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Ulrike Herwig: Sag beim Abschied leise Blödmann – Roman

Ulrike Herwig: Sag beim Abschied leise Blödmann, Berlin 2013, Marion von Schröder/Ullstein Buchverlage GmbH, ISBN 978-3 547-71185-1, Softcover/Klappenbroschur, 299 Seiten, Format: 20,4 x 13,4 x 2,6 cm, EUR 14,99 (D), EUR 15,50 (A).

Als Berufsschullehrerin Charlotte Windrich, Mitte 40, ihren Gatten Philipp mit der Klavierlehrerin der Tochter im Bett erwischt, schmeißt sie ihn raus. Endlich, sagen manche, denn der selbstgefällige Achitekt hat im Lauf seiner 11-jährigen Ehe den gesamten weiblichen Bekanntenkreis passenden Alters flachgelegt.

Im gemeinsam Haus in Berlin-Mahlsdorf hat sich Charlotte nie so recht wohl gefühlt, also wagt sie einen kompletten Neustart und sucht für sich und ihre Tochter Miriam (9) eine andere Wohnung. Bei den Umzugsvorbereitungen fällt ihr ein uraltes Handy samt Ladekabel in die Finger. Ob es wohl noch funktioniert? Es müsste ja jede Menge Telefonnummer alter Freunde enthalten! Aus Jux lädt sie es auf – und findet eine Nachricht ihrer jüngeren Schwester Doro vor, mit der sie seit über einem Jahrzehnt keinen Kontakt mehr hat. Doch irgendwann ist selbst der Grund für den heftigsten Familienzoff verjährt, und Charlotte beschließt, Doro zu suchen.

Schrill, bunt, laut und unstet war die Schwester. Sängerin wollte sie werden und hat immer ein bisschen auf die farblos-spießige Charlotte herabgesehen. Zumindest hat es so gewirkt.

Das Internet versagt bei der Suche nach Doro. Hat sie geheiratet? Einen Künstlernamen angenommen? Bleibt sie konsequent offline? Oder ist sie gar verstorben? Verwandte, die etwas wissen könnten, gibt es nicht mehr, also bleibt als Anhaltspunkt für die Suche nur Doros letzter bekannter Freund. Der ist nicht schwer zu finden. Ben the Man, ein abgehalfterter Musiker, träumt immer noch von der großen Karriere. Doro hat er ewig nicht mehr gesehen, trauert aber nicht ihr hinterher, sondern der signierten Rio-Reiser-LP, die sie hat mitgehen lassen.

Sein Nachfolger Johannes, ein liebenswerter Esoterik-Schrat, würde seine Ex gerne wiedersehen – und auch das kostbare Heilkräuterbuch, das sie mitgenommen hat. Ein bisschen ruppig, aber sympathisch und geradezu erschreckend normal ist Ex Nr. 3, der Tierarzt Richard Helm. Ihn hat sie unter Mitnahme eines Affenskeletts verlassen. Mit einer antiken Butterform hat sie sich beim Hobbykoch Viktor Koslowski aus dem Staub gemacht. Viktor, der an einer eigenen Fernsehshow bastelt, wartet mit ein paar verblüffenden Details aus Doros Leben auf. Doch wo sie ist, weiß er auch nicht. Verlassen hat sie ihn wegen des erfolglosen Dichters Julius, der nun sowohl Doro als auch eine Mappe mit Manuskripten vermisst. Mit einem gewissen Shakespeare soll sie sich davongemacht haben …

Doro hat sich also in den letzten Jahren von Loser zu Loser gehangelt und ist dann jeweils unter Mitnahme eines Souvenirs verschwunden. Von jedem der Männer erfährt Charlotte ein bisschen mehr über ihre Schwester, doch jetzt stecken ihre Ermittlungen in einer Sackgasse.

Charlotte kann nicht ihre ganze Zeit und Energie in die Suche nach ihrer Schwester stecken. Sie hat ja auch noch ein eigenes Leben. Gut, Tochter Miriam (9) ist pflegeleicht bis auf die Tatsache, dass sie unbedingt ein Haustier will. Philipp nervt, denn er versucht mit allen Tricks, Charlotte zurückzugewinnen. Die Gründe dafür sind ihr klar: er vermisst ihre bequeme Rundum-Betreuung. Und auch die Schwiegereltern quengeln und zetern, weil sie ihren armen Jungen im Stich gelassen hat. Doch Charlotte denkt nicht daran, den Fremdgänger wieder zurückzunehmen. Viel lieber denkt sie derzeit an den attraktiven Tierarzt Richard.

Ja, und dann ist da noch der Beruf. Auf Geheiß der Schulleiterin sollen die mehrheitlich desinteressierten und bildungsfernen Schülerinnen und Schüler anlässlich einer Jubiläumsfeier ein Kulturprogramm auf die Beine stellen. Diese prollige Bande und Goethe oder Schiller? Nicht in hundert kalten Wintern! Da hat Charlottes Schülerin Berenike, die sonst nicht durch übergroße Geistesgaben auffällt, eine genial-verrückte Idee. Das könnte funktionieren. Und wenn nicht? Charlotte sieht sich vorsichtshalber schon mal nach einem neuen Job um.

Ganz unerwartet kommt auch wieder Bewegung in die Suche nach Doro. Und auf Charlotte wartet mehr als nur eine faustdicke Überraschung …

Wilder Klamauk – wie Miriams total entgleisende Geburtstagsfeier oder die Begegnung mit dem Geparden in der Gartenlaube – wechselt sich ab mit Szenen, die erschreckend nahe am Leben sind. Der Schulalltag, wie die Autorin ihn beschreibt, gleicht schon sehr den Geschichten, die befreundete Lehrer zu erzählen pflegen. Saukomisch ist das trotzdem. Und spannend ist die Story obendrein, weil man unbedingt wissen will, was aus Doro geworden ist – und was eigentlich so Schreckliches vorgefallen ist, dass die beiden Schwestern seit 11 Jahren keinen Kontakt mehr haben.

Bei jedem neuen Freak, den Charlotte aufsucht, fragt man sich, ob die flippige Doro bei dem geblieben sein kann. Betreibt sie mit ihrem Mann einen Campingplatz? Hat sie einen Stall voller Kinder mit dem Koch? Ist sie Bäuerin oder Tierarztgattin geworden? Nichts will so recht zu ihr passen. Und was sie an den merkwürdigen Verlierertypen gefunden hat, erschließt sich meist erst auf den zweiten Blick. So skurril Doros Ex-Freunde mit all ihren Macken und Lebenslügen beschrieben werden – vorgeführt werden sie nicht. Man versteht, was sie umtreibt und entwickelt für jeden Sympathie oder Mitleid.

Auf der Suche nach ihrer Schwester findet Charlotte auch zu sich selbst. Seit Philipp nicht mehr über ihr Leben bestimmt, entwickelt sie sich rasant vom farblosen Vorstadtweibchen zu einer selbstbewussten, mutigen und energischen Singlefrau. Selbst ihre Schüler spüren die Veränderung und sind in ihrem Unterreicht auf einmal viel mehr bei der Sache. Menschen, denen man etwas zutraut, können über sich hinauswachsen.

Bei SAG BEIM ABSCHIED LEISE BLÖDMANN ist nicht nur der Titel toll. Es ist höchst vergnügliche Unterhaltung mit herrlichen Dialogen. Und ein paar kluge Botschaften für die Leserinnen hat die Geschichte auch noch im Gepäck. Sagen wir es doch mit der Buchbesprechung von Charlottes Schülerin Jessica: „Also, ich denke, die Aussage des Buches ist, dass man sich wegen einem Typen nicht das Leben versauen lassen darf.“ (Seite 31)

Zum Wiehern ist der Anhang „Was danach passierte“ (Seite 297 ff.). Ja, ja: jeder wie er es verdient! 😀

Die Autorin
Ulrike Herwig, geb, 1968, studierte Anglistik und Germanistik in Leipzig und London. 10 Jahre lang arbeitete sie als in London Deutschlehrerin für Kinder und Erwachsene. Seit 2001 lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern als freischaffende Autorin in Seattle.

Gewundert habe ich mich darüber, dass dies erst Ulrike Herwigs drittes Buch sein soll. Es klingt nach einer wesentlich erfahreneren Autorin. Des Rätsels Lösung: Unter ihrem Ehenamen Ulrike Rylance hat sie schon zahlreiche Kinder- und Jugendbücher geschrieben.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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1 Kommentar

  1. Edith Nebel

    Ich liebe so bescheuerte Buchtitel! Diesem konnte ich einfach nicht widerstehen.

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