Die Reise der sanften Riesen, Teil 1

„Stimmt es eigentlich,“ fragt Edward, „dass es keinen Ort der Welt gibt, an dem nicht Katzen leben?“ „Ja,“ antwortet Miezka, „überall auf der Welt leben Katzen, ausgenommen ganz weit im Süden, wo die Nächte viele Vollmonde dauern, der ewige Schnee liegt und es bitterkalt ist.“ „Aber sonst überall auf der Welt? Haben die Menschen sie immer auf ihren Reisen mitgenommen, auch über den Ozean, wie Don Pielnarriz?“ „Ja, aber die erste Katze kam viel früher in die Neue Welt. Darum hör gut zu, ich werde dir diese Geschichte erzählen.“

*****

Die Reise der sanften Riesen – Leif
Am Morgen brach der Sturm los. Wind peitschte die Wellen und die Wolken wurden immer dunkler. Ein Orkan zog auf. In aller Eile hatten die Leute am Abend zuvor die Drachen aufs Land gezogen und sie fest vertäut, die schlanken Boote wären sonst an den Felsen zerschellt.

Blíðfari hatte sich in das Wohngebäude zurückgezogen, im Stall bei den Kühen pfiff der Wind zu sehr durch die Ritzen. Jetzt saßen alle nahe am wärmenden Feuer. Vor einige Tagen war Bjarni Herjolfson gekommen und es gab viel zu erzählen. Bjarni war Kaufmann und lebte eine Tagesreise entfernt im nächsten Dorf. Vor einigen Jahren hatte er sich hier niedergelassen. Er konnte nicht in sein Dorf zurück, solange der Sturm dauerte. Nun sassen alle nahe beim Feuer und Bjarni erzählte von seinen Erlebnissen. Viele alte Geschichte erzählte er, von König Olav Tryggvason von Norwegen, von heroischen Schlachten und ihren Fahrten auf hoher See.

Blíðfari verstand nicht alles, was sie sich so erzählten und begann sich zu putzen. Sein Fell war in einem furchtbaren Zustand, jedenfalls für seine Begriffe. Nach einer Weile war er fertig und begann vor sich hinzudösen.

Solange bis Geyfa kam. Sie rieb sich an ihm, legte sich hin und begann zu schnurren.
Draussen begann der Sturm erst richtig zu toben und alle waren froh, dass es keinen zwingenden Grund gab nach draussen zu gehen.

Es war zwar immer rau in diesem Land, das die Menschen in ihrer Sprache Grönland, „Grünes Land“, nannten, aber auf der Insel von der sie vor einigen Jahren gekommen waren, war es auch nicht viel besser gewesen, daher hatten sie diese Insel „Land des Eises“ genannt, in ihrer Sprache Island. Stürme gab es öfter, doch diesmal war es besonders schlimm, ein weiterer Grund im Haus zu bleiben.
Nun verstand Blíðfari nicht alles, was die Menschen erzählten, doch einiges begriff er.

Vor allem die Geschichten der Seefahrer. Er war selbst oft mit Leif auf hoher See und das Wasser und der Wellengang machten ihm nichts aus. Leif war Anführer in der Siedlung, die Brattalid genannt wurde. Er war der Sohn von Erik Thorwaldson, genannt „Erik der Rote“, daher war sein vollständiger Name Leif Erikson. Alle sassen sie um das Feuer, Leif, Tyrkir und Thjodhild, Leifs Frau. Und natürlich Bjarni, der nicht aufhörte zu erzählen. Gespannt lauschten alle seiner Saga. Blíðfari wurde langsam schläfrig.

Doch mit einem mal wurde Blíðfari hellhörig und spitzte die Ohren. Denn Bjarni erzählte, wie sie vor einigen Jahren auf der Rückreise von Island nach Grönland auf See die Orientierung verloren hätten und nach Westen abgetrieben worden seien. Dann, nach einigen Tagen hätten sie dort im Westen Land gesehen. Eine felsige Küste und oben ein riesiger Wald. An Land gegangen waren sie nicht, die See war zu aufgewühlt.

Leif wurde ganz aufgeregt, als er das hörte, denn Wald gab es hier nicht. Alles was sie an Holz brauchten, musste über das Meer aus Norwegen herübergeschafft werden. Jetzt redeten alle durcheinander und Blíðfari wusste nicht genau was eigentlich los war. Er verkroch sich in eine Ecke und schlief dort ein.

Drei Tage später peitschte der Sturm immer noch das Meer, obwohl er nicht mehr so stark war wie zu Beginn. Blíðfari sah Leif immer öfter nachdenklich durch die Siedlung gehen. Irgend etwas beschäftigte ihn. Der Kater strich ihm um die Beine, aber er bekam kaum Aufmerksamkeit. Normalerweise waren die Wikinger freundlich zu ihren Katzen, obwohl sie untereinander manchmal recht streitlustig waren. Blíðfari hatte erfahren, dass sie früher anderen Göttern gehuldigt hatten. Er wusste nicht, was ein Gott war, aber er hatte erfahren, dass Katzen bei einer der alten Göttinnen gewesen waren, ja, dass sie sogar ihren Streitwagen in die Schlacht gezogen hätten. Daher achteten alle Wikinger immer noch die Katzen und jagten oder töteten sie nicht. Wie Blíðfari gingen viele mit auf die Reise, wenn die Drachenboote ausliefen.

Der Kater war deshalb fast beleidigt, weil Leif sich nicht mehr so um ihn kümmerte wie vor einigen Tagen. Oft sass Leif auch mit Tyrkir zusammen und beriet sich mit ihm. Geyfa hatte sie einmal belauscht, doch sie hatte nicht verstanden über was sie redeten. Mit der Zeit bekam Blíðfari
heraus, dass es um eine Reise ging und irgend etwas mit Leif’s Drachen nicht so war, wie es sein sollte.

Einige Tage später, das Wetter war nun wieder besser, beobachtete Blíðfari Leif und Bjarni bei einer ziemlich lautstarken Unterredung. Er verstand einiges von der Menschensprache, aber um was es bei den Beiden ging, konnte er nicht herausbekommen. Dann gab Leif Bjarni einige dieser runden Glitzerdinger und sie verabschiedeten sich mit einem Handschlag. Von dem Tag an war Leif wie ausgewechselt, er kümmerte sich wieder um den Kater, sogar liebevoller als vorher.

Es war jetzt Sommer und selbst die Nächte blieben hell. Blíðfari und Geyfa folgten den Männern oft ans Meer und manchmal bekamen sie auch einen Fisch oder ein Stück Seehundfleisch. Die Menschen brachten Fässer mit getrocknetem Fleisch und Wasser zu den Schiffen. Auch Waffen und viele andere Dinge gehörten dazu. Doch Blíðfari war verwundert, denn sie luden die Dinge nicht in Leif’s Drachen, sondern in ein grösseres und breiteres Boot. Das war doch Bjarni’s Schiff! Aber so wie es aussah, gehörte es jetzt Leif.

Blíðfari wusste, bald würden sie wieder in See stechen und Leif würde ihn mitnehmen. Immer mehr Dinge wurden auf das Schiff geladen, viel mehr als sonst. Es war Sommer und Nächte gab es um diese Jahreszeit fast keine mehr. Nach Tagen hatte sich die Aufregung gelegt und Leif, Tyrkir und etliche andere Männer gingen an Bord. Leif hatte Blíðfari und zu dessen Erstaunen auch Geyfa aus seinem Grassodenhaus geholt und sie auf das Schiff gebracht.

Der Mittsommer mit seinen „Endlosen Tagen“ war vorbei und es wurde wieder für kurze Zeit Nacht, als sie in See stachen. Das Wetter hatte sich beruhigt und Blíðfari und Geyfa waren die meiste Zeit unter den Ruderbänken, denn das Schiff war wie die Drachenboote offen und alle waren dem Wind und dem Wasser ausgesetzt. Der Wind stand günstig, so dass sie kaum selbst rudern mussten. Nur wenn der Wellengang zu stark war, ruderten sie. Alle halfen dann mit, auch Leif. Blíðfari und Geyfa machte das nichts aus, auch das Wasser scheuten sie nicht so sehr. Die beiden Katzen waren oft mit auf hoher See gewesen.

Drei Tage kämpfte sich das Wikingerschiff durch die Wellen. Oft mussten die Männer Wasser schöpfen, wenn wieder Brecher über die niedrige Bordwand schlugen. Blíðfari war völlig durchnässt und Geyfa ging es nicht besser. Es war schwierig, fast unmöglich, das Wasser aus dem dichten und langem Fell zu bekommen. Er gab nur getrockneten Fisch und Robbenfleisch, denn auf dem kleinen Schiff hatten sie schon am ersten Tag zwei Ratten gejagt und auch erwischt und sonst gab es keine an Bord.

Mehrmals sahen sie Eisberge, die jetzt im Sommer von den Gletschern brachen und ihre Wanderung über das Meer begannen. Doch die Wikinger waren sehr gute Seefahrer, so kam es zu keinem Unglück.

Am vierten Tag war das Meer ruhig, es lag da wie ein stiller See. Auch der Wind hatte nachgelassen und war kaum mehr als eine leichte Brise. Endlich kamen der Kater und die Katze dazu, sich ausgiebig zu säubern. Nun sassen die Männer alle auf den Bänken und ruderten. Gegen Ende des Tages kam Nebel auf und wurde immer dichter.

Die Nacht war völlig dunkel, der Nebel verschluckte alles Sternenlicht. Wer nicht schlief, sass auf den Ruderbänken und versuchte den Kurs zu halten. Doch irgendwann ging es nicht mehr und alle schliefen. Der Kater kletterte auf die Reling und starrte in die Dunkelheit. Trotz seiner empfindlichen Augen und Ohren war nichts zu sehen oder zu hören ausser dem leichten plätschern des Wassers an der Bordwand.

Der Morgen kam und langsam wurde es heller. Wieder ruderten sie weiter. Leif unterhielt sich leise mit Tyrkir, alle anderen schwiegen. Sie hatten keine Ahnung ob der Kurs noch stimmte, denn die Sonne war nicht zu sehen und das Licht kam von überall her. Geyfa hatte sich bei den Vorratsfässern zusammengerollt und Blíðfari sass nahe beim Bug in der Nähe von Leif. Immer wieder schaute der Kater über die Backbordreling, als wäre dort etwas, was die Menschen nicht erkennen konnten.

Katzen haben einen sehr guten Orientierungssinn und Blíðfari wusste, wenn sie diese Richtung beibehalten würden, dann würden sie ins Eismeer geraten. Und er wusste auch, dass dort backbord irgend etwas war. Er wusste nicht, was es war und es war sehr weit weg, aber etwas war dort. Jetzt kam auch Geyfa zu ihm und die beiden Katzen starrten über die Reling.

Leif der sich bis dahin mit Tyrkir unterhalten hatte schaute erst nur kurz zu ihnen, dann zu Tyrkir, dann wieder auf die beiden Katzen. Plötzlich sprang er auf und rief dem Steuermann etwas zu. Aufregung kam unter die Männer, der Steuermann drückte heftig am Ruder während die Steuerbordruderer sich mächtig ins Zeug legten. Langsam drehte sich das Schiff nach backbord. Blíðfari und Geyfa merkten dass das, was sie spürten, sich langsam verschob und der Bug des Schiffes jetzt genau darauf zeigte. Wieder rief Leif dem Steuermann etwas zu und alle ruderten wie verrückt. Den ganzen Tag über ruderten sie so im Nebel.

Gegen Abend wurde der Wellengang wieder grösser und die Katzen hatten sich wieder zu den Vorratfässern zurückgezogen. Und irgendwann in der Nacht sah Geyfa hoch über sich einen hellen Punkt. Ein Stern! Der Nebel begann sich zu lichten. Die Menschen sahen es nicht, denn keiner blickte nach oben.

Im laufe der Nacht kamen immer mehr Sterne zum Vorschein und auch der Wind wurde kräftiger. Die Ruderer konnten sich nun ausruhen. Als es dämmerte war der Nebel verschwunden. Blíðfari war wieder vorn am Bug, wo auch Leif stand. Der konnte jetzt wieder die Richtung bestimmen. Er beugte sich zu Blíðfari, hob ihn hoch, zeigt ihn der Mannschaft und rief ihnen etwas zu, was Blíðfari nicht verstand. Jedenfalls bekamen er und Geyfa an diesem Tag eine Extraportion Robbenfleisch.

An diesem Tag und in der folgenden Nacht brauchten sie nicht zu rudern, denn der Wind frischte immer mehr auf und er kam aus der richtigen Richtung.

Leif stand immer noch am Bug und schaute angespannt nach vorn. Blíðfari war neben ihm, mit den Vorderpfoten auf der Reling und schaute in die gleiche Richtung. Nach einiger Zeit gesellte sich Geyfa zu ihnen. Gegen Mittag glaubte der Kater, etwas am Horizont zu erkennen. Leif hatte es auch gesehen. Und sie fuhren direkt darauf zu.

Das war eine Küste, noch weit weg zwar, aber eindeutig eine Küste. Alle drängten jetzt zum Bug und wollten es auch sehen, bis Leif ein Machtwort sprach. Dann kehrte wieder Ruhe ein.

Noch vor dem Abend erreichten sie die Küste, doch ein anlanden war unmöglich, zu felsig war die Küste und riesige Brecher schlugen gegen das Gestein. Das Schiff schaukelte bedenklich. Man konnte sehen, dass die Felsen oben flach waren und sich erstreckten soweit das Auge reichte. Doch da sie nicht landen konnten, wendeten sie und fuhren an dieser Küste entlang nach Süden, um eine geeignete Landestelle zu finden. Einen Tag und bis zur Mittagszeit des nächsten segelten und ruderten sie.

Endlich kam ein etwas flacherer Küstenabschnitt in Sicht. Zwar gab es auch hier Felsen, doch dazwischen immer wieder kleine Kiesstrände. Auf so einen Strand steuerten sie zu. Knirschend schob sich das flache Schiff ein wenig auf den Kies und kam dann zum Stillstand. Mit Blíðfari auf dem Arm sprang Leif über die Bordwand, gefolgt von Tyrkir, der Geyfa hielt. So erreichten Leif und seine Wikinger das Land, das er in ihrer Sprache Helluland, „Felsenland“, nannte.

Blíðfari war von Leif’s Arm in den Kies gesprungen und begann herumzustromern. Nach kurzer Zeit folgte ihm Geyfa. Doch ausser Felsen und Kies gab es hier nichts, so kehrten sie bald zu den Menschen zurück. Die entzündeten gegen Abend am Strand ein kleines Feuer und sassen darum herum. Es wärmte nicht sehr, denn sie mussten mit dem Holz sehr sparsam sein, ausserdem war vieles nass geworden und brannte nicht richtig.

Bis spät in die Nacht sassen sie dort und redeten. Immer wieder schlichen sich die beiden Katzen fort, weil sie glaubten etwas gesehen oder gehört zu haben, doch es stellte sich heraus, dass das nur der Wind und das Wasser gewesen war. Der nächste Morgen war grau, aber nicht stürmisch. Sie schoben das Schiff gemeinsam wieder in die Brandung und stiegen ein. Und weiter ging die Fahrt, immer an der Küste entlang.

– Fortsetzung folgt hier




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Margit Völtz / www.pixelio.de

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