Die Reise der sanften Riesen, Teil 2

Tage um Tage vergingen an denen sie die Küste entlang segelten. Das Wetter war zwar besser, aber der Wind stand nicht immer günstig, so dass sie oft das Segel einholen und rudern mussten. Für Blíðfari und Geyfa waren das eintönige Tage. Langsam nur änderte sich die Landschaft. Helluland lag nun schon einige Tagesreisen hinter ihnen, als sie auf den Felsen einzelne verkrüppelte Bäume sahen.

Je weiter sie an der Küste entlang fuhren, um so mehr wurden es. Schliesslich hörten die Felsen ganz auf und das Land war von einem riesigen Wald bedeckt. Es war auch wärmer geworden, nicht viel, aber immerhin wärmer. Endlich fanden sie eine geeignete Landestelle. Diesmal war es ein Sandstrand. Und wieder ging Leif mit Blíðfari als erster an Land. Dieses Land nannte Leif Markland, was Waldland bedeutete.

Und diesmal blieben sie länger. Blíðfari und Geyfa bestaunten die hohen Bäume, so etwas hatten sie noch nie gesehen. Man konnte an der Rinde die Krallen wetzen und auch hinaufklettern. Kleinere Tiere gab es hier, die sie auch noch nie gesehen hatten. Die beiden Katzen begannen zu jagen und machten reiche Beute. Auch Leif und seine Männer gingen auf die Jagd um die Vorräte aufzufüllen. Die Tage waren aufregend und es gab viel zu entdecken.

Die Wikinger hatten kleinere Unterkünfte gebaut in denen sie abends zusammensassen und sich berieten. Wärmendes Feuer war immer da, denn Holz gab es jetzt hier genug. Und die Jagdbeute brachte Abwechslung in ihren Speiseplan, was auch die beiden Katzen sehr schätzen.

Einige Tage blieben sie dort in diesem Waldland, dann drängten Leif und Tyrkir zum Aufbruch. Proviant und frisches Wasser wurde an Bord gebracht, dann legten sie ab und fuhren weiter die Küste entlang nach Süden.

Immer flacher wurde die Küste und der Wald nahm kein Ende. Zweimal landeten sie an flachen Stränden, doch lieben sie nur kurz. Dann wich das Land zurück, obwohl sie immer noch den gleichen Kurs hielten. Irgendwie roch das Wasser jetzt anders, den Katzen kam es vor wie das Trinkwasser, das sie mitführten.

Später liess der Geruch nach und der salzige Meergeruch lag wieder in der Luft. Nach einem halben Tag tauchte wieder Land vor ihnen auf und sie hielten genau darauf zu. Es war flach und sie konnten erst nur wenige Bäume entdecken. Als sie näher kamen, sahen sie grasbewachsene Hügel und dahinter wieder den Wald. Tyrkir redete ganz aufgeregt mit Leif, der dann einen scharfen Befehl rief. Das Segel wurde eingeholt und die Ruderer stemmten sich gegen die Strömung.

Da war wieder ein Strand, doch er dehnte sich endlos in beide Richtungen. Sehr breit war er nicht und dahinter begann das Grasland. Wie zuvor ging Leif mit Blíðfari als erste an Land. Blíðfari merkte sehr gut, dass Leif sehr zufrieden und glücklich war, er hatte ein Gespür dafür. Dann setzte er Blíðfari ab. Inzwischen war auch Tyrkir mit Geyfa und den Anderen von Bord gegangen. Da standen sie und schauten sich um. Soviel Gras! Und zum Wald war es nicht weit. Hier wäre gut zu leben, alles, was sie brauchten, war hier zu finden, anders als in Grönland. Daher nannte Leif Erikson dieses Land Vinland, was Weideland bedeutete.

Die beiden Katzen erkundeten die Gegend ausgiebig und drangen sogar bis zum Wald vor. Der war anders als der Wald in Markland. Dort hatte es nur hohe Bäume mit Nadeln gegeben, doch hier hatten viele Bäume Blätter und weit ausladende Äste. Geyfa machte sich einen Spass daraus, ein Stück an der Rinde hochzuklettern. Plötzlich stutzte sie. Da war ein Tier, wie sie noch nie gesehen hatte. Kleine Nager hatte sie in Markland kennengelernt, auch Ratten und Mäuse kannte sie. Doch was da auf den Hinterfüssen auf einem Ast hockte, war ihr völlig unbekannt. Wie eine sehr grosse braune Ratte sah es aus, nur mit einem riesigen buschigen Schwanz und Kulleraugen.

Es starrte die Katze an und wusste offensichtlich auch nicht, was es davon halten sollte. Es hatte wohl noch nie eine Katze gesehen und machte bis jetzt keine Anstalten zur Flucht. Aus kurzer Entfernung beobachtete Geyfa das fremde Tier. Erlegen würde sie es können, so gross war es nun auch wieder nicht. Nervös zuckte ihr Schwanz hin und her.

Bald hatte sie genug und ging in Angriffstellung. Mit einem riesigen Satz sprang sie nach vorn. Doch noch bevor sie das Tier erreichte, war dieses mit einer Schnelligkeit am Baumstamm hochgeklettert, die Geyfa richtiggehend verblüffte. Es rannte auf einem höheren Ast bis zu dessen Ende und sprang dann mit einem mächtigen Satz zum nächsten Baum, wobei es seinen Schwanz wie ein Steuerruder in der Luft benutzte. Aus sicherer Entfernung äugte es zu der Katze hinüber. Dann rannte es senkrecht am Baumstamm hoch und war kurz danach in den dichten Blättern verschwunden. Geyfa schaute noch eine Weile auf die Stelle an der das Baumtier verschwunden war, dann sprang sie wieder auf den Boden. Seltsame Dinge gab es in diesem Land. Erst mitten in der Nacht kehrte sie wieder an den Strand zurück.

Inzwischen hatte Leif’s Männer Bäume gefällt und damit begonnen Häuser zu errichten. Natürlich würde es einige Zeit dauern bis diese fertig waren, doch alle halfen mit. Auch Blíðfari war herumgestromert und hatte rattengrosse Tiere entdeckt, braun mit schwarzen Streifen auf dem Rücken und einem Stummelschwanz. Eines hatte er sogar erlegt. Jedenfalls würden sie hier auf keinen Fall verhungern. Auch frisches Wasser gab es genug.

In den nächsten Tagen wuchsen die Häuser heran und würden bald fertig sein. Sie waren aus Holzbalken und die Wikinger bedeckten sie mit Grassoden. Drei waren es, eine richtige kleine Siedlung. Und sie bekam einen Namen: Leifsbouir.

Die Tage vergingen und die Wikinger und auch die Katzen erkundeten die Umgebung. Es war völlig anders als in dem doch ziemlich kargen Grönland. Oft streifte Blíðfari mit Geyfa durch das Gras oder den Wald. Abends, bevor sie ihre nächtlichen Streifzüge begannen, sassen sie oft bei Leif und seinen Männern am Feuer in einem der Häuser, die nun fertiggebaut waren. Meist waren sie erfolgreich bei der Jagd, so dass sie kaum noch etwas von den Wikingern brauchten. So blieben sie mit den Menschen in Leifsbbouir.

Doch die Tage wurden nun immer kürzer und bald würde der Winter kommen. Der Winter kam mit Macht, Schneestürme peitschen über das Land und alles war von einer weisen Schicht bedeckt. Es wurde bitterkalt, doch nicht so kalt wie in Grönland. Not litten sie nicht, denn Holz gab es genug und im Wald eine Menge Tiere, die sie jagen konnten. Alle, auch die beiden Katzen, waren die Kälte gewohnt und so konnten sie sich darauf einrichten. Blíðfari und Geyfa zog es immer wieder ins Freie. Auf einem dieser nächtlichen Streifzüge entdeckte Blíðfari eine seltsame Spur im Schnee. Er schnüffelte daran, doch anders als Hunde wollte er der Spur nicht folgen. Kleine Nager waren rar geworden bei diesem Wetter, doch er schlich weiter durch den Wald auf der Suche nach Beute. Dann sah er es.

So etwas war ihm unbekannt. Das war doch … eine Katze! Ganz eindeutig eine Katze! Und was für eine Katze! Viel grösser als er und er war schon ziemlich gross. Die seltsame Katze war grau, hatte die Grösse eines Hundes, nur einen kurzen Stummelschwanz und riesige Ohrbüschel. Blíðfari hatte auch Ohrbüschel, aber die der fremden Katze waren riesig.

Sie hatte offensichtlich Beute gemacht, ein Kaninchen oder einen Hasen, von denen es hier viele gab. Jetzt schleppte die Riesenkatze ihre Beute fort. Plötzlich ließ die Riesenkatze ihre Beute fallen und sah sich vorsichtig um. Sie hatte wohl etwas gehört oder gewittert. Sie schaute genau in Blíðfari’s Richtung, der sich in den Schnee duckte, so gut es ging. Sie musst in gesehen haben! Reglos starrten sich die beiden Katzen an.

Plötzlich schnappte die fremde Katze nach ihrer Beute und trottete durch den Schnee davon, Blíðfari nicht mehr beachtend. Der war ganz durcheinander. Es gab Katzen hier, Riesenkatzen! Auch wusste er das Verhalten nicht zu deuten. Die fremde Katze musst ihn gesehen haben, trotzdem war sie völlig desinteressiert gewesen. Blíðfari hätte sich allerdings auch nicht auf einen Kampf eingelassen, dafür wäre sein Gegner einfach zu gross gewesen. Und es war wohl auch so, dass er weder als Gefahr noch als Beute eingestuft worden war. In der folgenden Zeit sahen sie viele Spuren im Schnee und auch öfter die dieser seltsamen Katze. Doch zu Gesicht bekamen sie diese nicht wieder.

Der Winter war anders als in Grönland. Es war kalt, aber nicht so kalt wie dort und es gab auch keine „Endlosen Nächte“. Die Tage wurden zwar kürzer, aber sie blieben nie ganz aus. Und endlich wurden sie auch wieder länger.

Viele Vollmonde waren vergangen, als der Schnee zu schmelzen begann. Die Männer besprachen sich und Leif beschoss, zurück nach Grönland zu segeln, um noch vor dem Mittsommer dort zu sein. Einerseits freuten sich Blíðfari und Geyfa, dass es wieder auf Seefahrt ging, andererseits wären sie gerne hiergeblieben. Der Tag kam, an dem sie begannen, das Schiff zu beladen, mit Fellen erlegter Tiere, Früchten, aber auch Holz.

Eines Morgens, es war bereits ziemlich warm geworden, gingen sie an Bord. Die See war rau und das Schiff lag schwer im Wasser. Die Männer kämpften hart an den Rudern gegen den Seegang, bevor sie weit genug vom Land das Segel setzen konnten. Blíðfari und Geyfa waren beim Steuermann am Heck und schauten auf das Land. Sie wären schon gerne hier geblieben in diesem Land, doch sie wollten bei den Menschen bleiben und würden sie nicht verlassen. Immer weiter trieb der Wind das Schiff auf das offene Meer hinaus, bis Leif den Befehl gab, den Kurs in Richtung Grönland zu setzen. Hinter ihnen verschwand Vinland am Horizont. Doch Leif, seine Wikinger und auch die beiden Katzen wussten eines: Sie würden wiederkommen.

– Fortsetzung folgt –




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Thomas Beckert / www.pixelio.de

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4 Kommentare

3 Pings

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  1. Der Autor sagte, er arbeite an weiteren Folgen der Geschichte. Sobald ich die vorliegen habe, stelle ich sie online.

  2. schöne Geschichte, was mich irritiert sind Katzen bei den Wikingern, wer kann Aufklärung geben?

  3. Mike hat recherchiert, er wüsste da sicher einiges zu erzählen. Ich kann auf die Schnelle nur zu Wikipedia verlinken: http://de.wikipedia.org/wiki/Norwegische_Waldkatze

    „Verschiedene Abbildungen der Norsk Skogkatt (Norwegische Waldkatze) findet man bereits auf alten Wikinger-Münzen: In der altnordischen Mythologie zogen zwei Waldkatzen nach dem Glauben der Wikinger den Wagen der Fruchtbarkeitsgöttin Freya, die die Gattin Óðrs ist. Auch in norwegischen Märchen findet man Hinweise auf koboldhaft wirkende Zauber- oder Trollkatzen (norwegisch: Trolldom = Zauber) mit langen buschigen Schwänzen.“

  4. Wieder was gelernt…meine Hochahctung vor der Recherche und dem Autor!

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