Das mythische Tier – eine Novelle, Teil 1 von 2

Es sah wunderschön aus.

Es stand auf der Lichtung, und sein weißes Fell leuchtete fast schmerzhaft in den Augen. Sein Horn trug es stolz, nun – es war ein Einhorn. Es war das mythische Tier, das man braucht, um das böse Tier zu bezwingen. Auch das böse Tier war ein Mythos, aber es sollte zu Macht und Reichtum verhelfen. Ich konnte beides gut gebrauchen. Ich hatte nirgends Erfolge vorzuweisen. Meine Familie erwartete keine Erfolge mehr, und meine Kinder waren selbständig und standen auf eigenen Füßen. Und ich? Ich wollte den Erfolg nun doch endlich fest bei den Hörnern packen. Und dafür mußten wir erst einmal Freunde werden, das Einhorn und ich.

*

Ich sah sie schon von weitem kommen. Eine schöne Frau, kein Mädchen mehr. Kein Püppchen, das hätte nicht hierher gefunden. Eine schöne freie Frau, die ihren Wert kennt. Stolz und unbeirrbar, und zielstrebig, das konnte ich sehen.

Sie kam auf mich zu und machte die magischen Rituale. Schon seit langem kamen keine Menschen mehr. Dabei sollen genügend vorhanden sein, behaupten zumindest meine Kollegen. Denn ich bin nicht das einzige Einhorn auf der Welt. Es gibt uns noch.

Sie machte mich neugierig.

Ich umging ein wenig die normalen Vorschriften und trat näher. Sie roch gut, ich merkte es sofort. Nein, nein, nicht daß man etwas falsches denkt. Ich habe kein solches Interesse an Menschenfrauen. Ich bin selbst ein weibliches Wesen. Daher verstehe ich ein wenig vom Weiblichen, obwohl ich zugebenermaßen kein Mensch bin.

Sie mußte ein großzügiges Herz haben und einen klaren Geist, sonst hätte sie mich nicht sehen können. Menschen sind auch an mir vorbei gegangen und haben mich nicht erkannt. Es ist nicht jedem gegeben.

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Ich hatte keine Eile. Ich wollte mich zuerst hier mit diesem sagenhaften Einhorn anfreunden, ehe ich es mit zur Stadt nahm. Hier konnte ich es in aller Ruhe beobachten. Tiere sind gar nicht schwer zu durchschauen, und meist kann man sie mit etwas Eßbarem locken. Ich hatte verschiedene Sachen vorbereitet; Möhren geschnitten und Birnen gestückelt, ein wenig Hundekuchen für den Fall der Fälle und meine Plätzchen. Daß ich meine Plätzchen nicht selbst backe, spielt hier keine Rolle. Meine Tochter macht das, und sie macht das gut. Ich brauche mich da nicht einzumischen.

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Wie es aussieht, will diese Frau erst einmal ein Picknick abhalten. Die Rituale schreiben eigentlich vor, daß man sich in den ersten 24 Stunden fernhält, um den Menschen nicht die Möglichkeit zu geben, einen ganz leicht mit Futter zu ködern. Aber die Rituale sind nicht wertvoller als die Erfahrungen, die man selbst schon gemacht hat. Meine Erfahrung sagt mir, daß sie etwas von mir will. Nur sehr selten kam jemand hier her, der nichts wollte. Das waren dann die wunderbarsten Erfahrungen, die man machen konnte. Aber das schenkt das Leben einem nur sehr selten.

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Ich hatte nicht erwartet, daß ein Einhorn Plätzchen bevorzugt. Sicher waren sie nicht mal etwas besonderes, bestimmt waren sie aus einem Fertigteig. Wie ich schon sagte, ich sehe nicht nach, was meine Tochter da veranstaltet. Mir genügt es vollkommen, wenn sie auch die Küche wieder reinigt. Ich möchte nicht, daß die Küche wie ein Schlachtfeld aussieht, mit Krusten im Backofen und ähnlichem. Das kann man schon erwarten, finde ich.

Dann nehme ich mir die Möhren- und Birnenstückchen. Ich ernähre mich sowieso vegetarisch. Das ist besser. Gesünder. Und ich ertrage Bratengerüche einfach nicht, sie bewirken Brechreiz bei mir. Ich weiß nicht, weshalb das so ist. Es macht auch nichts, ich komme vegetarisch sehr gut zurecht. Und gesünder ist das allemal. Das weiß man.

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Diese Frau ist anders als die Menschen, die mich sonst hier begrüßten. Sie ist geduldiger, wie mir scheint. Nun, abwarten. Ein mythisches Tier wie ich hat schon viel gesehen in seinem langen Leben. Und so knabbere ich die kleinen Küchlein und freu mich einfach, so etwas Gutes auf der Zunge zu haben. Sie wurden gebacken mit Stolz und mit Mut. Ich spüre auch einen kleinen Hauch Bitterkeit dabei, nicht viel. Gerade genug, um ihn zu fühlen. Abgerundet sind sie mit Zuversicht; es ist mein Lieblingsgewürz. Zuversicht ist unbezahlbar. Ich denke, ich mag diese Frau.

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Eigentlich geht es mir nicht schlecht. Ich habe mein Auskommen. Ich habe mir einen Mann gesucht. Er ist liebenswürdig und nett. Er mochte meine Freunde nicht, also habe ich ihnen den Laufpaß gegeben. Das muß man verstehen, Freunde kommen und gehen. Man kann sich eine Weile auf sie verlassen, aber sie ersetzen keinen Mann mit einem eigenen Haus und einem sicheren Einkommen. Wenn es darum geht, was wichtiger ist, dann werde ich nicht mit meinem Mann streiten.

Es hat wundervolle Augen, dieses Tier. Es ist sehr zutraulich und schnuppert ein wenig an mir. Das ist schon in Ordnung. Ich fürchte mich nicht.

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Ich frage mich, was diese Frau sich von mir wünschen wird. Gesundheit? Sie riecht sehr gesund. Mehr kann man sich wohl nicht erhoffen als Mensch. Mit den Wundern ist das so eine Sache. Es gibt sie schon, aber manchmal klappen sie nicht so richtig. Daher ist es besser, sich auf die Natur zu verlassen und mit ihr zu arbeiten statt gegen sie, Ihr versteht schon …

Sie riecht auch nicht ärmlich. Und schwach ist sie nicht. Sie hat sicher alles, was sie braucht. Ich bin gespannt, was sie meint haben zu müssen, das ich ihr geben soll.

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Ich liege gern in meinem Bett. Es gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Ich muß noch nicht hinaus, muß nicht beweisen, was ich kann. Ich muß nichts können. Ich habe schon viel Können beweisen wollen und bin nicht gut zurechtgekommen. Ich habe viele Talente. Aber keines hat mir zu dem verholfen, was ich immer wollte. Ich wollte Freiheit, Unabhängigkeit! Ich wollte meine eigenen Entscheidungen treffen können!

Statt dessen sollte ich Prüfungen ablegen; zeigen, was ich gelernt habe. Ich habe selbst gesehen, wie diese Prüfungen auf Menschen wirkten. Sie ließen sie zittern und stammeln, noch ehe es soweit war. Und hinterher ließ sie dieselben Menschen weinen oder lachen – es war nicht normal. Ich habe diese Prüfungen gehaßt – und ich habe sie vermieden. Sobald eine Prüfung anstand, bin ich ausgestiegen. Ich blieb einfach im Bett. Ich verschonte mich selbst damit.

Ich breite mein Tuch aus für die Nacht. Dieses schöne Tier geht, aber es wird morgen wiederkommen, ich bin sicher. Ich strecke mich aus. Es geht mir gut. Vielleicht könnte ich einfach hierbleiben für alle Zeit… Das habe ich zwar schon einmal gedacht, als ich nämlich einzog in das schöne große Stadthaus. Es war wunderbar. Und die Luft war voller Liebe. Kein Zwang frühmorgens zum Aufstehen, und wenn ich die Treppe herunterging, summte die Kaffeemaschine freundlich. Und doch bin ich nun hier.

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Autor: Sylke Bambilke


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Fotograf/Künstler: © snuesch / www.pixelio.de

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