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Biss zum Morgengrauen

Vampire, Werwölfe und anderweitig lichtscheues Gesindel treibt vorzugsweise nächtens sein übelgesinntes Handwerk, derweil sich der rechtschaffene Teil der Weltbevölkerung zu dieser Zeit normalerweise dem süssen Schlaf hingibt. Und solcherart umtriebiger Nachtmaare beisst dann auch in alles rein, deren sie habhaft werden können.Doch wer will denn schon von so einem Unhold gebissen werden? Wer? Ich jedenfalls nicht!

*****

Tage gibt es, die können einen so richtig schaffen. Mir geht es da auch nicht anders als anderen. Jedenfalls bin ich nach solcherart gestalteten Tagen durchaus auf ein bisschen Ruhe aus. In der Glotze laufen nur die sattsam bekannten Schlafmittel. Nun ja, etwas Literatur könnte nicht schaden, daher wird mal das Bücherregal durchstöbert um etwas leichte Lektüre zu konsumieren. Was man sich halt so für den Abend vornimmt. Oder vornehmen wollte. Denn halt! Die Fellnasen fordern ihr Recht, will heissen, ausgiebige Spielzeit. Mit allem was ich in meinem bescheidenen Haushalt an fellnäsigem Spielzeug so in pretto habe.

An erster Stelle steht, natürlich, der Laserpointer. Besonders Edward ist nicht zu bändigen und bekommt nicht genug davon, dem roten Punkt nachzusprinten. Lesen ist jedenfalls nicht mehr.

Doch nun ist es spät geworden und ich freue mich schon auf ein kuscheliges Bett. Ah… endlich Ruhe. Miezka kommt an und findet nach einigem hin und her ihren Platz neben mir. Edward ist irgendwo. So entgleite ich sanft in das Reich der Träume, bis ich mitten in der Nacht von Miezka geweckt werde. Aha, Spielzeit!

Es ist 2 Uhr 20, also Miezka’s Zeit. Nun denn, es ist jede Nacht so, Miezka will zehn Minuten spielen, dann ist wieder Ruhe. Wir haben uns sozusagen arrangiert. Edward liegt derweil auf der Couch und blinzelt nur ein wenig. Er ist jetzt 6 Wochen bei mir und hat sich prächtig gemacht. Also kann ich beruhigt der Morgendämmerung entgegenschlummern. Und der Schlaf ist wirklich erholsam. Der Wecker ist auf sieben Uhr gestellt, also bis dahin süsse Träume.

Doch irgend etwas stimmt an diesen Träumen nicht. Man kennt das, so eine Zwischenwelt zwischen Traum und wachsein. Gefühlsmässig jedenfalls sehr intensiv. Vor allem an der Nase. Irgend etwas ist da. Etwas Unangenehmes. Es zwickt. Es zwickt in meine Nase. Das kann auf keinen Fall die Zwischenwelt sein, dazu ist es zu real. Es zwickt heftig! Aua!!!

Mit dem Gefühl einer schrillen Alarmsirene mitten in meinem Kopf werde ich schlagartig wach. In der Dunkelheit kann ich nur die Digitalanzeige des Weckers erkennen. 4 Uhr! Ausser dieser wenig informativen Erkenntnis ist nichts zu eruieren, was mich eventuell beunruhigen könnte.

Bevor ich sonst was sinnvolles und der Situation angemessenes unternehmen kann, bohrt sich wieder etwas spitziges in meine Nasenspitze. Ist Krieg ausgebrochen und ich habe nichts davon mitbekommen? Jedenfalls taste ich mich liegernderweise zum Lichtschalter.

Die Umrisse des Zimmers nehmen vor meinen verschlafenen Augen langsam Konturen an.
Und neben meinem Gesicht sitzt auf dem Bett Edward und schickt sich an, mir abermals in die Nase zu beissen. Morgens um 4 Uhr.

Das ist in etwa so amüsant wie, sagen wir mal, ein kräftiger Tritt gegen das Schienbein. Warum macht er das? Hab ich ihn beleidigt? Will er sich für irgend etwas rächen? Sieht nicht so aus, denn als er merkt, dass ich wach bin, stellt er seine Spitzzahnattacken ein.

Jetzt fängt das schwarze Fellknäul an, herzerweichend zu miauen!
Katerchen, was ist los?
Der antwortet jedoch nicht, sondern springt vom Bett in Richtung Futternapf. Doch der erwähnte Futternapf ist leer. Naja, Futter bekommen die Teppichtorpedos ja, aber doch nicht zu dieser unheiligen Zeit. Was geht eigentlich in dem Katerhirn oder besser dem Katermagen vor? Anständiges Volk schläft um diese Zeit, anstatt sich den Wanst vollzuhauen.

Wie dem auch sei, da ich nun mal im Zustand des Nichtschlafens bin, wird der Futternapf eben gefüllt. Miezka ist auch aufgewacht, doch sie scheint nicht vom heiligen Kohldampfus zu einer Fressorgie bekehrt zu sein. Kurz schnüffelt sie am Napf, nimmt dezent zwei, drei Brocken zu sich und springt wieder auf’s Bett. Der schwarze Edward frisst sich voll. Es kann auch sein, dass Miezka ihm am Abend alles weggefressen hat und er deshalb zu nachtschlafender Zeit von Bauchgrimmung impossantum kollosae geplagt wird. Jedenfalls ist anschliessend Ruhe.

Drei Stunden kann ich noch schlafen, aber es ist kein richtiger Schlaf mehr. Der kommende Tag verläuft entsprechend, ebenso der Abend und die Nacht. Das Katzenvolk fordert sein Recht, was es auch bekommt. Bis 4 Uhr.

Ding-dong – Nasenbiss!!!!!!! Das glaub ich jetzt nicht. Doch glauben kann man in der Kirche, der Kater hat Hunger und intelligent wie er ist, eine Methode gefunden, die selbst den augefeiltesten Hightech-Wecker aussehen lässt wie ein Neujahrskracher gegen eine Nuklearexplosion. Hoffentlich wird das nicht zur Gewohnheit.

Ich hasse Nuklearexplosionen, besonders, wenn sie morgens um 4 Uhr stattfinden. Doch der sonst sehr liebenswerte Edward besteht auf der Weiterführung dieser doch sehr einseitig eingeführten Tradition. Bis heute besteht er darauf, nichts zu machen. Ich muss mich damit arrangieren, sonst kommt er womöglich noch auf die Idee, mir nächtens wie weiland Graf Dracula das Blut auszusaugen. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber ein paar Kreuze um das Bett aufstellen und Knoblauch darauf verteilen.




Autor: Mike

champicnac@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Radka Schöne / www.pixelio.de

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5 Kommentare

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  1. Margrit Baumgärtner

    Und ich dachte, schlaflose Nächte gibt es nur mit Babys…..vielleicht sollte hier einmal ein
    „Katzenflüsterer“ zu Rate gezogen werden..?! Für den Leser ist es jedenfalls eine sehr amüsante Geschichte, toll geschrieben!

  2. Edith Nebel

    Und wenn man den rabiaten Nasenbeißer aus dem Schlafzimmer aussperrt? Hm … dann randaliert er womöglich draußen so lange weiter, bis nicht nur Mike wach ist, sondern auch noch die Nachbarn.

    Gibt’s keine Futterautomaten mit Zeitschaltuhr?

  3. Edith Nebel

    Ein Fall für Birga Dexels „Katzenjammer“? Ein paarmal hab ich die Sendung auf VOX gesehen. Sie macht im Prinzip das gleiche wie Martin Rütter, nur eben für/mit Katzen statt Hunden.

    Vielleicht vertut sich das Nasenbeißen ja mit der Zeit von selbst. Einer unserer Katern hat ja monatelang nächtens Telefon und Fax malträtiert. Es hat immerzu gepiepst und getutet und gequasselt – wenn er es geschafft hat, den AB abzuhören. Jetzt scheint er das wieder vergessen zu haben.

  4. Gisela Kurfürst-Meins

    Das kennt wohl fast jeder Katzenbesitzer. Die Fellmonster erziehen uns zu ihren Sklaven. Aber man liebt sie trotzdem. Schöne Geschichte.

  5. Mike

    Naja, das Beissen hat sich nach einigen Tagen geändert und er zwickt nur noch ganz vorsichtig in meine Nase, da er gelernt hat, dass ich beim geringsten Anzeichen von Nasenzwicken aufstehe und den Futternapf fülle. Erst wenn ich mal richtig groggy und total müde nicht gleich aufstehe, wird er massiver. Das hat sich bis heute nicht geändert. Aber am Anfang hat er richtig gebissen.

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