn hatte ein gutes Revier gefunden, noch vor Einbruch des Winters. Viel Beute und gute Verstecke gab es da. Nun war sie auf der Pirsch und sie war trächtig. Nur einige Tage noch, sie würde sich schnellstens ein Wurfversteck suchen müssen. Die Jagd war nicht sehr erfolgreich, erst in der Morgendämmerung hatte sie einen jungen Schneehasen erwischt.

Doch dann kam ein Schneesturm. Er kam aus dem Nichts und er kam heftig. Scharfzahn fror erbärmlich, trotz des dichten Fells. Der Wind trieb den Schnee zwischen den Bäumen hindurch, zersauste ihr Fell und machte eine Sicht fast unmöglich. Sie gelangte schliesslich an eine Felswand in deren Schutz sie sich gegen den Schnee und den Wind vorwärts kämpfte.

Da war eine kleine Höhle, oder besser ein Loch an der Felswand. Scharfzahn kroch hinein, der schneidend kalte Wind zwang sie dazu, diesen Schutz zu suchen. Gross war das Versteck nicht, aber es musste genügen. Die Büsche hatten natürlich kein Laub, doch sie gaben immer noch einen gewissen Sichtschutz, so dass der Eingang nicht sofort sichtbar war.

Tagelang tobte der Schneesturm und Scharfzahn konnte nicht hinaus. Sie fühlte, dass sie bald gebären würde. Einige Tage später war es soweit. Sie gebar in diesem notdürftigen Versteck inmitten des Schneesturmes fünf Kätzchen. Eines davon war eine Totgeburt, aber die Natur und die Wildnis nahmen darauf keine Rücksicht. Sie wärmte die übrigen vier, indem sie ihren buschigen Schwanz um sie legte, nachdem sie die Nabelschnur durchgebissen und die jungen Kätzchen trocken geleckt hatte.
Sofort begannen die Vier bei ihr zu trinken.

Einige Zeit hielt sie es in der Höhle aus, doch sie würde bald wieder Beute machen müssen. Die Jungen brauchten ihre Milch und wenn sie nichts zwischen die Zähne bekam, wäre es aus mit der Milch und ihre Kätzchen würden verhungern.

Der Schnee türmte sich mittlerweile vor der kleinen Höhle und bot somit Schutz vor fremder Sicht und dem Wind. Endlich ließ der Sturm nach. Sie konnte wieder nach draussen und nach Beute suchen. Diesmal war es ein halberfrorener Vogel, doch das musste genügen.

In der folgenden Zeit ging sie nicht oft auf die Jagd, denn sie musste bei ihren Jungen bleiben und sie wärmen. Grausam war diese Zeit, doch sie schaffte es, allen Widernissen zum Trotz, alle ihre Jungen durch den Winter zu bringen. Als endlich der Frühling, kam waren die vier gross genug um mit ihr das erste mal das Versteck zu verlassen.

Ganz neu und anders war es da. Es lag zwar noch viel Schnee, aber dazwischen freie Flächen auf denen die ersten Blumen mit gelben und weissen Blüten sich gierig der Sonne entgegenstreckten. Die Jungen Kätzchen tollten im Schnee und in den Blüten, schnupperten hierhin und dorthin. Scharfzahn blieb immer in der Nähe und beobachtete die Umgebung aufmerksam. Nichts Gefährliches war zwischen den Bäumen, also waren sie auf der Lichtung sicher. Plötzlich hörten ihre feinen Ohren ein Rauschen. Es kam aus der Luft. Bevor sie reagieren konnte stürzte ein grosser Raubvogel aus der Höhe und griff nach einem ihrer Jungen. Es war das schwarze Katerchen. Es zappelte und schrie mach seiner Mutter.

Scharfzahn rannte auf den Raubvogel zu, sie würde auf jeden Fall ihre Kinder verteidigen. Doch bevor sie ihn erreichte, war der schon mit dem Katerchen in den Fängen wieder in der Luft. Eine Weile hörte Scharfzahn noch die Schreie des Katerchens, dann wurde es still. Zeit blieb jetzt keine mehr, sie musste mit den drei übrigen den schützenden Wald erreichen. Das ging schnell und der Raubvogel kam auch nicht wieder. So zog sie ihre verbliebenen Junge auf und bevor der nächste Winter kam, waren sie gross genug, um sich ihr eigenes Revier zu suchen.

Immer weiter nach Süden wanderten die Katzen, doch zahlreich wurden sie nicht. Zu hart waren die Winter und viele starben. Feinde gab es überall und man musste sehr vorsichtig sein. Nur die grössten und stärksten überlebten. Sie lernten, auch mit ihren Stimmen leise zu sein und sie gaben dieses an ihre Nachkommen weiter. Das Fell zwischen ihren Zehen war dichter geworden und das half ihnen bei der Jagd im Winter. Denn der Schnee war tief und die Fellbüschel verhinderten, dass sie zu tief darin einsanken. Das Wasser fürchteten sie nicht und oft spielten sie damit. Das half ihnen auch Bäche und sogar Flüsse zu überqueren, wenn sie auf der Suche nach einem neuen Revier waren.

Unzählige Sommer und Winter kamen und gingen und immer noch lebte das Katzenvolk in den Wäldern. Ungesehen von den meisten, gingen sie auf ihre nächtlichen Beutezüge. Nur die Fischotter, mit denen sie immer noch Freundschaft hielten, wussten wo sie zu finden waren. Und immer noch warteten sie auf die Rückkehr der Wikinger. Doch dann, eines Tages, fanden sie den Fuchs.

– Fortsetzung folgt –

Teil 1 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/07/17/die-reise-der-sanften-riesen-teil-1/
Teil 2 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/07/17/die-reise-der-sanften-riesen-teil-2/
Teil 3 hier klicken: http://www.tiergeschichten.de/2013/08/27/die-reise-der-sanften-riesen-teil-3-snorri/




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Danny Effenberger, Stuelpner, Templermeister / www.pixelio.de

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1 Kommentar

2 Pings

  1. Edith Nebel

    Ich hab’s schon bei Facebook geschrieben: Ich bin ein ausgewiesener Geschichtsmuffel. Aber die Chronik der Waldkatzen verfolge ich gern.

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