Die schwarze Taube

Über Tauben kann man geteilter Ansicht sein. Manche finden sie süss, manche verfluchen die Ratten der Lüfte. Meinereiner steht dem gefiederten Stadtvolk mehr oder weniger gleichgültig gegenüber.
Mit einer Ausnahme: wenn sie gurren.

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Es ist ja so, dass sich in meiner unmittelbaren Umgebung mehrere Geschäfte und Restaurants eingerichtet haben. Und der Seepark ist auch nicht weit. Da ergibt es sich bisweilen, dass sich das Taubenvolk auf dem Gehweg herumtreibt, in der Hoffnung, ab und an einen Leckerbissen ergattern zu können. Und sollte, zwecks besserer Durchlüftung, das Fenster angeklappt sein, so ist das dezente Gurren dieser Luftflotte durchaus zu hören.

Mich stört es jedenfalls nicht. Bis zu jenem Tag im Januar. Edward und Miezka sitzen auf der Fensterbank, wo es angenehm warm ist. Man könnte fast meinen, sie säßen auf der Heizung. Der Grund dafür ist, dass sich unter dem Fenster die Heizung befindet. Es ist nicht so kalt und unten auf dem Gehweg tummelt sich eine erkleckliche Anzahl der Gefiederten.

Nur ganz kurz schaue ich nach unten. Offensichtlich haben sie Streit um einen Leckerbissen. Das Gurren wird lauter. Auch das Katzenvolk fixiert die streitbare Meute durch das Fenster, pure Mordlust im Blick. Aber raus können sie nicht. Vor allem Edward wird immer nervöser und klappert mit den Zähnen, während sein Blick wie hypnotisiert auf den Gehweg und das Flugvolk gerichtet ist.

Was mich betrifft, so wende ich mich wieder meiner Arbeit am PC zu. Vieles muss noch geschrieben, geändert oder berechnet werden. Edwards klappernde Zähne und das Gegurre treten irgendwie in den Hintergrund.

Nun ist es später Nachmittag geworden und im Januar wird es früh dunkel. Also Jalousien runter und Licht an. Das Katzenvolk hat sich auf die Couch und den Schrank verdünnisiert. Kurz weht ein Gedanke durch mein Hirn, dass bald für die Teppichtorpedos Fütterungszeit ist. Gut, nur noch dieses eine Dokument fertig stellen, dann gibt’s samtpfötige Mahlzeit.

Doch ich scheine mich überarbeitet zu haben! Denn sehr laut und deutlich höre ich eine Taube gurren!,Halluzinationen? Drogen verabscheue ich und etwas Alkoholisches habe ich auch nicht zu mir genommen. Ganz klar: überarbeitet, Stress oder was weis ich.

Plötzlich noch mal: „Guru, guru“. Laut und deutlich.
Zweifel kommen auf. Das war doch eindeutig hier im Zimmer. Aber soweit ich mich erinnern kann existiert hier keine Taube und ich wüsste auch nicht, dass ich eine eingeladen hätte.
Nochmal: „Guru, guru“.
Diesmal aber nicht von irgendwoher im Zimmer, sondern aus meiner unmittelbaren Umgebung. Da streicht mir etwas um die Beine. Das Etwas ist schwarz und hört mehr oder weniger nicht auf den Namen Edward. Klar Junge, bekommst einen Kopfstreichler und dann gibt’s Futter.
Der Kater schau mich an, als ich mich zu ihm runterbeuge und lässt laut und deutlich vernehmen: „Guru, guru“.

Nur gut, dass ich keinen Spiegel zu Hand habe, denn in diesem Augenblick dürfte mir das Gesicht eingefallen sein. Was bringt der verrückte Schwarzpelz noch alles? Nicht nur dass er mich morgens um 4 Uhr mit einem Nasenbiss weckt, jetzt übt er auch noch Fremdsprachen. Kein Miauen, obwohl er das kann, sondern Gurren. Nur noch kopfschüttelnd über diese neue Marotte, wird der Futternapf gefüllt über den sich die Miezen sofort hermachen.

Der Rest des Abends verläuft ereignislos, die Nacht wie üblich mit Spielzeit und Wecknasenbiss.

Am nächsten Tag geht mir das Ganze einfach nicht aus dem Kopf. Aber was für eine Erklärung gibt es dafür? Hält sich das schwarze Fellbündel jetzt für eines dieser gurrenden Flugobjekte? Will er fliegen lernen? Könnte sein, könnte sein, möglicherweise sind seine Sprünge erste Flugversuche. Oder denkt er, ich sei eine Taube und er könnte sich nur so mit mir unterhalten? Vielleicht will er einfach auch nur Eindruck schinden. Jedenfalls gurrt er an diesem Tag mehrmals. Einmal, als er mit mir spielen will, dass andere Mal als er ganz zufrieden auf der Couch liegt.

Oder es gibt eine andere Erklärung. Es bin ganz einfach ich, der jetzt verrückt geworden ist. Kein Wunder, bei all den kätzischen Allüren muss man ja verrückt werden. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass eine schwarze Taube in Katzenform unter meinem Dach haust.

Doch im Laufe der kommenden Tage stelle ich fest, dass das Gurren variiert. Kater Edward bringt es fertig, so was wie ganze Sätze in der Taubensprache von sich zu geben. Das variiert von „Guru“ über „Gurururu“ bis „Grurä“ oder einfach nur „ruruuuu“. Irgend etwas will er sagen. Miezka ist erst etwas irritiert über diese doch ziemlich ungewöhnlich variantenreiche Aussprache ihres fellnäsigen Mitbewohners, doch nach einiger Zeit hat sie seine seltsamen Sprachübungen akzeptiert.

Zu meinem Bedauern stand täubisch in meiner Schule nicht auf dem Lehrplan. Doch ich sollte es lernen, vielleicht ist dann mit Edward eine Unterhaltung auf hohem Niveau möglich. Und da er bis heute nicht damit aufgehört hat, kann ich mittlerweile einiges verstehen oder zumindest erraten, was er zum Ausdruck bringen will.

Jetzt warte ich nur noch auf den Tag, an dem er zu bellen oder zu wiehern anfängt.
Das kommt sicher auch noch.




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Thomas Beckert / www.pixelio.de

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3 Kommentare

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 20. Juni 2013 at 07:09
    • Antworten

    Einen „gurrenden“ Kater möchte ich mal sehen und HÖREN — das wär ein Hit bei youtube !

    1. Katzen, die gurrende Geräusche machen, hatten wir auch schon. Das waren sehr gesprächige Tiere, die andauernd vor sich hinbrummelten: brrr-brr-brrt. Nach Taube klang es bei ihnen aber nie.

  1. Das Gurren ist der Tauben Lust,
    doch es verbreitet auch viel Frust.

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