Fabelhafte Demokratur

In einem Land, dessen Namen nicht genannt werden soll, war mitten in der Savanne
ein Reservat eingerichtet worden, ein Schutzgebiet in das man schwerlich hineinkam und andererseits auch nicht unbedingt heraus.

In diesem Schutzgebiet lebten unzählige Tierarten und weil es eben ein Schutzgebiet war, hatte man sich strenge Regeln gegeben, die unter den Tieren höchst umstritten waren, aber durch eine Meute von Wildhunden, dem Rat der Wächter streng überwacht wurden.

Dem allen stand der Herrscher aller Gedanken, der König Löwe vor, der seine Macht daraus bezog, daß er den Willen des Reservatsgründers kenne und einen regen Gedankenaustausch mit ihm pflege. Keine Silbe darüber, daß der Gründer des Reservates schon längst verstorben war und sein Wille somit ausschließlich Spekulation darstellte.

Der uneingeschränkte Herrscher, der Löwe aber tat nach außen so als wolle er alle Macht den Bewohnern überlassen, indem diese ihre Regierung und deren Vorsitzenden selbst bestimmen könnten. Die Amtszeit dieses Regierungsoberhauptes aber war beschränkt (auch Löwen fürchten um ihre Macht) und so war es an der Zeit, daß man einen neuen Regierungschef wählen sollte.

Der Löwe hatte natürlich alle Fäden in der Hand behalten und verbot z.B. einem Büffel oder Elefanten – überaus friedfertige Vertreter ihrer Art – sich zur Wahl zu stellen. Seine Kandidaten waren ausschließlich in den Reihen der Raubtiere zu suchen, wie auch der immer kläffende Dingo es zuvor war. Also bewarben sich: das Krokodil, eines in der Nähe liegenden Sees(sehr regional bekannt), ein Leopard, der für seine tödlich radikalen Jagden bekannt war, eine Hyäne, ein undurchsichtiges Miststück mit fürchterlichem Gebiß und ein scheinbar schmusiger und harmloser Gepard, der sich im Laufe seines Lebens nicht geschämt hatte, seinen eigenen Sohn dem Rat der Wächter auszuliefern und hinrichten ließ!

Der Tag der Abstimmung kam und weil die Tiere hier nur zwischen Luzifer und Beelzebub und Mephisto zu wählen hatten, gingen sie zahlreich zur Wahl, um ihre Pfoten und Hufabdrücke für das vermeintlich kleinste Übel, dem Geparden abzugeben.

Das Ganze wurde von außerhalb des Reservates mit großem Mißtrauen betrachtet. Besonders ein Weißkopfadler, der das ganze von oben her betrachtete, regte sich über unfaire Wahlen auf, weil nur Raubzeug zur Wahl stand, gleichwohl er selbst doch eigentlich auch dazu gehört.

Egal, es siegte mit großer Mehrheit der Gepard, von dem alle glaubten, er würde ihnen mehr Freiheiten lassen. Hatten sie übersehen, daß auch dieser neue Chef ein geflecktes Fell trug?

Zugegeben, das ganze ist nur eine Fabel und spielt in einer fernen Welt … oder vielleicht doch nicht? Wer weiß das schon!




Autor: Hans Witteborg

Hans.Witteborg@gmx.de
http://witteborghans.blogspot.com/


Fotograf/Künstler: © anschi / www.pixelio.de

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1 Kommentar

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 19. Juni 2013 at 06:45
    • Antworten

    Deine Fabel ist wie immer „fabelhaft“, Hans! Die Gemeinsamkeiten mit „lebenden Personen“ sind alles andere als zufällig….!

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